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Eszter Monigl, Bärbel Amerein u.a.: Selbstkompetenzen bei Jugendlichen fördern

Cover Eszter Monigl, Bärbel Amerein, Christiana Stahl-Wagner, Michael Behr: Selbstkompetenzen bei Jugendlichen fördern. Das SMS-Trainingshandbuch zur Verbesserung der beruflichen Integration von Haupt- und Realschülern. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2011. 172 Seiten. ISBN 978-3-8017-2269-2. 39,95 EUR.
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Thema

Die Autorengruppe legt ein Trainingshandbuch für Haupt- und Realschüler vor, das deren Chancen auf Integration in Arbeit und Beruf verbessern soll. Im Vordergrund steht die Förderung von „Selbstkompetenzen“. SMS steht dabei für „Selbstreflexion, Motivation, Selbstdarstellung“.

Autorinnen und Autoren

Das Team der vier Autorinnen und Autoren ist im Wesentlichen an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd verortet. Prof. Dr. Michael Behr leitet hier seit 1993 den Bereich Pädagogische Psychologie; Bärbel Amerein, Dipl.-Päd., ist hier akademische Mitarbeiterin. Dr. Eszter Monigl sowie Christiana Stahl-Wagner waren in diesem Arbeitsbereich tätig und sind mittlerweile an der Universität Mainz bzw. im Regierungspräsidium Stuttgart tätig.

Entstehungshintergrund

Die Entwicklung des Programms wurde durch die Robert-Bosch-Stiftung unterstützt. Ein besonderes Ziel des Trainings ist es, über die Förderung psychosozialer Kompetenzen hinauszugehen und domänenübergreifende Kompetenzen sowie spezifische Inhalte integrativ zu fördern. Das Vorgehen soll sich als handlungs- sowie ressourcenorientiert verstehen. Vier zentrale Kompetenzbereiche stehen im Vordergrund:

  1. Selbstreflexion,
  2. Selbstdarstellung,
  3. implizite Motive sowie
  4. Selbstwirksamkeitserwartung.

Das Programm wurde an 533 Haupt- und Realschülern empirisch überprüft. Im Handbuch werden hierzu Ergebnisse zweier Vorstudien, aber nur erste Ergebnisse einer Hauptstudie vorgestellt. Deren vollständige Ergebnisse sollen später publiziert werden.

Das Programm soll ohne große Voraussetzungen durch Pädagogen selbstständig mit Klassen oder Gruppen durchgeführt werden können; darauf hebt das Trainingshandbuch ab. Besonders empfohlen wird es für den Einsatz in Ganztagesschulen sowie für das Feld der Schulsozialarbeit. Das gesamte Programm kann innerhalb von 5 bis 8 Wochen realisiert werden – im Rahmen von mindestens 1 bis 2 Doppelstunden je Woche.

Aufbau und Inhalt

Nach einer Einleitung und einem Kapitel zu Grundlagen erfolgt die Darstellung der drei Trainingsstufen. Abschließend finden sich Literaturverzeichnis und Anhang. Dem Buch ist eine CD-ROM mit Vorlagen für Arbeitsmaterialien beigefügt.

  • In der Einleitung werden Intention und Zielbereiche des Programms sowie der Aufbau des Manuals knapp vorgestellt.
  • Ein ausführliches Kapitel zu Grundlagen enthält knappe Ausführungen zu Forschungsstand und Theorie sowie dem Trainingskonzept und dann ausführliche Darstellungen der vier Kompetenzbereiche sowie des Trainingsaufbaus. Ergebnisse der Programmevaluierung schließen sich an. Abschließend werden grundlegende Hinweise zur Anwendung und Durchführung gegeben, unter Einbezug einer ausführlichen Überblickstabelle zu den Übungen sowie dem zu erwartenden Zeitaufwand.
  • I. Trainingsstufe: Trainer-Training: Dieser Programmteil soll Trainer auf die beiden nachfolgenden, auf die Jugendlichen gerichteten Stufen vorbereiten. Es besteht aus Übungen sowie Essays zu sechs Bereichen bzw. Themen: Gesprächs- und Feedbackregeln, Erfolg und Misserfolg, Selbstbegegnung, Zukunftspläne, Umsetzung solcher Pläne sowie Ressourcen. Die Essays führen jeweils zu einem Thema hin. Das Kapitel zur I. Trainingsstufe schließt mit Anregungen zur Reflexion der Übungen und der Weiterbearbeitung der Themen.
  • II. Trainingsstufe: Training der Jugendlichen: Diese Komponente enthält das eigentliche Trainingsprogramm mit den Jugendlichen unter Anleitung durch einen Trainer. Verschiedene normierte Symbole sollen bei der Orientierung hinsichtlich Sozialformen und Methoden helfen; sie werden einleitend eingeführt. Die umfangreiche Trainingsstufe enthält eine große Fülle von Materialien und Übungen. Besondere Teilkomponenten sind die simulierte Gründung eines eigenen Unternehmens sowie die Vorbereitung und Simulierung von Bewerbungsgesprächen, aber auch das realistische Umgehen mit eigenen finanziellen Ressourcen.
  • III. Trainingsstufe: Hier sollen sich die Jugendlichen gegenseitig trainieren; der Trainer sorgt für die erforderlichen Rahmenbedingungen. Die Komponente ist deutlich kürzer gehalten als die II. Trainingsstufe und enthält verschiedene zusätzliche Übungen und Hinweise.
  • Ein gut zweiseitiges Literaturverzeichnis bietet einen Einblick in verarbeitete Grundlagen sowie weiterführende Literatur, auch ähnliche Programme.
  • Anhang: Hier finden sich exemplarische Bezüge zu Bildungsplänen der Länder sowie eine Übersicht zu den auf der CD-ROM befindlichen Materialien. Die CD-ROM dürfte für die Praxis sehr hilfreich sein, indem hier alle relevanten Arbeitsmaterialien in Dateiform verfügbar gemacht werden. Es handelt sich um größtenteils schwarz-weiß abgelegte pdf-Dateien. Im Vordergrund steht der Einsatz als Overhead-Folien.

Diskussion

Trainings schießen mittlerweile wie Pilze aus dem Boden, bezogen auf unterschiedliche Zielgruppen und zu unterschiedlichsten Förderaspekten. Die Bedeutung der erzieherischen Alltagspraxis und Empfehlungen sowie Konzepte hierfür drohen dabei auf der Strecke zu bleiben. Vor diesem kritischen Hintergrund ist auch das hier betrachtete Programm zu sehen.

Allerdings widmet sich das SMS-Training einem Bereich, dessen Abdeckung durch Trainings noch eher unterrepräsentiert zu sein scheint: Jugendlichen an der Schwelle zu Arbeit und Beruf. Hier ist der breite Bereich der „Selbstkompetenzen“ sicher von erheblicher Bedeutung.

Die durchgeführte Evaluation bietet Für und Wider: Die Ergebnisse der Vorstudien werden nur sehr knapp und im Überblick dargestellt; sie sprechen sowohl für eine gute Annahme des Programms als auch für subjektiv erlebte Effekte. Allerdings wurde hierzu im Wesentlichen die Selbstwahrnehmung von Trainern und Jugendlichen hinsichtlich der Wirkung des Programms erhoben. Eine Untersuchung an Wiener Gymnasiasten ergab nur sehr mäßige Effekte. Die ausführlicher dargestellte Hauptstudie wurde an fast 500 Schülern von Haupt- und Realschulen in Baden-Württemberg und Bayern durchgeführt. Auch hier wurde wieder das Selbsterleben der Jugendlichen erhoben, ergänzt durch Trainingstagebücher der Pädagogen sowie eine Fragebogenbatterie, über die der Leser leider wenig erfährt. In der Auswertung werden positive Aspekte in den Vordergrund gestellt, ohne dass deren Gewichtung klar würde. Differenzierte Ergebnisse fehlen. Hinsichtlich der normierten Verfahren sei die Auswertung noch nicht abgeschlossen; hier werden nur erste Tendenzen berichtet. Hier werden verschiedene positive Effekte angesprochen, auch gegenüber einer Vergleichsgruppe.

Die positiven Ergebnisse der eigenen Evaluation müssen mit großer Vorsicht betrachtet werden: sie beziehen sich derzeit noch sehr stark auf eine Erhebung des subjektiven Erlebens des Trainings durch Trainer und Jugendliche, sie werden nur sehr grob und mit wenigen klaren Nachweisen berichtet – und sie wurden durch die Trainingsentwickler selbst gewonnen. Die noch ausstehende vertiefte Analyse normierter Verfahren darf mit Spannung erwartet werden. Wünschenswert wären Evaluationen durch neutralere Instanzen.

Forschungsstand und Theoriekonzept werden nur sehr knapp dargestellt. Hier wäre eine ausführlichere Grundlegung interessant gewesen. Das Verständnis von „Selbstkompetenzen“ ist recht spezifisch; aus der Schlüsselqualifikations-Debatte heraus hätte man hier auch Aspekte wie Initiative, Lernbereitschaft oder Selbstvertrauen mit aufnehmen können. Die erfolgte Auswahl wird nur sehr knapp begründet.

Andererseits richtet sich das Programm auf die Anwendung in der Praxis aus; der Schwerpunkt des Handbuchs liegt auf der konkreten Umsetzung und den Materialien. Mit dem Programm wird ein wichtiger Förderbereich thematisiert: Selbstkompetenzen als ein zentraler Aspekt von Schlüsselqualifikationen. Zusätzlich finden sich inhaltlich breite Verbindungen zu Sozialkompetenzen, teilweise auch zu Methodenkompetenzen (Firmengründung, Umgang mit Geld). Insbesondere sollen übergreifende Kompetenzen gefördert werden, die für die nach der Schule folgende Berufsausbildung sowie Arbeits- und Berufstätigkeiten, aber teilweise auch für die Alltagsbewältigung von Bedeutung sind. Für diese Aspekte bietet das Training eine systematisierte, praxisnahe Zusammenstellung wichtiger Themen und Übungen. Der dreistufige Aufbau ist sinnvoll und praktikabel.

Ergänzend hätten Schwächen der Jugendlichen ausführlicher mit einbezogen werden können. Dort, wo sie auftauchen, wird eher „leichtfüßig“ mit ihnen umgegangen. Im Hinblick auf die Zielgruppe wäre es vermutlich wichtig, auch solche Schwächen klarer zu thematisieren und an solchen problematischen Kompetenzbereichen anzusetzen. In diesem Zusammenhang stellt sich die ergänzende Frage, ob das Programm als Präventionskonzept nicht eher für eine selektive Indikation in Frage kommt, bezogen auf Jugendliche mit einem schwachen Selbstkonzept bzw. einem negativen Selbstbild – indem es für junge Menschen mit einem ohnehin starken Selbstbewusstsein nicht sinnvoll ist oder zur Verfestigung von Problematiken beitragen könnte.

Fazit

Das Programm ist stark praxisorientiert ausgerichtet und kommt mit recht wenig Theorie aus. Seine Stärke liegt in den Materialien für die Praxis. Hier bietet es zu den Bereichen Selbstreflexion, Selbstdarstellung, implizite Motive sowie Selbstwirksamkeitserwartung eine Fülle von Materialien und Übungen. Der dreistufige Aufbau ist sinnvoll. Angesprochene Zielgruppen sind Lehrkräfte, Schulpsychologen und Pädagogen. Es dürfte jedoch auch für Psychologen oder auch Erzieher gut geeignet sein – Heimerziehung, Kinder- und Jugendhilfe sowie Freizeitpädagogik werden explizit erwähnt. Diesen Personengruppen kann das Programm als durchaus hilfreiche Ergänzung der pädagogischen Praxis empfohlen werden, um Jugendliche auf dem Weg zu Ausbildung, Arbeit und Beruf zu fördern. Eine differenzierte Evaluation steht noch aus, wobei auch eine Evaluation unabhängig von den Programmentwicklern interessant wäre.


Rezension von
Prof. Dr. Roland Stein
Universität Würzburg, Institut für Sonderpädagogik - Pädagogik bei Verhaltensstörungen
Homepage www.sonderpaedagogik-v.uni-wuerzburg.de
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Zitiervorschlag
Roland Stein. Rezension vom 27.06.2012 zu: Eszter Monigl, Bärbel Amerein, Christiana Stahl-Wagner, Michael Behr: Selbstkompetenzen bei Jugendlichen fördern. Das SMS-Trainingshandbuch zur Verbesserung der beruflichen Integration von Haupt- und Realschülern. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2011. ISBN 978-3-8017-2269-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13065.php, Datum des Zugriffs 06.07.2020.


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