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Bärbel Bimschas, Achim Schröder: Beziehungen in der Jugendarbeit

Cover Bärbel Bimschas, Achim Schröder: Beziehungen in der Jugendarbeit. Untersuchung zum reflektierten Handeln in Profession und Ehrenamt. Leske + Budrich (Leverkusen) 2003. 192 Seiten. ISBN 978-3-8100-3834-0. 14,90 EUR.
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Zum Thema

Zutreffend beginnt das Buch mit dem Satz: „Beziehungsarbeit ist eine alltägliche, praktische Notwendigkeit in der Jugendarbeit.“ (S. 9) Kurz darauf fahren die Autoren fort: „Beziehungsarbeit weckt als Begriff häufig den Verdacht, es solle um ein allgemeines Wohlfühlen gehen, um ‚Kuschelpädagogik‘.“ (S. 10) Mit diesen Zitaten ist das Spannungsfeld des Buches umrissen. Beziehungsarbeit und damit die Beziehung zwischen Kind und Jugendlichem einerseits und ehren- oder hauptamtlichem Mitarbeiter andererseits, sowie die vielschichtigen Beziehungen der Jugendlichen untereinander, die dann als schwache oder starke Gruppe dem Mitarbeiter gegenüber stehen, und schließlich auch die Beziehungen der Mitarbeiter untereinander, die in unterschiedlichem Rollenverhalten den Kindern und Jugendlichen entgegentreten, all diese Bereiche werden durch Bimschas/Schröder‘s Werk abgedeckt. Schwerpunkt sind dabei gleichermaßen die theoretischen Zugänge zur Beziehungsarbeit und die fallbezogenen Analysen und praxisrelevanten Ergebnisse.

Die Autoren

Als Autoren des wissenschaftlichen Werkes zeichnen die beiden Jugendforscher Bärbel Bimschas und Dr. Achim Schröder verantwortlich. Bärbel Bimschas, M.A., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt „Beziehungsarbeit mit Jugendlichen“, Dr. Achim Schröder seit 1994 Professor an der Fachhochschule in Darmstadt mit den Schwerpunkten Adoleszenz, Jugendarbeit und Kulturpädagogik.

Sie waren ebenso Teil der Forschungsgruppe, wie der dritte Jugendforscher Joachim Schmitt, seines Zeichens hauptamtlicher Mitarbeiter in der Bundesleitung der Christlichen ArbeiterInnen Jugend und die drei Psychoanalytiker Dr. Ruth Waldeck, Dr. Thomas Pollack und Dr. Peter Möhring, die insbesondere als Supervisoren die Auswertung der Gespräche mit Mitarbeitern der Jugendarbeit vornahmen.

Aufbau, Inhalt, Gliederung

Das Buch gliedert sich wie folgt: (die hier dargestellte Gliederung ist eine Zusammenfassung des Inhaltsverzeichnisses und greift exemplarisch Schwerpunkte heraus):

Theoretische Zugänge

(1) zur praktischen und begrifflichen Klärung von „Beziehungsarbeit“

(2) zur Theorie und Dynamik menschlicher Beziehungen

(3) der „pädagogische Bezug“ und neue Elemente für eine Theorie der Jugendarbeit

Methodisches Vorgehen

(4) Forschungsstrategien und methodische Umsetzung

(a) Supervision als Ort zur Datenerhebung

(b) Arbeitsweisen der Supervisionsgruppen

(c) Die Forschungsgruppe und ihre Arbeitsweise

Fallbezogene Analysen

(5) Beziehungen in der Jugendarbeit als stellvertretende Ablösebeziehungen (2 Praxisfälle)

(6) Beziehungen und Geschlecht: zwischen Vorbild und Experiment (2 Praxisfälle)

(7) Jugendarbeit als Lebenszusammenhang und Jugendarbeit als Beruf (3 Praxisfälle)

(8) Beziehungen im Spannungsfeld von Offenheit und Halt – am Beispiel einer Skatergruppe (1 Praxisbeispiel)

Praxisbezogene Ergebnisse

(9) Reflexion und Supervision im Feld der Jugendarbeit: Konzeptionelle Vorschläge zur Weiterentwicklung (1 Praxisfall)

(d) Reflexion und Supervision für professionelle MitarbeiterInnen in der Jugendarbeit

(e) Reflexion und Supervision für Teamerinnen und Teamer der Jugendarbeit

(f) „Nicht nur in der Not und nicht nur im Team“ – Supervision zur Qualifizierung

(10) Resümee in sieben Thesen

Zielgruppe

Das Buch richtet sich wohl gleichermaßen an diejenigen, die Jugendarbeit aus Wissenschaft und Forschung heraus betrachten, wie auch an diejenigen, die als Professionelle in der praktischen Arbeit tätig sind. Es ist leider nicht als Handreichung für Ehrenamtler gedacht, da diese wohl der theoretische Unterbau der Arbeit abschrecken wird. Allerdings sollte das Buch all denjenigen empfohlen werden, die in der Supervision tätig sind oder Supervisionsangebote aufbauen oder nutzen wollen. Für letztere Leser wird das Buch wohl ermutigende und erklärende Lektüre zugleich sein.

Einschätzung

Von einer Untersuchung zum reflektierten Handeln in Profession und Ehrenamt erwartet der Leser eine theoretische Herleitung zum Thema, eine ausführliche Betrachtung des Datenmaterials und eine zielorientierte Auswertung. Dahingehend wir er nicht von Bimschas/Schröder enttäuscht. Er erhält aber – sicherlich nicht zuletzt deswegen, weil die Autoren selbst seit mehreren Jahren in der praktischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen erfahren sind und sich in der Erarbeitung der Untersuchung eben solchen Praktikern und Interviews mit Jugendlichen bedient haben – noch ein Vielfaches mehr: eine Beschreibung der Vielfältigkeit der heutigen Jugendarbeit und der unterschiedlichen Zielrichtungen (koedukative Ansätze ebenso wie geschlechtshomogene Gruppenarbeit, Schulsozialarbeit ebenso wie Projekt- und Initiativarbeit, Entwicklung von selbstverwalteten Jugendfreizeiteinrichtungen ebenso wie vieles andere mehr), sowie eine ernsthafte Betrachtung der unterschiedlichen Arbeitsmethoden.

Der Leser hat dabei den Vorteil, dass er durch die Brille der Supervisoren auf die Praxisfälle schauen darf und Missgeschicke in der Planung ebenso früh erkennt, wie auch widrige Umstände in den organisatorischen Rahmenbedingungen oder alltägliche Nähe- und Distanzierungsbewegungen von Kindern und Jugendlichen. Spätestens an dieser Stelle zeigt sich die Praxisrelevanz der Untersuchung, da der jugendarbeitsvertraute Leser in der Regel feststellen muss in eben solchen Situationen vor diesem oder einem ähnlichen Problem selbst einmal gestanden zu haben.

Bimschas/Schröder verzichten in der Regel darauf, eine schlichte Erklärung oder gar eine Lösung anzubieten. Ihre Auswertungen sind wohl eher als Denkanstoß in eine Richtung zu verstehen, als Reflexion der geschilderten und der selbst praktizierten Jugendarbeit.

Um diesen Denkvorgang zu unterstützen, sollte das Buch daher gerade von Supervisoren als Praxishilfe genutzt werden. Auch in der Arbeit mit ehrenamtlichen Betreuern kann sich der Einsatz lohnen, insbesondere wenn beispielsweise im Rahmen eines Teamgesprächs oder einer Teamerschulung nur ausgewählte, einzelne Passagen eingebracht werden.

Fazit

Bimschas/Schröder geben mit ihrem Buch einen Überblick über die verschiedenen theoretischen Zugänge zur Beziehungs- und Jugendarbeit. Sie führen diese fort in exemplarischen Schilderungen aus der praktischen Arbeit, die leicht verständlich und verständlich erläutert sind. Zugleich verknüpfen sie den beschreibenden Teil mit einem Appell, Supervision in allen Bereichen der Jugendarbeit als selbstverständliche Reflexionsinstrument – nicht nur im Krisenfall, sondern als ständige Arbeitsbegleitung – einzusetzen.


Rezension von
Robert Hotstegs
Direktor des Instituts für Jugendleiter und Qualifikation (Institut juleiqua)
Referent für Jugendgruppenleiterschulungen
Homepage www.juleiqua.de


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Zitiervorschlag
Robert Hotstegs. Rezension vom 23.12.2003 zu: Bärbel Bimschas, Achim Schröder: Beziehungen in der Jugendarbeit. Untersuchung zum reflektierten Handeln in Profession und Ehrenamt. Leske + Budrich (Leverkusen) 2003. ISBN 978-3-8100-3834-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1305.php, Datum des Zugriffs 04.03.2021.


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