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Elke Schimpf, Johannes Stehr (Hrsg.): Kritisches Forschen in der Sozialen Arbeit

Cover Elke Schimpf, Johannes Stehr (Hrsg.): Kritisches Forschen in der Sozialen Arbeit. Gegenstandsbereiche - Kontextbedingungen - Positionierungen - Perspektiven. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 280 Seiten. ISBN 978-3-531-17777-9. 39,95 EUR.

Reihe: Perspektiven kritischer Sozialer Arbeit - 11.
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Thema

Im Zentrum steht der Versuch, von unterschiedlichen Facetten gesellschaftskritischer Positionen bzw. eines „kritischen“ Wissenschaftsverständnisses ausgehend ein Programm „kritischen“ Forschens in der Sozialen Arbeit zu skizzieren. Vor diesem Hintergrund werden „hegemoniale Forschungspraxen“ in der Sozialen Arbeit als Affirmation neoliberaler Sozialpolitik kritisiert. Was „kritische Forschung“ hingegen auszeichnet, soll in den folgenden ausgewählten Beiträgen verdeutlicht werden.

Herausgeberteam

Elke Schimpf und Johannes Stehr sind die HerausgeberInnen des Bandes und auch VerfasserInnen mehrerer Artikel. Beide sind Professorin bzw. Professor an der Evangelischen Hochschule Darmstadt, Fachbereich Sozialarbeit/Sozialpädagogik. Stehr ist von Hause aus Kritischer Kriminologe, Schimpf Erziehungswissenschaftlerin/ Sozialpädagogin.

Aufbau

Der Band gliedert sich in drei Teile.

  1. Im ersten Teil geht es um „Theorien und Gegenstandsbereiche eines kritischen Forschens in der Sozialen Arbeit“,
  2. im zweiten um die Auseinandersetzung mit „hegemonialen Forschungspraxen“, während
  3. der dritte Teil der „Entwicklung kritischer Forschungsperspektiven“ vorbehalten ist, bezogen auf zum einen „die Praxis Sozialer Arbeit“, zum anderen deren Adressatinnen und Adressaten in ihren Lebenssituationen.

Inhalt

Ein „kritisches“ Wissenschaftsverständnis unterschiedlicher Traditionen klammert die Beiträge ein. Ein spezifisches Verständnis von Gegenstand und Aufgaben Sozialer Arbeit und ihrer Forschung soll vor diesem Hintergrund entwickelt werden. Soziale Arbeit soll „in den gesellschaftspolitischen Kontext von sozialer Ungleichheit und sozialer Ausschließung“ gestellt werden“ (Herausgeber der Reihe, Klappentext). Der Buchbeitrag soll sich, wie die anderen Publikationen in dieser Reihe auch, „an der Analyse und Kritik ordnungstheoretischer Entwürfe und ordnungspolitischer Problemlösungen“ orientieren.

Johannes Stehr und Elke Schimpf, die HerausgeberInnen des Bandes, legen in der Einleitung dar, wie sie Forschung in der Sozialen Arbeit verstehen und markieren die aus ihrer Sicht bisher bestehenden Schwachstellen. Als zentrale Kritikpunkte benennen sie, dass eine theoretische Verortung in den Diskursen über Forschung ebenso wie eine Selbstreflexion der Wissenschaft Sozialer Arbeit fehle. Forschung werde überwiegend affirmativ betrieben, „Herrschaftsinteresse(n) von Politik, Verbänden oder auch der (wissenschaftlichen) Institutionen selbst“ (S. 7) würden nicht thematisiert werden, vielmehr seien Forschungsziele von außen, politisch, vorgegeben. Deswegen sei auch Auftragsforschung grundsätzlich problematisch, würde sich damit doch eine Hierarchisierung und Wettbewerbssituation für die Forschenden verbinden. Gleiches gelte für Wirkungsforschung, die politisch außengesteuert sei, Soziale Arbeit und deren Forschung normativ auf Effizienz und Effektivität hin festlege. Qualitative Forschung befördere „therapeutisch orientierte Rahmungen Sozialer Arbeit“ (S. 9) und damit eine weitere Entpolitisierung Sozialer Arbeit. Das Angebot an die Praxis, ihr Methodenspektrum durch die Aufnahme qualitativer Verfahren zu erweitern, wird ebenfalls kritisch gesehen. „Wissenschaftliche Forschung (nehme dadurch) eine Dominanzposition gegenüber der Praxis“ ein (ebd.) und könne so einen statuspolitischen Gewinn erzielen. Vor dem Hintergrund des skizzierten Problemszenarios soll Forschung in der Sozialen Arbeit sich „kritisch mit allen Varianten affirmativer Forschung auseinandersetzen“, zu einer kritischen Gesellschaftsbeschreibung (S. 10) beitragen, Forschen selbst als „gesellschaftskritische Praxis“ verstehen und einen methodenkritischen Blick entwickeln, kurz: sich nicht für „herrschaftliche Zwecke“ missbrauchen lassen (S. 9-10).

Die HerausgeberInnen eröffnen mit ihrem Beitrag „Ausschlussdimensionen der Sozialen-Probleme-Perspektive in der Sozialen Arbeit“ den ersten Teil des Buchs. Ist die von ihnen verfasste Einleitung stellenweise etwas enigmatisch ausgefallen, da Sozialarbeitsforschung eher allgemein und global kritisiert wird, ist ihr Anliegen hier nun deutlicher formuliert. Der Begriff „Soziale Probleme“ wird als unreflektierter Ausdruck einer „Ordnungsperspektive“ gesehen und Forschenden, die mit ihm arbeiten, „eine weitgehend kritiklose Übernahme öffentlich konstruierter Problemdefinitionen“ (S. 28) attestiert. Gesellschaftliche Widersprüche würden so „in Ordnungs- und Konsensthemen umgewandelt werden“ (ebd.). Diese Annahme wird zu der These verdichtet, dass damit Sozialarbeitsforschung „neue Ausschluss-Kategorien“ (ebd.) produziere. AutorInnen, die in Sozialen Problemen den Gegenstand der Forschung Sozialer Arbeit sehen, werden generell dem Verdacht ausgesetzt, einem „traditionell objektivistischen Wissenschaftsverständnis“ (S. 32) anzuhängen. Konstruktivistische, gesellschaftskritische und interaktionistische Ansätze sollen ihnen fremd sein ebenso wie die Erkenntnis, dass es sich bei „Sozialen Problemen“ um Konstrukte handele. Dass dabei zwischen „Problemkonstruktionen, welche in Praxiskontexten“ (S. 33) einerseits und solchen, die in Forschungskontexten andererseits entstehen, zu unterscheiden sei und „‘praxissensible Forschungsstrategien‘ nicht unmittelbar verwertbar“ (ebd.) seien, wird als Kritik gegenüber der Position, Sozialarbeitsforschung zeichne sich durch ihre starke Praxisorientierung aus, ins Feld geführt (Steinert 2008: 26). Stehr/Schimpfs erkenntnistheoretische Sicht wird deutlich, wenn sie fordern, Forschung an den „Interessen der Betroffenen“ (35) zu orientieren. Die Frage, wer mit „Betroffene“ gemeint ist und inwieweit deren „Interessen“ für die Entwicklung einer „eigenständigen kritischen“ (ebd.) Forschung wesentlich sein soll, ohne sich den Vorwurf einer „Stalinisierung“ der Forschung einzuhandeln, bleibt allerdings offen. Der Generalvorwurf, dass die „Soziale-Probleme-Perspektive“ „den Umbau der Produktionsweise zum neoliberalen Postfordismus (…) bestärkend und unterstützend begleitet, (…) die Offensive von Kapital und herrschender Klasse gegen die abhängigen Teile der Bevölkerung verharmlost wie auch (…) rechtfertigt“ (ebd.: 39), macht neugierig darauf, wie denn „Kritisches Forschen“ empirisch in praxi angelegt ist und forschungspraktisch umgesetzt wird.

Der sich anschließende Beitrag von Fabian Kessl und Susanne Maurer stellt „radikale Reflexivität als zentrale Dimension eines kritischen Wissenschaftsverständnisses Sozialer Arbeit“ heraus und soll als wissenschaftstheoretische Grundlegung (S. 12) verstanden werden. Die Haltung „radikaler Reflexivität“ soll „affirmativer Forschung“, „‘Erfüllungsgehilfin‘ der vorherrschenden Anforderungen an Soziale Arbeit“ (S. 51), entgegengesetzt werden. Das bedeutet, die „Situiertheit“ und „Positioniertheit“, die Strukturbedingungen der Forschung, Interaktionen und Konflikte im Forschungsprozess, die Gefühle der an Forschung Beteiligten zu reflektieren, „Offenheit“ gegenüber den Befragten und relative Unabhängigkeit von den Auftraggebern zu praktizieren.

Roland Anhorn und Johannes Stehr gehen auf „Grundmodelle von Gesellschaft und soziale Ausschließung“ ein und skizzieren ihre Überlegungen „Zum Gegenstand einer kritischen Forschungsperspektive in der Sozialen Arbeit“ (57). Zusammenfassend richtet sich eine solchermaßen kritische Forschung auf institutionelle Praktiken sowie auf die Lebenssituationen der Adressat/innen „als aktiv handelnde Subjekte“ (73) mit ihren „unmittelbare(n) alltägliche(n) Lebens- bzw. Konflikt- und Ausschließungssituationen“ (ebd.). Eingenommen werden soll dabei eine „Subjektperspektive“ auf die „Interessen der Subjekte“, ihre Strategien und (…) Ressourcen“ (ebd.) – kurz: eine „kritische Lebensweltforschung“ soll praktiziert werden, die mit einer „Nutzungsforschung“ (74) diese Subjekte mit den Institutionen der Sozialen Arbeit zusammenbringt und dabei nach dem sich für die jeweilige Seite verbindenden „Nutzen“ fragt.

Mit „hegemonialen Forschungspraxen“, Thema des zweiten Teils des Buchs, setzen sich u. a. Heinz-Jürgen Dahme und Norbert Wohlfahrt auseinander. Thema ihres Beitrags ist „Forschung als Sozialtechnologie – Betriebswirtschaftliche Instrumente und managementwissenschaftliche Leitbilder als Programm einer affirmativen Sozialpolitik- und Sozialarbeitsforschung“ (79). Die Autoren gehen davon aus, dass das New Public Management nicht nur zur „umfassenden Ökonomisierung von Staat und Gesellschaft“ (83) geführt hat, sondern auch zu einem Perspektivenwandel in der Sozialarbeitsforschung: Sie sei auf Verwertungsfragen, Effizienz und Effektivität fokussiert, folglich affirmativ an Controllingsverfahren orientierte Evaluations- und Wirkungsforschung (86). Konstatiert wird ebenso, dass „die von der Forschung in die Welt gesetzten Ideologien (verstanden als „verkehrtes Bewusstsein“, S. 90) beginnen, selbst Praxis zu gestalten“ (ebd.): Die Praxis mache sie „zum Maßstab ihrer eigenen weiteren Umgestaltung“ (S. 91).

Im dritten Teil soll nun dargelegt werden, wie kritisches Forschen verstanden werden soll. Die beiden Autorinnen Eva Nadai und Mojca Urek machen dies für die Praxis Sozialer Arbeit exemplarisch anhand eigener empirischer Untersuchungen nachvollziehbar. Eva Nadai plädiert in ihrem Beitrag für den Ansatz der „institutional ethnography“, der mit empirischem Material aus einer eigenen ethnographischen Studie verdeutlicht wird (S. 149-163). Mojca Urek analysiert in ihrem Beitrag „Wie in der Sozialen Arbeit ein Fall gemacht wird. Die Konstruktion einer ‚schlechten Mutter‘“ (S. 201-215) die Reaktion der Hilfepraxis auf Kindesmisshandlung, verübt durch die Mutter. Die Autorin selbst war in diesen Fall als Sozialarbeiterin involviert und rekonstruiert nun als Wissenschaftlerin die „Gesamtnarration“ (S. 202), bestehend aus allen schriftlichen Vorgängen, Notizen und ihrer Erinnerung. Dabei folgt sie dem Hallschen interaktionistischen Ansatz, Narrationen als „performance“ zu betrachten (ebd.).

Unter Rückgriff auf eigene empirische Arbeiten können zwei weitere AutorInnen „Kritische Sozialarbeitsforschung“ bezogen auf Adressatinnen und Adressaten in ihren Lebenssituationen verständlich werden lassen: Wolf-Dietrich Bukow/Susanne Spindler gehen in ihrem Beitrag auf „Fallstricke einer biographischen Hinwendung zum Subjekt in Forschungsprozessen“ (S. 275-289) ein. V. a. der mögliche Zwang¸ als zufällig erlebte Ereignisse in einen biografischen Zusammenhang zu stellen, ist ein Einwand, ein anderer, dass biografische Befragungen asymmetrisch verlaufen können (Konstruktion einer Täterbiografie, vgl. hierzu auch Mojca Ureks Beitrag). Deswegen sollte Biografieforschung nur da eingesetzt werden, wo sie zum Abbau von Ungleichheiten beitragen könne und ForscherInnen eine „offensive Positionierung auf Seiten der Befragten“ (S. 285) einnähmen.

Diskussion

Als pauschal erscheint die Kritik, Forschung in der Sozialen Arbeit sei affirmativ, ebenso wie die Kritik an der Profession als herrschaftsstabilisierende Normierungsinstanz und Erfüllungsgehilfin sich als eindimensional erweist und vereinfachend monokausale Zusammenhänge veranschlagt werden.

Die Kritik, dass Forschende in der Sozialen Arbeit ein objektivistisches Wissenschaftsverständnis aufwiesen und in sozialen Problemen nicht Konstrukte sähen, dabei nicht wüssten, dass zwischen Problemkonstruktionen von einerseits praktischer und andererseits wissenschaftlicher Natur zu unterscheiden sei und ebenso wenig, dass wissenschaftliche Ergebnisse nicht unmittelbar verwertbar seien, wird in dieser Allgemeinheit (Johannes Stehr und Elke Schimpf, S. 31 ff.) geäußert, ohne allerdings nachvollziehbar zu sein. Verschiedene Versatzstücke von Gesellschaftstheorien (Interaktionismus, Konstruktivismus) werden v. a. in den beiden ersten Teilen des Buchs zusammengebracht; dabei entsteht der Eindruck, dass sich manche AutorInnen dieses Buchs für die besseren Menschen oder WissenschaftlerInnen halten. Von einem extramundanen Standpunkt aus („god's eye view“) können sie anscheinend Forschung in der Sozialen Arbeit bewerten, ohne allzu sehr in die Tiefe zu gehen und ohne selbst forschen zu müssen. Für „kritische Forschung“ werden methodologische Dimensionen wie etwa Offenheit oder Reflexivität (Kessl/Maurer) benannt, die in qualitativer Sozialforschung durchaus zuvor schon als zentral beschrieben wurden und kaum als spezifisch oder innovativ bezeichnet werden können.

Interessant wird es dann, wenn der Anspruch „kritischer Forschung“ an – leider nur wenigen - eigenen empirischen Forschungsarbeiten beispielhaft nachvollziehbar gemacht werden kann. Als anregend werden insbesondere Überlegungen empfunden, Ethnografie in der Sozialarbeitsforschung stärker zu berücksichtigen und damit vom Fall zu den institutionellen Rahmenbedingungen zu kommen (s. Nadai) sowie die Grenzen biografischer Ansätze in Profession und Forschung zu überdenken (Bukow/Spindler). Der Anspruch, ein kritisches Professions- und Forschungsverständnis weiterzuentwickeln, das sich u. a. an Partizipationsprozessen orientiert (Bareis, S. 312), kann sich sicherlich breiter Zustimmung erfreuen.

Fazit

LeserInnen, die forschungsmethodische Anregungen suchen, seien die entsprechenden Beiträge des Kapitels 3 empfohlen, wer sich für fundamentale Kritik an Sozialer Arbeit und Sozialarbeitsforschung interessiert, die Kapitel 1 und 2.


Rezension von
Prof. Dr. Erika Steinert
Prof. i. R., Hochschule Zittau/Görlitz
Homepage www.erika-steinert.de
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Zitiervorschlag
Erika Steinert. Rezension vom 15.02.2013 zu: Elke Schimpf, Johannes Stehr (Hrsg.): Kritisches Forschen in der Sozialen Arbeit. Gegenstandsbereiche - Kontextbedingungen - Positionierungen - Perspektiven. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-17777-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13105.php, Datum des Zugriffs 24.06.2021.


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