Marcel Aebi, Rhainer Perriard et al.: Kinder mit oppositionellem und aggressivem Verhalten
Rezensiert von Prof. Dr. Eva-Mia Coenen, 11.09.2012
Marcel Aebi, Rhainer Perriard, Barbara Stiffler Scherrer, Ralph Wettach: Kinder mit oppositionellem und aggressivem Verhalten. Das Baghira-Training.
Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG
(Göttingen) 2012.
141 Seiten.
ISBN 978-3-8017-2303-3.
39,95 EUR.
CH: 53,90 sFr.
Reihe: Therapeutische Praxis.
Autoren und Autorin
Dr. phil. Marcel Aebi (Studium der Psychologie, Psychopathologie und Kriminologie) ist Forschungsleiter an der Fachstelle für Kinder- und Jugendforensik in Zürich. Rhainer Perriard (Primarlehrer und Schulischer Heilpädagoge) arbeitet als Schulleiter im Sonderschulheim Stiftung Schloss Regensberg und ist seit 2007 als Baghira-Trainer tätig. Barbara Stiffler Scherrer (Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Psychotherapie) ist als Oberärztin im Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst der Universität Zürich tätig.Dr. phil. Ralph Wettach (Klinischer Psychologe) ist Fachbereichsleiter am Schulpsychologischen Dienst der Stadt Zürich.
Thema
Aggressives und oppositionelles Verhalten im Kindesalter stellen eine große Herausforderung für Eltern, Lehrer und Erzieher dar. Bei ungünstigem Verlauf entwickelt sich daraus eine schwerwiegende Störung des Sozialverhaltens. Das Baghira-Programm soll den Betroffenen Kindern im Alter von 8-13 Jahren helfen, Verhaltensweisen zu erlernen, die ihre Sozialkompetenz stärken. Das Training eignet sich für den Einsatz in ambulanten und stationären Einrichtungen der Jugendhilfe (Tagesgruppen, heilpädagogische und therapeutische Wohngruppen usw.), der Schule und in der Kinder-und Jugendpsychiatrie.
Zielgruppen
Das Buch richtet sich vorwiegend an Fachkräfte, Fachschüler und Studierende in den oben genannten Bereichen.
Aufbau
Nach einem Vorwort von Prof. Dr. Steinhausen (einem fundierten Wissenschaftler der Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie der Psychologie) und der Einleitung der Autoren folgen sechs Kapitel. Den Schluss bilden ein ausführliches Literaturverzeichnis und eine Übersicht über die Arbeitsmaterialien sowie eine CD-Rom, in der alle Arbeitsmaterialien für die Durchführung des Therapieprogramms enthalten sind.
Vorwort von Prof. Steinhausen
In der Einleitung wird darauf hingewiesen, dass die Störungen mit oppositionellem und aggressivem Verhalten bei Kindern in den westlich geprägten Ländern eindeutig zugenommen haben. Mit Altersschwankungen sind wahrscheinlich 20% der Kinder und Jugendlichen, vorwiegend Jungen betroffen, die in hohem Maße einer niedrigen Sozialschicht mit niedrigem Einkommen, Sozialhilfe und benachteiligten Wohnquartieren angehören. Besonders alarmierend dürfte aber die Tatsache sein, dass nur 15 bis 25% der betroffenen Kinder professionelle Hilfe bekommen. Die Folgen für die Gesellschaft, die Betroffenen und ihren Familien zeigen sich in so gravierender Weise, sodass das Risiko für Kriminalität, Gewalt, psychischen Störungen, schlechteren Bildungsabschlüssen und niedrigen beruflichen Qualifikationen, Arbeitslosigkeit und Sozialhilfe deutlich erhöht ist. Des Weiteren zeigt sich diese Problematik individuell in Form von kurzlebigen und oft von Gewalt gekennzeichneten Partnerschaften, Versagen bei der Kindererziehung und einer geringeren Lebenserwartung. Das Baghira-Programm stellt ein auf kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze fußendes Trainingsprogramm dar, das geeignet ist, früh zu intervenieren.
Einleitung der Autoren
Es wird von den Autoren das Baghira-Programm als interdisziplinäres Therapie-Manual zur Förderung von sozial- kompetenten, nicht aggressiven Verhalten von 8-13jährigen Kindern vorgestellt, die an oppositionellen oder aggressiven Verhaltensproblemen leiden.
1. Theoretischer Hintergrund
Zu Beginn des Kapitels wird sehr ausführlich anhand den Klassifikationssystemen ICD- 10 und dem DSM-IV die Definition der Störung mit oppositionellen Trotzverhalten (SOT) mit den verschiedenen Symptomen psychiatrisch beschrieben sowie tabellarisch aufgelistet. So ist festzustellen, dass ein signifikanter Zusammenhang zwischen dem Auftreten von SOT (Störung mit oppositionellen Trotzverhalten) und dem später auftretenden SSV (Störung des Sozialverhaltens) im Entwicklungsverlauf zu verzeichnen ist.
Weiterhin werden soziale und kognitive Erklärungsmodelle von SOT erläutert sowie praktikable Interventionsmethoden, wie Kontingenzmanagement, Verstärkerpläne, Modelllernen, Problemlöse- und Selbstinstruktionstraining als wirksame therapeutische Interventionen vorgestellt. Den Autoren gelingt es, diese theoretisch diffizile Thematik sowohl wissenschaftlich korrekt als auch fasslich darzustellen.
2. Konzept
Im Mittelpunkt des Trainingsprogramms stehen kindzentrierte gruppendynamische Interventionen und weniger Methoden, die in der sozialen Umwelt ansetzen. Die Autoren verweisen in diesem Zusammenhang darauf, dass abzuklären ist, ob eventuell weitere Interventionen wie bspw. Eltern- oder Lehrercoachings sinnvoll erscheinen, wobei die Autoren das Triple P (Positive Parenting Program) favorisieren. Das Programm Triple P ist eine kognitiv-behaviorale Familienintervention und basiert auf sozialen Lernprinzipien.
3. Diagnostik und Evaluation
Auf Grundlage der Diagnostik-Systeme für psychische Störungen nach ICD- 10 und DSM- IV für Kinder und Jugendliche werden die entsprechenden Daten erhoben, um oppositionelles und aggressives Verhalten zu messen. Folgende Messinstrumente kommen u.a. hier in Frage: Child Behavior Checklist (CBCL), Fragebogen zur Erhebung der Emotionsregulation bei Kindern und Jugendlichen (FEEL-KJ), Inventar zur Erfassung von Impulsivität, Risikoverhalten und Empathie (IVE), Youth Self Report (YSR) sowie der Erfassungsbogen für aggressives Verhalten in konkreten Situationen (EAS).
Das Baghira-Trainingsprogramm wurde im Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst der Universität Zürich sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich erfolgreich evaluiert.
4. Aufbau des Baghira-Trainings
Vorbildlich wird von den Autoren das Prozedere und die Inhalte in von 9. Modulen vorgestellt.
- Kennenlernen und Einführung
- Therapieziel und Motivation
- Gefühle und Selbstwahrnehmung
- Umgang mit Wut und Aggression
- Impuls- und Ärgerkontrolle
- Konflikt- und Problemlösung
- Empathie und Perspektivenübernahme
- Positive und negative Rückmeldung
- Wiederholung und Diplom
Die Inhalte der einzelnen Module werden didaktisch gekonnt aufgearbeitet und für den Leser anschaulich expliziert. Außerdem können alle verwendeten Materialien, die zur Durchführung des Therapieprogramms notwendig sind mit der Hilfe der CD-Rom ausgedruckt werden.
Fazit
Insgesamt ist dieses Trainingsprogramm ein gut lesbares Dokument, das die therapeutischen Ansätze im Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen bündelt und die Problemlagen sehr angemessen bearbeitet. Als gut evaluiertes Trainingsprogramm kann es insbesondere im Rahmen der Jugendhilfe und in der Kinder- und Jugendpsychiatrie den Klienten helfen, ihr destruktives Verhalten zu reflektieren und prosoziale Regeln und Werte zu verinnerlichen.
Rezension von
Prof. Dr. Eva-Mia Coenen
Studienrichtungsleiterin Hilfen für Erziehung an der Staatlichen Studienakademie Breitenbrunn
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