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Doris Reveland, Jana Bastian: Tricky Teens (Gruppentraining für Jugendliche mit ADHS)

Cover Doris Reveland, Jana Bastian: Tricky Teens. Ressourcenorientiertes Gruppentraining für Jugendliche mit ADHS. verlag modernes lernen Borgmann (Dortmund) 2012. 192 Seiten. ISBN 978-3-938187-90-6. 24,95 EUR, CH: 40,40 sFr.
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Thema

Zum Störungsbild ADHS wurden bereits diverse Trainingsmanuale veröffentlicht, die vorwiegend auf die störungsspezifischen Symptome Konzentrationsmangel (Lauth & Schlottke 2009, Krowatschek 2007), begleitendes oppositionelles Verhalten (Döpfner et al. 2007) ausgerichtet sind. Ressourcenorientierte Trainings hingegen sind relativ selten, als Beispiel sei hier das vorbildhafte „ich schaff´s“ (Bauer & Hegemann 2011) genannt, welches jedoch nicht gezielt für diese Zielgruppe erstellt wurde.

Herausgeberinnen

Doris Reveland, Diplom-Sozialpädagogin, Therapeutin und Elterntrainerin in einer Gemeinschaftspraxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Lüneburg, leitet seit November 2011 für das ISS in Hamburg den Weiterbildungsgang Systemische Kinder- und Jugendlichentherapie.
Sie ist systemische Therapeutin, kreative Kinder- und Jugendlichentherapeutin und Ich schaff?s!-Trainerin. Probleme und Schwierigkeiten sieht sie als Herausforderungen. Aus dieser Einstellung ist das Konzept Tricky Teens entstanden. Gerne mit Jugendlichen zu arbeiten aber keine altersgerechten Konzepte für Pubertierende mit AD(H)S zu finden bedeutete für sie, selbst eines zu entwickeln
Jana Bastian, Diplom Sozialpädagogin, schrieb ihre Diplomarbeit zu Jugendlichen und AD(H)S. Die gemeinsame Entwicklung des Konzeptes Tricky Teens ist der praktische Teil dieser Arbeit.
Seit 2006 führt sie wie Doris Reveland regelmäßig Tricky Teens-Kurse in der Gemeinschaftspraxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Lüneburg durch. Die positive Entwicklung der einzelnen Jugendlichen in den Kursen und deren spannende Ideen, die halfen das Konzept in der Praxis noch jugendgerechter zu gestalten, machten ihr Lust auf mehr.
Seit 2011 befindet sich Jana Bastian in der Ausbildung zur Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin.

Aufbau und Inhalt

Nach diversen Vorworten unterteilt sich das Manual in drei Teile.

Im ersten Teil wird die Theoretische Grundlage des Programms dargestellt. Es fuße zum einen auf dem systemischen Ansatz der Mailänder Gruppe um Palazzoli und zum anderen auf der lösungsorientierten Therapie nach de Shazer. Beide Ansätze werden kurz angerissen und für Laien verständlich dargestellt. Anschließend arbeiten die Autorinnen das Besondere an Jugendlichen und insbesondere Jugendlichen mit ADHS heraus. Eine Phase des Umbruchs und der Identitätsfindung stelle Berater und Therapeuten vor große Herausforderungen, biete jedoch vor allem durch ressourcenorientiertes Arbeiten ein äußerst reizvolles Arbeitsfeld. Jugendliche mit ADHS litten häufig unter sozialen und schulischen Problemen sowie starken Selbstwertproblemen. Dennoch gäbe es auch diverse Ressourcen, an die sich anknüpfen lasse. Hier seien vor allem die Begeisterungsfähigkeit und der Sinn für Gerechtigkeit zu nennen. Bei einem systemischen Erklärungsansatz für hyperkinetisches Verhalten orientieren sich die Autorinnen an dem Erklärungsansatz von ADHS als vernetztes Interaktionsphänomen nach Brandau et al. (2006). Vor dem hier beschriebenen Hintergrund sei das Trainingskonzept vor allem zur Stärkung in drei Bereichen konzipiert worden:

  1. Soziale Kompetenz
  2. Tipps und Tricks für die Schule und das Lernen
  3. Verblüffende Tricks (Zaubern)

Vor allem der dritte Bereich erfordert noch weitergehende Erläuterung. Jede Sitzung wird ritualisiert mit dem Erlernen eines Zaubertricks beendet. Dieses fördere Motivation, Konzentration, Feinmotorik und Selbstwert der Jugendlichen gleichermaßen.

Es folgen jeweils ein kurzer Überblick über Rahmenbedingungen, Aufbau und Überblick des Programms(nach einführenden Einzelgesprächen umfasse das Gruppenprogramm 13 zweistündige Sitzungen, in denen die oben genannten Inhalte trainiert werden) im dann in manualisierter Form die Sitzungen darzustellen. Neben diversen Arbeitsblättern, die dem Manual auf CD-Rom und als Kopiervorlagen beigefügt sind, wird vor allem deutlich, dass es sich hier weniger um ein Paper-Pencil-orientiertes Training wie beispielsweise das SELBST-Manual von Walter und Kollegen (2007 & 2009, vgl. die Rezensionen unter socialnet.de/rezensionen/5096.php sowie socialnet.de/rezensionen/7403.php ) handelt, sondern mit vielen Materialien und Techniken (beispielsweise Lernkasten, Mind-Mapping) gearbeitet wird.

Diskussion

Vor allem die Vielzahl an didaktischen Hilfsmitteln, die dieses Programm den Jugendlichen bietet, lässt den Schluss zu, dass es für diese einen hohen motivationalen Anreiz darstellen sollte, daran teilzunehmen und auch bis zum Ende dabeizubleiben. Das Programm sei im Rahmen einer Bachelor-Arbeit „evaluiert“ worden. Die Autorinnen geben hierzu an, dass es „an der Hogeschool Zuyd unter der Fragestellung evaluiert (worden sei), ob es sich für den Einsatz in der Ergotherapie eignet.
Methodisch wurden, eingebettet in eine qualitative Studie, Expertinneninterviews mit zwei Ergotherapeutinnen durchgeführt. Als Resultat stellten die Autorinnen fest, dass beide Ergotherapeutinnen positive Erfahrungen mit dem Konzept sammelten und durch deren Anwendung eine Qualitätsverbesserung ihrer therapeutischen Arbeit erlebten. Sie schlussfolgern: „Der Einsatz des „Tricky Teens“ wird für die Ergotherapie empfohlen“ (S. 13). Diese Ausführungen machen deutlich, dass das Manual keineswegs als evaluiert im Sinne evidenzbasierter Interventionen gewertet werden kann, vor allem dar anscheinend keinerlei klientenbezogene Daten erhoben wurden, sondern lediglich die Zufriedenheit von nur zwei Ergotherapeutinnen erfragt wurde. Somit lässt sich im Grunde nur festhalten, dass das Programm diesen beiden Kolleginnen gefallen hat. Als Ressourcen nennen die Autorinnen vor allem Begeisterungsfähigkeit und der Sinn für Gerechtigkeit (s.o.). Obwohl dies auch an derer Stelle immer wieder Erwähnung findet (vgl. Neuy-Bartmann 2007, Rezension unter www.socialnet.de/rezensionen/3037.php), ist wissenschaftlich jedoch nicht nachgewiesen, dass Jugendliche mit ADHS in dieser Hinsicht ausgeprägtere Temperaments- oder Charakterzüge aufweisen als andere Gleichaltrige. Der Erklärungsansatz von ADHS als vernetztes Interaktionsphänomen nach Brandau und Kollegen(2006), so wie er in diesem Buch dargestellt wird, gehe davon aus, dass „neurologische Abweichungen“ auch auf direktem Wege zu Selbstwertproblemen führen könne. Dies erscheint mir so nicht schlüssig, die Originalliteratur hierzu habe ich jedoch auch nicht gelesen. Die Idee, mit den Jugendlichen „Zaubern“ einzuüben erscheint hingegen nahezu genial. Ich kann mir gut vorstellen, dass dies im Sinne der bereits oben beschriebenen erwarteten Effekte zu guten Erfolgen und einer hohen Compliance führen könnte.

Fazit

Trotz der oben genannten kritischen Punkte erscheint mir dieses Manual als Füllhorn kreativer Ideen zum ressourcenorientierten Arbeiten mit Jugendlichen mit ADHS. Auch wenn das wissenschaftliche Fundament dieses Programms teilweise nicht ganz schlüssig erscheint, so bin ich der festen Überzeugung, dass sich hiermit sowohl im beschriebenen Gruppensetting als auch in der Einzeltherapie durchaus deutliche Therapieerfolge zeigen sollten.


Rezensent
Dr. Alexander Tewes
Leitender Dipl.-Psychologe, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) - Haus 4
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 04.01.2013 zu: Doris Reveland, Jana Bastian: Tricky Teens. Ressourcenorientiertes Gruppentraining für Jugendliche mit ADHS. verlag modernes lernen Borgmann (Dortmund) 2012. ISBN 978-3-938187-90-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13073.php, Datum des Zugriffs 17.12.2018.


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