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Ralf Stoecker, Christian Neuhäuser u.a. (Hrsg.): Handbuch Angewandte Ethik

Cover Ralf Stoecker, Christian Neuhäuser, Marie-Luise Raters (Hrsg.): Handbuch Angewandte Ethik. J. B. Metzler‘sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH (Stuttgart, Weimar) 2011. 550 Seiten. ISBN 978-3-476-02303-2. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 77,00 sFr.
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Thema

Die Herausgeber unternehmen es, die Aufgabe der Angewandten Ethik so zu verstehen und zu vermitteln, dass sie als Mittel zur konkreten Hilfestellung bei privaten und öffentlichen Problemlagen hinsichtlich einer ausgewogenen Beurteilung von moralisch richtigen Verhaltenssituationen dienen kann.

Um all diesen Problemstellungen gerecht werden zu können, wird systematisch und interdisziplinär unter Einbeziehung der zentralen Bereichsethiken vorgegangen. Dabei werden auch die relevanten Begrifflichkeiten der spezifischen Anwendungsfelder näher erläutert.

Autoren und Autorin

Ralf Stoecker lehrt als Professor für Angewandte Ethik an der Universität Potsdam vorwiegend im Bereich der medizinischen und psychiatrischen Ethik; Christian Neuhäuser ist promovierter Akademischer Rat am Lehrstuhl für Politische Philosophie und Rechtsphilosophie der Ruhr-Universität Bochum und Marie-Luise Raters lehrt als Privatdozentin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin ebenfalls am Lehrstuhl für Angewandte Ethik der Universität Potsdam.

Entstehungshintergrund

Das Projekt geht auf den Wunsch der Herausgeber wie auch des Verlages zurück, ein Handbuch zu erstellen, in welchem sich all das finden lässt, was sich kompetent und übersichtlich zum Thema Angewandte Ethik dem neuesten Forschungsstand entsprechend sagen lässt. Letztlich ist eine enorme Anzahl an Beiträgen dabei herausgekommen, die die unterschiedlichen Aspekte angewandter Ethik analysieren und ausleuchten.

Aufbau

Das Buch ist inklusive einer Einleitung und eines Anhangs in zehn Kapitel aufgegliedert, die wiederum jeweils bis zu achtzehn Einzelbeiträge aufweisen; die acht Hauptkapitel greifen zunächst den moraltheoretischen und religiösen Hintergrund und die der angewandten Ethik zugrundeliegenden verschiedenen Ethikformen auf, um dann anwendungsübergreifende Gesichtspunkte zu referieren und schließlich in einem weiteren Kapitel diverse Bereichsethiken darzulegen. Die nachfolgenden Kapitel beschäftigen sich mit Einzelthemen der Angewandten Ethik, wie etwa ‚Das individuelle Leben und der Privatbereich‘ (Kap. V), das ‚Sozialleben und Fragen der Gerechtigkeit‘ (Kap. VI), ‚Moralische Rechte und Freiheiten‘ (Kap. VII), sowie ‚Medizinische Ethik und ihr Umfeld‘ (Kap. VIII) und schließlich die ‚Tier- und Umweltethik‘ in Kapitel IX. Eine Auswahlbibliographie, ein Autoren- und Sach-Register befinden sich im Anhang.

Inhalte

Die Herausgeber gehen in ihrer Einleitung von konkreten Problemsituationen aus, deren ethische Bewertung bzw. Gewichtung im gesellschaftspolitischen Verständnis zumindest höchst umstritten war, um damit auf das eigentliche Kernanliegen des Buches hinzuweisen. So nennen sie zum Beispiel unter anderem die im Jahr 1984 durch den damals umstrittenen Arzt Julius Hackethal an einer seiner Patientinnen verübte Sterbehilfe, den Fall des Markus Gäfgen, der 2002 einen elfjährigen Jungen getötet hatte und nur durch Folterandrohung seitens der Polizei das Versteck des Toten preisgegeben hat, oder die gewaltige Hungersnot in Somalia, die im Jahr 2011 Hunderttausende Menschen dahinraffte, ohne dass die Weltöffentlichkeit entsprechend reagierte. Sie wollen damit auf die daran geknüpften Diskussionen über Moral, die Unterlassungen und die Grenzen der Toleranz hinweisen – aber auch auf eine sich daraus entwickelnde zunehmende Professionalisierung der Angewandten Ethik.

Damit wird zugleich das eigentliche Ziel des Handbuches deutlich: es soll sowohl dem allgemeinen Informationsbedürfnis „beispielsweise von Journalisten, Politikern, Rechtswissenschaftlern und Fachleuten der jeweils betroffenen Disziplinen als auch dem spezifischen der Kolleginnen und Kollegen, Studierenden und Lehrenden in der Angewandten Ethik“ (S. 2) dadurch Rechnung tragen, indem es mehrere Zugangswege zur Thematik eröffnet.

So unternehmen es diverse Autoren im ersten Hauptkapitel durch Darlegung der Kerninhalte der verschiedenen Bereichsethiken die Bandbreite der Angewandten Ethik und deren sich daraus ergebenden moraltheoretischen und religiösen Basiserkenntnisse aufzuzeigen. Die einzelnen Fachvertreter beschäftigen sich unter anderem mit Grundkategorien moralischer Bewertung und Argumentationsstrukturen, aber auch mit den sich aus den Einzelethiken ergebenden Rückschlüssen für eine Umsetzung in die Angewandte Ethik. Ehe die Bereichsethiken – von denen vierzehn genannt werden – Erläuterung in einem weiteren Kapitel finden, werden seitens der Einzelbeiträge anwendungsübergreifende Gesichtspunkte aufgezeigt; dabei geht es sowohl um Fragen, die sich aus moralischen Dilemmata ergeben, wie auch um praktisch-ethische Entscheidungen im Zusammenhang mit Verhaltensweisen, Verantwortungsbewusstsein oder aber um all das, was mit Tun und Unterlassen, Schuld und Verdienst, Toleranz und Solidarität zu tun hat.

Natürlich erscheint es äußerst sinnvoll in einem weiteren Hauptkapitel die Erkenntnisse aus den einzelnen Bereichsethiken auf deren praktische Umsetzung hin zu untersuchen, indem die für die einzelnen Beiträge verantwortlich zeichnenden Autoren die Anwendung hinsichtlich des individuellen Lebens und des Privatbereichs prüfen. So geht es hier um die spezifischen Faktoren von Sterben und Tod, Behinderung, Sexualität, Liebe und Freundschaft, aber auch um das Verhältnis von Eltern und Kindern, von Bildung und Erziehung, wie auch um den Sinn oder die Qualität des Lebens.

Sicher ist es kennzeichnend für ein Werk, das den Anspruch stellt ein mehr oder weniger umfassendes Handbuch sein zu wollen, weshalb ein Vielzahl von Facetten des Lebens in einer Sozialgemeinschaft aufgegriffen werden, in welcher sich naturgemäß Fragen nach der Gerechtigkeit im Zusammenleben auf den verschiedensten Ebenen quasi von selbst ergeben und nicht ausgeklammert werden können. Seien es nun Fragen bezüglich von Gesinnung, Verantwortung , Diskriminierung, Rassismus und Sexismus, von Ungleichheit und daraus resultierender möglicher Ungerechtigkeit, von den Implikationen im Zusammenhang mit Arbeit und Beruf oder Armut und Hunger – all diesen Fragen stellen sich die Autoren von elf Beiträgen im sechsten Hauptkapitel.

Im darauffolgenden Kapitel stehen all jene Fragen im Mittelpunkt der Aufarbeitung, die mit moralischen Rechten und Freiheiten in Verbindung gebracht werden können. So geht es hier vorwiegend um die per Verfassung oder der UN-Menschenrechtscharta festgeschriebenen Freiheitsrechte, die vor allem in der bundesdeutschen Demokratie als subjektive Rechte Gültigkeit haben und die den Einzelnen vor Willkürmaßnahmen des Staates schützen sollen.

Schließlich greifen die Herausgeber in den beiden letzten Hauptkapiteln ganz spezifische für die Angewandte Ethik bedeutsame Einzelthemen auf. Zunächst befassen sich die Autoren mit der medizinischen Ethik und deren Umfeld, listen in Einzelbeiträgen die Erkenntnisse aus all jenen ethischen Fragestellungen auf, wie sie sich aus all dem ergeben, was mit Leben, Gesundheit, Krankheit und Tod des Menschen in Zusammenhang steht. Hier werden durchaus auch ‚moderne‘ Fragestellungen aufgegriffen, die sich aus den Überlegungen und Debatten unter anderem hinsichtlich von einem Schwangerschaftsabbruch , der PID, der Gen- und Stammzellenforschung, aus der Transplantationsmedizin, der Hirntodforschung etc. gerade in den letzten Jahren ergeben haben.

Abschließend werden die immer stärker in das Bewusstsein und die daraus resultierenden Debatten rückenden ethischen Fragestellungen bezüglich einer Tier- und Umweltethik thematisiert. Tiere werden hier nicht mehr nur als Nahrungsmittel und Konsumgut, oder aber als Versuchsobjekte begriffen, sondern auch als achtenswerte Lebewesen und Lebensgefährten.

Diskussion

Den Herausgebern ist es gelungen, eine beinahe umfassende Darstellung und Aufarbeitung all jener Bereiche menschlichen Lebens und Umfelds, die von ethischem Belang sind in ein Werk zu integrieren, das sich somit zu Recht als Handbuch versteht. Sicher lässt sich anmerken, dass sich die ethisch relevanten Bereiche sowohl im individuellen Leben des Menschen, wie auch in seinem sozialen Umfeld immer stärker ausdifferenzieren, aufspalten und vereinzeln lassen – somit ständig neue Facetten des täglichen Lebens auftreten und weiterhin etablieren werden, die es auf ihre ethisch-moralischen Implikationen hin abzuklopfen lohnt. Das bedeutet, dass ein Handbuch nur bedingt den Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann und darf – was im Übrigen seitens der Herausgeber lobenswerterweise nicht geschieht.

Die Herausgeber sind mit ihrem Werk sicher auf einen fahrenden Zug gesprungen, indem sie sich das zunehmende Interesse an der drängenden Frage danach, wie ich ethisch-philosophische Erkenntnisse und Grundsätze in unserer heutigen Zeit in eine praxisorientierte Anwendung umsetzen kann, zu eigen gemacht haben. Ihnen ist es dabei gelungen mittels des Einsatzes von neunundsiebzig Experten aus den unterschiedlichsten Bereichen eine aus einhundertundzwanzig Beiträgen bestehende Darstellung der erkenntnisleitenden Vielfalt zu erreichen. Dadurch konnte aufgrund der Einzelbeiträge – meist in überschaubarer Länge oder manchmal in beinahe lexikalischer Kürze abgefasst – all das vermittelt werden, was zur thematischen Bewältigung notwendig erscheint.

Das Werk steht in unmittelbarer Konkurrenz mit gerade in letzter Zeit herausgegebenen Darstellungen der Angewandten Ethik, wie zum Beispiel die Werke von Dagmar Fenner (vgl. die Rezension) oder Nikolaus Knoepffler (vgl. die Rezension), wenngleich es sowohl vom Umfang der Aufarbeitung, wie auch der Tiefe der Themenerfassung weit darüber hinausgeht.

Fazit

Das Werk von Stoecker/Neuhäuser/Raters erfüllt den Anspruch, ein Handbuch zu sein vollkommen zu Recht. Es erfasst in bisher ungekannter Weise möglichst viele, wenn nicht gar alle Bereiche und Facetten ethischen Denkens und Handelns. Den Herausgebern ist es dabei gelungen, eine Vielzahl fachkundiger Autoren zu rekrutieren, die die Erkenntnisse ihres (Spezial-)Gebietes in meist unverklausulierter Weise, wissenschaftlich fundiert, aber auch allgemein verständlich, so rüberzubringen, dass es nicht nur für den sach- und fachkundigen Leser zum Gewinn wird. Natürlich ist es damit auch hervorragend geeignet, den Studierenden all jener Fächer, in denen ethisch-moralische Fragestellungen von Relevanz sind, als Nachschlagewerk und Studienbuch zu dienen.

Es ist zu hoffen, dass es den Herausgebern gelingt, auch fürderhin durch entsprechende ggf. erweiterte Neuauflagen die Thematik so umfassend auszubauen.


Rezension von
Prof. Dr. Dr. habil. Peter Eisenmann
Professor für Andragogik, Politikwissenschaft und Philosophie/Ethik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften
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Zitiervorschlag
Peter Eisenmann. Rezension vom 03.09.2012 zu: Ralf Stoecker, Christian Neuhäuser, Marie-Luise Raters (Hrsg.): Handbuch Angewandte Ethik. J. B. Metzler‘sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH (Stuttgart, Weimar) 2011. ISBN 978-3-476-02303-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13095.php, Datum des Zugriffs 25.06.2021.


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