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Heinz-Hermann Krüger, Aline Deinert u.a.: Jugendliche und ihre Peers

Cover Heinz-Hermann Krüger, Aline Deinert, Maren Zschach: Jugendliche und ihre Peers. Freundschaftsbeziehungen und Bildungsbiografien in einer Längsschnittperspektive. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2012. 292 Seiten. ISBN 978-3-86649-460-2. 29,90 EUR.
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Thema

Welche Rolle spielen Peers im Leben von Jugendlichen? Welchen Einfluss haben Freunde und Freundinnen auf schulische Bildungskarrieren? Diese und ähnliche Fragen beschäftigen die Jugendforschung seit Jahrzehnten. Doch die Verbindung der Kindheits-, Jugend- und Schulforschung und ihrer je eigenen Forschungsperspektiven im Bezug auf diese Fragestellungen ist eher selten. Der vorliegende Band präsentiert Ergebnisse einer qualitativen Längsschnittstudie, die den sich wandelnden Stellenwert von schulischen und außerschulischen Freundschaftsgruppen für die Bildungsbiografien von Jugendlichen vom Eintritt bis zum Ausgang der Sekundarstufe I in den Blick genommen und dabei die verschiedenen Forschungsperspektiven integriert hat. Gegenstand war der Wandel des Stellenwertes von schulischen und außerschulischen Peerbeziehungen und -orientierungen für schulische Bildungsbiografien auch unter Berücksichtigung milieuspezifischer Teilhabechancen junger Menschen zwischen 11 bis 15 Jahren.

Autor und Autorinnen

Dr. Heinz-Hermann Krüger (Professor ihr Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Martin-Luther- Universität Halle-Wittenberg) und die Dipl.-Pädagoginnen Aline Deinert und Maren Zschach (beide wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Projekt „Peergroups und schulische Selektion“ an der Universität Halle-Wittenberg) bilden den Autorenkern, der den Band herausgebracht hat; zum erweiterten Autorinnenkollektiv gehören Ulrike Deppe (Dipl.-Pädagogin und wiss. Mitarbeiterin der DFG-Forschergruppe „Mechanismen der Elitebildung im deutschen Bildungssystem“ am Zentrum für Schul- und Bildungsforschung an der Universität Halle-Wittenberg), Dr. Cathleen Grunert (Privatdozentin und Leiterin des Arbeitsbereichs erziehungswissenschaftliche Forschungsmethoden der Universität Halle-Wittenberg), Dr. Sina-Mareen Köhler (wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Leibniz-Universität Hannover), Dr. Nicolle Pfaff (Juniorprofessur an der Universität Göttingen) und die Dipl.-Pädagogin Christiane Zitzke sowie die studentischen Mitarbeiterinnen Annetta Kessel, Jasmin Lüdemann, Kristin Scholz und Sabrina Schröder.

Aufbau und Inhalt

Der Band präsentiert zentrale Ergebnisse einer qualitativen Längsschnittstudie vorgestellt, die (von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert) zwischen Juni 2005 und Oktober 2011 am Zentrum für Schul- und Bildungsforschung (ZSB) der Universität Halle-Wittenberg durchgeführt wurde. Auf Grundlage eines dreiphasigen und längsschnittlich konzipierten Untersuchungsdesigns führte das Forscherinnen-Team insbesondere qualitative Interviews, Gruppendiskussionen sowie ethnografische Feldstudien mit ausgewählten Schülerinnen und Schülern und ihren Peergroups aus der fünften, siebten und abschließend der neunten Jahrgangsstufe an fünf Schulen in Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen durch. Den qualitativen Kern bilden die (zum Teil umfassender dokumentierten) Äußerungen von 32 Schülerinnen und Schülern, die in allen drei Erhebungswellen an den Interviews teilgenommen haben, sowie von zehn Jugendlichen, die darüber hinaus mit ihren Freunden an den Gruppendiskussionen sowie in der ethnografischen und videografischen Feldphase mitgewirkt haben.

Nach einer einführenden Darlegung des theoretischen Rahmens und Ausführungen zum Forschungsrahmens (Heinz-Hermann Krüger, Aline Deinert, Maren Zschach und Cathleen Grunert: „Die Bedeutung der Peers ihr die jugendliche Bildungsbiografie“ [S. 11-31]) basieren vier Beiträge auf einer längsschnittlichen Auswertungsperspektive:

  • Heinz-Hermann Krüger, Aline Deinert und Maren Zschach stellen zunächst angemessen kurz den aktuellen Forschungsstand zu den Mikroprozessen sozialer Ungleichheit im Überschneidungsbereich von Schule und Peerkultur vor (S. 33-63).
  • Am Beispiel zweier Fallporträts diskutieren Jasmin Lüdemann, Kristin Scholz und Sabrina Schröder („Ausgeprägte Bildungsorientierungen in unterschiedlichen soziokulturellen Kontexten – Ein Fallvergleich“) einige Ergebnisse der vorliegenden Längsschnittuntersuchung über den gesamten Erhebungszeitraum (S. 65-110).
  • Der Wandel von Freundschaftsbeziehungen 11- bis 15jähriger und der Relevanz der Freizeitaktivitäten für sie (und damit der Zusammenhang der Entwicklung von Peer- und Freundschaftsbeziehungen und Freizeitaktivitäten) steht im Mittelpunkt des Beitrages von Sina-Mareen Köhler (S. 111-133).
  • Aline Deinert untersucht schließlich die „Relevanz von Schule in Peerbeziehungen im Verlauf der Sekundarstufe 1“ (S. 135 – 157).

Die hieran anschließenden fünf Beiträge rekurrieren auf Datenmaterial aus der ersten, der zweiten oder vor allem aus der dritten Untersuchungsphase und werden zum Teil durch weiteres (in akademischen Qualifikationsarbeiten erhobenes) qualitatives Materialergänzt:

  • Im Fokus des Beitrages von Christiane Zitzke stehen die (im fallkonstrastiven Vergleich diskutierten) Biografieverläufe zweier türkischer Schülerinnen der „dritten Migrantengeneration“ (S. 159 – 181), analysiert werden die Bedingungen und Faktoren, die ihren Bildungserfolg ermöglichen.
  • Nicolle Pfaff („Begabung vs. Engagement – Bildungsbezogene Orientierungen von Lernenden in zwei Schulsystemen am Übergang von der Kindheit in die Jugend“) bezieht neben Daten aus der ersten und zweiten Untersuchungswelle in brasilianischen Schulen erhobene Daten ein und untersucht auf dieser Basis unter einer kulturvergleichenden Perspektive die Herausbringung von Erklärungsmustern, die Schülerinnen und Schüler anwenden, um sich die Ungleichheiten ihrer Bildungsbeteiligung zu erklären (S. 183 – 202).
  • Die Freizeitorientierungen jüngerer Sekundarschülerinnen und -schüler und deren Eltern in Abhängigkeit von der sozialen Herkunft (und damit die Reproduktion von Bildungsungleichheit) nimmt Ulrike Deppe in den Blick (S. 205 – 220).
  • Die beiden letzten Beiträge greifen mit den sexuellen Orientierungen von 15jährigen Mädchen (Annetta Kessel: „Sexualität und Partnerschaft bei adoleszenten Mädchen“ [S. 221 – 241]) und der Relevanz von Alkoholkonsum in jugendlichen Peergroups (Cathleen Grunert: „Alkoholerfahrungen und deren Bedeutungszuschreibungen in jugendlichen Peerkontexten“ [S. 243 – 266]) durchaus aktuelle Themen auf.

Zielgruppe

In erster Linie dürfte der Band an Erziehungswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler adressiert sein, und nur in zweiter Linie werden Akteure der beruflichen Praxis – insbesondere der Sozialen Arbeit und hier vor allem der Schulsozialarbeit – die Befunde zur Gestaltung ihrer Konzepte und Handlungsvollzüge zu nutzen wissen.

Diskussion

Als wichtiger Ergebnistrend dürfte für die weitere Diskussion bedeutungsvoll sein, dass (bei aller auch hier konstatierten generellen Bedeutungszunahme der Peers) in den Daten – jedenfalls partiell – über den gesamten Untersuchungszeitraum eine „grundlegende Bedeutungsverschiebung der Peers für die schulische Bildungslaufbahn konstatierbar“ ist, die als Instrumentalisierung der Peers für den eigenen Bildungserfolg gelesen werden kann. So ist als „spannendes Ergebnis“ der „Tatbestand zu sehen, dass keiner der untersuchten Fälle länger als vier Jahre in einer außerunterrichtlichen oder außerschulischen Freundschaftsgruppe verweilte, deren kollektive schulische Orientierungen nicht mit seinen individuellen Bildungsorientierungen übereinstimmte“ (S. 61). Daraus lasse sich „die Schlussfolgerung ableiten, dass Lernende auf die Dauer nicht in Peergroups bleiben, deren schulische Orientierungen mit den eigenen schulischen Bildungsambitionen konfligieren“ (S. 62). Gesprochen werden kann von „Wandlungen bei der Verhandlung und der Bedeutung des Schulleistungsthemas im Peerzusammenhang als Prozess des Austarierens“ (S. 157). Die Bedeutung von Freundschaften aus anderen Freizeitkontexten (erwähnt werden Vereinssport oder der Musikschulaktivitäten) nimmt dabei als wichtiger Peertreffpunkt im Verlauf der Sekundarstufe 1 ab (S. 154f).

Zugleich nimmt (sozusagen unter dem Diktum der gleichen Orientierung auf vergleichbaren Bildungserfolg) die „Bedeutung der Peers als Parallelwelt zur Welt schulischer Leistung“ bei den untersuchten Schülerinnen und Schülern im Sinne eines „Kompensationsraumes für schulische Belastungen“ deutlich zu. Damit korrespondiert, „dass spätestens ab der neunten Jahrgangsstufe bei den von uns untersuchten Haupt- und Sekundarschülerinnen und -schülern und deren Gruppen keine schulentfremdeten Haltungen mehr konstatierbar sind, sondern alle an der Vorstellung von Bildung als Notwendigkeit, am Streben nach einem ordentlichen Schulabschluss als Vorrausetzung für den Berufsübergang festhalten“ (S. 62). Das heißt: „Der oder die einzelne Schüler/in muss im Verlauf seiner/ihrer Schullaufbahn zwischen dem vorab strukturierten Vergleichs- und Wettbewerbssystem der Schule, in dem jede/r bestehen will bzw. muss und der Aufrechterhaltung von Peerbeziehungen, die sich (noch) hauptsächlich mit dem schulischen Alltag konfrontiert sehen, vermitteln“ (S. 157).

Auch werden uneinheitliche Befunde sichtbar: So bilanziert Aline Deinert beispielsweise auch, dass „die Ergebnisse der zweiten Phase auf weniger Solidarität gegenüber Leistungsschwächeren und eine stärkere Distinktion und Konkurrenz innerhalb der Peergroups“ hinweisen, während die Ergebnisse der dritten Erhebungswelle „wiederum stärker auf die generelle Ausblendung des Schulalltags oder der schulischen Anforderungen im Peerkontext“ verweisen. Und: „Im Vergleich zur fünften und teilweise auch siebten Klasse sind die gemeinsamen Aktivitäten im schulischen Rahmen, wie beispielsweise in den Pausen, bei den 15-Jährigen weniger ausgeprägt und nehmen für die Gruppenkonstitution inzwischen kaum mehr einen Stellenwert ein. Wichtige Aktivitäten sind nun einerseits medial bestimmt und entspannungsorientiert oder finden außerhalb der Schulzeit, im Rahmen abendlicher Treffen, wie beispielsweise auf Partys statt. Da der schulische Alltag für diese Peeraktivitäten keine Entfaltungsräume bietet, könnte sich der abnehmende Stellenwert der Schule für die Praxen der Peers auch durch die sich wandelnden Interessen und Aktivitäten erklären lassen“ (S. 154). Solche Befunde lassen die Dynamik des Feldes und die Schwierigkeiten im empirischen Nachspüren und Nachzeichnen der Entwicklungen aufscheinen.

Fazit

Bilanzierend lässt sich dreierlei sagen:

  1. Es handelt sich um – in der Summe wie im Detail – in der längsschnittlichen Perspektive aufschlussreich aufgeschlossene Daten und interessante Befunde, die in der vorliegenden Veröffentlichung vorgestellt werden.
  2. Sie könnten zur Relativierung verbreiteter Annahmen beitragen (das in anderen Studien berichtete und beschriebene Risiko von Peerkulturen, z. B. im Gebrauch legaler Drogen, die schulische Bildungskarrieren auf Dauer gefährden könnten, sehen Krüger und seine Mitautorinnen so nicht, und auch das in pädagogischer Literatur diskutierte „Muster der Peers als explizite Lernhelfer“ finden sie in ihren Daten nicht bestätigt). Dazu ist es wohl erforderlich, wenn die empirische Basis in vertiefender und verbreitender Perspektive erweitert würde. So ist die begrenzte Reichweite der Interpretationen zum Teil doch nicht zu übersehen, wie z. B. Nicolle Pfaff einräumt: „Diese exemplarischen Analysen müssten zukünftig einerseits durch weitere fallrekonstruktive Forschungen ev. auf der Basis umfassenderer Längsschnittdesigns untermauert bzw. ausdifferenziert werden“ (S. 203). Die Aufforderung zu weiterer Forschung ist damit angemessen.
  3. Im Blick auf die zu diskutierende Anwendungsorientierung könnten die Hinweise auf eine Instrumentalisierung für die Schulsozialarbeit durchaus beachtlich sein; doch die Anwendbarkeit der Studie in den Handlungsvollzügen Sozialer Arbeit, insbesondere dort, bleibt offen. Dazu sind das breit dargestellte Material, die unbestritten materialreiche Analyse und die dichten Beschreibungen noch zu unzugänglich.

Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 31.10.2013 zu: Heinz-Hermann Krüger, Aline Deinert, Maren Zschach: Jugendliche und ihre Peers. Freundschaftsbeziehungen und Bildungsbiografien in einer Längsschnittperspektive. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2012. ISBN 978-3-86649-460-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13002.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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