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Peter Becker, Jochem Schirp u.a. (Hrsg.): Abenteuer, Natur und frühe Bildung

Rezensiert von Prof. Dr. Werner Michl, 22.11.2013

Cover Peter Becker, Jochem Schirp u.a. (Hrsg.): Abenteuer, Natur und frühe Bildung ISBN 978-3-86649-469-5

Peter Becker, Jochem Schirp, Martin Vollmar (Hrsg.): Abenteuer, Natur und frühe Bildung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2013. 350 Seiten. ISBN 978-3-86649-469-5. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 53,90 sFr.
bsj Jahrbuch 2011/12
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Kindheit, Abenteuer, Natur, Erziehung

Nach „Dangerous Book for Boys“ (Iggulden & Iggulden), „Last Child in the Woods“ (Louv) oder „Kinder raus“ (Roeper) und vielen weiteren Publikationen widmet sich nun auch bsj Marburg im Rahmen des Jahrbuchs 2012/13 einem sehr aktuellen Thema: Kindheit, Abenteuer, Natur, Erziehung. Herausgeberbücher haben einige Nachteile – z. B. unterschiedliche Schreibstile, Denk- und Vorgehensweisen – aber auch viele Vorteile. Im Idealfall entsteht ein buntes Potpourri mit Vertiefungen, neuen Perspektiven, Provokationen, was aber nicht alles gelesen werden muss. Man kann Beiträge auslassen, wenn sie zunächst nicht interessieren, und dort zu lesen beginnen, wo es besonders spannend klingt. Zu dieser Kategorie darf man dieses Buch getrost zählen. Auch im Rahmen dieser Rezension konzentrieren wir uns auf einige ausgewählte Beiträge.

Aufbau

Das Buch ist in zwei Teile geteilt.

Zuerst geht es um theoretische und historische Perspektiven, dann um deutsche und internationale Praxisperspektiven. Drei Beiträge im zweiten Teil sind in englischer Sprache verfasst.

In der Einleitung stellen die Herausgeber fest, dass es um die „qualitative Seite früher Bildung“ (S. 7) geht. Dabei spielt die „Handlungsfigur des Abenteuers“ eine herausragende Rolle. „Abenteuer – ein Weg zur Jugend?“ lautete der Titel zahlreicher Kongresse des bsj Marburg. Mit dieser Publikation soll nicht das Jugendalter, sondern die Kindheit mit Abenteuer und Natur in Praxis und Theorie verbunden werden.

Theoretische Annäherungen

Der erste Beitrag „Vertrautheit und Abenteuer. Zur atmosphärischen Bedeutung von Naturerfahrung.“ von Ulrich Gebhard ist eine wirkliche Grundlegung dieses Buches. Mit „atmosphärisch“ meint der Autor die zufälligen Wirkungen von Natur, die er für wirksamer hält als geplante Lernprozesse. Man mag dieser These zunächst zustimmen, doch beim zweiten Nachdenken kommt man ins Zweifeln, denn Beides, das Zufällige und das Beabsichtigte, kann auch gleichberechtigt nebeneinander stehen. Vielmehr geht es um das rechte Maß. Natürlich hat Gebhard Recht mit der Aussage, dass besondere Erlebnisse in der Natur nicht beliebig herstellbar sind. Aber die Rahmenbedingungen müssen heutzutage oft von Erwachsenen erst geschaffen werden. Und warum sollten Pädagogen nicht auf Fragen der Kinder antworten, sie für Flora und Fauna interessieren, sie vor Gefahren warnen? Eine zweite These ähnelt jener von Richard Louv, der zunehmend ein Naturdefizitsyndrom feststellt. Gebhard dringt mit seiner These in tiefere Schichten vor, auch indem er sich auf die leider vergessene Psychoanalyse und ihren Schöpfer Sigmund Freud beruft. Neben Bezugspersonen könne man, so Gebhard, auch „Bezugsorten“ sprechen. Und so wie wir als Kleinkind über die Mutterbeziehung ein Urvertrauen zu den Mitmenschen aufbauen, darf man auch annehmen, dass es ein Urvertrauen zu Dingen, zur Natur, aufzubauen gilt. Diese erste Buchbeitrag ist ein fulminanter Einstieg: geistreich, inspirierend, provozierend.

Svantje Schumann greift in ihrem anregenden Beitrag am Beispiel der „Science Center“ die Grenzen und Möglichkeiten von Naturerfahrungen aus zweiter Hand auf. Die Perfektion dieser Idee gelingt zunehmend im 21. Jahrhundert, die Ursprünge reichen weit zurück. Anfang des 18. Jahrhunderts wurde z. B. von August Hermann Francke eine Kuriositätensammlung aus aller Welt zu Unterrichtszwecken angelegt, eine barocke Wunderkammer mit Naturalien, Kuriositäten und volkskundlichen Objekten. Es wäre sicherlich falsch, diese Erlebnisse aus zweiter Hand vorschnell abzuqualifizieren („Freudenhaus der Wissenschaft“, so GEO). Die „Erfahrungswelt der Sinne“ von Hugo Kükelhaus erfreut jährlich im Nürnberger Sommer tausende von Besuchern, und der Physikdidaktiker Martin Wagenschein ist trotz der Hochkonjunktur der MINT-Fächer noch bzw. wieder zu entdecken. Doch auch hier geht es um das rechte Maß. Natürliche Phänomene ,selektiv und didaktisch aufbereitet, können Naturerlebnisse ergänzen, aber nicht ersetzen. Die Qualität der ersten Vogelstimmen bei einem frühmorgendlichen Spaziergang ist nicht vergleichbar mit den abspielbaren Vogelstimmen im Münchner „Haus der Natur“. In der Tat lernen dort Kinder und Jugendliche interaktiv, mit viel Spaß, mit Wettkampf, und doch bleibt es Erfahrung aus zweiter Hand.

Man muss den Autoren Trix Cacchione und Sebastian Tempelmann in Ihrer Kritik, oder besser Ergänzung, von Piagets Theorie Recht geben. Die aktuelle Erforschung der pränatalen Phase hat erstaunliche Fähigkeiten des Säuglings ergeben. Dieses Ausmaß an Fähigkeiten konnte Piaget weder wissen noch ahnen. Ob dies allerdings nativistische Theorien stützt, darüber kann man immer noch trefflich diskutieren. Nach wie vor werden eine anregende Umgebung und Handlungsmöglichkeiten die Entwicklung des Säuglings und dessen intuitive Erkenntnis von physikalischen Phänomenen fördern, so wie wir es von der Säuglingspflege von schriftlosen Kulturen kennen, wie z. B. den San (Buschleuten der Kalahari).

Gerold Scholz hat sich mit „Über wilde Kinder“ ein spannendes Thema ausgesucht. Sofort denkt man an Kaspar Hauser oder Truffauts „Der Wolfsjunge“, an wahre Geschichten und Mythen. Sicherlich steckt eine Portion von Projektionen in diesem Topos, vom edlen Wilden bis zum wilden Wilden, von der Bezähmung der Wildheit bis zur Erziehung durch die Natur. Nach einer Analyse der Kindheit in ausgewählten Stammesgesellschaften – die Ethnologie, vor allem die englische Social Anthropolgy hätte dazu noch reichhaltigen Stoff zu bieten – schlägt der Autor eine Brücke zur Gegenwart. Als Fazit darf man seine Bemerkung ansehen, dass „ die Zeiten der Dressur der Kinder weitgehend vorbei zu sein scheinen.“ (S. 109) Dem kann man ohne Einwände zustimmen, wenngleich die Macht der Medien zunehmend zu künstlichen Welten und Fluchtpunkten führt und eine andere Dressur bedeutet.

Spätestens nach Heinz Stübigs Abhandlung merkt man, dass hier ein anregendes, buntes Potpourri an Themen vorliegt, das sich nicht immer durch innere Zusammenhänge auszeichnet. Aber auch Stübigs Ausführungen zu Fröbel sind erhellend. Der Förster, Naturwissenschaftler und Pestalozzi-Schüler hat mit seinem „Kindergarten“, der „Freiarbeit“, seinen „Mütter- und Koseliedern“ und seiner Spieltheorie die vorschulische Pädagogik nachhaltig geprägt. Erstaunlich, dass in der deutschen Sprache das Wort Kindergarten, das es in 47 Sprachen der Welt gibt, allmählich von der „Kindertagesstätte“ verdrängt wird. Zudem rümpft man auch zunehmend bei der Berufsbezeichnung „Kindergärtnerin“ die Nase. Fröbel hat darüber hinaus auch großen Wert auf die Gartenarbeit gelegt. So hatten die Kinder eigene rechteckige Gärten, außerhalb des Rechtecks waren die Gärten der Erwachsenen. Natürlich hat der Förster und Pädagoge Fröbel die gezähmte Natur als Lehrmeister eingesetzt, trotzdem könnten Kindertagesstätten Fröbel etwas ernster nehmen und seine damals bahnbrechenden, aber teilweise vergessenen, Ideen in die Jetztzeit übersetzen.

Im längsten Beitrag des Bandes setzt sich Peter Becker mit früher Bildung, Ökonomisierung und dem Druck der pädagogischen Kompetenzwende auseinander: hochwissenschaftlich (der umfangreiche Text der Fußnoten dominiert so manche Seiten), erfreulich angereichert durch kunst und kulturhistorische Fakten und spannend und erhellend in den historischen Exkursionen.

Praxisbeispiele

Nach dem Beitrag von Andreas Franzmann zu „Bildungsdynamik und Neugierde“ geht es zum zweiten, praktischen Teil, der mit drei englischsprachigen Beiträgen aus Skandinavien und Großbritannien eröffnet wird. Dann wird das Freilandlabor FLEX (M. Gröger et al.) dargestellt, das von der Physikdidaktik Martin Wagenscheins inspiriert wurde. „Urban Gardening“ ist das neue Kultwort. Die Natur im städtischen Sozialraum wird wiederentdeckt und pädagogisch genutzt. Diesen Ansatz stellt Dorothee Griehl-Elhozayel dar. Jochem Schirp und Martin Vollmar beschreiben das „Zentrum für frühe Bildung“ (ZFB), das 2009 in Marburg begründet wurde. Das Jahrbuch endet mit einem Beitrag über ein Floß für Kinder, einem schwimmenden Lernort an der Lahn.

Fazit

Insgesamt liegt ein Herausgeberband vor, der für alle Geschmäcker und Interessen reichlich Kost bietet. Die Bandbreite der Beiträge ist so groß, dass der rote Faden nicht immer ersichtlich ist. Das einigende Band ist Bildung und Erziehung in der frühen Kindheit, immer gewürzt mit den Ingredienzen Abenteuer; Wagnis; Natur, handlungs- und erlebnisorientiertes Lernen.

Rezension von
Prof. Dr. Werner Michl
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Es gibt 37 Rezensionen von Werner Michl.

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Zitiervorschlag
Werner Michl. Rezension vom 22.11.2013 zu: Peter Becker, Jochem Schirp, Martin Vollmar (Hrsg.): Abenteuer, Natur und frühe Bildung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2013. ISBN 978-3-86649-469-5. bsj Jahrbuch 2011/12. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13006.php, Datum des Zugriffs 17.08.2022.


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