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Danny Wedding, Mary Ann Boyd u.a.: Psyche im Kino

Cover Danny Wedding, Mary Ann Boyd, Ryan M. Niemiec: Psyche im Kino. Wie Filme uns helfen, psychische Störungen zu verstehen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2011. 485 Seiten. ISBN 978-3-456-84884-6. 39,95 EUR, CH: 68,00 sFr.

Aus dem Amerikanischen übersetzt und bearbeitet von Cathrine Hornung. Originalausgabe: Movies and Mental Illness, 3rd ed., 2010.
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Thema

Was Psychologen, Psychiater, Psychotherapeuten an fiktionalen Kinofilmen (und Fernsehspielen) so fasziniert, wird in diesem Buch besonders deutlich. Die Filme avancieren zu Fallgeschichten, die Hauptfiguren zu Klientel, zu Patienten, die man genauestens studieren und diagnostizieren kann, denn der Rezeptionsvorgang ist beliebig wiederholbar. Da nimmt man es auch hin, dass Psychotherapeuten im Film meist wenig realitätsnah daherkommen (im Anhang des Buches findet sich dazu eine kleine Liste mit Beispielen). Das geht anderen Berufszweigen im Kino nicht besser, z.B. Polizisten oder Sozialarbeitern, deren professionelles Handeln auf gesellschaftliche Klischees und dramaturgische Erfordernisse reduziert wird. Doch auf Klientel verwenden Drehbuchautoren, Regisseure und Schauspieler besondere Sorgfalt: Denn mit der Darstellung von psychisch kranken und geistig behinderten Menschen, von Alkoholikern und Autisten, von gestörten gesellschaftlichen Randexistenzen und Abweichlern lassen sich nicht nur Oscars gewinnen. Hier können die Beteiligten ihre genaue Beobachtungsgabe „anormaler“ menschlicher Verhaltensweisen unter Beweis stellen und ihre Meisterschaft, diese auf die Leinwand zu bringen. Die Autoren in ihrem Vorwort: „Wir haben Psyche im Kino geschrieben, weil wir glauben, dass Filme ein äußerst effektives Medium sind, um Studierenden (…) den Zugang zur Psychopathologie zu erleichtern, Patienten zu inspirieren und interessierte Laien in die faszinierende Welt der psychischen Störungen einzuführen.“ (S. 8) Dieser mehrfache Anspruch wird weiter unten zu überprüfen sein.

Autorenteam

Alle drei AutorInnen sind akademisch ausgewiesene US-amerikanische Psychologen sowie ‚erfahrene Kliniker und Dozenten‘:

  • Danny Wedding leitet das Missouri Institute of Mental Health und ist u.a. Herausgeber der Fachrezensions-Zeitschrift „PsyCRITIQUES“ (in der auch Filme besprochen werden).
  • Mary Ann Boyd ist emeritierte Professorin der Southern Illinois University, Edwardsville, und internationale Expertin im Bereich der Pflege von Schizophrenie- und Demenzpatienten.
  • Ryan M. Niemiec ist approbierter Psychologe in Cincinnati, ebenfalls Mitherausgeber von „PsyCRITIQUES“ und dort für den Bereich Film zuständig.

Entstehungshintergrund

Die Originalausgabe des Buches gilt in den USA als „klassisches Quellenwerk und maßgebliches Handbuch“ (S. 7), denn sie erschien 2010 bereits in der dritten Auflage, d.h., die Autoren konnten zwei Mal die Möglichkeit nutzen, ihr Werk um eine Vielzahl von Filmhinweisen (und weitere Materialien) zu ergänzen, die die Leser und Rezensenten der ersten beiden Auflagen lieferten.

Aufbau und Inhalt

Zwischen einem einführenden Kapitel („Filme und Psychopathologie“), das vor allem filmästhetische und filmtheoretische Bezüge herstellt, und einem abschließenden Kapitel, das sich der filmischen Darstellung therapeutischer Behandlungsmethoden widmet, breiten die Autoren in 12 Abschnitten das ganze Spektrum psychischer Störungen aus. Die Einteilung ist stark an die amerikanische DSM-IV-TR-Klassifikation angelehnt, aber in der Reihenfolge der Kategorien nicht identisch. (Kap. 12 und 14 befassen sich mit Aspekten, die nicht zum DSM-Katalog gehören.) Jedes Kapitel wird mit einem thematisch zentralen „Leitfilm“ eröffnet (hier hinter der Kapitelüberschrift in Klammern):

  • 2. Angststörungen („Aviator“)
  • 3. Dissoziative und somatoforme Störungen („Psycho“)
  • 4. Psychischer Stress und körperliche Störungen („The Wrestler“)
  • 5. Affektive Störungen und Suizid („Sieben Leben“)
  • 6. Persönlichkeitsstörungen („No Country for Old Men“)
  • 7. Störungen im Zusammenhang mit psychotropen Substanzen („Ray“)
  • 8. Sexuelle und Geschlechtsidentitätstörungen („Boys Don't Cry“)
  • 9. Schizophrenie und andere psychotische Störungen („A Beautiful Mind – Genie und Wahnsinn“)
  • 10. Neuropsychologische Störungen („Memento“)
  • 11. Störungen im Kindes- und Jugendalter („Thumbsucker – Bleib wie Du bist!“)
  • 12. Geistige Behinderung und Autismus („Dominick und Eugene“)
  • 13. Schlafstörungen, Essstörungen, Störungen der Impulskontrolle und Anpassungsstörungen („Insomnia – Schlaflos“)
  • 14. Gewalt, körperliche Misshandlung und sexueller Missbrauch („Kill Bill“)

Alle Kapitel beginnen mit Fragen zum Leitfilm, dann folgt jeweils eine fiktive „Patientenevaluation“ über den Protagonisten dieses Films. Die einzelnen Unter-Störungen werden erläutert und anhand einer Fülle von vor allem amerikanischen Filmbeispielen erklärt und illustriert. Einige wenige Beispiele aus dem „internationalen Film“ beschließen das Kapitel, dem „Fragen zur Vertiefung“ (mitunter auch mitten im Text), „Lektüre-Tipps“ (auch zu deutschen Büchern und Aufsätzen) und eine „Favoriten“-Liste von zehn Filmen angehängt sind.

Die 15 Textkapitel machen etwa zwei Drittel des Buchumfanges aus. Das verbleibende Drittel enthält sechs Anhänge, deren wichtigster, ein kommentiertes Filmverzeichnis, auf 115 Seiten geschätzte mehr als 1000 Filme dokumentiert - geordnet nach den Kapitelüberschriften des Buches. Diese Kurzkommentare geben vor allem Filminhalte wieder, sind eher populär gehalten und nicht auf dem fachpsychologischen Niveau des Textteils. Die restlichen fünf Anhänge sind überflüssiges Beiwerk, aber stets nur wenige Seiten lang.

Den Band beschließen ein Literaturverzeichnis mit amerikanischen und deutschen Quellentexten sowie ein unbedingt erforderliches Filmverzeichnis, ist dieses Buch doch eher als Nachschlagewerk, denn als Monographie zu nutzen.

Diskussion

Für Cinephile und Cineasten ist dieses in Teilen hochkomplexe psychologische Lehrbuch mit seiner Darstellung und Diskussion der DSM-Kategorien ein ‚starker Tobak‘. Und die vielen didaktischen Hinweise und diagnostischen Hilfen, die sich explizit an Psychologiestudierende und -lehrende richten, dürften den Filmfreund eher nerven als erfreuen. Der psychologische Laie ist auch nach der Lektüre des Buches sicher nicht imstande, bsp. die Differenzierungen von Schizophrenie-Typen nachzuvollziehen und in Filmen wiederzuerkennen.

Doch die psychologische Systematik ist nur die eine Seite. Die Auswahl der Beispielfilme ist in quantitativer und qualitativer Hinsicht nicht zu bemängeln – bei vierstelliger Anzahl sowie expliziter Beschränkung auf ästhetisch und didaktisch relevante Titel samt Vernachlässigung von Massenware: „Diese Actionfilme erheben keinen großen künstlerischen Anspruch und versuchen auch nicht, eine wichtige Botschaft zu transportieren oder den Zuschauer zum Nachdenken anzuregen.“ (S. 289) Bei stichprobenartiger Überprüfung musste der Rezensent nur vereinzelt persönlich geschätzte Filmbeispiele vermissen (so z.B. die authentische Darstellung des kleinen Autisten in „Mercury Puzzle“).

Die Dominanz englischsprachiger Filme im Buch ist Hollywood und der Herkunft der Autoren geschuldet. Deren Versuch, mit jeweils angehängtem Unterkapitel zum „internationalen Film“, Abhilfe zu schaffen, macht einen zufälligen und zusammengestückelten Eindruck. TV-Produktionen – die hierzulande in den letzten 20 Jahren eine Fülle thematisch einschlägiger Exempel hervorbrachten – sind nur einbezogen, soweit die Autoren sie aus ihrem Heimatland kannten (und keine Kinobeispiele vorhanden waren).

Die im „Geleitwort zur dritten amerikanischen Auflage“ angedachte „Cinetherapie“ – das Einsetzen von fiktionalen Kinofilmen zu therapeutischen Zwecken – sollte von Klientel eher nicht im Selbstversuch ausprobiert werden. Stellen Sie sich vor, ein Mensch mit paranoider Schizophrenie schaut sich „A Beautiful Mind“ an – oder ein Patient mit bipolarer Störung sitzt in der Vorführung von „Matrix“. Zudem: Es gibt auch psychisch gestörte Regisseure, deren Therapie im Drehen von Filmen besteht – aber das ist ein anderes Thema.

Abschließend ein Wort zur deutschen Ausgabe: Die Übersetzerin (Cathrine Hornung) und ihre Helfer haben sich dankenswerter Weise sehr viel Arbeit gemacht, um Text, Anhänge, Literaturverzeichnis und Filmregister für die hiesigen Leser aufzubereiten, sogar erläuternde Fußnoten hat sie formuliert (von denen manche etwas besserwisserisch daherkommen).

Fazit

Ein empfehlenswertes Nachschlagewerk, das die anvisierten Zielgruppen (Fachpsychologen, Cinephile, interessierte Laien) sicher nicht enttäuscht, wenn auch manchmal fordert.


Rezension von
Prof. Dr. Helmut Diederichs
(i.R.) Dipl.-Volkswirt, Dipl.-Soziologe, Dr. phil., habilitierter Film-Soziologe, lehrte bis 2013 Medienpädagogik am FB Angewandte Sozialwissenschaften der FH Dortmund, lebt und forscht in Neu-Isenburg
Homepage www.fh-dortmund.de/diederichs


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Zitiervorschlag
Helmut Diederichs. Rezension vom 26.11.2012 zu: Danny Wedding, Mary Ann Boyd, Ryan M. Niemiec: Psyche im Kino. Wie Filme uns helfen, psychische Störungen zu verstehen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2011. ISBN 978-3-456-84884-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13043.php, Datum des Zugriffs 16.01.2022.


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