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Lothar Böhnisch, Wolfgang Schröer: Sozialpolitik und Soziale Arbeit

Cover Lothar Böhnisch, Wolfgang Schröer: Sozialpolitik und Soziale Arbeit. Eine Einführung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. 200 Seiten. ISBN 978-3-7799-2258-2. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.
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Thema

Soziale Arbeit ist aus Sicht der Autoren eine „angewandte Form des sozialpolitischen Prinzips“ (S. 84) und hat sich im Verlaufe historischer Prozesse in Abhängigkeit von der Entwicklung des Kapitalismus von den Anfängen der Industrialisierung bis in die Gegenwart unter den Bedingungen der Globalisierung entwickelt und inhaltlich verändert bzw. – wie die (staatliche) Sozialpolitik – angesichts wachsender und komplexerer sozialer Probleme/Problemlagen in ihrem Aufgabenbereich massiv „entgrenzt“ (vgl. Köppe/Starke/Leibfried 2011) (S. 9). Deshalb setzen sich die Autoren Böhnisch und Schröer einerseits mit den sozioökonomischen Bedingungen sozialpolitischen und sozialarbeiterischen/pädagogischen Handelns, aber auch mit den politischen Diskursen und Konflikten, letztlich mit der ideologischen Begründung von Sozialpolitik sowie grundsätzlich mit dem deutschen „Sozialstaat in der Krise“ auseinander. Es geht also weniger um eine klassische Darstellung des Aufbaus des Sozialstaates, des Systems sozialer Sicherung und seiner sozialpolitischen Handlungsfelder, sondern vielmehr um eine kapitalismuskritische Analyse und Diskussion „sozialstaatlicher Sozialpolitik“ mit Bezug auf die Lebenslage, die Bewältigungslage und den sozialpolitischem Raum, in dem die Klientel der Sozialpolitik und der Sozialen Arbeit sich befindet.

Autoren

Die Autoren Prof. Dr. Lothar Böhnisch (TU Dresden) und Prof. Dr. Wolfgang Schröer (Universität Hildesheim) lehren u. a. Sozialpädagogik und haben zahlreiche Schriften zu dem Zusammenhang von (Sozial-)Pädagogik/Soziale Arbeit und Sozialpolitik und (Arbeits-)Gesellschaft veröffentlicht.

Aufbau

Um den „sozialpolitischen Möglichkeitsraum“ der Sozialen Arbeit verstehen zu können, arbeiten die Autoren zunächst die Entwicklungslinien des staatlichen Umgangs mit der „sozialen Frage“ seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, über den „Fordismus“ bis hin zum staatlich regulierten Spätkapitalismus auf (Kapitel 1).

In Kapitel 2 analysieren sie die sozialstaatliche Sozialpolitik: das ihr zugrunde liegende Menschenbild, Gerechtigkeitsvorstellungen, das System Sozialer Sicherheit in seinen Widersprüchlichkeiten, die sich in der inhaltlichen und praktischen Ausgestaltung der Aktivitäten der Sozialen Dienste und der Kommunalverwaltungen niederschlagen.

Kapitel 3 übernimmt die Perspektive der Klientel staatlicher Sozialpolitiken, ihre besonderen Lebenslagen und Bewältigungsstrategien in Stadt und Land bzw. Region.

Kapitel 4 setzt sich damit auseinander, inwieweit wiederum sozialkapitalistische Modernisierungsprozesse und damit auch Sozialpolitik - entstanden in einem auf dem Gegensatz von Kapital und Arbeit basierenden Konfliktprozess - , durch den Prozess der Urbanisierung, durch räumliche Gegensätze und Segregationen beeinflusst wurde und wird – quasi als sozialstrukturelles und lebensweltliches Korrelat zu diesem Grundkonflikt; wobei heute der Gegensatz zwischen Stadt und Land an Relevanz verloren hat und Region und Regionalität zur sozialpolitischen Bezugsgröße werden muss (s. sozialräumliche Sozialpolitik, Soziale Arbeit als „sozialpolitische Müllabfuhr der Globalisierung“) (S. 123).

Kapitel 5 beschäftigt sich mit dem entscheidenden Bezugspunkt des Systems sozialer Sicherung, nämlich mit der (Erwerbs-)Arbeit und mit der mit ihrer Erosion einhergehenden Armut wachsender Bevölkerungsgruppen.

Das 6. Kapitel analysiert die für die Soziale Arbeit und ihre Klientel besonders relevanten Felder der Sozialpolitik: die Sozialpolitik der Geschlechter, Familienpolitik, Gesundheitspolitik, Bildungs- und Jugendpolitik etc.

Das 7. Kapitel greift gesellschaftliche Diskurse um die Bürgergesellschaft, soziale Bewegungen, europäische und transnationale Sozialpolitik auf.

Inhalt

In Kapitel 1 wird Sozialpolitik als Ergebnis industriekapitalistischer Vergesellschaftung analysiert und die Theorie Eduard Heimanns und sein dialektisches Verständnis von Sozialpolitik – nämlich die Abhängigkeit des Kapitalismus vom Einbau des Sozialen – als Grundlage zur Erklärung staatlicher Sozialpolitik aufgearbeitet (1929). Sozialpolitik ist demnach die „Verwirklichung der sozialen Idee im Kapitalismus gegen den Kapitalismus“, eine Idee, die bis in die Gegenwart durchaus ihre Relevanz behalten hat (S. 17). Eine Schlüsselstellung kam in dieser Theorie der Transformation des Arbeiters zum Konsumenten zu („Fordismus“ = Massenproduktion und -konsum in den USA). Steigende Löhne, wachsender Konsum (der Arbeiter als Käufer) schaffe Arbeit, Arbeit schaffe Lohn und das wiederum Überschuss für Ausdehnung und größere Dienstleistung (Ford 1926) (S. 21). Der Fordismus gewann vor allem in der BRD der 1950er Jahre an Bedeutung: staatliche Sozialpolitik wurde Industriepolitik, mit dem Ziel, als demokratischer Staat durch Förderung des Massenkonsums soziale Integration zu verwirklichen und den (Sozial-)Staat selbst zu legitimieren (S. 25). Die globalisierte Ökonomie stellte den nationalen Sozialstaat und seine im Zuge dieser Entwicklung „entgrenzte“ Sozialpolitik vor neue, nach Auffassung der Autoren sogar bedrohlich wirkende Herausforderungen.

In Kapitel 2 wenden die Autoren Heimanns Theorie auf das Grundparadox des modernen „Sozialstaats in der Krise“ an, wenn sie herausarbeiten, dass gerade angesichts wachsender sozialer Risiken und Konflikte eine kritische Spirale wachsender Ansprüche und Probleme entstanden sei, die wiederum die Krise des Sozialstaates weiter zuspitze (S. 48). Es stellt sich dann die Frage, an welchen Leitprinzipien das System sozialer Sicherung sich orientiert (Solidarität, Äquivalenz- und Subsidiaritätsprinzip) und welche strukturellen Grundprobleme sich besonders für die sich in einer Notlage befindenden Menschen sowie die mit der Bearbeitung der sozialen Probleme befassten sozialen Dienste daraus ergeben (s. z. B. Hartz IV). Letztlich stellt sich immer die Frage, in welchem Verhältnis Individuum, soziale Gemeinschaft, Markt und Staat zueinander stehen und welchen Handlungszwängen sie jeweils unterliegen. Vor dem Hintergrund, dass dem Sozialstaat immer weniger zugetraut werde, ändern sich auch die Strategien der Menschen zur Lebensbewältigung einerseits; andererseits wird aus dem unter ständigem Aktivierungsdruck stehenden Bürger als Subjekt, zumindest aus staatlicher bzw. der Sicht der sozialen Dienste, ein „Träger von Humankapital“, der seinen Beitrag zum ökonomischen Erfolg der Gesellschaft leisten soll/muss (vgl. auch die Debatte im angelsächsischen Raum). Der Mensch wird in der Logik des Kapitalismus nur noch als Ware, als Kostenfaktor betrachtet, auch wenn der basale Konflikt zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Mensch und Ökonomie weitgehend verdeckt bleibe (vgl. S. 85). Ausführlich analysieren die Autoren, wie sich vor diesem Hintergrund Konflikte entwickeln und wie auch Soziale Arbeit auf die Institutionalisierung und die gesellschaftliche Belebung sozialer Konflikte angewiesen ist, wollte sie sich nicht auf rein sozialtechnologische Funktionen reduzieren lassen und darüber hinaus ihre berufsethischen Prinzipien aufrecht erhalten (s. 85ff).

Das 3. Kapitel setzt sich deshalb mit der Frage auseinander, wie das Individuum, das zum „Unternehmer seiner selbst“ geworden ist oder vielmehr werden sollte, selbstverantwortlich sein persönliches Geschick in die Hand nimmt oder nehmen kann; denn der Mensch in der „zweiten Moderne“ lebe permanent zwischen Chance und Risiko; Lebenslagen sind zu Risikolagen geworden, verbunden mit Prekarisierung und erhöhter sozialer Verwundbarkeit des Einzelnen (S.105), wie schon Robert Castel in seinem Werk „Die Metamorphosen der Sozialen Frage“(2000; zuerst auf Französisch: 1995) festgestellt hatte. Welchen Beitrag kann Soziale Arbeit unter diesen Umständen zum „Empowernment“, zur Bewältigung riskanter Lebenslagen leisten? (s. capability approach) (S. 109ff).

Kapitel 4 und 5 vertiefen diese Fragestellungen dann noch einmal unter dem Aspekt städtischer und regionaler Entwicklungen und im Kontext der Entwicklung der Erwerbsarbeit (z. B. Flexibilisierung, lebenslanges Lernen, Auflösung des Normalarbeitsverhältnisses, Arbeitslosigkeit etc.) und der dazugehörigen Politiken (Arbeitsmarktpolitik, Beschäftigungsförderung, Gemeinwesenökonomie etc.).

In Kapitel 6 werden aus der Perspektive der Sozialpolitik noch einmal ausgewählte sozialpolitische Felder kapitalismuskritisch hinterfragt, aktuelle Diskurse um die Perspektiven der Sozialpolitik aufgegriffen und politisch eingeordnet.

Im letzten Kapitel (7) fassen die Autoren dann die Sozialstaatsdebatte um Bürgergesellschaft und Sozialstaat, insbesondere um die „neue Kultur der Kontrolle“ (u. a. David Garland) zusammen und diskutieren, welche Folgen der Prozess der Globalisierung für den einzelnen Menschen, aber auch für die sozialen Hilfesysteme mit sich bringt.

Diskussion

Diese von Böhnisch und Schröer sowie mehreren Koautoren verfasste Einführung in die „Sozialpolitik und Soziale Arbeit“ leistet einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Sozialstaatsdiskussion und zu der Frage, wie Gesellschaften ihren sozialen Zusammenhalt organisieren (können), und zwar aus kapitalismuskritischer Sicht. Allerdings unterscheidet sich diese Arbeit grundsätzlich von klassischen Einführungen, die als Lehrbücher konzipiert und geschrieben wurden, wie z. B. die neueste Publikation von Heike Engel (2011), in der Reihe „Grundwissen Soziale Arbeit“ bei Kohlhammer erschienen und vom Umfang her mit dieser Publikation vergleichbar, oder von dem umfassenden zweibändigen Grundlagenwerk von Gerhard Bäcker u. a., das ausgehend von der sozialen Lage in Deutschland das System sozialer Sicherung systematisch darstellt und analysiert (VS Wiesbaden 2010). Die Autoren setzen die in diesen zuletzt genannten Publikationen vermittelten Grundlagenkenntnisse der Sozialpolitik und der sozialen Lage in Deutschland voraus, wenn sie in allen Kapiteln sofort in die Debatten um die Begründung von Sozialpolitik und Sozialstaat einsteigen und auch offensiv und wissenschaftlich und politisch begründet Standpunkte beziehen.

Fazit

Das Werk von Lothar Böhnisch und Wolfgang Schröer leistet einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Sozialstaatsdiskussion und zum Paradigmenwechsel in der Sozialen Arbeit; es formuliert aber auch aus kapitalismuskritischer Perspektive Ansprüche an die Soziale Arbeit, die sich – im Interesse ihrer AdressatInnen – offensiv mit den Herausforderungen und ihrem Selbstverständnis in der globalisierten Welt auseinandersetzen muss. Wer sich neu in die sozialpolitischen Zusammenhänge der Sozialen Arbeit einarbeiten möchte, sollte sich zuvor mit einem gewissen Basiswissen, das in einschlägigen Lehrbüchern zu erwerben ist, ausstatten oder solche Lektüre parallel lesen, nicht zuletzt um sich in der Auseinandersetzung mit dem besprochenen Werk eigenständige Standpunkte erarbeiten zu können.


Rezensentin
Prof. Dr. Silke Schütter
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Zitiervorschlag
Silke Schütter. Rezension vom 18.07.2012 zu: Lothar Böhnisch, Wolfgang Schröer: Sozialpolitik und Soziale Arbeit. Eine Einführung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. ISBN 978-3-7799-2258-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13088.php, Datum des Zugriffs 06.12.2019.


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