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Michael Erler: Systemische Familienarbeit. Eine Einführung

Cover Michael Erler: Systemische Familienarbeit. Eine Einführung. Juventa Verlag (Weinheim) 2003. 176 Seiten. ISBN 978-3-7799-0736-7. 12,50 EUR.
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Das Thema

Das Buch tritt mit dem Anspruch an, eine Einführung in die systemische Familienarbeit, "also sozialpädagogische Familienhilfe und die Familienberatung" zu leisten und will dabei Arbeitsschritte vorstellen, mit "deren Hilfe unter die Oberfläche der Interaktionen von Familien geschaut werden kann." (Klappentext).

Zum Autor

Michael Erler ist seit 1972 Professor für Soziologie am Studiengang Sozialpädagogik der Fachhochschule Frankfurt/Main.

Aufbau und Inhalt

Eine Einführung in systemische Familienarbeit - ich habe mich darauf gefreut, sie zu lesen. Ist doch die systemische Literatur bezogen auf die klassischen Felder der Sozialarbeit immer noch viel weniger ergiebig als die therapeutische. Der Autor ist Professor für Soziologie am Studiengang Sozialpädagogik - ein weiterer spannender Moment zu Beginn der Lektüre: Wie wird er soziologisches und systemisches Denken verbinden? Wie wird er als Soziologe sozialpädagogische bzw. sozialarbeiterische Praxis aus systemischer Perspektive beschreiben?

Michael Erler gliedert sein Buch in eine Einleitung zur Familienarbeit und Systemtheorie und fünf weitere Kapitel, überschrieben mit:

  1. Systemische Familienarbeit,
  2. Liebespaar und Partnerschaft,
  3. das System Gesellschaft,
  4. das Sozialsystem Familie
  5. sowie Kommunikation und Dynamik in der Familie.

Das Buch enthält ein Verzeichnis der benutzten Abkürzungen, ein fünfseitiges Literaturverzeichnis und ein kleines Sachregister.

Das Buch beginnt in der Einleitung mit zwei Fallbeispielen, die zu Beginn jeden Kapitels erneut aufgegriffen werden. An sich eine schöne Idee, die die theoretischen Teile des Buches auflockern könnte. Leider geht Erler aber über die Beschreibung und Analyse der Anfangssituation seiner Fälle nicht hinaus, so dass die Chance, an einem Praxisfall den Prozess und die Vorgehensweise systemischer Familienarbeit exemplarisch aufzuzeigen, nicht genutzt wird. Im weiteren Text der Einleitung bleibt die versuchte Unterscheidung von "Familienarbeit" und "Familienberatung" notwendigerweise unscharf, weil Erler sie nur anhand inhaltlicher Kriterien vornimmt. Familienarbeit definiert er in Anlehnung an Nicolai als "Hilfe zur Bewältigung lebenspraktischer Aufgaben (...), Arbeit an den innerfamiliären Beziehungen (...), sozialer Netzwerkarbeit (...)" (S. 11), Familienberatung dagegen als hinzielend "auf zwischenmenschliche Beziehungen und auf die Aktivierung von Ressourcen zur Lösung von Krisen und Konflikten in familialen Lebensformen."(S. 13). Was ist der Unterschied? An einigen Stellen im Text scheint Erler zudem Familienarbeit, sozialpädagogische Familienhilfe und Familienberatung gleichzusetzen: "Der mittlerweile gebräuchliche Begriff für alle sozialpädagogischen Hilfen und Beratungsangebote für Familien ist Familienarbeit." (S. 9). Die wesenlichen strukturellen Unterschiede zwischen Sozialpädagogischer Familienhilfe (SPFH) als ambulantes Angebot der öffentlichen Jugendhilfe und der Erziehungs- oder Familienberatung in einer Beratungsstelle zu benennen wären dagegen für Studierende und Einsteiger in die beraterische Praxis hilfreich gewesen, weil sie entscheidend sind für Auftragskontexte und Rahmenbedingungen ihrer Arbeit. Diese Differenzierung vermisst man aber leider im Buch.

Im Kapitel "Systemische Familienarbeit" gibt Erler einen knappen theoretischen Abriss zu den Aspekten von Wahrnehmung, Beobachtung und Kommunikation, um dann einige "Beobachtungs- und Interventionstechniken" zu beschreiben. Seine im Zusammenhang mit Genogrammarbeit zusammengestellten "Grundprinzipien, die bei der Gesprächsführung beachtet werden sollten" (S. 39-40) sind sicher hilfreich, scheinen aber eher aus dem Umfeld non-direktiver Gesprächsführung zu stammen als aus systemischen Konzepten. Die Auswahl der angeführten Techniken wirkt willkürlich und scheint bis auf die Genogrammarbeit eher aus einem soziologischen Handwerkskoffer zu stammen. Eingeflochten werden dazwischen einige Begriffe, die dem Konzept der strukturell-strategischen Familientherapie entnommen scheinen. Wesentliche systemische Haltungen, wie beispielsweise die des "Nicht-Wissens", dem "Respekt gegenüber Menschen und Respektlosigkeit gegenüber Ideen" oder das Verhältnis von "Allparteilichkeit, Neutralität und Neugier" fehlen vollständig. Ebenso kommen zentrale Begriffe systemischen Arbeitens wie beispielsweise die Prinzipien der Zirkularität oder des Perspektivenwechsels gar nicht vor.

Im Kapitel "Liebespaar und Partnerschaft" findet man wenig "Systemisches", dafür aber jede Menge "Soziologisches". Dies gilt gleichermaßen für den Exkurs über "Die moderne Familie oder das neue ". Er enthält auf 11 Seiten ausschließlich statistische Daten! Die eher soziologischen Beschreibungen setzen sich auch im 3. Kapitel fort. Ein Kapitel "System Gesellschaft" zu überschreiben macht den Inhalt noch lange nicht systemisch. Aber immerhin lässt es den Leser erfahren, wie schwierig es aus soziologischer Sicht zu sein scheint, festzustellen, was eigentlich ein System ist und wie es theoretisch funktioniert. Erler erläutert dies an dem Prozess der Ausdifferenzierung der Gesellschaft. Er bezieht sich dabei auf die Teilbereiche Wirtschaft, Kultur und Politik. Schade. In einer Einführung in systemische Familienarbeit hätte man dies auch am Familiensystem in seinen gesellschaftlichen Kontexten erklären können.

In den Kapiteln "Sozialsystem Familie" und "Kommunikation und Dynamik in der Familie" erfährt man Theoriefragmente über die Theorien von Miller und Luhmann, Historie über die Herausbildung von Emotionalität in der Familie im Laufe der letzten 4 Jahrhunderte sowie Aspekte des Verhältnisses von Kommunikation und Interaktion nach G.H. Mead. Im Resümee schließlich die Erkenntnis: "Familien können sich verändern, sie müssen es nur wollen." (S.165).

Zielgruppen

Nach eingehender Lektüre bleibt für mich fraglich, welche Zielgruppe für dieses Buch angeführt werden könnte. Denkbare Zielgruppen wie Studierende der Sozialen Arbeit oder aber interessierte Praktikerinnen und Praktiker sollten ohne Mühe auf dem Markt besser geeignete Einführungen in systemisches Denken und Handeln finden.

Fazit

Schade, ich hatte mich darauf gefreut, dieses Buch zu lesen. Was ich vorgefunden habe, ist ein Sammelsurium soziologischer, sozialpsychologischer und kommunikationstheoretischer Fragmente, bei denen man sich immer wieder fragt, was sie in dieser Form in einer Einführung in systemische Familienarbeit zu suchen haben. Anstelle klarer systemischer Begründungen und Ableitungen zahlreiche Ungereimtheiten. Als Leser erhält man weder einen Einblick in die Praxis systemischer Familienarbeit noch eine verständliche Einführung in die Grundlagen der Systemtheorie. Das Buch hätte möglicherweise eine passable Einführung in die moderne Familiensoziologie werden können. So aber ist es weder das eine noch das andere, sondern einfach nur eine verpasste Gelegenheit.


Rezension von
Prof. i.R. Dr. Peter Bünder
Vormals Hochschule - University of Applied Sciences - Düsseldorf, Lehrgebiet Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.systemische-praxis-bruehl.de
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Zitiervorschlag
Peter Bünder. Rezension vom 11.05.2004 zu: Michael Erler: Systemische Familienarbeit. Eine Einführung. Juventa Verlag (Weinheim) 2003. ISBN 978-3-7799-0736-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1312.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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