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Mustafa Jannan: Gewaltprävention an Schulen

Cover Mustafa Jannan: Gewaltprävention an Schulen. Planen - Umsetzen - Verankern. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2012. 139 Seiten. ISBN 978-3-407-29162-2. 19,95 EUR, CH: 28,90 sFr.
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Thema

Die Fragen der Vorbeugung von und des Umganges mit Gewalt an Schulen haben in den letzten Jahren (immer wieder neu) Furore gemacht – zumeist ausgelöst durch spektakuläre Vorfälle wie etwa Amokläufe. Es ist auch ein beeindruckender Publikations- und Buchmarkt entstanden. Mittlerweile scheinen die vielfältigen Maßnahmen und Programme unter Umständen etwas Wirkung zu zeigen. Nichtsdestotrotz fehlt es noch an dezidiert schulbezogenen, realisierbaren Konzepten. Mustafa Jannan legt mit diesem Buch ein sehr konkretes eigenes Programm zur Gewaltprävention an Schulen vor.

Autor

Mustafa Jannan ist ehemaliger Gymnasiallehrer und derzeit Mitarbeiter des Regionalen Bildungsbüros Olpe. In dieser Funktion hält er Vorträge sowie Workshops zu Gewaltprävention und -intervention, aber auch zu Jungenarbeit sowie Gesprächsführung in Beratungs- und Konfliktsituationen. Qualifiziert ist er zusätzlich als Beratungslehrer, Jungenarbeiter sowie in Konstruktiver Konfliktbearbeitung.

Entstehungshintergrund

Der Autor weist im Vorwort darauf hin, dass Ausgangspunkt des hier vorgelegten Präventionsprogramms sein vorheriges eigenes „Anti-Mobbing-Buch“ war. Er sei in der Folge von vielen Schulen und anderen Einrichtungen zu Referaten eingeladen worden. Im Rahmen dieser Vorträge und der Diskussion in den Schulen wurde für ihn ein erheblicher Bedarf an Prävention deutlich. Daher wurde es ihm zum Anliegen, einen strukturierten Ablauf schulischer Präventionsarbeit zu konzipieren. Das Buch sollte dabei kein konkretes Programm favorisieren, sondern eine Umsetzungshilfe darstellen.

Aufbau und Inhalt

Das knapp 140 Seiten umfassende Buch besteht aus drei Teilen: Nach einem Vorwort, in dem die Intention des Buches deutlich wird, bieten

  1. die Kapitel 1 bis 3 Grundlagen.
  2. Das eigene Konzept wird auf den 50 Seiten der Kapitel 4 und 5 entwickelt.
  3. Im 6. Kapitel werden verschiedene Präventionsprogramme vorgestellt.

Das Buch endet mit einem Schlusswort sowie einem Anhang, der insbesondere auf knapp 30 Seiten Kopiervorlagen für die konkrete schulische Arbeit enthält, ergänzt durch eine Linksammlung sowie das Literaturverzeichnis.

Die Kapitel im Einzelnen:

  • In der Einführung wird die Bedeutung schulischer Prävention herausgearbeitet. Das Konzept des Buches wird entwickelt, und es finden sich grundlegende Gedanken zu Prävention und Intervention.
  • Ein knapperes Kapitel 2 setzt sich dann mit schulischer Intervention auseinander und stellt Merkmale guter Intervention zusammen.
  • Das ausführlichere Kapitel 3 erörtert grundsätzlich schulische Prävention, auch unter Berücksichtigung wichtiger Partner von Schule: Jugendhilfe und Schulpsychologie. Auch hier werden wesentliche Merkmale für das Gelingen herausgestellt.
  • Das Hauptkapitel 4 wurde „Mehrebenenprävention“ genannt und umfasst Empfehlungen zur Präventionsarbeit auf den Ebenen, die schon im einschlägigen skandinavischen „Mobbing“-Schulprogramm von Olweus differenziert werden: neben dem „System Schule“ die Schulebene, die Klassenebene sowie die individuelle Ebene, welche auch Elternarbeit umgreift. Auf dieser Basis wird ein Zeit- und Ablaufkonzept über fünf Phasen entwickelt.
  • Zentrale Basis dieses Konzepts ist die Arbeit über Kleingruppen, die durch das Kapitel 5 strukturiert werden soll. Hierfür werden sechs Gruppen vorgeschlagen: „Hilfestrukturen aufbauen“ (Gruppe A), „Fragebogenaktion“ (Gruppe B), „Anti-Mobbing-Vereinbarung“ (Gruppe C), „Maßnahmenkatalog“ (Gruppe D), „Gestaltung des Schulgebäudes“ (Gruppe E) sowie „Arbeitskreis“ (Gruppe F). Letzteres ist eine Steuergruppe mit Schulleitung sowie Schüler- und Elternvertretern. Für jede Gruppe werden strukturierende Hinweise, Aufgaben und Arbeitsabläufe dargestellt.
  • Im abschließenden sechsten Hauptkapitel werden verschiedene einschlägige Programme vorgestellt – systematisch strukturiert anhand bestimmter Aspekte wie „Ziel“, „erreichte Effekte“, „Methoden/Materialien“ oder „Anbieter/Kontakt“.

Die Kopiervorlagen des Anhanges sind auch als Downloads erhältlich. Für Schulen wurde eine eigene Internetseite eingerichtet (www.kummr.de), auf der ein schuleigener Kummerkasten für Schüler eingerichtet werden kann.

Diskussion

Anliegen des Buches ist es, ein konkretes Planungsraster für die Präventionsarbeit von Schulen bereitzustellen. Dieses soll sich „jenseits“ bestimmter verfügbarer Programme bewegen. Zwar ist festzustellen, dass das entwickelte Konzept an bestimmten Punkten deutlich von dem bekannten Olweus-Programm inspiriert ist – aber dem Verfasser gelingt ein sehr konkreter, helfende Strukturen bietender Leitfaden für Schulen und Lehrer, um schulische Gewaltpräventionsarbeit einzuführen und zu verankern. Im Gesamtbild sind verschiedene wichtige Punkte und neuralgische Probleme bedacht, wenn auch nicht erschöpfend. Das Buch ist locker geschrieben und gut lesbar. Es bietet auch graphisch aufbereitet klare Strukturierungen

Bisweilen muten die konkreten Hinweise etwas merkwürdig an, etwa, wenn Tipps und Tricks zur Anwendung von Excel-Tabellen erfolgen. Hierauf hätte der Leser zugunsten von mehr Sachinformationen zu Gewalt und Aggressivität verzichten können.

Was dies angeht, so lässt das Buch eine vertiefte grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem Gegenstand Gewalt und Aggressivität vermissen. Wünschenswert wäre eine stärkere Einbindung von Theorie zum Thema (etwa: unterschiedliche Formen von Aggressivität, Erklärungsaspekte und Risikofaktoren sowie Konsequenzen aus den hierzu gesammelten Erkenntnissen der Wissenschaft) sowie auch der empirischen Befundlage gewesen. Das Buch ist sehr stark aus der praktischen Erfahrung des Verfassers selbst heraus geschrieben; dies zeigen auch die wenigen Bezüge auf Literatur im Text.

Gerade im Hinblick auf die vorliegende, sehr umfangreiche Diskussion von Aggressivität und Gewalt fällt das Literaturverzeichnis recht knapp aus. Bedenkt man, dass etliche Literaturangaben aus dem 6. Kapitel mit Übersicht zu Präventionsprogrammen resultieren, reduziert sich die für das Konzept verarbeitete Literatur zusätzlich. – Auch hier wird wiederum deutlich, dass die Auseinandersetzung mit Theorie und Empirie zu Gewalt nicht den Schwerpunkt dieses Buches darstellt. Etwas schade ist, dass hier auch wichtige Grundlagenarbeiten fehlen, die, wenn schon nicht verarbeitet, denn doch als Empfehlungen zum Weiterlesen hilfreich gewesen wären. Das vorgelegte Konzept hätte sich über Berücksichtigung des vorliegenden Theorie- und Forschungsstandes sicher deutlich erweitern und ausdifferenzieren lassen.

Eine ergänzende Hilfe für den Leser stellt das 6. Kapitel dar, in dem einschlägige Präventionsprogramme jeweils knapp dargestellt werden. Die geschieht sehr systematisch in tabellarischer Form, unter Zugrundelegung verschiedener jeweils gleicher Aspekte. Allerdings enthält sich die Darstellung im Wesentlichen kritischer Analysen und Anmerkungen zu Vor- und Nachteilen, Indikation sowie Grenzen dieser Programme.

Vom Engagement des Autors für sein Thema zeugt zweierlei: zum einen die vielen hilfreichen Kopiervorlagen im Anhang, die zugleich auch übers Internet herunterladen werden können – und zum anderen die Idee zu einer Kummerkasten-Internetseite, über die eine elektronische Variante der „Sorgentelefone“ eingerichtet werden kann, mit allen Unterschieden und somit Vor-, aber auch Nachteilen, die der Weg über elektronische Mitteilungen gegenüber Telefon und persönlichen Gesprächen hat. Da die Seiten aber über Vertrauenslehrer betreut werden sollen, bieten sie auch einen potenziellen Mittlerdienst zur persönlichen Begegnung und vermögen diese dadurch, gezielt eingesetzt, zu ergänzen.

Die Linksammlung fällt mit acht Links zu diesem Thema, noch dazu nicht alle Links zum Thema Gewalt, sehr knapp aus.

Fazit

Mit dem Buch möchte sich der Verfasser insbesondere an Schulleiterinnen und -schulleiter, Schulleitungsteams, Fortbildungskoordinatoren, Schulträger sowie sonstige Entscheidungsträger für Schulen und Bildungseinrichtungen wenden. Es kommt aber auch in Frage für Lehrer, die bisher wenig spezialisiert für Verhaltensprobleme sind, sich jedoch für Gewaltprävention interessieren.

Wer sich für Grundlegendes zu Aggression, Gewalt und auch Gewaltprävention interessiert, sollte zu anderen Büchern greifen. Wer jedoch für die ganz konkrete schulische Präventionsarbeit bezogen auf Gewalt nach Unterstützung sucht und direkte strukturierende Hilfen erwartet, ist mit diesem Buch gut beraten. Er erhält einen klaren Leitfaden und nützliche Anregungen, die von der Praxisnähe und den Erfahrungen des Verfassers zeugen. Bereichernd sind auch die systematischen Zusammenfassungen einschlägiger konkreter Präventionsprogramme und Trainings. Es ist allerdings dringend zu empfehlen, das zu tun, was auch das Buch selbst deutlich bereichert hätte: die Arbeit mit diesem praxisnahen Leitfaden durch zusätzliche Literatur zu Aggression und Gewalt zu ergänzen, um sie wirklich differenziert und gezielt und damit „in die Tiefe“ erfolgreich auf den eigenen Problem- und Handlungskontext übertragen zu können.


Rezension von
Prof. Dr. Roland Stein
Universität Würzburg, Institut für Sonderpädagogik - Pädagogik bei Verhaltensstörungen
Homepage www.sonderpaedagogik-v.uni-wuerzburg.de
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Zitiervorschlag
Roland Stein. Rezension vom 01.10.2012 zu: Mustafa Jannan: Gewaltprävention an Schulen. Planen - Umsetzen - Verankern. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2012. ISBN 978-3-407-29162-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13098.php, Datum des Zugriffs 06.07.2020.


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