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Hannelore Weber, Thomas Rammsayer: Differentielle Psychologie - Persönlichkeitsforschung

Rezensiert von Dr. Alexander N. Wendt, 16.04.2012

Cover Hannelore Weber, Thomas Rammsayer: Differentielle Psychologie - Persönlichkeitsforschung ISBN 978-3-8017-2172-5

Hannelore Weber, Thomas Rammsayer: Differentielle Psychologie - Persönlichkeitsforschung. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2012. 289 Seiten. ISBN 978-3-8017-2172-5. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.
Reihe: Bachelorstudium Psychologie
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Thema

In theoriegeschichtlicher Nachfolge William Sterns zählt die Differentielle Psychologie zu den grundlegenden Arbeitseinheiten der Psychologie. Sie analysiert Persönlickeitsmerkmale hinsichtlich inter- und intrapersoneller Differenzen. „Beispielsweise ist Ängstlichkeit ein umfassend erforschtes Merkmal, während [… ] die habituelle Ekelneigung oder Überraschungsneigung nicht oder kaum untersucht werden“ (S. 12)

Autorin und Autor

Hannelore Weber studierte Psychologie und Publizistik in Mainz. Sie wurde in Bamberg promoviert und habilitierte ebendort. Seit 1994 ist sie Inhaberin des Lehrstuhls für Differentielle und Persönlichkeitspsychologie/ Psychologische Diagnostik an der Universität Greifswald. Ihre Publikationen integrieren die Themenfelder Ärger, Ärgerregulation; Stress, Emotionsregulation; Gesundheitspsychologie und Persönlichkeitspsychologie.

Thomas Rammsayer studierte Psychologie in Tübingen und wurde in Gießen promoviert, wo er ebenfalls seine Habilitation einreichte. Er ist seit 2007 Ordinarius und Leiter der Abteilung Persönlichkeitspsychologie, Differentielle Psychologie und Diagnostik am Institut für Psychologie der Universität Bern.

Von den Autoren ist bei Hogrefe neben der Autorenschaft für die Einführungsreihe „Bachelorstudium Psychologie“ das Handbuch der Persönlichkeitspsychologie und Differentiellen Psychologie (2005) erschienen.

Entstehungshintergrund

Die Einführung gliedert sich in die Reihe „Bachelorstudium Psychologie“ des Göttinger Verlages Hogrefe ein. Ihr ist in gleichem Maße der erste Band zur Differentiellen Psychologie von Weber und Rammsayer, der sich mit theoretischen Grundlagen auseinandersetzt, zugeordnet. Der vorliegende zweite Band führt demgegenüber in die gegenwärtige Forschungssituation der Persönlichkeitsforschung in Rückgriff auf die Inhalte des ersten Bandes ein.

Aufbau

Das Thema wurde in zwölf Abschnitte gegliedert, die von den beiden Autoren ausgearbeitet wurden:

  1. Einführung
  2. Methoden der Persönlichkeitsforschung
  3. Methoden der biologischen Persönlichkeitsforschung
  4. Verhaltensgenetische Methoden
  5. Erwartungen und Überzeugungen
  6. Motive und Ziele
  7. Emotionalität und Expressivität
  8. Selbstkontrolle und Selbstregulation
  9. Intelligenzmodelle
  10. Quantifizierung und Verteilung von Intelligenz
  11. Geschlechtsunterschiede
  12. Differenzielle Aspekte des Partnerwahl- und Sexualverhaltens

Abschnitte ähnlichen Inhalts wurden meistenteils von einem der beiden Autoren bearbeitet, sodass sich vier theoretisch konsekutive, aufeinanderfolgende Passagen einteilen lassen: Die Einführung der zeitgenössischen Methodik erfolgt in Kapitel eins bis vier. Es folgen einige beispielhafte Kernkomponenten der Persönlichkeitsanalyse in den Kapiteln fünf bis acht. Die beiden abschließenden Abschnitte beleuchten erstens in Kapitel neun und zehn „eines der »erfolgreichsten« Konzepte der Differentiellen Psychologie“ (S. 176), die Intelligenz, und zweitens die alltäglich und theoretisch hoch relevante Geschlechtlichkeit in den beiden Schlusskapiteln.

Jedes Kapitel besteht aus einem Inhaltsverzeichnis, einem gegliederten Fließtext mit illustrativen Grafiken und Tabellen sowie einer abschließenden Zusammenfassung und ergänzenden Wiederholungsfragen.

Inhalt

Die Kapitel eins bis vier zur Methodik der Differentiellen Psychologie spiegeln die allgemeine Entwicklung der jüngeren akademischen Psychologie wider. Der stringent aufgezeigte Fokus liegt auf den naturwissenschaftlichen, technischen und mathematischen Komponenten. Zwar eruiert das Einführungskapitel die theoretische Herkunft der Differentiellen Psychologie und führt sie auf William Stern und Joachim Windelband zurück (S. 17), doch die folgenden Darstellungen explizieren vorzugsweise die jüngsten Methoden und aktuellen Perspektiven vom Ambulanten Assessment, einer Form der Datenerhebung, die durch den technischen Fortschritt der Handheld-Computer und Smartphones möglich wird (S. 39), bis zu Molekulargenetischen Verfahren, die sich „mit der Untersuchung von der Auswirkungen spezifischer Gene auf der Ebene der DNA“ (S. 61) auseinandersetzt, und quantitativer Genetik, die die „genetischen und umweltbezogenen Varianzkomponenten“ (S. 61) thematisiert.

Die folgenden vier Kapitel fünf bis acht stellen einige typische Ergebnisse der Persönlichkeitsforschung dar. Exemplarisch ist das sechste Kapitel, „Motive und Ziele“: Einführend wird die theoretische Fundierung des Problems bei Henry Murray als „needs and presses“ (S. 108) vorgestellt. Es folgt die Beschreibung klassischer psychologischer Testverfahren, den projektiven Verfahren, die erlauben Art und Intensität von Motiven und Zielen bei Versuchspersonen zu erfassen. Hierzu zählen etwa der Thematische Apperzeptionstest und der Rorschach-Test (S. 110f). Nach dieser theorie- und problemgeschichtlichen Hinführung wird das Problemfeld der Motive differenzierter nach den Maßstäben der gegenwärtigen Forschung dargestellt. Die Unterscheidung impliziter und expliziter Motive habe sich als günstig erwiesen und Methoden zur adäquaten Rekognoszierung seien konzipiert worden, etwa die Picture Story Exercise (S. 115) für implizite Motive, bei der Versuchspersonen Bildkarten deuten müssen, oder der Fragebogen Personality Research Form (S. 116), bei dem Versuchspersonen ihre Affinität zu bestimmten Motivtypen selbst einzuschätzen haben. Gleichermaßen wird auch der Begriff der Ziele präzisiert und abschließend der theoretisch grundsätzliche Diskurs vorgestellt, ob Ziele stets bewusst seien.

Die beiden Kapitel neun und zehn zur Intelligenz geben vorrangig die problemgeschichtliche Evolution des Intelligenzbegriffes wieder, wobei chronologisch elaboriert wird, dass es „bis heute keine allgemeingültige Definition für dieses Konstrukt“ (S. 196) gibt. Außerdem stellt dieser Abschnitt unterschiedliche Konzeptionen des Intelligenzquotienten im historischen Kontext dar, um auf Schwierigkeiten der statistischen Adaptation und ökologischen Validierung hinzuweisen.

Die zwei letzten Kapitel erläutern die Geschlechtlichkeit als politisch und sozial vordringliche aus der Perspektive der Differentiellen Psychologie. Hierbei wird gleichermaßen den naiven Urteilen über Geschlechterdifferenzen begegnet, wie theoretische Erklärungsmuster, etwa der evolutionspsychologische Ansatz (S. 238ff), kritisch diskutiert werden.

Die zwölf Kapitel eint der konzeptionelle Ansatz, nicht lediglich die Methoden inhaltlich vorzustellen, sondern einigen wissenschaftlichen Komponenten psychologischer Forschung gesonderte Behandlung zuteil werden zu lassen. So wird beispielsweise in Kapitel elf der Begriff der Metaanalyse eingeführt (S. 215) und im Laufe der Kapitels markant forciert und zur Darstellung der Geschlechtsdifferenz vermehrt auf Metaanalysen hingewiesen.

Diskussion

Die Trennlinie eines zweibändigen Einführungswerkes zwischen theoretischen Grundlagen und Forschungsresultaten zu ziehen, ist bei einer inhaltlich stark konjugierten Arbeitseinheit wie der Differentiellen Psychologie gut nachvollziehbar; allerdings resultiert aus dieser Entscheidung der Autoren, dass zur hinreichen thematischen Einführung die Bearbeitung beider Bände ratsam ist. Eine Alternative besteht in der von Hans-Werner Bierhoff und Dieter Frey zur Darstellung der Sozialpsychologie (Vgl. www.socialnet.de/rezensionen/12492.php) gewählten Option einer thematischen Trennung. Sicherlich mag dieses bei der inhaltlichen Geschlossenheit der Differentiellen Psychologie schwieriger gelingen, doch der Vorteile besteht in der deutlich reduzierten finanziellen Belastung der Zielgruppe der Psychologiestudenten mit lediglich einem Band für ca. 25 bis 30?.

Der Band selbst ist dank kohärenten und suggestiven Stils einsteigerfreundlich und gibt ein adäquates Bild der gegenwärtigen Psychologie. Dass an dieser Stelle sowohl latente Theorie-Kontroversen mit Psychoanalyse oder Phänomenologie unerwähnt bleiben, als auch eine für produktiven Theorienpluralismus ungewohnte monoton neurowissenschaftliche Skizze der Differentiellen Psychologie gezeichnet wird, liegt eher im aktuellen Status der psychologischen Forschung begründet, als dass die Autoren an dieser Stelle Aspekte vernachlässigt hätten.

Ein Schwachpunkt der Einführung besteht in der Integration statistischer Terminologie. Speziell für Leser ohne Ausbildung oder Kenntnis in Deskriptiv- und Inferenzstatistik sind begriffliche Verwirrungen nicht ausgeschlossen. Es werden sowohl Begriffe verwendet, die nicht oder unzureichend eingeführt wurden (etwa „Intraklassenkorrelation“ (S. 73). „Retestreliabilität“ (S. 78), „z-Werte“ (S. 205)), als auch statistische Algebra verwendet, die nicht hinreichend differenziert wurde (etwa r als Koeffizient für Effektstärke (S. 93) und d als Koeffizient für Effektstärke (S. 216), wobei unerwähnt bleibt, dass es sich im ersten Fall um die Bravais-Pearson Korrelation und im zweiten Fall um die Effektgröße nach Cohen handelt). Die Verständlichkeit wird jedoch keineswegs beeinträchtigt und es mag als ursächlich für diese Problematik beschrieben werden, dass schlechterdings schwierig ist, gleichzeitig eine Arbeitseinheit der Psychologie isoliert zu beleuchten und den Anteil an vorausgesetzter statistischer Methodik gering zu halten.

Fazit

Der vorliegende Band kann als Pendant des ersten Bandes von Hannelore Weber und Thomas Rammsayer empfohlen werden. Er thematisiert die Forschungsergebnisse und -kontroversen der Differentiellen Psychologie in für das Bachelorstudium genügendem Umfang. Es ist allerdings nicht von der Hand zu weisen, dass bei dieser studierendenfreundlichen Skizze der theoretische Konsens mit der Neurowissenschaft diskussionslos vorausgesetzt und die kontroverse Alternative jenseits des pragmatischen Positivismus abseits bleibt.

Rezension von
Dr. Alexander N. Wendt
Dr./M.Sc. (Psychologie), M.A. (Philosophie)
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Es gibt 28 Rezensionen von Alexander N. Wendt.

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Zitiervorschlag
Alexander N. Wendt. Rezension vom 16.04.2012 zu: Hannelore Weber, Thomas Rammsayer: Differentielle Psychologie - Persönlichkeitsforschung. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2012. ISBN 978-3-8017-2172-5. Reihe: Bachelorstudium Psychologie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13106.php, Datum des Zugriffs 23.05.2022.


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