socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Mathias Grandel, Roland Stockmann (Hrsg.): StichwortKommentar Familienrecht

Cover Mathias Grandel, Roland Stockmann (Hrsg.): StichwortKommentar Familienrecht. Alphabetische Gesamtdarstellung - Materielles Recht - Verfahrensrecht. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2012. 1518 Seiten. ISBN 978-3-8329-6401-6. D: 98,00 EUR, A: 100,80 EUR, CH: 139,00 sFr.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-8487-0522-1 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema, Herausgeber und AutorInnen

Bei dem StichwortKommentar „Familienrecht“ handelt es sich um ein Werk mit 1518 Seiten, herausgegeben von Mathias Grandel, einem Rechtsanwalt und Fachanwalt für Familienrecht sowie Roland Stockmann, dem Direktor des Amtsgerichts Würzburg.

Die 23 Autorinnen und Autoren kommen fast alle aus juristischen Berufsvollzügen. Es handelt sich um Fachanwältinnen für Familienrecht, Rechtsanwälte, Richterinnen, Notare aber auch um eine Hochschullehrerin sowie einer Aktuarin.

Aufbau und Inhalt

In ihrem Vorwort betonen die Herausgeber, dass das Werk einen spezifischen Ansatz verfolge: „Es ist keine Kommentierung der einzelnen Paragraphen und kein Handbuch mit geschlossener Darstellung großer Themenbereiche,“ sondern das Buch biete über eine Stichwortsuche von A bis Z einen „zügigen und punkgenauen Zugriff“ auf eine gesuchte Antwort.

Für Nichtjuristen sei kurz die Unterscheidung zwischen Kommentar und alphabetischer Gesamtdarstellung erläutert. In einem juristischen Kommentar werden Rechtsnormen in der von dem jeweiligen Gesetz, also z.B. dem Bürgerlichen Gesetzbuch, vorgegebenen Reihenfolge erläutert. Die Paragraphen werden unter Heranziehung der einschlägigen Rechtsprechung und unter Berücksichtigung von Lehrbüchern und anderen rechtswissenschaftlichen Veröffentlichungen kommentiert. Durch die Heranziehung eines Kommentars wird es den juristischen Fachkräften ermöglicht, den aktuellen Rechtszustand zu ermitteln und somit ein rechtliches Problem zu lösen.

Eine alphabetische Gesamtdarstellung folgt dagegen nicht der Systematik eines Gesetzbuches, sondern, wie es der Name schon sagt, einer alphabetischen Reihung von A-Z. Es werden also einzelne Stichworte erläutert. In der Publikation von Grandel/Stockmann sind es 275. Es beginnt mit dem Stichwort „Abänderungsverfahren im Versorgungsausgleich“ und endet mit der „Zwangsheirat“.

Dieser StichwortKommentar erläutert das materielle Familienrecht sowie das Verfahrensrecht. Für Nichtjuristen: Das materielle Recht beinhaltet die juristischen Vorschriften, die beispielsweise im Familienrecht regeln, unter welchen Umständen die elterliche Sorge entzogen werden kann, wann Unterhalt zu leisten ist, welche Gründe vorliegen müssen, um eine Ehe zu scheiden, wer mit wem verwandt ist.

Das Verfahrensrecht dagegen hat das Procedere zum Gegenstand und gewährleistet den rechtstaatlichen Ablauf der jeweiligen Verfahren. Es normiert, unter welchen Voraussetzungen ein Verfahren beginnt, welches Gericht zuständig ist, welche Funktionen in einem Prozess Rechtsanwälte oder Gerichte haben, wann Widerspruch, Beschwerde oder Berufung gegen eine gerichtliche Entscheidung eingelegt werden kann und vieles mehr. In diesem StichwortKommentar „Familienrecht“ werden beide Aspekte der Rechtsfindung miteinander verzahnt dargestellt.

Die Stichworte umfassen schwerpunktmäßig das materielle Familienrecht. Es zählen hierzu vor allen Dingen:

  • Voraussetzungen der Eingehung einer Ehe,
  • die Wirkung einer Ehe,
  • das eheliche Güterecht,
  • Scheidungs- und Unterhaltsrecht,
  • Abstammungsrecht,
  • Kindschafts-, Vormundschafts- und Betreuungsrecht sowie
  • das Recht der nichtehelichen Lebensgemeinschaft.

In die lexikalische Darstellung des Familienrechts werden vernünftigerweise auch nah zusammenhängende Rechtsgebiete einbezogen. In Scheidungsfällen, im Unterhaltsrecht, im Eltern-Kind Verhältnis, bei nichtehelichen Lebensgemeinschaften können das Steuerrecht, das Erbrecht, das Jugendhilferecht oder das Sozialrecht von erheblicher Bedeutung sein. Es erleichtert natürlich die Rechtsfindung, wenn derartige Sachzusammenhänge gemeinsam dargestellt und kommentiert werden.

Diskussion

Der StichwortKommentar „Familienrecht“ will einen besonderen Ansatz realisieren, „der einen schnellen und dennoch gründlichen Zugriff auf juristische Fragen sucht“, formulieren die Herausgeber im Vorwort.

Bei Lichte betrachtet erweisen sich jedoch einige Stichworte im Vergleich mit der Kommentierung im Palandt, dem wichtigsten „traditionellen“ Kommentar zum Bürgerlichem Gesetzbuch, als nicht sehr unterschiedlich. Ein Beispiel ist § 1666 BGB, der die gerichtlichen Maßnahmen bei Gefährdung des Kindeswohls regelt. Nach Palandt konkretisiert diese Vorschrift das „staatliche Wächteramt“, während in Grandel/Stockmann unter dem Stichwort Kindeswohlgefährdung vom „Ausfluss des staatlichen Wächteramtes“ die Rede ist. In beiden Publikationen wird dann der Begriff Kind definiert und anschließend die Gefährdung des Kindeswohls im einzelnen erörtert. Ein großer Unterschied zwischen beiden Darstellungen ist nicht zu erkennen. Ähnlich ist es bei den Kommentierungen zum Scheidungsrecht oder den Regelungen über das Verlöbnis. Auch die Verzahnung des materiellen Rechts mit verfahrensrechtlichen Gesichtspunkten findet sich in traditionellen Kommentaren. Für eine im Familienrecht bewanderte Juristin macht es daher bei derartigen Fragestellungen keinen Unterschied, ob sie im Palandt oder bei Grandel/Stockmann die Lösung eines rechtlichen Problems sucht.

Andere Stichworte hingegen stehen quer zur Logik der herkömmlichen Kommentare. Genannt seien BaföG, Patchworkfamilie im Erbrecht, Pkw, Rollenwechsel, Erziehung, Gewaltschutz, Krankheitsunterhalt, Transsexualität usw. Sie erlauben tatsächlich den schnellen und gewissermaßen anderen Zugriff als die herkömmliche kommentierende Literatur.

Gerade bei einem StichwortKommentar stellt sich die Frage, ob es nicht besser wäre, das eine oder andere Stichwort kürzer zu fassen oder gar wegzulassen oder einen anderen Aspekt vertieft zu behandeln. Selbstverständlich kann nicht jedes rechtliche Problem des umfangreichen Gebietes Familienrechts erschöpfend aufgearbeitet werden und ganz sicherlich gibt es unterschiedliche Sichtweisen, Schwerpunktsetzungen und Vorlieben.

Gleichwohl fragt es sich, warum das Stichwort Verlöbnis doch relativ umfangreich kommentiert wurde. In der ausführlichen Stichwortsammlung am Ende der Publikation (67 Seiten) wird das Stichwort Verlöbnis nochmals in 19 Unterpunkte gegliedert. Es finden sich dort die Aspekte Brautgeld, Schadensersatz, Verjährung und viele andere mehr. Mich deucht, dass heutzutage ein Verlöbnis eher nur noch das Echo einer längst vergangenen Epoche ist und im 19. Jahrhundert insbesondere im Bürgertum eine Rolle spielte. In den Buddenbrooks und bei Fontane können wir nachlesen, welche Bedeutung eine Verlobung damals hatte. Aber heutzutage: Die familiäre Landschaft hat sich dramatisch geändert. Traditionelle Muster wurden – nicht zuletzt durch die rasanten und tief greifenden Reformen des Familienrechts – abgelöst. Von Verlöbnissen kaum noch eine Spur.

Vergleichsweise bescheiden werden dagegen andere Stichworte bearbeitet. Verfolgt man die aktuelle rechtliche Diskussion im Familienrecht spielen zunehmend auch die Rechte von Kindern eine wichtige Rolle. In dem StichwortKommentar findet sich das Thema „Kinderrechte“ weder in den Stichworten noch in der detaillierten Stichwortsammlung. Das ist deswegen bedauerlich, weil die Stärkung der Rechtspositionen von Kindern und Jugendlichen allenthalben auf der Tagesordnung steht.

Schließlich scheint mir der Aspekt „Jugendhilfe“ zu kurz gekommen zu sein. Die Jugendhilfe ist ein wichtiges Steuerungsinstrument für gefährdete und für auseinander brechende Familien. Aber nicht nur das. In einer Entscheidung hat sich das Bundesverfassungsgericht über Funktionen des Kindergartens geäußert. „Eltern sollen bei der Erziehung durch den Kindergarten unterstützt werden…Kindergärten sind insofern auch wesentliche Bestandteile des Bildungssystems. Sie sollen allen Eltern mit kleinen Kindern zur Verfügung stehen. Dies ist eines der wichtigsten Ziele der staatlichen Jugendhilfe.“ (BVerfG, ZfJ 2000, 21, 24) Jugendhilfe wendet sich also an alle Eltern und Kinder. Jugendhilfe kommt bei Grandel/Stockmann indessen in den Stichworten lediglich als „Leistungen in der Jugendhilfe“ und in der Stichwortsammlung nur als Jugendhilfe mit dem Unterpunkt Pflegegeld vor. Nochmals hervorgehoben: Man kann über inhaltliche Gewichtungen mit besten Argumenten sehr unterschiedlicher Auffassungen sein. Mir scheint aber, dass in einer Neuauflage eine vorsichtige thematische Nachjustierung nicht ganz sinnlos wäre.

Vielleicht wäre auch in der folgenden Passage für ein besseres Verständnis eine „Nachformulierung“ hilfreich. Ein einschneidendes Ereignis für ein minderjähriges Mädchen ist im allgemeinen der Schwangerschaftsabbruch. Eine Minderjährige möchte gegen den Willen der Eltern einen Schwangerschaftsabbruch durchführen. Ob und unter welchen Umständen sie dazu berechtigt ist, beantwortet der StichwortKommentar mit einer etwas komplizierten Formulierung: „Folgende Konstellationen sind zu unterscheiden: die verweigerte Einwilligung der Eltern bei erklärter Einwilligung der einwilligungsfähigen minderjährigen Schwangeren, die erteilte Einwilligung der Eltern bei verweigerter Einwilligung der einwilligungsfähigen minderjährigen Schwangeren sowie die erteilte Einwilligung der Eltern bei einer einwilligungsunfähigen minderjährigen Schwangeren (S.768).“

Fazit

Kurz und Gut: Der StichwortKommentar Familienrecht ist ganz ohne Zweifel für juristische Praktiker hilfreich, ein familienrechtliches Problem unter Heranziehung von Stichworten zu lösen. Die lexikalische Aufbereitung des Familienrechts ergänzt in sinnvoller Weise die klassischen Kommentare und erweitert die Suchoptionen.


Rezensent
Prof. Dr. Friedrich Barabas
i.R., Fachhochschule Frankfurt Fachbereich 4 Soziale Arbeit und Gesundheit
Homepage www.fb4.fh-frankfurt.de


Lesen Sie weitere Rezensionen zu neueren Auflagen des gleichen Titels: Nr.16341


Alle 7 Rezensionen von Friedrich Barabas anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Friedrich Barabas. Rezension vom 21.12.2012 zu: Mathias Grandel, Roland Stockmann (Hrsg.): StichwortKommentar Familienrecht. Alphabetische Gesamtdarstellung - Materielles Recht - Verfahrensrecht. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2012. ISBN 978-3-8329-6401-6.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-8487-0522-1 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13017.php, Datum des Zugriffs 14.12.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung