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Carol Bowlby Sifton: Das Demenz-Buch

Cover Carol Bowlby Sifton: Das Demenz-Buch. Ein „Wegbegleiter“ für Angehörige, Pflegende und Aktivierungstherapeuten. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2011. 2., überarbeitete Auflage. 542 Seiten. ISBN 978-3-456-84928-7. 29,95 EUR, CH: 44,80 sFr.
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Thema

„Das Demenz-Buch“ ist ein Fachbuch für den Umgang und das Zusammenleben, die familiäre wie die professionelle Pflege und ergotherapeutische Arbeit mit Menschen, die an Demenz erkrankt sind. Anhand von praktischen Erfahrungen im privaten wie beruflichen Umfeld stellt die Autorin Bowlby Sifton mit ihrem Werk einen Wegbegleiter vor, der medizinische und fachliche Hintergründe erläutert und zahlreiche praktische Hinweise für den Alltag und die Versorgung von Menschen mit Demenz gibt.

Autorin

Carol Bowlby Sifton, BSc OT, ODH, lebt in Kanada, wo sie als Krankenpflegerin in der ambulanten Krankenpflege und als Ergo- und Aktivierungstherapeutin gearbeitet hat. Sie verfügt über jahrelange praktische Erfahrung in der Betreuung von an Demenz erkrankten Menschen und in der Begleitung ihrer Angehörigen und Pflegepersonen, sie ist bis heute als Familienpflegerin für Menschen mit Demenz tätig und leitet Ergotherapiegruppen für ältere Menschen und Menschen mit Demenz. Sie war klinische Koordinatorin und Geriatriesachverständige am Victoria General Hospital des Queen Elizabeth II Health Sciences Centre in Halifax, Nova Scotia, und Dozentin an verschiedenen Hochschulen: der Dalhousie University´s Medical School, der School of Occupational Therapy in Halifax und am Mount Saint Vincent University´s Family Studies an Gerontology Department in Halifax. Sie wirkt als Beraterin von Einrichtungen für Demenz sowie als Demenzberaterin am Ministerium für Seniorenangelegenheiten von Kanada. Bowlby Sifton ist Herausgeberin einer Fachzeitschrift für Pflegende Angehörige, die „Alzheimer´s Care Quarterly“, und Autorin mehrerer Fachbücher zum Themenfeld Demenz. Bowlby Sifton hat als Privatperson erst ihre Schwiegermutter, später ihre eigene Mutter, die beide an Demenz erkrankt waren, betreut und gepflegt.

Der Herausgeber der deutschen Ausgabe, Detlef Rüsing BScN, MScN, leitet das Dialog- und Transferzentrum Demenz an der Universität Witten/Herdecke, Fakultät für Gesundheit (Department für Pflegewissenschaft). Er war über 16 Jahre als staatl. anerk. examinierter Altenpfleger in der Alten- und Krankenpflege praktisch tätig, studierte Geschichte, Philosophie und Germanistik sowie Pflegewissenschaft (Universität Witten/Herdecke): BscN, MScN. Rüsing ist Herausgeber der Fachzeitschrift "Pflegen: Demenz". Als DCM-Evaluator und DCM-Trainer ist er Mitglied der internationalen Forschungsgruppe zu Reliabilität des Dementia Care Mapping an der Universität Bradford. Er ist als Fachexperte in verschiedenen Expertengruppen auf Bundesebene aktiv. Er hat mehrere Fachbücher und Fachartikel im Themenfeld Demenz veröffentlicht.

Entstehungshintergrund

Ausgehend von ihrer beruflichen Erfahrung seit den 1980-iger Jahren in der Pflege von Menschen, die an Demenz erkrankt sind, und der Erfahrung von zahlreichen Angehörigen dieser Menschen sowie von ihrer Erfahrung aus dem eigenen privaten familiären Umfeld in der Betreuung ihrer an Demenz erkrankten Schwiegermutter möchte Bowlby Sifton einen Wegweiser für Angehörige und Pflegende dieser Betroffenen mit aus Pflegesituationen abgeleiteten „Richtlinien […], die allgemein gültigen Erfahrungen zu bündeln und Anregungen zu bieten, die Ihrer persönlichen Betreuungstätigkeit den Weg weisen.“ (Seite 27)

Aufbau

Das Buch ist in zehn Hauptkapitel mit wechselnder Zahl von Unterkapiteln unterteilt. Der Hauptteil ist eingerahmt von Geleitworten des deutschen Herausgebers, der Vorstellung der Autorin, ihrer Danksagung und der Einleitung zum Thema, sowie Literaturverzeichnissen, Abdruckgenehmigungen, Adressenverzeichnissen sowie dem Abdruck des persönlichen Auskunftsbogen „Alles über mich“.

Zur Einleitung

In der Einleitung stellt Bowlby Sifton die Geschichte ihrer Schwiegermutter vor, aus der Erfahrung mit ihr schließt sie, „dass sich Personen mit Demenz ein tiefes Gefühl ihres Selbst erhalten und die Verbindung zu ihren Angehörigen nie vollständig abbricht. Demenz schädigt die Gehirnzellen, nicht das Menschsein einer Person […]. Das Gedächtnis verlieren bedeutet nicht, sich selbst zu verlieren oder die Menschen, die einem nahe stehen.“ (Seite 16) Mit der Vorstellung von zwei Ehepaaren und ihrer unterschiedlichen Weise, mit der Diagnose umzugehen und die Betreuung zu organisieren, zeigt sie: „Eine Person mit Demenz zu betreuen ist, wie Sie sehr wohl wissen, eine große Herausforderung. Die Aufgabe ist so schwierig, weil es fortlaufend zu weiteren Ausfällen und Einschränkungen kommt. […] Doch die Entscheidung, wie Sie auf diese Veränderungen reagieren, liegt sehr wohl in Ihrer Hand.“ (Seite 27) Mit dem Demenz-Buch möchte Bowlby Sifton Pflegepersonen „eine Orientierungshilfe bieten und Ihnen helfen, Schwierigkeiten zu überwinden. Mehr noch: Ich hoffe, dass Sie auf diesem anspruchsvollen Weg viele verborgene Schönheiten entdecken, Dinge, die Kraft schenken, Zuversicht wecken und Freude bereiten.“ (Seite 28)

Zu 1. Wer pflegt muss sich pflegen

Die Autorin beginnt ihr Buch mit einem Kapitel der Selbstpflege, weil sie der Überzeugung ist: „Einen Menschen mit Demenz zu betreuen zählt zu den größten Herausforderungen, die das Leben bereithält.“ (Seite 32), da diese Betreuung sehr stressige Belastungen beinhalten kann. Bowlby Sifton empfiehlt Pflegepersonen sehr eindringlich, sich um sich selbst zu kümmern, und nicht nur die Bedürfnisse des pflegebedürftigen Angehörigen zu sehen. So regt sie an, die alltäglichen Aufgaben zu überprüfen auf die Möglichkeit, diese zu vereinfachen oder anderen zu übertragen, und insbesondere andere Personen in die Betreuung des Demenzerkrankten einzubinden. Sie weist auf die Wichtigkeit von kleinen Auszeiten hin, und gibt zahlreiche Empfehlungen, wie man diese schaffen und gestalten kann. Auch eine gesunde Lebensführung ist für die Pflegeperson sehr wichtig. In der Pflegebeziehung selbst sieht Bowlby Sifton viele Möglichkeiten, für sich selbst zu sorgen: Das Genießen des Glücks des Augenblicks, kleine Momente, in denen wir schöne Dinge bewusst wahrnehmen; das Einnehmen einer positiven Haltung: die Wahl, die Dinge anders zu sehen; Dankbarkeit des pflegebedürftigen Angehörigen, die sich nicht nur in Worten ausdrücken muss; und vor allen Dingen den Humor nicht verlieren, indem man die Situationen nicht zu ernst nimmt, über eigene Fehler lachen kann, zusammen lacht und auch bewusst Dinge miteinander betrachtet, über die man lachen kann. In der Zeit der pflegerischen Betreuung beginnt auch bereits die Trauerphase, die als Prozess abläuft, auch hierfür soll sich die Pflegeperson Zeit nehmen und die Trauer nicht unterdrücken. Ein inneres Wachstum in der Zeit der Pflege ist „wichtiger Teil der Sorge um Ihr persönliches Wohlergehen.“ (Seite 68). Dazu gehört, sich selbst Fehler zu vergeben, sich gezielt Hilfe suchen, auch bei speziellen Angeboten für Alzheimererkrankte, sowie so viel wie möglich über die Erkrankung zu lernen, so dass es möglich ist, Dinge im Voraus zu planen, um belastende Krisensituationen zu vermeiden.

Zu 2. In der Gegenwart leben

In diesem Kapitel erläutert die Autorin, wie wichtig es ist, einzelne Momente bewusst zu leben. Sie beginnt mit Zitaten von Betroffenen, die ihren Gedächtnisverlust und die damit verbundenen Gefühle der Ohnmacht, des Sich-Verloren-Fühlens als schreckliche Momente beschreiben. Bowlby Sifton beschreibt die Aufgabe der Pflegepersonen so: „krankheitsbedingte Ausfälle auf kreative Weise zu kompensieren und dabei die gewohnte Nähe und Verbundenheit aufrechtzuerhalten – Wege zu finden, sich wortlos zu verständigen – um auf anderen Ebenen Beziehungen zu entdecken und zu erfahren“ (Seite 78). In zahlreichen Beispielen aus ihrer praktischen Erfahrung berichtet sie, wie diese Beziehungen aussehen können und welche Momente es geben kann, in denen „das Glück des Augenblicks“ (Seite 81) genossen werden kann. Die Autorin erklärt die Wichtigkeit, sich in die Welt des Demenzerkrankten hineinzuversetzen: Akzeptanz der Veränderung der Beziehung, Respekt vor der demenzerkrankten Person, das Ziel, dem demenzkranken Menschen zu ermöglichen, Lebensgewohnheiten beizubehalten, ihm in diesem Rahmen Beschäftigung zu geben und Unterstützung, wo er sie benötigt, die Gefühle des Demenzkranken zu verstehen, ihn zu akzeptieren, wie er jetzt ist, ihm Erfolgserlebnisse ermöglichen und ihn neue Dinge lernen lassen.

Zu 3. Was ist Demenz?

In diesem Kapitel gibt die Autorin einen Überblick über die medizinischen Hintergründe einer Demenz, wobei sie betont, dass es sich weder um „eine Krankheit noch um eine Diagnose, vielmehr um ein Syndrom, ein Krankheitsbild, (…) eine Vielzahl von Symptomen“ (Seite 116) handelt, die sehr individuell ausgeprägt auftreten. Die verschiedenen Demenztypen und ihre Diagnosestellung, Stadien und Ursachen, medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten werden beschrieben. Nach Auffassung von Bowlby Sifton stellt Umgang von Pflegenden mit demenzkranken Menschen bereits eine Art von Behandlung dar, indem Pflegende die Demenzkranken mit ihren noch vorhandenen Fähigkeiten und Ressourcen wieder in Verbindung bringen, damit diese sie nutzen können. Diese Fähigkeiten sind:

  • Angewohnheiten und Routinegedächtnis
  • Humor
  • Emotionales Bewusstsein und emotionales Gedächtnis
  • Geselligkeit und soziale Fertigkeiten
  • Sensorisches Bewusstsein und sensorische Freuden
  • Motorische Fertigkeiten
  • Musikverständnis
  • Langzeitgedächtnis

Der Umgang mit verschiedenen Demenzsymptomen im Bereich der kognitiven Fertigkeiten, des Verhaltens und der Körperfunktionen werden aufgeführt, erste Hinweise zum Umgang sowie Verweise auf weitere Kapitel werden gegeben.

Zu 4. Mit einem demenzkranken Menschen kommunizieren

Einleitend beschreibt die Autorin die Bedeutung des Zuhörens in der Kommunikation mit Demenzerkrankten, diese verlieren mit Fortschreiten der Erkrankung die Fähigkeit, „sich verbal mitzuteilen und unsere Worte zu verstehen.“ (Seite 174) Nonverbale Kommunikationswege eröffnen sich als Möglichkeit der Kommunikation, demenzerkrankte Menschen „entwickeln eine intuitive Sprache, verstehen die beredte Sprache des Herzens und teilen sich in dieser Sprache mit.“ (Seite 174) Zur Verbesserung der verbalen Kommunikation mit Demenzkranken empfiehlt Bowlby Sifton, die Person immer als erwachsenen Menschen sowie mit seinem richtigen Namen anzusprechen, damit sie sich in ihrem Person-Sein gewürdigt fühlen. Wichtig ist, die emotionale Botschaft in der verbalen Kommunikation zu erfassen und zu bekräftigen, damit die Person sich verstanden fühlt, insgesamt auf einen freundlichen Ton zu achten und die demenzkranke Person in Gespräche einzubeziehen, statt über sie zu sprechen. Für die Gesprächsführung ist es hilfreich, mit orientierenden, beruhigenden Informationen zu beginnen, „Pflegende müssen die Voraussetzungen schaffen und die Informationen liefern, welche Demenzkranke brauchen, damit sie sich sicher fühlen und bereit, an einem Gespräch teilzunehmen“. (Seite 189) Bowlby Sifton rät Pflegenden weiter, nicht so sehr auf die Erinnerung Wert zu legen, sondern vielmehr auf das Wiedererkennen der demenzerkrankten Person, das sich auch nonverbal zeigen kann. Die Kommunikation sollte mit positiven Formulierungen gestaltet werden, ohne den Kranken herabzusetzen oder gar einen Streit zu provozieren, mit kurzen einfachen Sätzen mit vertrauten Wörtern und konkret und eindeutig formuliert sein, die Rahmenbedingungen sollten die nötige Ruhe und Konzentration auf das Gespräch ermöglichen. Spezielle Empfehlungen für die Gestaltung von Besuchen und Telefonaten folgen.

Zu 5. Eine unterstützende Umgebung schaffen

In diesem Kapitel geht die Autorin zunächst auf das Phänomen ein, dass Demenzkranke häufig den Wunsch äußern, „nach Hause zu möchten.“ Sie erläutert, dass mit Zu Hause häufig das Gefühl nach Geborgenheit, Sicherheit und Akzeptanz ausgedrückt wird. In elf Schritten erläutert sie, wie Pflegende in diesen Situationen den demenzerkrankten Menschen helfen können. Weiter stellt sie Leitlinien zur demenzgerechten Lebensraumgestaltung in drei Bereichen vor: Dem Demenzkranken soll die Ermöglichung für ein erfolgreiches Handeln gegeben werden, hilfreich ist hier eine vertraute Umgebung, die auch bei notwendigen Umzügen, z.B. in eine Pflegeeinrichtung möglichst beibehalten werden sollte. Auch die Förderung von unabhängigen Aktivitäten ist sehr wichtig, es können auf Aktivitäten, die die Person früher gerne ausgeübt hat, zurückgegriffen werden, indem verschiedene Dinge als Angebote bereitgestellt werden, so dass die Person mit Demenz selbst initiativ handeln kann. Bowlby Sifton hält es für wesentlich, dass verschiedene Bedürfnisse von Personen mit Demenz in Einklang gebracht werden, sie berichtet, dass Wahlmöglichkeiten zugelassen werden sollten, z.B. bei alltäglichen Tätigkeiten wie der Auswahl der Bettwäsche. Ein freier Zugang ins Freie bietet frische Luft und Sonnenlicht und kann bei Wunsch genützt werden. Privatsphäre im Bad und im Schlafraum ist unbedingt zu respektieren und kann durch einen halboffenen Zugang zum Schlafzimmer das Bedürfnis nach Ruhe und nach Gesellschaft gleichermaßen befriedigen. Insbesondere zum Bedürfnis nach einem sicheren Ort stellt Bowlby Sifton einige praxisnahe Tipps vor, wie durch technische oder gestalterische Einrichtungen, Menschen mit Demenz vor Gefahren in der Wohnung oder durch Verlassen der Wohnung geschützt werden können. Abschließend werden zu den altersbedingten Veränderungen im Bereich Sehfähigkeit, Hörvermögen, Geruchs-, Geschmacks- und Tastsinn, Schmerz, Temperatur, Kinästhesie und Raumgefühl, Knochen und Gelenke, Positionsveränderungen und Schlaf Hinweise gegeben, wie diesen Veränderungen durch Anpassungen begegnet werden kann.

Zu 6. Den gewohnten Lebensstil beibehalten

Bowlby Sifton erläutert: „Menschen mit Demenz brauchen, wie gesunde auch, Aktivitäten, um ihr Dasein als sinnvoll zu empfinden.“ (Seite 248) Dabei ist das Tun selbst als ein „ur-menschliches Bedürfnis“ (Seite 249) sinnstiftend, das Ergebnis selbst steht nicht im Vordergrund. Forschungsergebnisse zeigen, dass aktive Menschen die durch Demenz hervorgerufenen Veränderungen des Gehirns gut kompensieren können. Wichtig ist laut der Autorin, den an Demenz leidenden Menschen Tätigkeiten ausüben zu lassen, die seinem gewohnten Lebensstil entsprechen und ihn bei Bedarf bei den Tätigkeiten zu unterstützen. Im Sinne des Person-zentrierten Ansatzes empfiehlt sie zu fragen: „Welcher Mensch hat diese Krankheit?“ (Seite 256) und möglichst viel über die Lebensgeschichte dieses Menschen zu erfahren, um die tätige Person in den Mittelpunkt stellen zu können, nicht so sehr die Tätigkeit selbst. Entsprechend der Kriterien für die Ermöglichung von Flow Erlebnissen nach Csikszentmihalyi rät Bowlby Sifton, eine Tätigkeit zu wählen, die erfolgreich bewältigt werden kann, auf die die Demenz erkrankte Person sich ausreichend konzentrieren kann, die ein Ziel hat, das für die Person sinnhaft ist und in der die Person aufgeht, sowie der Person Rückmeldung über die Durchführung der Aufgabe zu geben. Hier sind wieder vertraute Tätigkeiten hilfreich, aber auch Hindernisse wollen bewältigt werden, da die Menschen mit Demenz häufig nicht mehr abschätzen können, was bei der Tätigkeit auf sie zukommt, sie haben Angst zu versagen und können sich bei Wahlmöglichkeiten nicht entscheiden. Für die Aktivierung zur Teilnahme an Tätigkeiten zeigt die Autorin Beispiele auf, die „die Gelegenheit, aktiv zu werden, als warmherzige Einladung präsentieren.“ (Seite 273), wobei es besonders auf das Wie des Gesagten ankommt, für das Personen mit Demenz besonders empfindsam sind. Abschließend bietet die Autorin zahlreiche Anregungen und Hilfen an, wie das Tätig Sein von Menschen mit Demenz gefördert werden kann: Fähigkeiten nutzen und Gewohnheiten beibehalten, benötigte Utensilien bereithalten und den ersten Schritt erleichtern, indem entsprechende Hinweise und Signale verbal und nonverbal gegeben werden, die Tätigkeiten in Einzelschritte aufteilen, und manches vorbereiten, um mit einer einfachen Tätigkeit zu beginnen. Die Sinne sollen angeregt werden, dabei jeweils nur ein Sinn nach dem anderen angesprochen werden, weil eine Überstimulierung Menschen mit Demenz schnell überreizt. Erinnerungen aus der individuellen Lebensgeschichte, an Gegenstände von früher, über Fotos und Musik kann eine schöne Beschäftigung und Möglichkeit der Lebensverarbeitung darstellen.

Zu 7. Die Aktivitäten des täglichen Lebens meistern

Da die Aktivitäten des täglichen Lebens wie z.B. die Durchführung der Schritte der Körperpflege sehr kompliziert sind, wagen Menschen mit Demenz oft gar nicht mehr, die Umsetzung zu versuchen. In einzelnen Aspekten möchten sie jedoch weiter sich selbst versorgen, da dies auch Kennzeichen ihres Erwachsenenstatus sind. Wichtig ist hier wiederum, dass sich der Lebensalltag möglichst wenig verändert, so dass die Person ein möglichst hohes Maß an Selbstständigkeit weiter behalten kann ohne ihre Sicherheit zu gefährden. Bowlby Sifton bietet zahlreiche praktische Hinweise zu den Aspekten: Waschen, Duschen und Baden, Sexualität, Toilettengang, Ankleiden, Mund- und Haarpflege, Essen, Schlafen und Medikamenteneinnahme an. Auch zu den Themen Umgang mit Geld, Mobilität und Autofahren, Einkaufen, Kochen und den Tätigkeiten zur Versorgung des Haushalts gibt sie viele Tipps zur Gestaltung unter der noch möglichen Einbeziehung der Person mit Demenz.

Zu 8. Freizeitaktivitäten tun gut!

Aktiv zu sein, eine Aufgabe zu haben, gibt den Menschen Sinn und Befriedigung, andere Tätigkeiten bieten Entspannung und Erholung. Dies gilt in gleicher Weise für Menschen mit Demenz, die besonders „das Glück des Augenblicks genießen und sich an den einfachen Dingen des Alltags erfreuen“ (Seite 349) können. Für Personen, die an Demenz leiden, sind besonders gewohnte Aktivitäten des Alltags geeignet, die an Lieblingsbeschäftigungen anknüpfen. Wenn diese Beschäftigungen nicht mehr voll ausgeübt werden können, genügt es oft, Dinge, die damit zu tun haben, anzuschauen oder zu berühren. Die Autorin gibt zunächst einen Überblick, welche Merkmale die gut geeigneten Tätigkeiten haben sollten und nennt Beispiele dazu. Dann stellt sie verschiedene Aktivitätskategorien vor: Unter Aktivitäten mit Aufforderungscharakter bietet sie eine ganze Liste mit Vorschlägen an, die der demenzerkrankten Mensch möglicherweise selbst fortführen kann. Auch einfache spontane Aktivitäten können ohne große Vorbereitung durchgeführt werden. Zu den Aktivitäten wie Holz- oder Reparaturarbeiten, Kochen, Schreibtischtätigkeiten, Spiele, Garten- und Hausarbeit, Musik, die Beschäftigung mit Hautieren, Handarbeiten, spirituellen Aktivitäten, Sport und Reisen gibt Bowlby Sifton hilfreiche Tipps für die Praxis, wie diese Tätigkeiten für eine Person mit Demenz gestaltet werden können, damit sie diese als wertvoll und angenehm empfindet.

Zu 9. Schwierige Verhaltensweisen verstehen, verhindern und beantworten

Bowlby Sifton erläutert einleitend, dass die betreuenden Personen von Menschen mit Demenz immer vor Augen haben sollten, „dass das Verhalten schwierig ist, nicht die Person.“ (Seite 370) Hinter diesen Verhaltensweisen steht jeweils eine Bedeutung, oft ist dies die einzige Möglichkeit für die Person mit Demenz, sich mitzuteilen, da sie ihr Verhalten aufgrund der Gehirnerkrankung nicht mehr bewusst kontrollieren kann. Sie betont: „Wenn die ersten Demenzsymptome auftreten, ist das Gehirn bereits zu 80 % geschädigt.“ (Seite372) Für den Umgang mit Situationen mit schwierigen Verhaltensweisen empfiehlt sie, nicht zu versuchen, den Demenzerkrankten von der Realität zu überzeugen, sondern die hinter dem Verhalten stehenden Bedürfnisse möglichst kreativ zu befriedigen. Hilfreicher erscheint ihr jedoch die Vorbeugung, hierzu führt sie einige Tipps auf und erläutert diese, bzw. verweist auf andere Kapitel. Anschließend führt die Autorin eine Problemlösungsstrategie in 10 Schritten zur Bewältigung von schwierigen Situationen auf, die sie zunächst theoretisch erklärt und dann anhand eines konkreten Fallbeispiels, der Körperpflege, praktisch erläutert. Das Kapitel schließt mit dem Thema „Umgang mit bestimmten Verhaltensweisen“. Hier werden jeweils die einzelnen Verhaltensweisen beschrieben und dann anhand der drei Fragen: Was mag der Person fehlen? Wie lassen sich die Bedürfnisse befriedigen? Was können Sie tun? erläutert, wie Pflegende mit diesem Verhalten umgehen könnten. Die aufgeführten schwierigen Verhaltensweisen sind:

  • Umherwandern
  • Abendliche Unruhe
  • Ständiges Fragen
  • Ständiges Umherlaufen
  • Dinge einkaufen und verstecken
  • Repetitive Handlungen
  • Verdächtigungen und Vorwürfe
  • Extreme Erregtheit (Agitation)
  • Überschießende Reaktionen
  • Unangemessenes Sexualverhalten

Zu 10. Pflegeplanung

In diesem abschließenden Kapitel wird die Planung der Pflege eines Menschen mit Demenz vorgestellt. Die „Situationen sind tragisch, traumatisch und höchst belastend. Sie beeinträchtigen die Beziehungen, überfordern die psychischen Kräfte und schlagen Wunden.“ (Seite 408), deshalb ist eine gute Vorbereitung sehr wichtig. Zunächst geht die Autorin darauf ein, sich ausreichend über die Erkrankung, ihre Symptome und den Umgang mit den Erkrankten zu informieren, die betroffene Person selbst zu informieren, aber auch weitere Angehörige, Freunde und Nachbarn, dabei aber im Auge zu behalten, dass jeder Fall sehr individuell ist und auch so behandelt werden sollte. Dann erläutert die Autorin, wie man möglichst ehrlich die pflegerische Situation betrachten sollte und sich mit der Möglichkeit auseinandersetzen sollte, Hilfe in Anspruch zu nehmen, z.B. eine pflegerische Versorgung in einem Pflegeheim. Sie berichtet beachtenswerte Punkte bei der Auswahl geeigneter Angebote und entmythisiert Aussagen, die häufig die betreuenden Personen daran hindern, professionelle Hilfe anzunehmen. Abschließend betont sie die Wichtigkeit, sich rechtzeitig über die verschiedenen Angebote zu informieren und finanzielle und rechtliche Angelegenheiten zu regeln.

Zum Anhang: Persönlicher Auskunftsbogen „Alles über mich“

Im Anhang wird der persönliche Auskunftsbogen „Alles über mich“ vorgestellt und seine Bedeutung erläutert. Der Bogen besteht aus drei Teilen: 1. Das Wichtigste in Kürze; 2. Lebensgewohnheiten; 3. Meine Lebensgeschichte. Der persönliche Auskunftsbogen ist vollständig abgedruckt.

Am Ende des Buches befinden sich weiter Literaturverzeichnisse für die englische und deutsche Literatur, Abdruckgenehmigungen und ein umfangreiches Adressenverzeichnis sowie Internetadressen von Organisationen und Beratungsstellen aus dem deutschsprachigen Raum sowie ein Schlagwortverzeichnis.

Diskussion

Das Buch ist ein sehr praxisorientierter Wegbegleiter im wahrsten Sinne des Wortes. Vom Beginn des ersten Erkennens von Symptomen einer Demenz über die verschiedenen Stadien erläutert das Buch fachliche Hintergründe und gibt unzählige Ratschläge und Tipps für den Alltag, für das Leben mit Menschen mit Demenz und die Pflege von Menschen mit Demenz. Mit seiner fachlichen aber dennoch einfach verständlichen Sprache spricht es vor allem den Laien an, d.h. den Ehepartner, die Kinder, Angehörige und Freunde von Menschen mit Demenz. Doch auch für beruflich bereits in der Betreuung von an Demenz erkrankten Personen erfahrene Pflegepersonen, Ergotherapeuten, Ärzte und Angehörige weiterer Professionen finden sich hier wertvolle Hinweise.

Das Buch umfasst ohne Anhang nahezu 500 Seiten, ein Umfang, der manchen interessierten Leser zunächst zurückschrecken lassen könnte. Der Aufbau des Buches ermöglicht jedoch einen Quereinstieg bei jedem Thema, zu dem gerade eine Fragestellung auftritt. Einige redundante Passagen lesen sich leicht und stören daher nicht, Querverweise reduzieren Redundanzen.

Die einzelnen Themen werden anhand von zahlreichen Praxisbeispielen erläutert, die die reiche Erfahrung der Autorin belegen, wobei sie sich nicht zu schade ist, auch eigene Misserfolge auf ihrem Weg des Lernens in der Arbeit und im Leben mit Menschen mit Demenz aufzuzeigen. Dies macht ihr Buch sehr authentisch und ist sicherlich für betroffene Angehörige, die Rat für ihr Leben mit einem Menschen mit Demenz suchen, trostspendend, weil es zeigt, wie herausfordernd dies sein kann. Insbesondere die einleitenden Kapitel mit den Hinweisen der notwenigen Selbstpflege zeigen wie wichtig diese Aspekte der Autorin sind.

Insgesamt ist das Buch in einer sehr sensiblen und wertschätzenden Haltung gegenüber an Demenz erkrankten Menschen und ihren Angehörigen und betreuenden Personen verfasst.

Fazit

Das vorliegende „Demenz-Buch“ ist ein Wegbegleiter für die Praxis, das insbesondere für Angehörige aus der Familie und dem Freundeskreis von Menschen mit Demenz sehr zu empfehlen ist. Es ist leicht verständlich geschrieben und durch die zahlreichen Beispiele über Verhaltensweisen von Menschen mit Demenz und den Umgang mit ihnen auch für Laien nachvollziehbar. Auch für professionell tätige Personen erfüllt das Buch fachliche Ansprüche und eine hohe Praxisorientierung.


Rezensentin
Diplom-Pflegewirtin (FH) Barbara Scharfenberg
Pflegedirektorin, Kreisklinik Ebersberg


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Zitiervorschlag
Barbara Scharfenberg. Rezension vom 03.02.2014 zu: Carol Bowlby Sifton: Das Demenz-Buch. Ein „Wegbegleiter“ für Angehörige, Pflegende und Aktivierungstherapeuten. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2011. 2., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-456-84928-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13053.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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