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Eva Tillmetz: Familienaufstellung. Sich selbst verstehen [...]

Cover Eva Tillmetz: Familienaufstellung. Sich selbst verstehen - die eigenen Wurzeln entdecken. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2012. 160 Seiten. ISBN 978-3-608-86112-9. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 23,90 sFr.
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Thema

Das Buch versteht sich als Ratgeber. Anlass sich Unterstützung in Form von Aufstellungsarbeit zu holen, kann der Wunsch nach größerem Einfluss auf die eigene Lebensgestaltung sein, sowie auf selbst getroffene Lebensentscheidungen. Konflikte in der Partnerschaft, Fragen nach dem Single-Leben, Krankheiten, Beziehungsdynamiken und berufliche Erfolge können im Mittelpunkt stehen. Die Autorin stellt im Wesentlichen zwei Aufstellungsformen, die Familienskulptur und die Familienaufstellung vor und will der Leserschaft Entscheidungsgrundlagen vor Inanspruchnahme einer Hilfe bieten.

Autorin

Eva Tillmetz ist diplomierte Theologin und langjährige systemische Familientherapeutin, sowie Ausbildnerin.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist die zweite Auflage seiner im Jahr 2000 herausgegeben Ersterscheinung.

Aufbau

Der Schnelleinstieg verkürzt für eilige LeserInnen den umfangreichen Inhalt und pointiert wichtige Kapitel. Das Buch greift unter dem Dach der systemischen Familientherapie drei hilfreiche Methoden heraus: Familienskulptur, Familienrekonstruktion und Familienaufstellung.

Skepsis gegenüber Familienaufstellungen lässt die Autorin, selbst Familientherapeutin gar nicht erst aufkommen, da sie bereits im Vorwort das Aha Erlebnis eigener Erfahrungen zum Besten gibt.

Nach einer Einleitung wird auf die genannten Methoden näher eingegangen, bevor Fragen möglicher NutzerInnen beantwortet werden und Schritte Richtung Aufstellungsarbeit mit einem eigenen Anliegen erläutert werden.

  1. Einleitung
  2. „Reden ist Silber, Darstellen ist Gold“ – die Familienskulptur
  3. „Wie stehen wir zueinander?“ – die Familienaufstellung
  4. Familientherapeutische Selbsterfahrungsseminare – die häufigsten Fragen

Zahlreiche Beispiele veranschaulichen jeweils sehr deutlich den zuvor bestehenden Leidensdruck der ProtagonistInnen, sowie die zur Veränderung anregenden Erlebnisse im Zuge der Aufstellungen.

Was allen vorgestellten Methoden gemein ist, die nicht verbale Darstellung des familiären Zusammenspiels, wie das Familiensystem sich organisiert. Familienmythen und Familienregeln werden offensichtlich und können in Folge in ihren Mustern unterbrochen werden.

Die Familienskulptur beleuchtet vor allem das Kommunikationsverhalten und die Interaktionsmuster in einem Familiensystem und kann zur Entspannung und Veränderung beitragen. “Virginia Satir hatte erkannt, dass Klienten selbst wenn sie im therapeutischen Gespräch Einsichten über ihr Verhalten gewinnen, oft nicht in der Lage sind, ein sie selbst und andere störendes Verhalten zu verändern. Erst wenn sie ihr Verhalten mit allen Sinnen und im Zusammenspiel mit ihren Familienangehörigen begriffen haben, wird aus dem Wissen ein tiefes Verstehen. Dann wird es möglich etwas Neues im Leben auszuprobieren.“ (S.22)

Die Familienaufstellung behandelt vor allem die Grundstrukturen von Familie und Positionen ihrer Mitglieder, Bindungen können gestärkt und Ablösungen ermöglicht werden. Bert Hellinger ist in Zusammenhang mit der Entstehungsgeschichte von Familienaufstellung zu nennen, wenngleich auch die Autorin apodiktischen Auswüchsen skeptisch gegenüber steht.

Inhalt

In Teil 2 „Reden ist Silber, Darstellen ist Gold“ – die Familienskulptur geht die Autorin ausführlich auf die Familienskulptur ein und stellt unmissverständlich fest: „Über Beziehungen zu sprechen ist ein anstrengendes Unterfangen.“ (S.42) und: „Da können Familienskulpturen Abhilfe schaffen.“ (S.43) Auf einer tieferen Ebene lassen sie die Beteiligten die Kommunikationsabläufe verstehen. Die eigene Haltung und das innere Erleben anderer wird erfahren und erspürt. Bisherige Haltungen und Einstellungen werden ins Bewusstsein gehoben und gelichzeitig neue Sichtweisen verankert.

Als wesentliche Belastung lebendiger Kommunikation nennt die Autorin in 2.1 Inkongruenz zwischen Inhalt und Körpersprache von Nachrichten und das dauerhafte Leben in Doppelbotschaften. Eine Familienskulptur kann diese auftretenden Ambivalenzen unterschiedlicher Bedürfnisse deutlich machen. Nach Virginia Satir sind wir unterschiedlichen Wahrnehmungskanälen zugänglich und sind demnach unterschiedliche Wahrnehmungstypen – visuell, auditiv, kinästhetisch, ..., was zu Missverständnissen und unterschiedlichen Stressmustern führen kann. Dementsprechend entwickeln wir unterschiedliche Überlebensstrategien, wenn wir Konflikte haben: beschwichtigen, anklagen, rationalisieren, oder ablenken. Skulpturen sprechen alle Sinneskanäle an und verdeutlichen die Überlebensstrategien. Da kein Typ zur ersehnten Harmonie führt, wird die Balance zwischen Ich, Du und dem Thema hergestellt.
In einer Selbsterfahrungsübung kann der Leser/die Leserin ihrem eigenen bevorzugten Verhalten auf die Spur kommen. Die kongruente wertschätzende Haltung kommt einer Königsdisziplin gleich. Vielmehr greifen wir auf in der Kindheit gelernte sinnvolle Muster zurück.

Ein weiteres Kapitel 2.3 wird der Familienskulptur in der Praxis gewidmet. Das Verfahren wird ausführlich erklärt, so auch, dass die geformte Problemstellung und Körperhaltung mit einem typischen Satz unterlegt wird. Die Reaktionen der aufgestellten Personen werden abgefragt. Für die Lösung geht es um die Veränderung der eigenen Position und ein Finden neuer passender Sätze. Verschiedene Skulpturen und ihre Auflösung werden dargestellt, etwa erwachsene Kinder in Beziehung zu ihren Eltern, Erziehungsberatung, Paarberatung .

In Folge geht es um den Einbau der neuen Bilder in den Alltag. 2.4 Was wollen Familienskulpturen leisten? erläutert, was Skulpturarbeit sein kann und was sie nicht sein kann. Einen wesentlichen Vorteil erkennt die Autorin in der Möglichkeit in ganz unterschiedliche und vor allem unverstandene Familienrollen schlüpfen zu können.

Teil 3 „Wie stehen wir zueinander?“ – die Familienaufstellung beschäftigt sich mit den Grundstrukturen der Familie. Auch dieser Teil liest sich durch die vielen Fallbeispiele leicht und ist in seinen Interpretationen doch mitunter schwer zu verstehen und nachzuvollziehen.

3.1 Grundsätzliches zum Verständnis der Familienaufstellung führt die Genogrammarbeit ein, die Klarheit und Übersicht schafft . Eine Anleitung wird zur Verfügung gestellt. Als Vorstufe der Familienaufstellung wird die Familienrekonstruktion nach Virginia Satir erläutert. Einzelne Szenen werden wie Stationen im eigenen Leben, und sogar bevor das eigenen Leben begann, mit der Geburt der Eltern gestellt. Als Vorbereitung für eine Familienrekonstruktion oder auch Vertiefung in die Lebensgeschichte wird eine Familienchronologie vorgeschlagen und erklärt.

3.2 Familienbande erzählt, dass tradierte immer wieder erzählte Geschichten in der Familienaufstellung durch weitere Sichtweisen und neue Erlebnisse ergänzt werden. Salvador Minuschin prägte die Ebenen der Paar-, Eltern- und Kindebene, auch um Generationenprozesse zu verdeutlichen. Auf die unterschiedliche Bedeutung der jeweiligen Geschwisterpositionen wird eingegangen. Verschiedene „verschobene“ Rollen des Kindes werden beschrieben.

3.3 „Ordnungen der Liebe“ – der systemsich-phänomenaologische Ansatz Bert Hellingers fordert auf wahrzunehmen, was ist und gibt der Bindung, der Ursprungsordnung und dem Ausgleich von Geben und Nehmen Bedeutung. Das Kapitel liest sich etwas trocken, ist schwierig aufzunehmen und nachzuvollziehen. Es dürfte eine verkürzte Darstellung für bereits Kundige und Insider sein. An sogenannten Verstrickungen werden Identifizierung, Nachfolge und Übernahme erklärt, und über deren Auflösung zum Teil anhand von Beispielen berichtet. Die Autorin verweist zudem auf vertiefende Bücher Hellingers, sowie auf Forschungsvorhaben zu diesem Gebiet und Standards der Ausbildung.

3.4. Familienaufstellungen in der Praxis und 3.5 Was wollen Familienaufstellungen leisten? nehmen sich die Umsetzung vor, Aufstellungen in der Praxis werden angeleitet. In drei Varianten des Umstellens – konstruktivistisch - wachstumsorientiert oder therapeutisch angeleitet, werden Lösungsbilder mit passenden Abschlusssätzen für die Person, die ein Anliegen bringt entwickelt. Typische Anliegen könnten sein: wiederkehrende Beziehungsmuster in Paarbeziehungen, berufliche Kämpfe etc. Beides steht in Zusammenhang mit fehlender Ablösung von den Eltern.

Schließlich wird versucht in Teil 4 Familientherapeutische Selbsterfahrungsseminare – die häufigsten Fragen zu klären. Es werden Überlegungen zum passenden Zeitpunkt einer Skulptur- oder Aufstellungsarbeit angestellt, und zu möglichen Anlässen. Es wird betont, dass Familienaufstellungen kein Allheilmittel sind und hilfreich sind, wenn seitens der aufstellenden Person eine hohe Motivation besteht. Die Personen sind selbstverantwortlich für eigene Grenzen, eigenes Zutrauen und eigenes Tempo. Aktuelle besondere psychische Belastungen sollten zuvor besprochen werden. Die Rolle als StellvertreterIn für Aufstellungen anderer und die wichtige Funktion des Ent-Rollens werden beleuchtet.
Die eigentliche Veränderung passiert in der Integration der erlebten Aufstellung, ihrer Wahrnehmungen, ihrer Lösungen und Erkenntnisse in den Alltag, das kann mehrere Monate andauern. Aufstellungsarbeit kann in Kombination mit einer Therapie, oder auch eigenständig stattfinden.
In einem 10 Schritte Programm wird die persönliche Entdeckungsreise zu sich selbst angeleitet. Viel Spaß dabei!

Diskussion

Das Buch stellt zwei Aufstellungsformen in den Mittelpunkt – die Familienskulptur und die Familienaufstellung. Die Beispiele aus der Praxis veranschaulichen in Abbildungen und Dialogen die Prozesse sehr lebensnah und berührend. Es geht darum, Ressourcen für die eigene Entwicklung aufzuspüren.

Die Unterschiede zwischen den beiden vorgestellten Richtungen – Familienskulptur mit Virginia Satir (systemisch konstruktivistisch) und Familienaufstellung mit Bert Hellinger (systemisch phänomenologisch) mögen in ihren theoretischen Ansätzen zwar verständlich sein, in der gelebten Aufstellungspraxis sind sie nicht immer bemerkbar und gibt es durchaus hilfreiche Mischformen: Systemisch konstruktivistische Verfahren, die dennoch mit den Ordnungen der Liebe arbeiten.

Das Ziel des Buches einem interessierten Laienpublikum zur Verfügung zu stehen geht fast ganz auf. Die kursiv gesetzten Beispiele, mitunter illustriert machen den erklärenden Text in den Hauptteilen des Werkes leicht verständlich. Die Erklärungen zu den historischen Wurzeln der Aufstellungsrichtungen verwirren jedoch, um mutig einen eigenen Weg des Ausprobierens zu finden und bräuchten ein vertiefendes Studium.

Fazit

„Familienaufstellungen. Sich selbst verstehen – die eigenen Wurzeln entdecken“ - ein Buch das neugierig macht, ein Zugang, der stutzig macht. In der Reihe „Hilfe aus eigener Kraft“ (im Klett-Cotta Verlag) wird dennoch allgemein darauf hingewiesen, dass die Anleitung von Aufstellungsarbeit nichts für Laien ist. Das Buch ist für mündige NutzerInnen von Aufstellungsarbeit geschrieben, die sich kundig machen wollen über Zusammenhänge und Wirkweisen. Und es ist für Profis geschrieben, die sich im Verfahren bestätigt sehen.


Rezensentin
Magª (FH) DSA Christine Haselbacher
FH-Dozentin, Bereich Soziale Arbeit, Fachhochschule St. Pölten GmbH
Homepage www.fhstp.ac.at
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Zitiervorschlag
Christine Haselbacher. Rezension vom 29.11.2012 zu: Eva Tillmetz: Familienaufstellung. Sich selbst verstehen - die eigenen Wurzeln entdecken. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2012. ISBN 978-3-608-86112-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13081.php, Datum des Zugriffs 17.11.2018.


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ISSN 2190-9245

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