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Jörg Schlee: Kollegiale Beratung und Supervision für pädagogische Berufe

Cover Jörg Schlee: Kollegiale Beratung und Supervision für pädagogische Berufe. Hilfe zur Selbsthilfe. Ein Arbeitsbuch. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2004. 164 Seiten. ISBN 978-3-17-017828-1. 20,00 EUR, CH: 35,10 sFr.

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Einführung in das Thema

Die Kollegiale Beratung ist eine Form gegenseitiger beruflicher Beratung in einer von KollegInnen selbst geleiteten Beratungsgruppe. Seit den 70er Jahre wird über diese Form der Beratung berichtet, und zwar unter verschiedenen Namen: Kollegiale Fallberatung, Kooperative Beratung, Kollegiale Unterstützungsgruppe, Kollegiale Selbsthilfe, Selbstberatungsgruppe, Kollegiale Beratung, Fallberatungsgruppe, Kooperative Gruppenberatung, Intervision.

Diese Begriffe machen deutlich: Es geht um Beratung unter Gleichen; hier beraten sich KollegInnen in einer Gruppe gegenseitig im Hinblick auf ihren (gemeinsamen) Beruf; sie suchen gemeinsam nach Klärungen und Lösungen für den jeweiligen Fall; es geht um Selbsthilfe.

In der Regel haben diese Gruppen wenig TeilnehmerInnen, höchstens 6 bis 8; das Verfahren ist stark strukturiert; es gibt vorgegebene "Rollen"; der Ablauf jeder Beratung ist in Phasen festgelegt, die Rollen wechseln; und so wird es möglich, dass die Leitung einer solchen Gruppe reihum geht.

Supervision ist eine Sonderform von Beratung, die sich auf die berufliche Arbeit bezieht. Sie wird von Supervisorinnen und Supervisoren angeleitet und durchgeführt, die über eine umfassende Ausbildung für diesen Beruf verfügen. Supervision ist damit immer beschrieben als eine professionell geleitete Beratung. Gerade das meint der Verfasser aber nicht; vielmehr sind die Gruppen, die er beschreibt, ungeleitete Selbsthilfegruppen, in denen niemand supervisorische Kompetenzen hat.

Es ist einerseits verständlich, dass der Autor den Begriff Supervision benutzt, um die vorliegende Form der Beratung einzugrenzen, zu differenzieren und ihre Beschränkung auf das Berufsfeld deutlich zu machen. Zum anderen stiftet der Begriff in diesem Zusammenhang eher Verwirrung. Und übrigens ist er unnötig: "Kollegiale" Beratung macht bereits den beruflichen Zusammenhang eindeutig.

Hintergründe für die Entstehung dieses Buches

Jörg Schlee, Jahrgang 1940, ist Professor für "Sonderpädagogische Psychologie" an der Universität Oldenburg und macht Fortbildungen für Lehrer und Lehrerinnen. Wie Schlee ausführt, ist das hier beschriebene Verfahren vor 20 Jahren aus einer solchen Lehrerfortbildung entstanden (S.25 ff.). Es handelte sich um eine Gruppe von Lehrern mit einer besonders schwierigen Schulpraxis. Obwohl diese Fortbildung viele Trainingselemente enthielt und die Teilnehmer mit ihr sehr zufrieden waren, gelang der Transfer in die Schulpraxis nicht so wie erhofft. Schlee regte daraufhin die Bildung von "Kollegialen Unterstützungsgruppen" an. Das wurde von den Kolleginnen gerne angenommen, erwies sich aber als schwierig in der konkreten Umsetzung. So entwickelte der Autor einen "Leitfaden" zum Vorgehen. Von weiteren Fragen und Unsicherheiten der Lehrkräfte angeregt, entwickelte er dann im Lauf von drei Jahren, theoretisch fundiert und praktisch immer wieder überprüft, das, was hier als "Kollegiale Beratung und Supervision" (kurz: KoBeSu) vorliegt. Es handelt sich also um ein Verfahren, das aus den Bedürfnissen der Praxis für die Praxis entwickelt wurde. Theoretisch begründet ist das Verfahren vor allem durch das Forschungsprogramm "Subjektive Theorien", das Schlee 1987 vorgestellt hat, also beinahe zeitgleich mit den Anfängen von KoBeSu.

Aufbau und Inhalt

In einem Vorwort gibt Schlee als Absicht seines Buches an, die Leser und Leserinnen zu befähigen, "sich selbst und anderen Menschen durch die Kollegiale Beratung und Supervision Hilfe zur Selbsthilfe zu geben" mit dem Ziel, ohne weitere Anleitung gemeinsam mit Kollegen und Kolleginnen dieses Verfahren auszuprobieren und anzuwenden. Es ist ein Lern- und Arbeitsbuch, gegliedert in 6 unterschiedlich lange Kapitel.

In Kapitel 1 (S.11-27) "Zur Bedeutung von Beratung und Supervision für pädagogische Berufe" macht Schlee zunächst noch einmal die Ausgangslage deutlich: die Belastungen im beruflichen Alltag von Pädagoginnen und Pädagogen. Hier ist Unterstützung dringend nötig. KoBeSu kann solche Unterstützung geben. Der Autor gibt dann eine Erläuterung zu dem, was Supervision und Beratung ist und in welchem Verhältnis sie zueinander stehen. Er erklärt auch seine Sonderform von "Kollegialer Supervision", in der "Personen für einander Supervisionsprozesse organisieren, ohne in besonderer Weise als Supervisorin oder Supervisor ausgebildet und geschult worden zu sein" (S.18). Er kommt zu dem Schluss, dass das Expertentum im Verfahren liegt und dass deshalb "Kollegiale Supervision und die von hauptamtlichen bzw. von speziell ausgebildeten Supervisorinnen angeleitete Supervision als gleichwertige Vorgehensweisen angesehen werden" können (S.24).

Der Autor stellt dann einige andere Modelle Kollegialer Supervision vor. Hier wird allerdings beim Hinweis auf die TZI nach Ruth Cohn (S.24) noch einmal deutlich, wie problematisch der Gebrauch des Begriffs "Kollegiale Supervision" ist. Er trifft auf TZI-Gruppen nicht zu. Denn gerade TZI-Gruppen sind immer geleitete Gruppen - unabhängig von Thema, Inhalt und Schwerpunkt der gemeinsamen Arbeit. Dass auch supervisorische Prozesse in einer TZI-Gruppe stattfinden können, liegt in der gründlichen und vielfältigen Ausbildung eines TZI-Gruppenleiters auf dem Hintergrund von Axiomen und Postulaten dieses Systems, das verantwortete Selbstbestimmung ("chairperson-ship") fördert.

Kapitel 2 (S. 28-71): "Die theoretischen Grundlagen der Kollegialen Beratung und Supervision" sind vor allem und zunächst die Vorstellungen des "Forschungsprogramms Subjektive Theorien" (S.28-61).

  1. Das zugrundeliegende Menschenbild geht davon aus, dass der Mensch kommunikativ, rational, reflexiv, autonom handeln kann. Diese Fähigkeiten beim Ratsuchenden zu entwickeln und zu stärken, ist Ziel vo KoBeSu.
  2. Persönliche Sichtweisen und Wertungen bestimmen die Situationsauffassungen. Die Ratsuchenden sind deshalb nicht nur Experten für ihr Problem, sondern auch Experten für dessen Lösung. Deshalb sind Ratschläge strikt verboten; es geht bei KoBeSu nicht darum zu helfen!
  3. Es gibt drei Modelle von Veränderung Subjektiver Theorien: das kumulative Modell (Veränderung als ein MEHR), das evolutionäre Modell (Veränderung als ein ANDERS-UND-BESSER), das revolutionäre Modell (Veränderung als ein VÖLLIG NEU). Schwerpunkt des Beratungsverständnisses von KoBeSu sind eindeutig Veränderungen nach dem evolutionären Modell. Es geht um Klärung und Veränderung von Sichtweisen.
  4. Solche Klärungsprozesse brauchen wohlwollende Unterstützung, besonders wenn die persönliche Sicherheit erschüttert ist, und skeptische Konfrontation als Anstoß zum Nachdenken und ggf. zur Veränderung. Beides bietet die KoBeSu.

Als weitere theoretische Bezugspunkte, die mit der Menschenbildannahme des Forschungsprogramms Subjektive Theorien hochverträglich sind, beschreibt der Verfasser die Humanistische Psychologie nach Carl Rogers und Ruth Cohn sowie die Psychologie der zwischenmenschlichen Kommunikation nach Watzlawick und Schulz von Thun (S.61-71).

Im Kapitel 3 (S.72-114):"Die Praxis der Kollegialen Beratung und Supervision" beschreibt der Verfasser sehr detailliert dieses Verfahren, das ganz transparent sein muss, damit Kolleginnen und Kollegen Handlungssicherheit haben. Die Unterstützungsgruppen bestehen aus 4 Personen und treffen sich nach Möglichkeit in 14-tägigem Abstand für etwa 2 1/2 Stunden in der Wohnung eines Teilnehmers.

Folgende Funktionen werden nach dem Rotationsprinzip von den Teilnehmern wahrgenommen:

  • Gastgeberin,
  • Chairperson,
  • Zeitwächterin,
  • ratsuchende Person,
  • Logbuchführerin,
  • Wadenbeißerin,
  • Sekretärin,
  • Verwalterin des Fragen- und Problemspeichers.

Daraus wird deutlich, dass die Personen je mindestens zwei Funktionen haben müssen. Der Inhalt der Aufgaben ergibt sich aus den Bezeichnungen. Dabei ist es falsch, die Chairperson, so wie ihre Aufgabe hier beschrieben ist, mit dem gleichzusetzen, was "chairperson" im System der TZI bedeutet. Hier ist gemeint, dass eine Person für den Ablauf einer Sitzung in besonderem Maße verantwortlich ist, die Moderation übernimmt; bei TZI ist damit gemeint, dass eine Person für sich selbst verantwortlich ist im Kontext mit anderen.

Es gibt Hilfsmittel und Rituale:

  • Sprechstein,
  • Aufgabenkarten,
  • Störungskarte,
  • Prozessanzeiger,
  • Blitzlicht
  • Verfahren, die zum Teil aus anderen settings bekannt sind.

Das Verfahren gliedert sich in zwei Hauptphasen entsprechend den theoretischen Grundlagen und zahlreiche verschiedene Schritte und Runden (Zusammenfassung S. 112-114).

  1. In der 1. Phase (45 Min.) geht es um "Sicherheit und Vertrauen". Es ist eine Phase anteilnehmenden Zuhörens, für die die die Teilnehmer Kommunikationskompetenzen brauchen (s. Kapitel 5).
  2. Die 2. Phase (35 Min.) "Skepsis und Konfrontation" ist hochritualisiert, um dem Fallgeber größtmöglichen Schutz zu geben. Als mögliche Unterphasen beschreibt der Verfasser eine Auswahl von 20 Konfrontationsmethoden (Zusammenfassung S. 106), aus denen die Gruppe etwa 4 bis 6 auswählt. Diese Methoden sind unterschiedlich anspruchsvoll, brauchen aber nach meiner Meinung für ihre Handhabung z.T. eigene (Zusatz)Ausbildungen, zumindest wenn es sich etwa um systemische Ansätze, um (Pädagogisches) Rollenspiel oder um Virginia Satir handelt.

Sehr praxisnah finden sich im Kapitel 4 (S.115-134) "Nachfragen und Verständniskontrolle" 62 Fragen, die mögliche Unklarheiten aufnehmen. Die Antworten sind als Ergänzung oder Vertiefung anzusehen und können auch zur Lernkontrolle verwendet werden.

Ein eigenes Kapitel 5 (S.135-154) "Anteilnehmendes Zuhören - Einüben der ersten Schritte" führt in Methoden ein, die gelernt sein müssen, damit die 1. Hauptphase (Kapitel 3) erfolgreich durchgeführt werden kann. Es sind vor allem: Paraphrasieren, nonverbales Verhalten, Reflektieren.

Dazu finden sich in 6 Übungseinheiten zahlreiche Beispiele und auch Lösungsangebote.

In einem letzten Kapitel 6 (S.155-161) "Transfer und andere Nützlichkeiten" weist der Verfasser andere pädagogische Situationen hin, auf die sich die Prinzipien der KoBeSu übertragen lassen, vor allem in der Schulklasse, aber auch bei Konferenzen, Elternabenden etc.

Fazit

Das vorliegende Buch ist als "Hilfe zur Selbsthilfe" für Pädagogen in der Tat ein "Arbeitsbuch" mit vielfältigen hochdifferenzierten Beschreibungen, Hinweisen, Arbeitsanweisungen, Kontrollfragen. Erhellend sind die theoretischen Grundlagen, die der Verfasser aus dem "Forschungsprogramm Subjektive Theorien" ableitet. Was er daraus für seine Methode KoBeSu gewonnen hat, ist überzeugend.

Es wird deutlich, dass der Verfasser vielfältige Erfahrungen mit kollegialen Beratungsgruppen hat; mit diesem Buch gibt er engagiert und detailliert seine gesammelten Erfahrungen weiter.

Als Arbeitsbuch für Lehrer, die von Supervision und Beratung keine Ahnung haben, scheint es mir allerdings überfrachtet. Nur wenige Leser und Leserinnen dürften die Voraussetzungen erfüllen, nur auf Grund der Lektüre dieses Buches und ohne weitere Anleitung "Expertentum im Verfahren" zu gewinnen und damit qualifizierte Supervision und Beratung mit Kolleginnen und Kollegen machen zu können.


Rezension von
Dr. Marga Müller-Mehring
Supervisorin, Lehrbeauftragte für Themenzentrierte Interaktion (TZI), Rollenspielleiterin
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Zitiervorschlag
Marga Müller-Mehring. Rezension vom 08.02.2005 zu: Jörg Schlee: Kollegiale Beratung und Supervision für pädagogische Berufe. Hilfe zur Selbsthilfe. Ein Arbeitsbuch. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2004. ISBN 978-3-17-017828-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1308.php, Datum des Zugriffs 04.04.2020.


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