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Annelen Collatz, Rainer Sachse: Klärungsorientiertes Coaching

Cover Annelen Collatz, Rainer Sachse: Klärungsorientiertes Coaching. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2011. 162 Seiten. ISBN 978-3-8017-2391-0. D: 26,95 EUR, A: 27,80 EUR, CH: 36,90 sFr.
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Thema

Beratungsformate wie Supervision und Coaching verdanken viele ihrer Basistheorien der psychotherapeutischen Arbeit. Die unterschiedlichen Supervisions- oder Coachingkonzepte haben sich in Analogie zu psychologischen Schulen gebildet, was Buchtitel wie "Verhaltenstherapeutische Supervision", "Lösungsfokussiertes Coaching" oder "Gestaltberatung" belegen. Da es sich aber sowohl bei Supervision als auch bei Coaching ausdrücklich nicht um Therapie handelt, ist neben der Aufnahme grundlegender Einsichten der Psychotherapie auch eine deutliche und haltbare Abgrenzung notwendig. Wo Grenzen nicht klar gezogen werden, leidet naturgemäß die Definition, und schwache Definitionen ergeben unklare Felder.

Das vorliegende Buch von Collatz und Sachse ist ein weiterer Versuch, Ergebnisse psychotherapeutischer Theorie und Praxis für Coaching nutzbar zu machen. Die Projektbeschreibung lautet: "Wir arbeiten in diesem Buch den Ansatz der „Klärungsorientierten Psychotherapie“ … für die Anforderungen des Coachings um." (S. 9) Das Ergebnis dieses Umarbeitens heißt "Klärungsorientiertes Coaching" (KOC), was – für mich jedenfalls – gleich die erste Irritation mit sich bringt: Wie aussagekräftig sind Begriffe, von denen man sich das Gegenteil schlechterdings nicht vorstellen kann? Aber vielleicht wird sich das im Laufe der Lektüre klären.

AutorInnen

Annelen Collatz hat an der Ruhr-Universität Bochum Psychologie und Arbeitswissenschaften studiert und zum Thema Topmanagement promoviert. Zusätzlich hat sie eine Ausbildung zur klärungsorientierten Psychotherapeutin absolviert und arbeitet freiberuflich im Bereich Potenzialanalyse, Training und Coaching.

Rainer Sachseist Professor und Leiter des Institutes für Psychologische Psychotherapie an der Ruhr-Universität Bochum mit den Arbeitsschwerpunkten Klinische Psychologie, Klärungsorientierte Psychotherapie und Verhaltenstherapie.

Aufbau und Inhalt

Die Einleitung stellt zunächst die Frage: "Warum noch ein Coaching-Buch?" und gibt dann einen Überblick über den Aufbau des Buches.

Das zweite Kapitel ist überschrieben mit "Das Klärungsorientierte Coaching: Psychologische Grundlagen und Interventionskonzepte." Es behandelt neben einer Abgrenzung von Coaching und Psychotherapie "grundlegende Problemfelder": eine Definition von Coaching, die Struktur der Problemdefinition im Klärungsorientierten Coaching und ein Ablaufschema von Coachingprozessen.

Im dritten Kapitel werden die "Grundlagen des Klärungsorientierten Coachings" dargestellt. Nach der anfänglichen Frage "Was bietet Coaching" folgt das Konzept der drei Prozessebenen (Inhaltsebene, Bearbeitungsebene, Beziehungsebene), und schließlich wird ein erster Hinweis auf "Klärungsprozesse" gegeben – dieser für das Konzept zentrale Begriff wird später unter der Überschrift "Klären von Schemata" ausführlich behandelt.

Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit dem Thema "Kontaktaufnahme und Bezeihungsgestaltung" und unterscheidet eine "Allgemeine Beziehungsgestaltung", die den Grundhaltungen nach Rogers folgt (Verstehen, Akzeptieren, emotionale Wärme, Kongruenz etc.) und eine "Komplementäre Beziehungsgestaltung", die auf menschliche Grundbedürfnisse wie Anerkennung, Wichtigkeit, Autonomie etc. bezogen ist. Der letzte Absatz dieses Kapitels leitet unter der Überschrift "Die Entstehung von Schemata aus der Frustration von Motiven" über zum zentralen "Schema-Konzept" der AutorInnen, das im fünften Kapitelunter der Überschrift "Schemata" grundlegend behandelt wird.

Das sechste Kapitel ist dem "Klären von Schemata" gewidmet und beschreibt unter anderem den konzepttypischen Verlauf eines Klärungsprozesses.

Wenn ein Schema geklärt ist, kann es bearbeitet werden. Mit dem Thema "Bearbeitung von Schemata" befasst sich dementsprechend das siebte Kapitel. Als Methode stellen Collatzund Sachsedas Ein-Personen-Rollenspiel (EPR) vor. Schemata, vor allem solche normativer Art, sind wesentliche Aspekte eines Persönlichkeitsstils. Bestimmte Persönlichkeitsstile, nämlich solche mit besonders ausgeprägten Norm- und Regelschemata, führen leicht zu Interaktionsproblemen, mit denen sich das achte Kapitel unter der Überschrift "Interaktionsprobeme" befasst.

Das abschließende neunte Kapitel beschreibt einen methodischen Weg der "Problem-Analyse", nämlich der Bildung eines "Klientenmodells" mithilfe des BIP, des "Bochumer Inventars zur berufsbezogenen Persönlichkeitsbeschreibung".

Ein ausführliches Literaturverzeichnis beschließt den Band.

Diskussion

Die anfängliche Irritation, die der Titel "Klärungsorientiertes Coaching" bei mir ausgelöst hat, hat sich als haltbar erwiesen. Am Ende ist mir dann eben doch mehr unklar als klar. Aber der Reihe nach:

Ein Buch, das sich zuerst dafür entschuldigt, dass es da ist, ist ähnlich attraktiv wie ein Mensch, der sich quasi zur Begrüßung dafür entschuldigt, dass er auf der Welt ist. Die Begründung, warum dann nun doch noch ein neues Coachingbuch erscheinen muss, ist die: "…weil wir ein im Bereich des Coaching neues Konzept vorstellen." (S. 9) An diesem Anspruch muss das Buch nun gemessen werden. Aber: Beschreibungen der Phasen eines Coachingprozesses finden sich in nahezu jedem Coachingbuch – nichts Neues! Die Unterscheidung unterschiedlicher Kommunikations- und daher eben auch Prozessebenen überrascht seit Watzlawick et.al. auch niemanden mehr, wenn auch eine Zwischenetage eingezogen wird, die "Bearbeitungsebene" - wie immer man sie von der Inhaltsebene unterscheiden soll, wenn doch gilt: "Auf der Bearbeitungsebene steht der Umgang mit dem Inhalt im Focos der Betrachtung." (S. 24) Nichts Neues!

Die "allgemeine Beziehungsgestaltung" greift zurück auf Formulierungen von Rogers - seit langem bestens vertraut. Nichts Neues! Ebenso wenig überraschend ist das Konzept der komplementären Beziehungsgestaltung. Das Schema-Konzept erinnert stark an das Konzept der Skriptbildung in der TA – hilfreich, aber auch nicht wirklich neu! Die Bearbeitung von Schemata im Ein-Personen-Rollenspiel ist eine Grundarbeitsweise (nicht nur) der Gestalttherapie – mithin auch nicht neu. Neu mag immerhin die "Bildung eines Klienten-Modells" mit dem BIP sein – wie hilfreich es ist, sei dahingestellt. Die Bochumer werden hier über ausreichende Erfahrungen verfügen.

Es gibt Teesorten, bei denen auch der fünfte Aufguss noch sehr schmackhaft ist, hier aber wird es dann doch recht dünn. Zudem verfestigt sich bei der Lektüre die Wahrnehmung, es werde vieles mindestens fünfmal dargestellt und erklärt. Was mich allerdings am meisten irritiert, ist die Haltung, die in diesem Konzept sichtbar – und vermutlich auch wirksam – wird. Zunächst einmal werden andere Coaching-Konzepte (ohne weiteren Nachweis) disqualifiziert, um das eigene Konzept zu heben: "Anders als bei vielen anderen Coaching-Ansätzen, die oft nur eine unsystematische Ansammlung von Einzeltechniken sind, stellt KOC ein in sich schlüssiges, gut psychologisch abgeleitetes Rahmenkonzept dar…" (S. 9) Dann gibt es eine, wie ich finde, etwas riskante Abgrenzung von Psychotherapie und Coaching: "Während Klienten der Psychotherapie oft eine (mehr oder weniger) starke Störung aufweisen, die es ihnen erschwert, in bestimmten Lebens- und Arbeitsbereichen ausreichend zu funktionieren, verfügen zu Coachende über viele Ressourcen und Kompetenzen, sie erfüllen berufliche Aufgaben und bewegen sich auf hohem Funktionsniveaus." (S. 13) Ich hoffe doch, dass auch Psychotherapeuten mit den Ressourcen und Kompetenzen ihrer Patienten rechnen und arbeiten!

Natürlich kann es auch für Coaching kein verbindliches Credo geben, das dann alle mitbeten müssen. Dennoch finde ich einen systemischeren Blick hilfreicher, weil er bestimmte Illusionen vermeidet, zum Beispiel die, man könne (Coaching-)Prozesse gezielt steuern. Collatz und Sachse hinterfragen ein Denken in Kausalbeziehungen an keiner Stelle, und ein Satz wie "Coaches müssen alle Verarbeitungsprozesse des Klienten, die zur Klärung relevant sind, gezielt steuern" provoziert als Antwort den Satz von Wittgenstein: "Der Glaube an den Kausalnexus ist der Aberglaube". Eine systemischere Sicht könnt auch das Problem eher würdigen, statt es als "Blödsinn" zu bezeichnen: vgl. S. 101, 111, 113. Wertschätzung erleichtert die Veränderung,auch bei Problemen. Eine systemischere Sicht würde möglicherweise auch auf Sätze wie diesen verzichten: "Psychometrische Persönlichkeitsverfahren bilden objektiv das Selbstbild der Person ab." (S. 147)

Ein guter systemischer Satz lautet: "Es ist nicht möglich, im System nicht zu lernen." Es ist auch, glaube ich, nicht möglich, ein Buch von fachkundigen AutorInnen zu lesen ohne zu lernen. Und die Fachkundigkeit von Collatz und Sachse steht nicht in Frage. Allein drei Seiten im Literaturverzeichnis sind gefüllt mit Publikationen von Rainer Sachse. Es gibt bei der Lektüre des Buches immer wieder Aha-Momente, z.B. bei der Beschreibung des Umgangs mit Regel- und Normen-Schemata. Und ich kann und will nicht die Wirksamkeit einer klärungsorientierten Psychotherapie hinterfragen, aber es scheint dennoch so zu sein, dass nicht unbedingt jeder therapeutische Ansatz hilfreich in Coaching übersetzt werden kann. Aber da bekanntlich die Beziehung das eigentlich Wirksame in Beratungsprozessen ist und weniger das (praxis-)theoretische Konzept, glaube ich gern, dass sich auch mit dem Konzept des KOC wirksame Coachingprozesse gestalten lassen.

Fazit

Das Versprechen, mit dem Buch werde ein neues Coachingkonzept vorgelegt, ist meines Erachtens nicht eingelöst.


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 22.08.2012 zu: Annelen Collatz, Rainer Sachse: Klärungsorientiertes Coaching. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2011. ISBN 978-3-8017-2391-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13059.php, Datum des Zugriffs 18.07.2019.


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