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Michael Borg-Laufs, Silke Gahleitner u.a.: Schwierige Situationen in Therapie und Beratung mit Kindern und Jugendlichen

Cover Michael Borg-Laufs, Silke Gahleitner, Heiko Hungerige: Schwierige Situationen in Therapie und Beratung mit Kindern und Jugendlichen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2012. 230 Seiten. ISBN 978-3-621-27804-1. 34,95 EUR, CH: 47,90 sFr.
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Thema

Die Therapie und Beratung von Kindern und Jugendlichen ist mit der Therapie von Erwachsenen nicht zu vergleichen. Schließt man die Zwangsbehandlung im geschlossen-stationären Kontext aus, kommen Erwachsene in der Regel aus freien Stücken in die Therapie. Dennoch ist die Motivation auch hier komplex zu sehen. Oft wollen die Patienten Hilfe, ohne selbst etwas investieren zu wollen, frei nach dem Motto: „Wasch mich, aber mach´ mich nicht nass!“. Bei Kindern und Jugendlichen gibt es zwar ebenfalls Zwangsbehandlungen (z.B. aufgrund akuter Suizidalität) im geschlossen-stationären Setting, zusätzlich kommen jedoch auch häufig „freiwillige“ Patienten nur auf Wunsch der Eltern. Auf dieses und 24 weitere Problemfelder, die in der Behandlung und Beratung von Kindern und Jugendlichen auftreten können, gehen die Autoren ein.

Autoren

Prof. Dr. Michael Borg-Laufs, Dipl.-Psych., ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut und Psychologischer Psychotherapeut. Er ist Inhaber des Lehrstuhls "Theorie und Praxis psychosozialer Arbeit mit Kindern" an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach. Außerdem arbeitet er als Fachleiter Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie am Ausbildungszentrum Krefeld der DGVT sowie in weiteren Tätigkeiten als Dozent und Supervisor in der Psychotherapieausbildung. Fach- und berufspolitisches Engagement zeigt er in verschiedenen Gremien – unter anderem als Sprecher der Fachgruppe Kinder und Jugendliche der DGVT. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Kindeswohlsicherung, Psychologische Grundbedürfnisse bei Kindern, Diagnostik, sowie Kinder- und Jugendlichentherapie.

Prof. Dr. Silke Brigitta Gahleitner, Dipl.-Psych., studierte Soziale Arbeit und promovierte in Klinischer Psychologie. Sie arbeitete langjährig als Psychotherapeutin in eigener Praxis sowie in einer sozialtherapeutischen Einrichtung für traumatisierte Mädchen. Seit 2006 ist sie als Professorin für Klinische Psychologie und Sozialarbeit mit dem Schwerpunktbereich Psychotherapie und Beratung an der Alice Salomon Hochschule Berlin tätig.

Heiko Hungerige, Dipl.-Psych., Psychologischer Psychotherapeut, ist Erziehungsberater, Dozent bei der DGVT und Supervisor. Er hat mit Michael Borg-Laufs bereits das wichtige Buch „Selbstmanagementtherapie mit Kindern“ veröffentlicht (2005, vgl. www.socialnet.de/rezensionen/2996.php).

Entstehungshintergrund

2009 veröffentlichten Alexander Noyon und Thomas Heidenreich das Buch „Schwierige Situationen in Therapie und Beratung“ (vgl. www.socialnet.de/rezensionen/7993.php). Dieses Buch bietet vor allem Berufseinsteigern im Bereich von Therapie und Beratung gute Hilfestellung. Analog zur Adaption des Selbstmanagementtherapieansatzes von Kanfer und Kollegen (s.o.) haben Michael Borg-Laufs, Heiko Hungerige, ein bewährtes Team, und Silke Brigitta Gahleitner das oben genannte Buch für den Bereich der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie und -beratung adaptiert.

Aufbau und Inhalt

25 Kapitel werden im Buch in fünf Teile untergliedert.

Teil 1: Rechtliche Aspekte. Es werden hier die Bereiche Schweigepflicht, getrennt oder geschieden lebende Eltern mit gemeinsamem Sorgerecht und der Umgang mit Einladungen und Geschenken bearbeitet. Es wird deutlich, dass es man es in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im Gegensatz zur Therapie Erwachsener mit häufig mit deutlich komplexeren Problemsituationen zu tun hat. Bezogen auf die Schweigepflicht gilt es beispielsweise, nicht nur die Schweige-, sondern auch die Auskunftspflicht gegenüber den Eltern gegeneinander abzuwägen (in der Regel geht die Schweigepflicht vor).

Teil 2: Interaktion mit Eltern. Hier geht es um mangelnde Mitarbeitsbereitschaft bei Eltern, Dramatisieren und Bagatellisieren, prüfendes Verhalten, grenzüberschreitendes Verhalten und ideologische Bedenken gegenüber konsequenter Erziehung. Auch wenn der Klient motiviert ist, könne eine mangelnde Motivation der Eltern eine zielführende Therapie nahezu unmöglich machen.

Teil 3: Besondere Problemkonstellationen in der KJP. Typisch für den Bereich der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie (KJP) seien Schulverweigerung, Suizidalität und der Therapieabschluss bei „anhänglichen“ Klienten.

Teil 4: Interaktion mit dem Kind/Jugendlichen. Dieser umfangreichste Abschnitt bearbeitet die bereits oben angerissenen Themen:

  • Kinder, die nicht ohne Begleitung zur Therapie / Beratung kommen wollen (z.B. aufgrund von Trennungsängsten oder sozialer Phobie),
  • (s)elektiver Mutismus (das Kind spricht nicht in der Therapie)
  • es kommt nicht freiwillig, bzw. nur auf elterlichen Druck,
  • aggressives Verhalten gegenüber dem Therapeuten/Berater,
  • der Umgang mit der Suche nach Körperkontakt,
  • der Wunsch des Kindes nach neuen Bindungen (es sucht neue Eltern),
  • der Umgang mit hoch belasteten Kindern/Jugendlichen sowie
  • die Selbstöffnung des Therapeuten/Beraters.

Teil 5: Besondere Problemkonstellationen in der KJP. Hier geht es um die häufigen Themen Schulverweigerung, Kindeswohlgefährdung, Suizidalität und den Therapieabschluss bei „anhänglichen“ Patienten.

Jedes Kapitel beginnt mit einem kurzen Fallbeispiel, auf das in der Regel im Rahmen der Kapitel wieder Bezug genommen wird. Abschließend werden zu allen Kapiteln „Do´s“ und „Don´ts“ beschrieben, die im Grunde eine Zusammenfassung gleichkommen.

Diskussion

Besonders hervorheben muss man immer wieder den seriösen und dennoch lockeren und humorvollen Schreibstil der Autoren. Sie schaffen immer wieder, dem Leser (zumindest mir) beim Lesen eines Fachbuchs ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern. Zudem sprechen sie den Leser häufig direkt an, was dem Buch zum Teil fast das Gefühl von Vertrautheit und Supervision gibt: „Bleiben Sie im Kontakt mit sich selber, mit ihren Gefühlen und Impulsen, und bleiben Sie im Kontakt mit der Klientin. (…) Sorgen Sie für Sich!“ (S. 9). An diesem Textbeispiel wird jedoch auch eine zweite Besonderheit dieses Buches deutlich: Es wird fast durchgängig die weibliche Form als Ansprache genutzt. Bedenkt man, dass im Bereich Psychotherapie vorwiegend Frauen tätig sind – ein Trend, der in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie noch ausgeprägter ist – so ist diese Herangehensweise durchaus legitim und nachvollziehbar. Ungewöhnlich liest sich das Buch dennoch, vor allem auch, da die Kapitelüberschriften in männlicher Form, die Texte dann jedoch in weiblicher Form verfasst wurden. Zudem könnte sich bei Lesern das Bild aufdrängen, dass sie als Männer solche Probleme allein aufgrund ihrer Chromosomenkonstellation nicht zu befürchten haben. Dies ist wissenschaftlich natürlich in keiner Weise haltbar, bei uns Männern dennoch ein weit verbreitetes Phänomen.

Inhaltlich ist das Buch hervorragend. Es ist klar strukturiert, nichts Wichtiges fehlt. Die Online-Materialien sind grundsätzlich hilfreich, jedoch wie bei einigen Publikationen im Beltz-Verlag etwas knapp gehalten.

Fazit

Dieses Buch ist vor allem Berufseinsteigern im Bereich der Beratung und der Therapie von Kindern und Jugendlichen brandheiß zu empfehlen. Erfahrene Therapeuten und Therapeutinnen werden die meisten Inhalte implizit oder explizit bereits kennen und anwenden. Aber auch hier gibt es immer noch einiges zu entdecken.


Rezension von
Dr. Alexander Tewes
Ausbildungsambulanzleiter LAKIJU-VT Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP)
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 31.08.2012 zu: Michael Borg-Laufs, Silke Gahleitner, Heiko Hungerige: Schwierige Situationen in Therapie und Beratung mit Kindern und Jugendlichen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2012. ISBN 978-3-621-27804-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13118.php, Datum des Zugriffs 25.09.2020.


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