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Julia Maria Derra: Das Streben nach Jugendlichkeit in einer alternden Gesellschaft

Cover Julia Maria Derra: Das Streben nach Jugendlichkeit in einer alternden Gesellschaft. Eine Analyse altersbedingter Körperveränderungen in Medien und Gesellschaft. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2012. 450 Seiten. ISBN 978-3-8329-7276-9. D: 69,00 EUR, A: 71,00 EUR, CH: 99,00 sFr.
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Entstehungshintergrund

Die vorgelegte Publikation wurde im Jahre 2010 von der Universität Trier als soziologische Dissertation angenommen. Die Datengrundlage entstammt weitestgehend dem vorangegangenen Projekt „Männlich und Weiblich im Spiegel der Werbung“, das von 2006 bis 2008 ebenfalls an der Universität Trier durchgeführt wurde.

Thema

Die Untersuchung verfolgt die Frage, ob es in einer jugendlichen Gesellschaft, einer Gesellschaft die jugendliche Schönheit als Maxime definiert, möglich ist, alt zu werden ohne Marginalisierungserfahrungen zu machen; oder – als „Hauptfrage“ mit den Worten der Autorin formuliert – : „Kann das Älterwerden akzeptiert werden, wenn die körperlichen Alterserscheinungen nicht angenommen werden?“ (S. 30)

Die Arbeit nimmt entsprechend das Altern in seiner „phänotypischen Gestalt“ in den Fokus. Als Ziel der Arbeit wird eine Verknüpfung der biologischen Alterserscheinungen als sichtbare Körperveränderungen mit der psychologischen und der soziologischen Dimension des gesellschaftlichen Stellenwerts vom Körper formuliert.

Aufbau und Inhalt

Kapitel 1 referiert knapp einige zentrale Aspekte der „alternden Gesellschaft“ wie demographische Entwicklung und den „Strukturwandel des Alter(n)s“ (Tews).

Kapitel 2 bietet eine interdisziplinäre Annäherung an zwei Begriffe: Alter und Alter(n).

Kapitel 3 hat die soziale Konstruiertheit des Alter(n)s im Fokus: Alter(n) stellt – wie Geschlecht, Klasse etc. – eine Strukturkategorie dar, ein Raster, ein Platzanweiser durch die Individuen schon vor jeder konkreten Interaktion verortet werden können. Bezogen auf die gesellschaftlichen Altersbilder verweist Derra auf Untersuchungen, die die Verknüpfung von „alt“ und „negativ“ belegen; derartige Stereotype und gesellschaftliche Altersbilder wirken auf Selbstbild und Selbstwertgefühl älterer Menschen ein, werden verinnerlicht.

Vor diesem Hintergrund lenkt die Autorin in Kapitel 4 den Blick auf den Körper, dem eine zentrale Rolle bei der Sicht auf das Alter(n) zugeschrieben wird. Der Körper wird – mit Rückgriff auf Bourdieus Kapitaltheorie – als zentrales Medium der sozialen Klassifikation identifiziert, Körper werden zu „symbolischem“ bzw. „korporalem Kapital“ (Bourdieu), mit dem soziale Gewinne erzielt werden können. Damit einher geht eine steigende Bedeutung der Selbstinszenierung. Die daraus entstehende „Daueraufmerksamkeit für sich und Dauerarbeit an sich selbst“ erfordere eine Disziplinierung der Körper. Unter Verweis auf Susann Sonntags „double standard of aging“ arbeitet Derra die höhere Bedeutsamkeit des guten Aussehens für Frauen heraus: „Für Männer stellt . immer noch Simmels ‚Bedeutendheit‘ das zentrale Element dar, für Frauen die ‚Schönheit‘ als die Vollkommenheit der in sich geschlossenen, alle ihre Seinselemente … abstimmenden Existenz“ (S. 119)

Im Kontext der erforderlichen, erzwungenen Arbeit am eigenen Körper werden Phänomene des „Schönheitshandelns“ (Degele) und der Anti-Aging-Medizin bedeutsam (Kapitel 5). Die Möglichkeit – Utopie oder Anti-Utopie? – der Machbarkeit, der Gestaltbarkeit des eigenen Körpers ist im Alter angekommen: „Der alternde Körper scheint frei modellierbar, gleichzeitig entsteht zunehmend Handlungsdruck oder gar Zwang, ihn nicht sich selbst, sprich: ‚dem natürlichen Verfall‘ zu überlassen, sondern sich aktiv gestaltend in eigener Verantwortung dem entgegen zu stellen.“ (Backes zit. n. Derra, S. 131)

Kapitel 6 rückt die Bearbeitung von Alter- und Körperansichten durch Medien und Werbung in den Blick. Diese erscheinen im Allgemeinen vor allem jugendzentriert und altersdistanziert; vor allem die körperfokussierende Werbung vermarktet immerwährende Jugendlichkeit.

Dieser Zusammenhang wird in zwei eigenen empirischen Zugängen vertieft. Die Ergebnisse einer inhaltsanalytischen Untersuchung von 1861 Werbeanzeigen in ausgewählten Publikumszeitschriften werden in Kapitel 7 vorgestellt, die die in Kapitel 6 theoretisch entwickelten Zugänge im Wesentlichen bestätigen: Die Darstellung der 50-Jährigen und Älteren bildet nach wie vor eine Minderheit auf Werbeanzeigen verschiedener Publikumszeitschriften, eine Anpassung an die gesellschaftliche Bevölkerungsentwicklung hat insofern nicht stattgefunden. Die körperzentrierte Werbung setzt Schönheit mit Jugendlichkeit gleich, das Alter(n) ist kaum Thema, ältere Darsteller sind immer noch selten, der alte Körper wird ausgeblendet.

Um die Frage beantworten zu können, wie die Subjekte die beschriebenen medialen Körperpräsentationen wahrnehmen und welche Vorstellungen und Ansichten über Körperlichkeit und Körperaussehen sie selbst verinnerlicht haben, wurde in einem zweiten empirischen Zugang eine Online-Befragung von 3830 Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Alter zwischen 18 und 88 Jahren vorgenommen. Diese Analyse (Kapitel 8) konnte aufzeigen, dass Körperhandlungen eng mit der Zufriedenheit mit sich selbst, dem eigenen Leben und dem eigenen Erscheinungsbild verbunden sind. Der Körper – so das Fazit von Derra – „kann somit aus dem Prozess des Älterwerdens nicht ausgeklammert werden, sondern muss als entscheidender Faktor bei der Einstellung zum Alter und Altern angesehen werden, wobei ein positives Körperempfinden und gesundes Körperbewusstsein auf eine Akzeptanz des Alterns bzw. keine direkt ablehnende Haltung verweist.“ (S. 376)

Das Schlusskapitel 9 skizziert und diskutiert mögliche Entwicklungsrichtungen: „Aussicht auf eine schöne alte Gesellschaft?“ (S. 381) Unter den gegenwärtigen Bedingungen der medialen Körperinszenierungen (pointiert: schön = jung) ist das Alter sicher ein Risiko und Manko für die erfolgreiche Vermarktung des Körperkapitals. Aber – so fragt die Autorin wiederum mit Rückgriff auf Bourdieu – verliert diese Ausformung von Schönheit vielleicht an Wert, wenn alle Menschen dem aktuellen jugendlichen Schönheitsideal zu entsprechen suchen? Oder ist es doch eher so, dass grade in einer unabweisbar zunehmend alternden Gesellschaft die Inszenierung von Jugendlichkeit noch einmal an Attraktivität gewinnt? Vielleicht führt aber auch die massive „televisionäre Überflutung mit perfekter Schönheit“ zu einem Gegentrend der Natürlichkeit und des eben nicht Perfekt-Makellosen?

Vermag wirklich jedes Lebensalter seine eigenen Attraktivitätsstandards zu entwickeln, wie Bergler hofft und ob es in diesem Zuge „zu einer altersspezifischen Veränderung des Attraktivitätsstandards“ kommen wird – diese Frage lässt Derra in ihrem Schlusskapitel offen.

Fazit

Die vorgelegte Studie stellt eine anspruchsvolle, materialreiche und breit sowie sorgfältig durchgeführte Untersuchung zu einem bislang vernachlässigten Thema dar: Die bisherige Alter(n)sforschung kommt merkwürdig körperlos daher, die Verbindung von Körper und Alter(n) kann in der Tat – wie die Autorin selbst anmerkt – „weiterhin als Forschungsdesiderat betrachtet werden.“ (S. 97) Diese Lücke zu schließen hat die Autorin erste wichtige Schritte zurückgelegt, vor allem die im theoretischen Teil erfolgte Sichtung und Aufarbeitung soziologischer Zugänge – Goffman, Foucault, Bourdieu und andere – ist hoch verdienstvoll.


Rezensent
Prof. Dr. Heinz Bartjes
Hochschule Esslingen, Fakultät für Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege
Arbeitsschwerpunkte: Soziale Altenarbeit; Männer- und Geschlechterforschung; Theater und Soziale Arbeit, Bürgerschaftliches Engagement.
Homepage www.hs-esslingen.de/mitarbeiter/Heinz.Bartjes
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Zitiervorschlag
Heinz Bartjes. Rezension vom 02.08.2012 zu: Julia Maria Derra: Das Streben nach Jugendlichkeit in einer alternden Gesellschaft. Eine Analyse altersbedingter Körperveränderungen in Medien und Gesellschaft. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2012. ISBN 978-3-8329-7276-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13034.php, Datum des Zugriffs 18.10.2018.


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