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Theodor Hellbrügge, Burkhard Schneeweiß (Hrsg.): Kinder im Schulalter

Cover Theodor Hellbrügge, Burkhard Schneeweiß (Hrsg.): Kinder im Schulalter. Verhaltensstörungen, Lernprobleme, Normabweichungen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2011. 210 Seiten. ISBN 978-3-608-94723-6. D: 32,95 EUR, A: 33,90 EUR, CH: 44,90 sFr.
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Thema

Das Buch thematisiert die Bedingungen und Prozesse schulischen Lernen. Hinterfragt wird, warum Kinder und Jugendliche oft freudlos und motiviert zur Schule gehen, während andererseits Neugier eine zentrale Triebfeder gerade kindlichen Lebens darstellt. Es soll untersucht werden, wie Kinder lernen und welche (schulischen) Voraussetzungen sie hierfür benötigen. Dabei sollen auch bestimmte besondere schulische Problemfelder in den Blick genommen werden.

Herausgeber

Beide Herausgeber sind Kinderärzte: Theodor Hellbrügge, Pionier seines Faches, ist emeritierter Professor für Sozialpädiatrie an der Ludwigs-Maximilians-Universität München; er gilt als einer der bekanntesten Kinderärzte. Auch Burkhard Schneeweiß ist emeritierter Professor für Kinderheilkunde; er war Chefarzt der Kinderklinik „Martin-Luther-King“ des Krankenhauses Berlin-Friedrichshain, Akademisches Lehrkrankenhaus der Charité.

Entstehungshintergrund

Das Buch basiert auf einem Symposium zu „Aktuellen Herausforderungen der Sozialpädiatrie“, das im November 2010 an der Ludwigs-Maximilians-Universität durchgeführt wurde. Die Referate wurden zum Zweck der Veröffentlichung überarbeitet.

Aufbau und Inhalt

Das gut 200 Seiten umfassende Herausgeberwerk besteht aus drei Teilen, denen jeweils mehrere Beiträge der Autorinnen und Autoren zugeordnet sind:

Teil I: Lehren und Lernen vom Kind her denken und praktizieren

  • „Die Schule vom Kind her denken“ von Remo Largo
  • „Jenseits von Lerntypen: Unterschiede als Herausforderung – wie kann Differenzierung aussehen?“ von Elsbeth Stern
  • „Positive Peerkultur in schulischen Kontexten“ von Günther Opp und Angela Brosch
  • „PISA – eine Studie für Staaten oder für Kinder? Einige Befunde vom Kind her gedacht“ von Manfred PrenzelKatharina Müller

Kern der vier in diesem ersten Teil versammelten Beiträge ist die Perspektive „vom Kind her“. Im ersten Beitrag wird sie direkt eingenommen; im zweiten Artikel werden Differenzierung und Individualisierung in Lernprozessen erörtert; nachfolgend geht es um das Potenzial der Schaffung „positiver Peer-Kultur“ in Schulen – und schließlich werden PISA-Befunde aus dieser Perspektive re-interpretiert.

Teil II: Normabweichungen kritisch sehen und integrieren

  • „Bewegungsverhalten im Kindesalter: Was ist normal?“ von Oskar Jenni, Tanja Kakebeeke, Helene Werner und Jon Caflish
  • „Möglichkeiten der Prävention und Intervention bei Lese-Rechtschreib-Störungen“ von Wolfgang Schneider und Nicole Berger
  • „Kindgerechter Umgang mit Hochbegabung“ von Caroline Benz
  • „Die Betreuung von Hochrisikokindern: Wer, wann, wie lang?“ von Beatrice Latal
  • „Vorzüge der Montessori-Pädagogik für die gemeinsame Erziehung von Kindern mit und ohne Behinderung“ von Theodor Hellbrügge und Joachim Dattke

In diesem Teil werden vier „Normabweichungen“ thematisiert und hinsichtlich ihrer Erscheinungsweisen, Hintergründe sowie Möglichkeiten der Prävention und Intervention (bzw. offener des „Umganges“ damit) betrachtet: Bewegung und Motorik, Lese-Rechtschreib-Störungen, Hochbegabung sowie die Situation von Hochrisikokindern, die sehr früh oder mit besonderen medizinischen Problematiken auf die Welt kommen. Eine integrierende Funktion kommt dem letzten Beitrag zu, der das Potenzial der Montessoripädagogik beleuchtet, auf Basis der Arbeiten von Theodor Hellbrügge.

Teil III: Lernstörungen interdisziplinär betrachten und beheben

  • „Kinderärztliche Herausforderungen im Schulkontext“ von Rüdiger von Kries
  • „Die Aufgaben des Kinderarztes bei der Abklärung von Lernstörungen in der Schule“ von Friedemann Schulze
  • „Psychologische Diagnostik von Lernstörungen: Begabung, Verhalten und Motivation“ von Friedrich Voigt
  • „Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen im Schulalter – Diagnostik und Behandlung“ von Andreas Nickisch
  • „Gesundheitliche Belastungen jugendlicher Gymnasiasten“ von Astrid Milde-Busch, Andreas Straube, Florian Heinen und Rüdiger von Kries
  • „Die Thüringer Grundschule – Schulentwicklung aus Sicht der Schulverwaltung“ von Curdula Engelhardt

Nach einem allgemeinen Überblick zu schulbezogenen Aufgaben von Kinderärzten werden spezifisch Lernstörungen und Schulprobleme betrachtet. Auch Teilleistungsstörungen, ADHS und weitere Auffälligkeiten des Verhaltens und Erlebens finden Berücksichtigung, immer bezogen auf die Abklärung von Lernstörungen. Dies wird ergänzt durch einen Blick auf eine entsprechende psychologische Diagnostik, insbesondere solche in sozialpädiatrischen Zentren. Als spezifisches Problem werden auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen betrachtet. In den beiden abschließenden Beiträgen geht es nicht um Lernstörungen, sondern um Gesundheit bei Gymnasiasten sowie um den Aufbau der Thüringer Grundschulen nach der Wiedervereinigung.

Neben einem kleinen Vorwort beider Herausgeber enthält das Buch ein Nachwort von Burkhard Schneeweiß. Unter einbindendem Bezug auf eine Rede des früheren Bundespräsidenten Köhler wird hier ein Überblick zu den Beiträgen des Bandes gegeben. Das Nachwort wäre möglicherweise besser eine Einführung gewesen.

Diskussion

„Hinter“ diesem Buch steht ein sozialpädiatrisches Symposium. Dem entsprechend entstammen die meisten Autorinnen und Autoren medizinischen Kontexten; entweder sind sie selbst Ärzte oder arbeiten klinisch. Es gibt nur einzelne Beiträge von Psychologen, Sonderpädagogen, Erziehungswissenschaftlern und Behördenvertretern. Die spezifische sozialpädiatrische Ausrichtung wird im Titel des Buches leider nicht erkennbar, ebenso wenig die Entstehung aus einem Symposium, die in den Beiträgen unterschiedlich merkbar wird.

Im Untertitel erscheinen drei Aspekte: Verhaltensstörungen, Lernprobleme und Normabweichungen. Lernproblematiken werden im Buch schwerpunktmäßig fokussiert. Gerade die erstgenannten Verhaltensstörungen spielen jedoch in den Beiträgen leider fast keine Rolle. Insofern gibt der Untertitel die Ausrichtung des Buches nicht recht wieder. Nur wenige Beiträge nehmen am Rande Bezug auf diese Thematik – was bedauerlich ist, denn Auffälligkeiten des Verhaltens und Erlebens stellen sicher einen der Brennpunkte im Schulalter dar.

Auf der anderen Seite ist festzustellen, dass dieses Buch verschiedene sehr renommierte Autoren und Forscher aus verschiedenen Disziplinen versammelt, die eine Reihe von interessanten und anregenden Beiträgen geschrieben haben. Auch wenn die Autorenschaft stark medizinisch geprägt ist, kann das Buch ohne Zweifel insofern einen wichtigen Beitrag zur Interdisziplinarität leisten, als es eine psychologisch und auch ein wenig pädagogisch ergänzte medizinische Perspektive in die Diskussion um Schule einbringt. Ohne Zweifel spielen Kinderärzte im Hinblick auf Schule und Kinder im Schulalter eine sehr bedeutsame Rolle. Allerdings ist das Buch in sich eher weniger interdisziplinär, und so hätte man sich, gerade für den diese Interdisziplinarität fokussierenden dritten Teil, eine deutlich stärkere Berücksichtigung pädagogischer Erkenntnisse und Positionen gerade für den betrachteten Bereich Schule gewünscht.

Wie häufig bei Symposien und auch Herausgeber-Büchern erweisen sich die Beiträge als inhaltlich, aber auch hinsichtlich ihres Charakters recht heterogen; auch die Themenklammern der drei Teile sind recht offen gehalten und zu verstehen. Die Passung mancher Beiträge zum jeweiligen Buchteil ist allerdings kaum gegeben.

Fazit

Dieses Buch bietet eine Fülle von anregenden Beiträgen zur Thematik. Die stark sozialpädiatrische Perspektive wird zwar nicht im Titel, aber beim Lesen des Inhaltsverzeichnisses klar; inhaltlich reichen die Beiträge allerdings auch an verschiedenen Stellen darüber hinaus. Viele Beiträge stammen von absoluten Fachleuten und renommierten Vertretern ihres jeweiligen Gebiets. Die im Untertitel an vorderer Stelle stehenden Verhaltensstörungen werden in den Beiträgen wenig angesprochen; im Vordergrund stehen insbesondere Lernstörungen. Eine klarere Fokussierung von Titel und Untertitel wäre empfehlenswert gewesen, um Enttäuschungen der Erwartungen von Lesern zu vermeiden. Für verschiedene Beiträge hätte man sich eine stärkere Aufarbeitung vom Vortragsmanuskript hin zum Beitrag für ein Handbuch gewünscht. – Das vorgelegte Buch ist nicht als systematisches Lehrbuch zu verstehen, sondern eher als interessanter Reader zu ausgewählten Aspekten von Schule, Lernen und Lernproblematiken mit dem Schwerpunkt einer medizinischen Perspektive und entsprechender Impulse für die Diskussion um Schule. Diese Perspektive wird für die Weiterentwicklung von Schule wichtig sein. Wer mit solchen Erwartungen an das Buch herangeht, wird wohl nicht enttäuscht werden; man erhält vielfältige Anregungen, die von wissenschaftlicher Kompetenz und Praxiserfahrung zeugen. Insofern richtet sich das Buch als Impulsgeber an alle Berufsgruppen, die mit schulischem Lernen zu tun haben; es richtet sich auch an interessierte Eltern.


Rezension von
Prof. Dr. Roland Stein
Universität Würzburg, Institut für Sonderpädagogik - Pädagogik bei Verhaltensstörungen
Homepage www.sonderpaedagogik-v.uni-wuerzburg.de
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Zitiervorschlag
Roland Stein. Rezension vom 30.11.2012 zu: Theodor Hellbrügge, Burkhard Schneeweiß (Hrsg.): Kinder im Schulalter. Verhaltensstörungen, Lernprobleme, Normabweichungen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2011. ISBN 978-3-608-94723-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13086.php, Datum des Zugriffs 06.07.2020.


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