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Irene Pimminger: Was bedeutet Geschlechtergerechtigkeit?

Cover Irene Pimminger: Was bedeutet Geschlechtergerechtigkeit? Normative Klärung und soziologische Konkretisierung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2012. 170 Seiten. ISBN 978-3-86649-482-4. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 28,90 sFr.
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Thema

In den aktuellen Diskursen um Geschlechterpolitik mit ihren praktischen Wirkungen und theoretischen Begründungen wird gern der Begriff der Geschlechtergerechtigkeit verwendet, wobei dessen Deutung, wenn überhaupt, empirisch begründet wird und damit mehrdeutig bleibt. Die Autorin unternimmt den Versuch, philosophische Gerechtigkeitstheorien und soziologische Geschlechtertheorien mit ihren jeweiligen Leerstellen und Ausblendungen nebeneinander und in den jeweiligen Kontext zu stellen. Fachfremde und PraktikerInnen, die mit dem Begriff arbeiten, sollen so einen Überblick über die zugrunde liegenden Aspekte gewinnen. Ein Ziel der Autorin ist auch, den Dialog zwischen den VertreterInnen der beiden Disziplinen Philosophie und Soziologie zu initiieren, um die sich im Diskurs um Gerechtigkeit und Geschlecht ergebenden offenen Fragen zu klären.

Aufbau und Inhalt

In der Einleitung beleuchtet Irene Pimminger, dass Soziologie sich zwar seit jeher mit der sozialen Frage von Ungleichheit beschäftigt, dieses aber höchst selten unter dem Blickwinkel von Gerechtigkeit unternimmt. Wenn das jedoch geschieht, werden philosophische Definitionen benutzt, wobei deren Herleitungen in der Regel die Dimension Geschlecht nicht berücksichtigen. Darüber hinaus werden die Ansätze der feministischen Debatte um Gleichheit, Differenz und Aufhebung erwähnt, um aus deren unterschiedlichen Herangehensweisen die Dilemmata der Deutung von Geschlechtergerechtigkeit zu beleuchten. Daraus wird die Notwendigkeit eines mehrdimensionalen Ansatzes abgeleitet, den die Autorin im Weiteren verfolgt.

Kapitel 1 befasst sich mit dem Gerechtigkeitsbegriff, indem zunächst ein Überblick über die gängigsten Gerechtigkeitstheorien seit Platon gegeben wird. Der Gerechtigkeitsbegriff ist nicht absolut zu definieren, da er insbesondere der Kritik oder Legitimation menschlichen Handelns dient und damit höchst umstritten ist. Es wird gezeigt, dass es für diesen Grundbegriff der Ethik kein einheitliches Verständnis in den unterschiedlichen philosophischen Theorien gibt. Erst als gegen Ende des letzten Jahrhunderts der Begriff der Fürsorge in den ethischen Diskurs um Gerechtigkeit eingebracht wurde, bekam darin auch die Dimension Geschlecht eine – durchaus widersprüchliche – Bedeutung. Feministische Kritik bezieht sich dabei im Wesentlichen darauf, dass in all diesen Diskursen die Ungleichheit von Frauen und Männern in unterschiedlicher Weise eher legitimiert und nicht als Gerechtigkeitsproblem betrachtet wurde. Weiterhin werden Gleichheit und Freiheit als Gerechtigkeitsproblem als normativer Rahmen für eine soziologische Konkretisierung von Geschlechtergerechtigkeit näher betrachtet. Es wird erläutert, warum die Autorin das Frasersche Konzept von Umverteilung und Anerkennung nutzt, um ihren mehrdimensionalen Ansatz zur Begriffsklärung für Geschlechtergerechtigkeit zu begründen.

Kapitel 2 erläutert den Begriff von Gerechtigkeit mit seinen normativen Prinzipien als Referenzrahmen für die soziologische Konkretisierung von Geschlechtergerechtigkeit. Dafür werden die gängigsten Gerechtigkeitstheorien beschrieben, und die in der Einleitung angerissenen Aspekte und zahlreichen Quellen ausführlicher dargelegt.

In Kapitel 3 analysiert die Autorin, wie über Geschlecht soziale Ungerechtigkeiten generiert oder legitimiert werden, um damit die gesellschaftlichen Voraussetzungen von Geschlechtergerechtigkeit ihren weiteren Überlegungen zugrunde legen zu können. Sie beleuchtet die unterschiedlichen theoretischen Debatten und Denkansätze der letzten Jahrzehnte zu dieser Frage mit ihren Widersprüchen und Schlussfolgerungen.

Vor dem Hintergrund der in den ersten Kapiteln erörterten Theorien zu Gerechtigkeit und Geschlecht werden in Kapitel 4 die strukturelle, die symbolische und die subjektbezogene Dimension von Geschlechtergerechtigkeit dargestellt. Sichtbar werden die sich aus den unterschiedlichen Theorien zu beiden Grundbegriffen ergebenden durchaus divergierenden Interpretationsmöglichkeiten, was Geschlechtergerechtigkeit bedeuten könnte. Die daraus abgeleiteten Konturen des Begriffes lassen die offenen Fragen und Ansätze für notwendige weiter führende Klärungen sichtbar werden.

Zielgruppe und Fazit

Das Buch richtet sich an Fachleute in Philosophie und Soziologie und will Fachfremden einen einführenden Überblick geben. Irene Pimminger ist sozialwissenschaftliche Forscherin und Beraterin mit den Arbeitsschwerpunkten Geschlechterforschung und Gleichstellungspolitik. Mit dem Buch zeigt sie den in diesen Feldern theoretisch und praktisch Arbeitenden die Dilemmata und offenen Fragen in der Verwendung des Begriffes Geschlechtergerechtigkeit und belegt die Notwendigkeit der kritischen, transparenten und reflektierten Auseinandersetzung damit. Sie leistet damit einen notwendigen klärenden Beitrag zur weiteren Debatte in beiden Wissenschaftsdisziplinen.


Rezension von
Elke Schilling
SeniorInnenvertretung Mitte www.SeniorInnenvertretung-Mitte.de
Homepage www.SeniorInnenvertretung-Mitte.de


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Zitiervorschlag
Elke Schilling. Rezension vom 05.09.2012 zu: Irene Pimminger: Was bedeutet Geschlechtergerechtigkeit? Normative Klärung und soziologische Konkretisierung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2012. ISBN 978-3-86649-482-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13011.php, Datum des Zugriffs 09.05.2021.


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