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Wilfried Endlicher: Einführung in die Stadtökologie

Cover Wilfried Endlicher: Einführung in die Stadtökologie. UTB (Stuttgart) 2012. 220 Seiten. ISBN 978-3-8252-3640-3. 12,99 EUR.
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Thema

Die Stadt ist ein Teil des Ökosystems. Das Urbane ist kein Gegensatz zur Natur. Als Städte sich entwickelten, griffen sie unweigerlich auf natürliche Flächen zurück; sie haben diese nicht zerstört, sondern sich angeeignet. Wo sich Städte ausdehnen, besetzen sie zwangsläufig Natur und eignen sie sich als Stadt an. Dadurch aber einen Gegensatz von Natur und Kultur, Natur und Geschichte zu konstruieren, wäre verfehlt, würde der Stadt als Lebensform nicht gerecht und reduzierte einen Kulturbegriff auf all das, was möglicherweise nicht natürlich erschiene.

Dennoch erleben wir bei der Entwicklung der Städte vor allem außerhalb Europas eine Aneignung der Natur durch die Stadt, ohne dass daraus so etwas wie eine Symbiose von Natur und Urbanität oder Natur und Stadtstruktur oder städtische Lebensdynamik und natürlichen Ressourcen und Charakteristika entstünden.

Autor

Wilfried Endlicher ist Professor und Inhaber des Lehrstuhls für Klimageographie und klimatologische Umweltforschung des Geographischen Instituts der Humboldt-Universität zu Berlin.

Entstehungshintergrund

Das Buch entstand im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Graduiertenkollegs "Stadtökologische Perspektiven einer europäischen Metropole – das Beispiel Berlin".

Aufbau

Wir haben es mit einem Studienbuch zu tun, das folgendermaßen gegliedert ist:

  1. Einführung und Grundlagen
  2. Die natürlichen Teilsysteme der Stadt: Geosphäre und Biosphäre
  3. Anthroposphäre: Das sozioökonomische Teilsystem der Stadt und seine Beziehungen zu den natürlichen Teilsystemen
  4. Aktuelle Aufgaben und künftige Herausforderungen für die Stadtökologie
  5. Serviceteil

Zu 1.

Im Kapitel Einführung und Grundlagen wird zunächst der Begriff der Stadtökologie abgeklärt. Für die Stadtökologie ist die Untersuchung von urbanen Ökosystemen und Stadtlandschaften in ihren Wechselbeziehungen zu anderen Teilsystemen der Stadt von zentraler Bedeutung. Dies wird begriffshistorisch und theoretisch erläutert. Es geht dann auch um eine Definition von Natur. Demnach ist Natur gegensätzlich zu Kultur, Städte sind als Kulturleistung kein Teil der Natur. Endlicher greift auf den Philosophen Hans Jonas zurück, wenn er dessen Differenzierung einer "wahren" Stadtnatur referiert.

Danach werden ausführlich städtebauliche Leitbilder vorgestellt wie die Stadt der Gründerzeit, die Gartenstadt, die funktionale Stadt, die gegliederte und aufgelockerte Stadt, die sozialistische Stadt, Urbanität durch Dichte und die europäische Stadt als kompakte Stadt und durchmischte Stadt.

Danach geht Endlicher auf unterschiedliche Stadttypen ein wie die mittel- und westeuropäische Stadt, die angloamerikanische Stadt, die lateinamerikanische Stadt, die orientalische Stadt und die japanische Stadt.

In Anschluss daran stellt der Autor Methoden der Stadtökologie vor, Methoden der empirischen Sozialforschung, Methoden der Geographie.

Zu 2.

Im zweiten Kapitel geht es um die natürlichen Teilsysteme der Stadt: Geo- und Biosphäre. In diesem Kapitel geht es um das Stadtklima und die Luftqualität, um nächtliche Luftverschmutzung, um Gewässersysteme und um die Pflanzen- und Tierwelt in der Stadt. Dabei werden die einzelnen Punkte ausführlich beschrieben und mit Beispielen unterlegt, wobei vor allem auch das Zusammenwirken der einzelnen Faktoren von Bedeutung zu sein scheint.

Zu 3.

Um das sozioökonomische Teilsystem der Stadt geht es im dritten Kapitel dieses Buches. Unabhängig davon, ob in der Geschichte der Stadt jeweils nach der idealen Stadt gesucht wurde – hier wird der Versuch einer ökologisch idealen Stadt gemacht.

Demnach ist die Stadt ökologisch ideal,

  • wenn sie die physische und psychische Gesundheit des Menschen nicht schädigt, sondern möglichst fördert,
  • wenn ihr Umland nicht belastet und zerstört wird und
  • wenn die Entwicklung von Natur auch an typischen Stadtstandorten möglich ist.

Daraus lassen sich Planungsprinzipien ableiten wie die Reduzierung von Energieeinsatz, Vermeidung von Stoffflüssen, Schutz aller Lebensmedien,

Erhaltung und Förderung von Natur und die kleinräumige Strukturierung und Differenzierung. Damit verbunden ist auch die Diskussion um die nachhaltige Stadt. In einer Tabelle werden Leitlinien für die Planung einer ökologisch idealen Stadt formuliert; Planungsprinzipien, konkrete Maßnahmen, Dimensionen und Indikatoren werden übersichtlich jeweils dargestellt. Aber auch der Stellenwert der Partizipation im Rahmen von Governance-Strategien wird erörtert. Daran schließt sich eine Erörterung der ökologisch relevanten urbanen Flächennutzungen an. Dies wird am französischen Barockgarten, am englischen Landschaftspark, an Volks- und Stadtparks, Klein- und Schrebergärten, Gemeinschafts- und Bürgergärten und schließlich an städtischen Urwäldern ausführlich dargestellt.

Es geht im Weiteren um Naturerfahrung und -wahrnehmung, um Gesundheit und um die unterschiedlichen Dimensionen von Wohlbefinden.

Zu 4.

Was sind die aktuellen Aufgaben und künftigen Herausforderungen für die Stadtökologie? fragt Endlicher im vierten Kapitel des Buches. Zunächst stellen schrumpfende Städte ein Problem dar, zumal wieder mehr Flächen zur Nutzung zur Verfügung stehen – wenn Schrumpfung mit Rückbau verbunden wird. Was passiert mit den Brachflächen und gibt es neue urbane Lebensformen und -gemeinschaften, die durch – auch gemeinsame – Nutzung brachliegender Flächen entstehen? Welche Bedeutung haben weniger Menschen für das Klimasystem? fragt der Autor und versucht eine systemtheoretische Einbettung des Klimawandels. Dabei geht es darum, dass sich Städte mit Naturgefahren auseinandersetzen müssen, deren Teil sie letztlich auch sind. Ein größeres Problem scheinen dabei die Megastädte zu sein, da deren Steuerungskapazität und Entwicklungsdynamik sich zentral von denen größerer Metropolen und Großstädte unterscheidet. Ihre Möglichkeiten der Erfüllung von Grunddaseinsfunktionen um ein menschengerechtes Wohnen und leben zu ermöglichen schwinden mit ihrer Unfähigkeit der Ressourcensteuerung und der Entwicklung eines urbanen Lebens.

Auch hier gibt eine übersichtliche Tabelle Aufschluss über nachhaltigkeitsrelevante Merkmale von Groß- und Megastädten, wobei Nachhaltigkeit in drei Dimensionen unterteilt wird: in die soziale Dimension, in die ökonomische Dimension und in die ökologische Dimension.

Im Fazit zu diesem Kapitel stellt der Autor noch einmal heraus, dass die Stadtökologie als relativ junge Wissenschaft erhebliche Probleme schrumpfender und wachsender Städte zu bearbeiten hat, die auch sehr komplex sind. Dies geht nur in interdisziplinärer Zusammenarbeit, integrativer Netzwerkarbeit, transdisziplinärem Wissenstransfer, Partizipation der Zivilgesellschaft und internationaler Kooperation.

Zu 5.

Das als Serviceteil überschriebene fünfte Kapitel enthält eine Reihe zitierten Internetquellen und stadtökologisch relevanten Internetadressen.

Das Buch schließt mit einem umfangreichen Sachregister ab.

Außerdem schließt jedes Kapitel mit einer umfangreichen Literaturliste ab. Als Studienbuch zeichnet sich das Buch auch dadurch aus, dass entsprechende Bemerkungen, zentrale Aussagen und Zusammenfassungen am Seitenrand vorhanden sind, die eine überschlagsartige Einordnung der jeweiligen Argumente ermöglicht.

Diskussion

Der Autor legt ein Studienbuch zu einem Bereich vor, der sich im Wissenschaftskanon erst noch etablieren muss. Stadtökologie muss sich als eine junge Wissenschaft erst noch etablieren; eine Wissenschaft, die sich mit der Stadt als einem wechselseitig sich durchdringenden System von Natur, Kultur und Gesellschaft beschäftigt.

Als Einführung in diese Disziplin ist Wilfried Endlicher ein Überblick über die Diskussionsansätze und Perspektiven gelungen, aber auch ein Ansatz, der andere Disziplinen inspirieren kann, die sich mit der Stadt beschäftigen. Wenn wir uns weiterhin mit der Stadt als umfassende Lebensform befassen, kommen wir um Fragen der Ökologie kaum mehr herum. Es geht nicht mehr um die Stadt als Gegensatz zur Natur, als vielmehr um eine Versöhnung von Natur, Urbanität, Kultur und Stadtstruktur.

Dies wird in diesem Studienbuch deutlich – und insofern ist es unerlässlich für eine umfassende Diskussion der Stadt.

Fazit

Es ist ein Studienbuch, das anschaulich, tiefgehend und differenziert und von daher überzeugend eine junge Disziplin – die Stadtökologie - begründet.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 17.09.2012 zu: Wilfried Endlicher: Einführung in die Stadtökologie. UTB (Stuttgart) 2012. ISBN 978-3-8252-3640-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13013.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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ISSN 2190-9245

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