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Ullrich Dittler, Michael Hoyer (Hrsg.): Aufwachsen in sozialen Netzwerken

Cover Ullrich Dittler, Michael Hoyer (Hrsg.): Aufwachsen in sozialen Netzwerken. Chancen und Gefahren von Netzgemeinschaften aus medienpsychologischer und medienpädagogischer Perspektive. kopaed verlagsgmbh (München) 2012. 272 Seiten. ISBN 978-3-86736-273-3. D: 18,80 EUR, A: 19,40 EUR.
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Aufwachsen in sozialen Netzwerken

Aktuelle Negativ-Schlagzeilen wie Geburtstagsfeiern, die nach Facebook-Einladungen zu Massenpartys ausufern oder Aufrufe zur Lynchjustiz machen deutlich, dass soziale Online-Netzwerke unleugbar zur gesellschaftlichen Realität gehören. Vor allem für Heranwachsende: Im Jahr 2011 besuchten laut Jim-Studie1 rund Dreiviertel aller Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren mindestens mehrmals in der Woche „Online-Communities“, wobei im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung verzeichnet werden konnte. „Online-Communities“, auch bekannt als soziale Netzwerke – kurz als „Social Web“ bezeichnet –, sind Plattformen im Internet, die dem sozialen Austausch dienen, aber zunehmend Funktionen integrieren, die über die reine Kommunikation hinausgehen. An erster Stelle der Nutzungshäufigkeit bei den Jugendlichen steht zurzeit das Netzwerk facebook, welches die Konkurrenz deutlich hinter sich lässt und somit fast zum Synonym für soziale Netzwerke in dieser Altersgruppe avanciert ist.
Von den oftmals außenstehenden Eltern, Lehrkräften und Fachleuten, den so genannten „Digitalen Einwanderern“ hingegen werden diese Netzwerke teils kritisch beäugt: Wie steht es um die Privatsphäre angesichts der Datensammelwut und der datenschutzmäßigen Freizügigkeit jener Netzwerke? Ersetzt die Nutzung von Online-Netzwerken gar den „wirklichen“ Umgang mit Freunden. Und wie befreundet sind eigentlich die rund 200 „Freunde“ eines facebook-Profils? Wie schütze ich Jugendliche vor virtueller Gewalt, dem Cyber-Mobbing? Die Liste an Fragen ließe sich mühelos erweitern und zeigt die Aktualität des Themas „Aufwachsen in sozialen Netzwerken“, welches die Herausgeber mit ihrer Veröffentlichung aufgreifen.

Herausgeber

Prof. Dr. Ulrich Dittler ist Professor für Interaktive Medien an der Hochschule Furtwangen. Er leitet zudem das dortige Informations- und Medienzentrum.
Prof. Michael Hoyer ist Honorarprofessor an der Hochschule Furtwangen, Inhaber einer Consulting-Firma für den Bereich Kommunikation und Präsentation sowie Initiator der Medienkongresse in Villingen-Schwenningen.
Die Autorinnen und Autoren der Fachbeiträge sind in verschiedenen Fachdisziplinen der Medien- und Gesellschaftswissenschaften beheimatet, stammen aus universitären und außeruniversitären Arbeitsfeldern und sorgen damit für ganz unterschiedliche Perspektiven auf das Thema.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Sammelwerk beinhaltet die Beiträge des „4. Medienkongresses Villingen-Schwenningen“, der am 8. und 9. März 2012 – etwa zeitgleich zur Veröffentlichung des vorliegenden Buches – stattgefunden hat. Der Kongress zum Thema „Digitale Netzgemeinschaften unter medienpsychologischer und mediensoziologischer Perspektive“ setzte es sich zum Ziel, aufzuzeigen, wie soziale Netzwerke den Alltag von Nutzern verändern.

Aufbau und Inhalt

Nach der Einleitung durch die Herausgeber umfasst das Buch 17 Fachbeiträge, die nicht nach Schwerpunkten geordnet sind. Die Herausgeber ordnen sie in der Einleitung jedoch verschiedenen Bereichen zu, was ich für die inhaltliche Orientierung sehr hilfreich finde und für diese Rezension mit gewissen Änderungen adaptieren möchte.

Der erste, drei Beiträge umfassende Bereich wäre am besten charakterisiert mit dem Titel: „Fakten und Erfahrungen mit der Nutzung sozialer Netzwerke“: Beate Frees und Katrin Busemann liefern mit ihrem Aufsatz „Internet goes Community“ Fakten zur Nutzung sozialer Netzwerke durch Jugendliche – nicht nur, was die Häufigkeit anbelangt, sondern auch das Problembewusstsein in Sachen Datenschutz oder Erfahrungen mit Cybermobbing. „Heranwachsen in den Zeiten des Social Web“ ist das Thema von Ingrid Paus-Hasebrink und Sascha Trültzsch, welches sie anhand funktionaler Kategorien sozialer Netzwerke, Nutzertypen und Risikodimensionen entfalten. Dabei sehen Autorin und Autor Handlungsbedarf im Bereich Datenschutz auf Anbieter- sowie in puncto Medienkompetenz auf Nutzerseite. Einen Erfahrungsbericht zum „Medienfasten“, dem Selbstversuch einer sechswöchigen Internetabstinenz liefert der Journalist und Buchautor Christoph Koch, quasi als Auszug und Vorgeschmack auf sein aktuelles Buch zum selben Thema.

Digitale Freundschaften“ wäre ein passender Titel für den zweiten thematischen Schwerpunkt, der eröffnet wird von Thomas G. Wannhoffs Beitrag: „Von Freundschaften zu Fans und Friends“. Darin geht der Autor der Frage nach, wie soziale Netzwerke die Bedeutung des Begriffes „Freundschaft“ verändern, aber auch, welche neuen Möglichkeiten sie - beim Auffinden ehemaliger Freunde zum Beispiel – bieten. Mit den Interaktions- und Bindungsformen der „Generation Facebook“ beschäftigt sich Bernadette Kneidinger in ihrem Beitrag: „Beziehungspflege 2.0“. Die Autorin stellt dar, wie soziale Netzwerke auf Beziehungen wirken können und kommt aufgrund eigener Forschungen zu dem Schluss, dass diese Netzwerke weder reale Kontakte ersetzen noch Kontaktbörsen darstellen. Vielmehr werden reale Beziehungen durch virtuelle Aspekte erweitert. Dass sich die persönliche und intime Bedeutung von Freundschaft unter jungen Erwachsenen auch angesichts eines inflationären Gebrauches virtueller Freundschaftsbeziehungen in sozialen Netzwerken nicht grundlegend verändert habe, begründet Claudia Schipper in ihrem Beitrag „Freundschaftsbeziehungen in sozialen Online-Netzwerken am Beispiel StudiVZ“.

Ein dritter thematischer Schwerpunkt kreist um die Fragestellung: „Motivation, Zweck und Ziel der Kommunikation in sozialen Netzwerken“. Für Dominik J. Leiner liegt „Der Nutzen sozialer Online-Netzwerke“ neben dem Zeitvertreib vor allem in der Gratifikation durch den Kontakt mit der Peer Group. Auch nach Leiners Ansicht ersetzen diese Netzwerke nicht die realen Interaktionen, sondern erweitern sie in den virtuellen Raum, mit positiven wie negativen Aspekten. Dass das Engagement in sozialen Netzwerken nicht nur dem privaten Zeitvertreib dient, sondern auch in den gesellschaftlichen Diskurs hinein reichen kann, thematisiert Martin Wettstein mit seinem Beitrag: „Politische Partizipation im Social Web“. Hier zeigt der Autor, welche Möglichkeiten der aktiven Online-Partizipation sich bieten, die weit über das bloße Informieren hinausgehen. „Zuhören!“ ist quasi der kategorische Imperativ, den Ossi Urchs den Digital Immigrants – d.h. den Leuten, die wahrscheinlich überwiegend seinen Beitrag lesen werden – nahe legt. Vom Prozess der Digitalisierung über die Rolle der Nutzer und der Exponentialität von Netzwerkeffekten schlägt der Autor den Bogen zu der Erkenntnis, dass Institutionen sich respektvoll und zuhörend in die Kommunikation mit den Digital Natives und auf einen beidseitigen Lernprozess einlassen sollten.

Kritisch beleuchtet: Die (kommerziellen) Interessen hinter den Netzwerken“ ist der vierte Schwerpunkt, der vier Beiträge umfasst. Für Sascha Adamek ist das Thema Freundschaft bei Facebook nur eine vordergründige Fassade, dienten doch Freunde in diesem Netzwerk nach seiner Meinung nur als „Futter für die kommerzielle Verwertung unserer Interessen“ (Seite 162). Der Autor diagnostiziert folglich „Die Facebook-Falle“ und skizziert Ambivalenzen, zweifelhafte Geschäftsphilosophien und mögliche hintergründige Entwicklungen dieses Freundschaftsnetzwerkes. In eine ähnliche Richtung geht der Beitrag von Carsten Göring: „Netz der Einsamkeit“. Der Autor befürchtet, dass ubiquitäre soziale Netzwerke, in Verbindung mit Suchmaschinen etwa, redundante Denkräume bei den Nutzern formen, die mehr Altbekanntes widerspiegeln als Neues zu eröffnen. „Einmal im Netz, immer im Netz“, meint Thomas Gronenthal, der den Einfluss von sozialen Netzwerken auf das Privat- und Arbeitsleben beschreibt. Der „Privatsphärenschutz in sozialen Netzwerken“ sei nach Ansicht von Andreas Poller nicht nur eine Sache der Nutzer, sondern auch eine Aufgabe, die an die Anbieter zu stellen ist. Poller schlägt mit der Dezentralisierung von Dienstanbietern, der Einführung verbindlicher Regularien sowie kryptografischen Techniken komplementäre Wege vor, die Privatsphäre in sozialen Netzwerken zukünftig besser zu schützen.

Der abschließende Schwerpunkt, um den vier weitere Beiträge kreisen, ließe sich beschreiben als „Selbstdarstellung und ihre Folgen“. Dass die Selbstdarstellung auf Facebook per se eine Gratwanderung zwischen dem Schutz der Privatsphäre und dem Herstellen einer optimal großen Öffentlichkeit bedeutet, erkennt Nina Haferkamp in ihrem Beitrag: „Das Facebook-Dilemma“. Die Autorin sieht der Medienkompetenz eine wesentliche Rolle dabei zukommen, dieses Dilemma konstruktiv zu bewältigen. „Soziale Netzwerke und Schule“ von Claudia Müller-Lütken und Nandoli von Marées betrachtetet das Phänomen Cyber-Mobbing aus schulpsychologischer Sicht. Dazu geben die Autorinnen Anregungen ab, wie Eltern, Kinder und Jugendliche mit Tätern und Betroffenen umgehen können. Axel Maireder und Manuel Nagl analysieren die Prozesse des „Cybermobbing im Kontext“ anhand einer von ihnen durchgeführten qualitativen Studie mit Jugendlichen. Die Autoren sehen virtuelle Gewalthandlungen als „Ausdruck hybrider Regeln sozialen Austausches in einem soziotechnischen Raum“ (Seite 241), die aber gleichfalls verschiedene physische und virtuelle Kommunikationsräume umfassen, was sie mit Aussagen von Jugendlichen illustrieren. Den abschließenden Beitrag bringt Klaus Eck, der die „Karrierefalle Internet“ thematisiert. Dem Autor geht es aber weniger um das stereotyp zitierte, den Stellenbewerber kompromittierende Trinkgelage-Foto auf Facebook als vielmehr um Erfolge und Gefährdungen der Online-Reputation von Unternehmen, die mit ihren Kundinnen und Kunden über soziale Netzwerke interagieren - was durch Tipps für das unternehmerische „Social Media Engagement“ abgerundet wird.

Diskussion

Ohne Zweifel hat das vorliegende Buch ein wichtiges Thema angepackt, denn es stimmt: Soziale Netzwerke sind ubiquitärer Bestandteil der Lebenswirklichkeit von Jugendlichen. Und nein: Die Beziehungspflege via Internet bringt nicht Scharen von vereinsamten Stubenhockern vor dem PC hervor. So ist es beruhigend zu erfahren, dass „Freundschaft“ auch angesichts ausufernder virtueller Freundeskreise im Grunde immer noch eine recht bodenständige Bedeutung besitzt, die sich an „realen“ Kontakten orientiert.

Vielmehr werden virtuelle Räume als Erweiterung realer Kontakte, Beziehungen und Interaktionen genutzt. Nicht in der Ablösung, sondern der Ergänzung physischer Kommunikationsräume, im neuen Zusammenwirken von realen und virtuellen Interaktionen, liegt die eigentliche Veränderung, die im Buch treffend und ausführlich beschrieben wird. Das Thema macht aber auch deutlich, dass das bisherige „Generationsverhältnis“ bei der Weitergabe von Wissen auf den Kopf gestellt wird. Die Schnelligkeit technologischer Entwicklungen führt hier dazu, dass die Elterngeneration der „Digitalen Immigranten“ bei den „Digital Natives“ oftmals in die Lehre geht – zumindest, was das technische Know-how im Umgang mit diesen Netzwerken betrifft. Dennoch hat auch die „ältere“ Generation etwas beizutragen, nämlich indem sie die Sinne für das Hintergründige schärft: Stehen doch hinter den sozialen Netzwerken teils globale Konzerne mit ganz eigenen Absichten, die nicht immer sozialen Prämissen folgen müssen. Auch dieser Punkt wird in der vorliegenden Veröffentlichung auf sehr interessante und reflektierte Weise ausgeführt.

Angesichts der Tatsache, dass das „Aufwachsen“ in sozialen Netzwerken zumindest laut Titel im Fokus der Veröffentlichung steht, hätte ich mir gewünscht, dass mehr Beiträge aus medienpädagogischer Sicht enthalten gewesen wären. Es genügt aus meiner Sicht nicht, die Wichtigkeit von Medienkompetenz zu betonen. Es sollte auch gezeigt werden, wie diese aussieht und praktisch vermittelt werden kann: Wie sehen beispielsweise die Projekttage aus, die an Schulen zum Thema „kompetenter Umgang mit sozialen Netzwerken“ stattfinden? Der Punkt „Medienkompetenz konkret“ hätte aus meiner Sicht durchaus eine Vertiefung verdient.

Insgesamt vermittelt der vorliegende Tagungsband aber einen fachlich kompetenten, vielschichtigen und facettenreichen Einblick in das Thema soziale Netzwerke, der allen zu empfehlen ist, die sich mit dieser Thematik sowohl einführend als auch vertiefend anhand aktueller Forschungsergebnisse und Zahlen auseinandersetzen wollen.

Hervorheben möchte ich dabei, dass die Veröffentlichung zeitgleich zum Kongress herausgegeben wurde, was bei Tagungsbänden eher selten der Fall ist, aber angesichts der Schnelllebigkeit digitaler Entwicklungen die Aktualität der Information und Themen unterstreicht.

Fazit

Der Tagungsband des vierten „Medienkongresses Villingen-Schwenningen“ bietet aktuelle Forschungsergebnisse und wissenschaftlich fundierte Perspektiven auf das zurzeit vielleicht wichtigste Thema im Schnittpunkt von Medienpädagogik und -soziologie.

1 Studie „Jugend in den Medien“. Abrufbar im Internet. URL: www.mpfs.de [Stand: 17.3.2012]


Rezensent
Dr. Stefan Anderssohn
Sonderschullehrer an einer Internatsschule für Körperbehinderte. In der Aus- und Fortbildung tätig. Weitere Informationen auf der Homepage.
Homepage www.anderssohn.info
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Zitiervorschlag
Stefan Anderssohn. Rezension vom 30.04.2012 zu: Ullrich Dittler, Michael Hoyer (Hrsg.): Aufwachsen in sozialen Netzwerken. Chancen und Gefahren von Netzgemeinschaften aus medienpsychologischer und medienpädagogischer Perspektive. kopaed verlagsgmbh (München) 2012. ISBN 978-3-86736-273-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13054.php, Datum des Zugriffs 20.10.2017.


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