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Michael Böwer: Kindeswohlschutz organisieren

Cover Michael Böwer: Kindeswohlschutz organisieren. Jugendämter auf dem Weg zu zuverlässigen Organisationen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. 360 Seiten. ISBN 978-3-7799-2809-6. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR.
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Thema

Wie schützen Jugendämter eigentlich Kinder vor Misshandlung und Vernachlässigung? Das Werk: „Kindeswohlschutz organisieren. Jugendämter auf dem Weg zu zuverlässigen Organisationen“ von Michael Böwer ist ein Beitrag zu dieser seit Jahren in Fachöffentlichkeit sowie multimedial stark diskutierten Frage. Jugendamtliches Handeln steht grundsätzlich in einem Konflikt: Einerseits sollen vorschnelle Eingriffe in den Privatraum Familie vermieden werden, andererseits sind Kinder vor Gewalt zu schützen. Oftmals wird jugendamtliches Handeln in diesem zwiespältigen Kontext kritisch hinterfragt. Was kann ein Jugendamt leisten und wie kann es verlässlich arbeiten? Der Untertitel des Buches erscheint hierzu zunächst einmal provokant und legt nahe, Jugendämter seien derzeit erst auf dem Weg, verlässlich zu agieren. Der Autor geht indessen davon aus, dass Jugendämter sich – mit ihren reichhaltigen Erfahrungshintergründen – Herausforderungen stellen. Welche Herausforderungen dies sind, wird empirisch wie theoriebasiert auf insgesamt 311 Seiten komprimiert dargestellt.

Autor und Entstehungshintergrund

Michael Böwer, Jahrgang 1972, ist Diplom-Sozialarbeiter, Diplom-Pädagoge und Professor an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen am Fachbereich Sozialwesen. Sein Werk „Kindeswohlschutz organisieren“ wurde 2011 von der Universität Hildesheim als Dissertation angenommen. Es handelt sich bei dem Buch also um eine veröffentlichte Doktorarbeit. Der Autorlegt darin zum Entstehungshintergrund offen, dass der Arbeit an der Dissertation sieben Jahre eigener sozialpädagogischer Praxis im Bereich ambulanter Hilfen zur Erziehung, inklusive Vernetzungs- und konzeptioneller Tätigkeiten, vorausgingen. Während der Erarbeitung der Dissertation nahm der Autor am Stipendiat/innenprogramm der Hans-Böckler-Stiftung teil.

Aufbau

Das Buch ist in sechs Kapitel unterteilt und beginnt mit ausführlichen Bestandsaufnahmen zur Situation in der Kinder- und Jugendhilfe, sowie folgend zum Umgang mit riskanten Umwelten in Organisationen. Dem folgt die Vorstellung einer Studie, die Böwer im Rahmen seiner Dissertation erarbeitete. Für diese Studie interviewte er 16 Führungskräfte in 15 bundesdeutschen Jugendämtern. Im Buch präsentiert werden entsprechend die vom Autor angewandte Methodologie und die Ergebnisse seiner Untersuchung. Im Mittelpunkt der empirischen Auswertung im fünften Kapitel stehen die Kernkategorie „Aufmerksamkeit auf Abläufe“ sowie fünf Schlüsselkategorien zu der Kernkategorie. Das sechste Kapitel umfasst die Diskussion der Ergebnisse und Anregungen für Handlungsfelder.

Ausgewählte Inhalte

1. Blick auf die Kinder- und Jugendhilfe: Der Autor liefert im zweiten Kapitel einen Überblick zu Aufgaben und Strukturen, historische Wurzeln und aktuelle Entwicklungen in der Kinder- und Jugendhilfe. Dieses Kapitel kann für einen Überblick, bzw. zum Nachschlagen zu rechtlichen Prämissen, zur Verortung des Jugendamtes gegenüber anderen Fachbehörden, zu Aufgaben freier Träger, zu Klärung von Begriffen wie Wächteramt etc. genutzt werden. Es liefert aber darüber hinaus, auf diesem Überblick aufbauend, Erläuterungen zur aktuellen Debatte bezüglich des staatlichen Schutzauftrages. Dies bietet den Übergang zum Themenbereich des derzeitigen Bestands der empirischen Forschung zu Jugendämtern. Hier wird schlüssig verdeutlicht, dass zum Schutzauftrag ein offensichtlicher Forschungsbedarf besteht.

2. Blick auf die Empirie: Das Buch präsentiert in den Kapiteln vier und fünf die Abfolge der Forschungsschritte des Autors, hin zu den Ergebnissen seiner Studie. Sein Untersuchungsgegenstand sind bundesweit Führungskräfte in Jugendämtern. Böwer begündet, warum er als Erhebungsinstrument leitfadengestützte Interviews wählte. Er veranschaulicht, wie die Wahl der 16 Interviewpartner/innen in 15 unterschiedlichen Jugendämtern gemäß des theoretical sampling erfolgreich verlief und was bei der Akquise sowie der Durchführung der Interview zu beachten war; kurzum liefert der Autor einen schlüssigen Überblick zum Handwerkszeug der qualitativen Datenerhebung, mit stetiger Rückbindung zu seinem Forschungsanliegen. Erläuterungen zur Grounded Theory – als sein hierzu gewählter Forschungsstil und als Analysestrategie- führen schließlich zu Ergebnissen der Studie, die zur Zielsetzung hat „(…) nähere Hintergründe der Wahrnehmung des staatlichen Schutzauftrags in Erfahrung zu bringen, die gleichzeitig über Perspektiven der Führungskräfte differenziert Aufschluss bieten (…)“ (S. 116). Hierzu erwies sich ein zirkuläres Verfahren zwischen Datenerhebung und Auswertung, das Verfassen von theoretischen Memos sowie das dreistufige Codierverfahren gemäß der Grounded Theory als strukturierend und aufschlussreich; vom offenen, zum axialen, hin zum selektiven Codieren und damit zur Erfassung einer Kernkategorie. Diese lautet „Aufmerksamkeit durch Abläufe“. Ihr liegen wiederum fünf Schlüsselkategorien zugrunde, die der Autor nacheinander ausführt und dazu mit Ausschnitten aus anonymisierten Interviewpassagen arbeitet, die greifbare Einblicke in die untersuchte Praxis ermöglichen.

3. Blick auf fünf Handlungsfelder: Das sechste und damit abschließende Kapitel widmet sich vorrangig der Bezugnahme der Studie von Böwer auf unterschiedliche Handlungsfelder des staatlichen Schutzauftrages. Vorab bezieht der Autor seine Kernkategorie „Aufmerksamkeit durch Abläufe“ auf den „Kevin-Fall“ (Bremen, 2006) und konstatiert mittels der Betrachtung des damaligen Untersuchungsausschussberichts, dass das theoretische Modell „Aufmerksamkeit durch Abläufe“ eine Chance gewesen wäre. Insgesamt, so zeigt seine Studie, gilt folgendes zu beachten: “(…)eine ´Kultur der Achtsamkeit´ kann nicht gesetzt, sondern nur mühevoll geschaffen werden – Rückschläge und Neubeginn inklusive“ (S. 269). Der staatliche Schutzauftrag indessen umfasst fünf Handlungsfelder. Die Leitungsebene im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) der Jugendämter ist eines davon. Denn, wie Böwer es eindringlich beschreibt, der staatliche Schutzauftrag ist eine Leitungsaufgabe – aber eben dies nicht alleinig. Weitere Handlungsfelder sind a) Organisationen zum Kinderschutz, b) Fachlichkeit und Politik, c) Forschung sowie d) Qualifikation und Professionalität. Zu den Handlungsfeldern liefert der Autor praxisorientierte Anregungen und Nachdenkenswertes zum Status quo.

Diskussion

Das Buch rückt jugendamtliches Handeln in ein realistisches Licht. Es wird veranschaulicht, dass vielfältige Wirkbedingungen ineinander greifen und eine Kultur der Achtsamkeit im Jugendamt auch mit Rückschlägen verbunden sein kann. Führungskräften kommt hier eine besondere Bedeutung zu, sog. small wins zu organisieren. Jedoch, auch in diesem Sinne achtsame Organisationen können Fehler allein dadurch nie vermeiden, so Böwer. Das Buch kann in diesem Kontext zudem als Warnung verstanden werden, den Bogen des Schutzinteresses nicht zu überspannen, Kinder präventiv aus Eigenschutz in Obhut zu nehmen und damit den eingangs benannten Konflikt zwischen Gefahrenprognose und Familienautonomie einseitig zu entscheiden. Dieser Appell deutet an, dass es sich bei „Kindeswohlschutz organisieren“ um ein Werk handelt, das man ggf. kontrovers diskutieren kann. Zu diesem Eindruck kann man ebenfalls beim Thema Arbeitsbelastung von Fachkräften gelangen. Der Autor benennt, dass Studien ein mitunter alarmierendes Bild zur Personalausstattung in Jugendämtern vermitteln. Auch Böwer konstatiert grundsätzlich knappe Zeitressourcen im ASD, die jedoch – wie seine eigene Untersuchung ergibt – fachlichen Austausch nicht verhindern. In diesem Kontext ist jedoch anzumerken, dass Böwer in seiner Studie explorativ Führungskräfte auf der Ebene von Sachgebiets- bzw. Fachbereichsleiter/innen, mit ihren spezifischen Einflussmöglichkeiten, fokussiert. Diese Führungsebene wirkt als Scharnier für organisatorische Abläufe. Die erhobenen Einschätzungen haben aber, trotz des überaus sorgsamen theoretical sampling der Studie, gewiss eine begrenzte Reichweite in Bezug auf Verallgemeinerungen zur Arbeitsbelastung in Jugendämtern.

Der Autor vermag mit seiner überregionalen Studie mittels Interviews in unterschiedlichen Bundesländern und mit Variationen von Gemeindegrößenklassen deutlich für die Beachtung regionaler Spezifika zu plädieren, ohne einen Widerspruch dazu zu konstruieren, dass der Allgemeine Soziale Dienst (ASD) der Jugendämter über regionale Besonderheiten hinaus stets gefordert ist, Standards zu beachten und sich für Diagnosen hinreichend Zeit zu nehmen. Doch, wie er es schreibt: „Am Ende muss sich der ASD mit ´Halbwegs-Sicherheiten´ begnügen. (…) Eine lehrbuchartige Masterstrategie zur Bewältigung organisationaler Folgeprobleme von Kindeswohlgefährdung aufs Ganze gesehen gibt es nicht“ (siehe S. 132). Böwer beschreibt den ASD der Jugendämter als engagiert, auf dem Weg in eine reflexive Richtung – und als bescheiden. Nach Lesen dieses Buches stellt sich zudem die Frage, ob sich ein Ruf von Wissenschaft und Medien nach quasi kompakten Lösungspaketen für den Kinderschutz nicht zudem bescheiden sollte. Es gilt den Ernst der Lage im Blick zu behalten und Kindeswohlschutz nicht verkürzt als ein Organisationsproblem zu verstehen. Aber, wie der Untertitel des Buches es provokant formuliert, Jugendämter und sein ASD benötigen auch Impulse innerhalb (!) ihrer Organisation, die auf Bedürfnisse vor Ort abgestimmt sind, um hoch zuverlässig erlebbar zu sein. Und, hierfür benötigt man empirische Forschung zu jugendamtlichem Handeln. Das Werk von Böwer leistet wie folgt einen wichtigen Beitrag zur Professionalisierungsdebatte und bietet Impulse für achtsame Jugendämter – ohne dabei die Achtung vor den vielfältig anspruchsvollen Aufgaben, die Jugendämtern obliegen, aus dem Blick zu verlieren.

Die praktische Handhabbarkeit des Buches hätte jedoch zuweilen noch mehr an Tiefe gewonnen, wenn die Systemtheorie Luhmanns, auf die sich der Autor in seinem Kapitel zu Organisationen maßgeblich bezieht, sowie das von ihm verwendete Notationssystem zur Präsentation von Ausschnitten aus anonymisierten Interviewpassagen von ihm näher erläutert worden wären. Leider besteht noch eine gewisse Kluft zwischen wissenschaftlicher Beforschung von Sozialer Arbeit und Fachkräften in der Sozialen Arbeit. Das Werk dieses Autors ist – auch aufgrund seines eigenen fachlichen Hintergrundes – geeignet einen Beitrag zu leisten, diese Kluft mit zu mindern. Dies impliziert jedoch einen Balanceakt, insbesondere in einer Dissertationsschrift, den Böwer, trotz dieser punktuellen Kritik zur Darstellungsform, insgesamt ausnehmend leserfreundlich ausbalanciert.

Fazit

Das Werk „Kindeswohlschutz organisieren“ von Michael Böwer ist innovativ und inhaltlich schlüssig. Ein besonderer Verdienst kommt der komprimierten Darstellung der Ergebnisse seiner empirischen Untersuchung zu; es handelt sich hierbei um ein good practice Beispiel einer Auswertung gemäß der Grounded Theory. Nicht zuletzt machen die fachlich begründeten Thesen des Autors sowie die Präsentationsform seiner Studie dies Buch überaus empfehlenswert für die Praxis der Sozialen Arbeit, wie auch für wissenschaftliches Arbeiten, zum Thema Soziale Arbeit.


Rezension von
Dipl.-Sozialarb., Dipl.- Kriminol. Christine Burmeister
Doktorandin am Institut für kriminologische Sozialforschung, Universität Hamburg. Thema: "Kindesmisshandlung als Ausdruck eines geschlechtsspezifischen Wertekonflikts. Fallananalysen und Erklärungsansätze für die Präventionsarbeit"
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Zitiervorschlag
Christine Burmeister. Rezension vom 19.09.2012 zu: Michael Böwer: Kindeswohlschutz organisieren. Jugendämter auf dem Weg zu zuverlässigen Organisationen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. ISBN 978-3-7799-2809-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13092.php, Datum des Zugriffs 06.07.2020.


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