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Werner Bohleber: Was Psychoanalyse heute leistet

Rezensiert von Prof. Dr. Margret Dörr, 16.02.2016

Cover Werner Bohleber: Was Psychoanalyse heute leistet ISBN 978-3-608-94725-0

Werner Bohleber: Was Psychoanalyse heute leistet. Identität und Intersubjektivität, Trauma und Therapie, Gewalt und Gesellschaft. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2012. 280 Seiten. ISBN 978-3-608-94725-0. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 46,90 sFr.
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Thema

Zwar haben viele Erkenntnisse der Psychoanalyse das Selbstverständnis der Menschen in der westlichen Welt mitgeprägt, gleichwohl ist sie – eingebunden in beschleunigte Veränderungsprozesse der Spätmoderne – immer wieder erneut vor die Aufgabe gestellt sich darüber zu verständigen, „wie sich die Gegenwart und das in ihr situierte Individuum in der psychoanalytischen Reflexion spiegelt und wie die Psychoanalyse Probleme dieser Gegenwart mit ihren Mitteln zu verstehen sucht.“ (S. 10) Dabei setzt Bohleber mit seinem Buch einen besonderen Akzent auf drei thematische Problem- und Themenkreise (s.u.), die in der Geschichte der Psychoanalyse eine durchgängige Rolle spielten und spielen.

Autor

Werner Bohleber, Dr. phil., ist Psychoanalytiker in eigener Praxis in Frankfurt am Main und Herausgeber der führenden deutschsprachigen psychoanalytischen Zeitschrift PSYCHE. Er war Vorsitzender der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV) und ist seit langen Jahren in internationalen psychoanalytischen Gremien tätig. 2007 wurde er mit dem renommierten Mary S. Sigourney Award ausgezeichnet. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Theorie und Geschichte der Psychoanalyse, zu Adoleszenz und Identität, zu Gewaltphänomenen, zur psychoanalytischen Erforschung der nationalsozialistischen Vergangenheit, zu Fremdenhass und Antisemitismus, zur Traumaforschung und zum Terrorismus. (Umschlagstext)

Entstehungshintergrund

„Die Kapitel dieses Buches sind, mit Ausnahme des 7. Kapitels, in englischer Sprache erscheinen in dem Band Destructiveness, Intersubjectivity and Trauma: The Identity Crisis of Modern Psychoanalysis (Karnac, London 2010). Für das vorliegende Buch wurden die einzelnen Kapitel noch einmal überarbeitet.“ (263)

Aufbau

Bohleber konzentriert seine Überlegungen auf drei Bereiche, die er jeweils entlang dreier thematischer Kapitel differenziert.

    I. Identität und Intersubjektivität

  1. Intersubjektivismus ohne Subjekt? – Der andere in der psychoanalytischen Tradition
  2. Vom Chirurgen zum Mitspieler – Über die Veränderung leitender Metaphern in der klinischen Theorie
  3. Adoleszenz und Identität – Psychoanalytische Persönlichkeitstheorien und das Problem der Identität in der Spätmoderne

    II. Trauma und Therapie

  4. Die Entwicklung der Traumatheorie in der Psychoanalyse
  5. Trauma und kollektives Gedächtnis – der Kampf um die Erinnerung in der Psychoanalyse
  6. Traumatische Erinnerungen – Dissoziationszustände und Rekonstruktion

    III. Destruktive Ideologien und Gewalt

  7. Adoleszente Gewaltphänomene – Krisen und Sackgassen in der jugendlichen Entwicklung
  8. Reinheit, Einheit und Gewalt – Unbewusste Determinanten des Antisemitismus in Deutschland
  9. Idealität und Destruktivität – Zur Psychodynamik des religiösen Fundamentalismus und zur terroristischen Gewalt

Zu I.

Im ersten Problembereich „Identität und Intersubjektivität“ zeichnet der Autor nicht nur unterschiedliche psychoanalytische Traditionen und Schulbildungen der Psychoanalyse nach, sondern bringt konsequent die Entwicklungen des Selbstverständnisses der Psychoanalyse mit der rasanten Verflüssigung sozialer Strukturen in Verbindung. Wie sich kulturelle Wandlungsprozesse auf die Theorieentwicklung sowie auf die klinische Praxis der Psychoanalyse auswirken, veranschaulicht Bohleber beispielhaft an der Ausbreitung intersubjektiver Konzeptionen der Entstehung des Selbst in allen psychoanalytischen Schulen.

Im Zuge dieser Darstellung formuliert Bohleber seine Bedenken und diskutiert die Gefahr „über dem Vorrang des Intersubjektiven das Individuum und seine Eigenständigkeit bzw. Autonomie aus dem Blick zu verlieren.“ (13) Im nächsten Beitrag thematisiert der Autor die Folgen kultureller Wandlungsprozesse entlang der Änderungen der Bedeutungshorizonte leitender Metaphern zur Beschreibung des analytischen Prozesses sowie der analytischen Haltung, die sich im Kontext der „Intersubjektivität“ vollzogen haben. Dabei arbeitet er auch die zwiespältige Funktion von Metaphern heraus: „Da Metaphern der Lebenswelt des Menschen entstammen, kann auch ihr metaphorischer Charakter verschwinden und sie können sich zu einem empirischen Begriff wandeln.“ (59).

Der dritte Beitrag befasst sich mit Konzeptionen der Adoleszenz und der Frage nach der Einheitlichkeit des Selbst. Auch in diesem Kapitel zeichnet Bohleber nach, wie die seelische Entwicklung nach und nach in einer interpersonalen Matrix verortet wurde (79). Im Zuge der Weiterentwicklung des Identitätsbegriffs von Erikson plädiert Bohleber für eine (Neu-) Konzeptionierung des Identitätsbegriffs, die zum Einen das ‚Für-sich-selbst-Sein‘ nicht gegen das Empfinden von Zugehörigkeit ausspielt und zum Anderen Identität nicht als Besitz entwirft, sondern als einen lebenslangen Prozess der Balancierung zwischen zentralen Selbstrepräsentanzen und anderen Repräsentanzen begreift. Dies ermöglicht, so der Autor „die psychischen Umformungen, die viele Menschen in einer globalisierten Welt zu leisten haben, theoretisch angemessener“ (81) zu beschreiben und zu verstehen.

Zu II.

Im zweiten Problembereich „Trauma und Therapie“setzt sich Bohleber mit der Traumatheorie als Gegenstand psychoanalytischen Nachdenkens und Handelns auseinander. Dazu zeichnet er im vierten Beitrag die zögerlichen Entwicklungen der psychoanalytischen Traumatheorie nach und diskutiert neuere theoretische Ansätze, mit denen es möglich wird, die komplexen seelischen Phänomene nach traumatischen Widerfahrnissen zu begreifen, ohne die historische Realität vergangener traumatischer Erfahrungen zu vernachlässigen.

Der fünfte Aufsatz behandelt Probleme der Erinnerungsbildung bei Traumatisierung und wendet sich der Bedeutung des kollektiven Gedächtnisses zu. Obgleich auch Bohleber der Analyse im Hier und Jetzt der therapeutischen Beziehung ein zentrales Gewicht im Rekonstruktionsprozess von Erinnerungen traumatisierender Widerfahrnisse zuschreibt, misst er weiterhin der Vergangenheit – „sowohl in ihrer determinierende Bedeutung als auch als hermeneutisches Gegenüber, um die Gegenwart zu verstehen“ (147) einen entscheidenden Rang bei. Des Weiteren betont der Autor (am Beispiel der besonderen Dynamik transgenerationeller Wirkungen für die deutsche Nachkriegsgesellschaft) die vitale Bedeutung, die der gesellschaftliche Diskurs über die historische Wahrheit von ‚man-made-disasters‘ für die betroffenen Individuen und die Gesellschaft hat.

In seinem sechsten Beitrag thematisiert der Verfasser den lange Zeit zu unrecht vernachlässigten Stellenwert des Dissoziationskonzeptes im psychoanalytischen Theoriegebäude und beschreibt entlang klinischen Materials sehr anschaulich die doppelte Funktion dieser Bewusstseinsstörung traumatisierter Menschen. Zur Beantwortung bisher offener Fragen bezüglich der Dissoziationsphänomene fordert er seine Kolleginnen und Kollegen auf, durch eine vermehrte Aufmerksamkeit dieses Phänomen aus ihrer bisher randständigen Position herauszuholen.

Zu III.

Das Thema „Destruktive Ideologien und Gewalt“ behandelt Bohleber in seinem dritten Problembereich und kommt damit dem Anspruch einer sozialwissenschaftlich orientierten Psychoanalyse nach, sich den Anstrengungen zur Erklärung und zum Verstehen jener Ideologien des 20. Jahrhunderts sowie der neueren des 21. Jahrhunderts auszusetzen, die sich durch Irrationalität und Destruktivität auszeichnen. Einen besonderen Fokus legt er auf die Entzifferung der Bedeutung der enorm starken, brisanten Affekte.

Am Beispiel von Gewalttaten Jugendlicher rekonstruiert er im siebten Aufsatz – entlang soziobiografischer Daten – wegweisende intrapsychische Dynamiken, die die Anfälligkeit spätadoleszenter Jugendlicher für radikale und destruktive Ideologien erhellen können. Aber der Autor beleuchtet nicht nur die Komplexität adoleszenter destruktiv-narzisstischer Entwicklungen, sondern zeichnet scharfsinnig sowohl die zusätzlich zerstörerischen Wirkungen von Gegenübertragungsgefühle auf diese Jugendlichen nach als auch die Bedeutung von äußeren, institutionellen Faktoren, die entweder eine Schutzfunktion oder ein Versagen bedingen können.

Unbewusste Phantasiesysteme, die durch bestimmte nationalistische und antisemitische Vorstellungen aktiviert und kanalisiert wurden, sind Inhalt des achten Beitrags von Werner Bohleber. Auch darin vermag er die gegenwärtige Leistungsfähigkeit einer sozialwissenschaftlich aufgeklärten Psychoanalyse zur Erklärung des modernen Antisemitismus „als eines Zusammenspiels von Idealitätsvorstellungen und massiver Destruktivität“ (207) anschaulich zur Geltung bringen. Die diffizilen Zusammenhänge zwischen „Reinheit, Einheit und Gewalt“ zeichnet der Autor zum Einen entlang der Interdependenz von Nationalismus und Antisemitismus nach, und veranschaulicht im letzten Beitrag seines Buches, dass dieses Muster zum Anderen dazu verwendet werden kann, einige Facetten des religiösen Fundamentalismus und jene daraus entstammende Gewalttätigkeit sowie Terrorismus zu erklären. Seinem methodischen Credo zur Psychoanalyse kollektiver Phantasmen wird er auch in diesem Abschnitt voll und ganz gerecht: „Die Psychoanalyse muss die Eigenständigkeit des Sozialen und die Abstraktheit gesellschaftlicher Steuerungsmechanismen und systemisch stabilisierter Handlungszusammenhänge beachten, was aber ihr Vermögen nicht schmälert, die Anziehungskraft, die Ideologien und nationalistisch-ethnische Phantasmen ausüben, und die außerordentlich starken Affekte, die damit verbunden sind, auf unbewusste Faktoren zurückzuführen und psychologisch zu erklären.“ (195f.)

Fazit

Mit seinen historisch informierten Aufsätzen im Buch „Was Psychoanalyse heute leistet“ ist es Werner Bohleber gelungen, ein theoretisch umfassendes und klinisch relevantes Werk einer sozialwissenschaftlich aufgeklärten Psychoanalyse vorzulegen. Mit seinen systematischen, theoretisch fundierten Auseinandersetzungen zu Themen der Identität und Intersubjektivität, Trauma und Therapie sowie Gewalt und Gesellschaft führt er die Leserinnen und Leser gekonnt in den aktuellen Theorie- und Forschungsstand der modernen Psychoanalyse ein. Dabei gelingt es ihm eindrücklich zu zeigen, welche erkenntnisgewinnende Kraft die moderne Psychoanalyse als Disziplin und Profession in einer dringend notwendigen gesellschaftspolitischen Debatte um Identität, Trauma und Gewalt einzubringen vermag. Überzeugend legt er dar, dass die Psychoanalyse trotz Kritik und grundsätzlicher Infragestellung nach wie vor die differenzierteste psychologische Theorie ist. Es ist bewundernswert, wie der Autor komplexe Zusammenhänge in einer sehr verständlichen und anschaulichen Sprache vermitteln kann. So schließe ich mich den anerkennenden Worten von Peter Fonagy im Vorwort zu diesem Buch voll und ganz an: „Der theoretisch solide fundierte psychoanalytische Ansatz, den Bohleber in seinem hochintelligenten Buch vertritt, lässt für die Zukunft der Disziplin hoffen. Hier erweist sich die Relevanz der Psychoanalyse für einige der schwierigsten intellektuellen Probleme unserer Generation […].“(9)

Dieses Buch ist daher keineswegs nur für Psychoanalytiker, Psychotherapeutinnen und Psychiaterinnen wie Philosophen und Soziologen von großem Gewinn. Sondern für all jene, die den derzeit drängendsten Fragen nicht ausweichen wollen: Die also mehr Wissen wollen über die Auswirkungen von zwischenmenschlicher Gewalt auf das Seelenleben von Menschen; mehr über die unbewussten affektiven Dynamiken von religiösem Fundamentalismus, Traumatisierung und Gewalt und/oder mehr über die unbewusst wirkenden kulturellen Kräfte, die uns Menschen zu potentiellen Tätern oder auch Opfern werden lassen.

Rezension von
Prof. Dr. Margret Dörr
Professorin für Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt „Theorie Sozialer Arbeit, Gesundheitsförderung“ an der Katholischen Hochschule in Mainz.
Arbeitsschwerpunkte: ‚Biographieforschung,’ ‚Psychoanalytische (Sozial)Pädagogik’, ‚Klinische Sozialarbeit’‚Abweichendes Verhalten und Psychopathologie’.
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Es gibt 25 Rezensionen von Margret Dörr.

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Zitiervorschlag
Margret Dörr. Rezension vom 16.02.2016 zu: Werner Bohleber: Was Psychoanalyse heute leistet. Identität und Intersubjektivität, Trauma und Therapie, Gewalt und Gesellschaft. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2012. ISBN 978-3-608-94725-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13085.php, Datum des Zugriffs 08.08.2022.


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