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Eric Pfeifer: Outdoor Musiktherapie

Rezensiert von Prof. em. Dr. Wolfgang Krieger, 22.10.2012

Cover Eric Pfeifer: Outdoor Musiktherapie ISBN 978-3-89500-871-9

Eric Pfeifer: Outdoor Musiktherapie. Musiktherapie jenseits des klassischen Settings. Dr. Ludwig Reichert Verlag (Wiesbaden) 2012. 114 Seiten. ISBN 978-3-89500-871-9. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
Reihe: zeitpunkt musik.

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Thema

Das Büchlein „Outdoor Musiktherapie“ behandelt einen Bereich der Musiktherapie, der bisher nicht einmal begrifflich identifizierbar war, geschweige denn konzeptionell umrissen wäre: Musiktherapie in der freien Natur, oder besser, Musiktherapie außerhalb der klassischen fachlichen Räumlichkeiten. Mit diesem Büchlein wird eine neue Reihe von Tonius Timmermann und Hans Ulrich Schmidt „Musiktherapie Universität Augsburg“ eröffnet, die auf eine multidisziplinäre Leserschaft ausgerichtet sein soll.

Das Büchlein liest sich in den meisten Teilen wie ein Erfahrungsbericht aus der Arbeit des Autors zusammen mit dem Musiktherapeuten Stefan Klar „mit Gruppen in Bewegungsräumen, auf Berghütten, in Werkstätten …“, konkretisiert an einem Projekt mit sechs Jungs, welches fünf „Sessions“ umfasste und weitgehend in der freien Natur stattfand. Der Darstellung liegt damit nur ein zeitlich sehr beschränktes Projekt zugrunde, das nur über wenige Wochen ging und hier aus der Perspektive eines Praktikanten reflektiert wird. Dies sollten die LeserInnen stets vor Augen haben, wenn sie mit ihrer Lektüre fortschreiten.

Immer wieder flicht Pfeifer kurze Fallvignetten ein, die den einen oder anderen Aspekt seiner Themen veranschaulichen. Dem gleichen Zweck dienen die zahlreichen Fotos, in denen Szenen, Prozesse und Produkte der Outdoor-Musiktherapie in eigener Praxis dargestellt werden.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Kapitel bemüht sich Pfeifer um die Klärung des Begriffes „Outdoor-Musiktherapie“. Er sammelt einiges an etymologischen Grundlagen, verstrickt sich zuweilen auch in lyrischer Begriffsakrobatik, um den selbstkreierten Begriff zu fundieren. In der Substanz bleiben die Ergebnisse, dass es sich bei dieser Therapie in erster Linie ums handwerkliche und musizierende Arbeiten mit natürlichen Materialien und/oder in natürlichen Umgebungen handelt. Er diskutiert sodann ansatzweise den Vergleich mit ähnlichen Ansätzen wie denen der Community Music Therapy von Stige, der „Hörwerkstatt“ von Deuter, den „Soundwalks“ von Fasser, der Gartentherapie von Niepel oder den Outdoor-Wochen von Gindl und führt einige Arbeitsformen von Therapeuten in den USA, Australien und Norwegen auf, die mit der Outdoor-Musiktherapie Gemeinsamkeiten aufweisen. Die meisten der hier zitierten Bezüge beruhen allerdings auf persönlichen Telefonaten und Emails mit den Zitierten und nicht auf fachliterarischen Quellen.

Das zweite Kapitel widmet sich der Diskussion der Indikation bzw. Gegenindikation für diese Musiktherapie. Wer hier erwartet, dass der Autor das Klientel spezifizieren würde, für welches diese Therapie zu empfehlen wäre, wird enttäuscht. Vielmehr gibt er eine allgemeine Begründung für die Empfehlung dieser Therapie, dass sie nämlich ein geeignetes Mittel sei, dem heute bestehenden „Natur-Defizit-Syndrom“ kompensativ zu begegnen. Dies leistet sie, indem sie zum einen mit besonderen Räumen konfrontiert, Räumen der Stille und Ruhe, Räumen der Bewegung und der Wahrnehmung des eigenen Körpers, zum andern mit besonderen Materialien und Klangerlebnissen, die die Natur für uns bereit hält. Die Frage der Kontraindikation geht der Autor nun allerdings ganz anders an: Hier geht es nun um Klienten, die sich „von der Größe des Raumes, (und durch die) vielen Einflüsse und Reize“ überfordert sehen. Als Beispiel führt Pfeifer einen Jungen mit ADHS, der von der Vielfalt der Reize in der Natur geschützt werden muss.

Mit dem dritten Kapitel beginnt ein Teil des Buches, der unter verschiedenen Aspekten über eigene Erfahrungen des Autors während seines Praktikums in dem gemeinsam mit Stefan Klar organisierten Projekt zur Outdoor-Musiktherapie berichtet. Dies geschieht höchst konkret und manchmal auch hart an der Grenze zum Banalen, aber es hat den Vorteil, dass sich die LeserInnen diese Praxis sehr anschaulich in der Vorstellung rekonstruieren können. Diskutiert werden Fragen zur Gruppengröße und zur Gruppenzusammensetzung und zu den Anforderungen an den Therapeuten und die Ziele des Projektes im Bereich der Gruppenpädagogik werden vorgestellt. Sodann werden die fünf Therpaie-Sessions in ihrem Verlauf dargestellt. Dabei erfahren die LeserInnen einiges über die angewandten Methoden, die Regeln und Rituale – über Gruppenimprovisationen mit Naturmaterialien, Lauschwanderungen und Feedbackrunden.

Das vierte Kapitel „Spielraum und Potential Spaces“ beschwört noch einmal die Stärken des musiktherapeutischen Arbeitens in der Natur und setzt an dem Versuch an, Outdoor Musiktherapie als ein Setting mit einem besonderen „Spielraum“ zu skizzieren. Dabei spielt das Verhältnis des Menschen zur Natur und sein Selbsterleben in der Natur eine zentrale Rolle.

Das fünfte und letzte Kapitel überrascht mit der Zusammenfassung einer kleinen Umfrage des Autors unter 13 Musiktherapeuten aus Europa und den USA, die vor allem der Frage galt, durch welche Merkmale Outdoor Musiktherapie als solche zu erkennen sei und welche Chancen ihr die Befragten im klinischen und nicht-klinischen Alltag zuschreiben würden. Zu diesem Zweck schickte Pfeifer per Internet den Befragten neben einem Fragebogen sechs Tonaufnahmen zu je 20 Sekunden zu, die darauf hin beurteilt werden sollten, ob sie „indoor“ oder „outdoor“ entstanden seien und welche musikalischen Charakteristika diesen Aufnahmen zugeschrieben würden. Da im Ergebnis zwei Drittel der Aufnahmen als „outdoor“ korrekt identifiziert wurden, fühlt sich der Autor in der Annahme bestätigt, dass „outdoor-Situationen in Bezug auf Klang, Ton, Stimmung, Rum usw. tatsächlich Merkmale, Charakteristika aufweisen, die ganz und gar nicht jenen der indoort-Situationen entsprechen“ (65). Um diese Charakteristika herauszufinden, analysiert Pfeifer die Antworten der Befragten mittels eines Fünf-Komponenten-Modells von Hegi und Rüdisüli (2008). Er zitiert hier entlang dieser Komponenten allerdings nur kurz die Äußerungen der Befragten, eine Zusammenfassung gibt es nicht. Abschließend veröffentlicht der Autor noch eine „Collage der Assoziationen“ der Befragten zu den Musikbeispielen, die ihrerseits in loser Folge ein paar Charakteristika der Outdoor Musiktherapie aufscheinen lässt. Dass dieses Vorgehen keinerlei wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, weiß der Autor offenbar selber.

Diskussion

An vielen Stellen, wo die Kapitelüberschriften verallgemeinerungsfähige Aussagen erwarten lassen, finden die LeserInnen nur persönlichen Anekdoten, angerissene Konzeptbezüge, allenfalls Fragmente einer Methodik. So sucht man immer wieder vergeblich einen allgemeinen Ertrag aus dem Dargestellten, den man für die eigene Arbeit gewinnbringend einsetzen könnte. Zu oft drängt sich das Persönliche zu sehr in den Vordergrund, manchmal in überflüssigen Einzelheiten sich verlierend und im geschwätzigen Plauderstil und in Alltagsslogans vor sich hin plätschernd. Zuweilen rückt die Darstellungsform sehr in die Nähe eines studentischen Praktikumsberichtes, der über das Bemühen um Anschaulichkeit den roten Faden und den Blick für die Aufgabenstellung verliert. Theoretische Prägnanz und wissenschaftliche Systematik sind nicht die Stärken des Autors. Hier sollten die LeserInnen in ihren Erwartung bescheiden bleiben und stattdessen die Bereitschaft mitbringen, sich vom Konkreten so berühren zu lassen, dass sie selbst theoretisch kreativ werden. Man muss in diesem Buch die Anstösse für eigenen Ideen geduldig suchen und hier „Achtsamkeit“ walten lassen. Wie der Autor selber sagt: „Fertiges“ möchte er nicht liefern.

Fazit

Zusammenfassend kann folgendes Resümee gezogen werden:

Nützlich ist die Arbeit in erster Linie für Musiktherapeuten, die ihre Arbeitsmethoden auf den „Outdoorbereich“ ausdehnen möchten und nach Anregungen für ihr methodisches Vorgehen suchen. Die Stärken der Natur kommen hier zu Wort und können als ein Potenzial therapeutischer Wirkung reflektiert werden. Wer nach einem Konzept für eine „Musiktherapie draußen“ sucht, eine wissenschaftliche Analyse, differenzierte Überlegungen zu Indikationen, Zielen und Methoden erwartet, überfordert aber das Büchlein.

Die Arbeit soll als ein „Türaufstoßer“ fungieren, wie der Autor selber sagt; d.h., sie soll den LeserInnen Denkanstösse bieten für einen Zugang zum musiktherapeutischen Arbeiten draußen, sei es in der freien Natur oder zumindest außerhalb der gewohnten Therapieräume – mehr nicht. Vom Trommeln in der Schwitzhütte über den Bau von Schwirrhölzern zur Durchführung von Lauschwanderungen gibt es zahlreiche Szenebeschreibungen, die die LeserInnen zu eigenen Versuchen motivieren könnten.

Rezension von
Prof. em. Dr. Wolfgang Krieger
Rezensent: Prof. emerit. Dr. Wolfgang Krieger, Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen am Rhein, Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Systemische Soziale Arbeit (DGSSA) und Mitglied der der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA)
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Es gibt 9 Rezensionen von Wolfgang Krieger.

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Zitiervorschlag
Wolfgang Krieger. Rezension vom 22.10.2012 zu: Eric Pfeifer: Outdoor Musiktherapie. Musiktherapie jenseits des klassischen Settings. Dr. Ludwig Reichert Verlag (Wiesbaden) 2012. ISBN 978-3-89500-871-9. Reihe: zeitpunkt musik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13122.php, Datum des Zugriffs 15.06.2024.


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