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Marianne Arndt: Ethik denken - Maßstäbe zum Handeln in der Pflege

Cover Marianne Arndt: Ethik denken - Maßstäbe zum Handeln in der Pflege. Georg Thieme Verlag (Stuttgart) 2007. 2., unveränd. Auflage. 176 Seiten. ISBN 978-3-13-106662-6. 24,95 EUR, CH: 42,40 sFr.

Reihe: Edition PADUA.
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Thema

Die Pflege bedürftiger Menschen ist und bleibt eine große Herausforderung. Die Risiken die dieses Arbeitsfeld birgt, sind immens. Fachliches Können ist das Eine. Aber gerade das Können birgt oft die Gefahren des Missbrauchs. Gerade gegenüber Schwächeren sind diese besonderes groß. Der Umgang mit den Bedürftigen und Schwachen ist deshalb neben dem fachlichen Können die entscheidende zweite Dimension der Pflege. Dies heißt einmal Respekt, aber dann auch Förderung des Subjektstatus der zu Betreuenden.

Marianne Arndts Buch liefert hierfür theoretische und praktische Grundlagen. Neben Grundfragen behandelt es auch Anwendungsfragen und als besonderen Schwerpunkt Themen im Zusammenhang mit den Fragen nach Leben und Tod.

Autorin

Marianne Benedicta Arndt wurde in Großbritannien in den 60er Jahren des 20 Jh. zur Krankenschwester ausgebildet. Sie arbeitete in diesem Beruf in Großbritannien, Deutschland und in afrikanischen Ländern. Marianne Arndt ist weiter Lehrerin für Pflegeberufe.

Sie studierte Pastoraltheologie und Religionspädagogik. Es folgte eine Studium der Pflegewissenschaft an der Universität Edinburgh (Schottland); weiter erfolgte ein Studium der Moralphilosophie in St. Andrews (Schottland). Bis 1997 war die Autorin Universitätsdozentin des Institutes für Medizin-/Pflegepädagogik und Pflegewissenschaft der Humboldt Universität in Berlin. 1996 erfolgte die Habilitation. Sie lehrte weiter Pflegewissenschaft an der Universität Stirling (Schottland) sowie Ethik und Pflegewissenschaft an der Universität Witten Herdecke. Zudem lehrt sie an der Hochschule Neubrandenburg im Fachbereich Gesundheit und Pflege.

Aufbau

Das Buch ist systematisch folgendermaßen gegliedert:

  1. Der Zusammenhang zwischen Pflege und Ethik wird entfaltet: Dabei erfolgt eine Erörterung der Ethik als philosophische Disziplin (25 – 36). Im Anschluss wird die Gender-Thematik in der Ethik aufgegriffen (37 – 46).
  2. Die Relevanz der Ethik in der Pflege wird herausgearbeitet: Zentrale Begriffe wie Verantwortung, Glück, Nützlichkeit werden dargelegt und auch kritisch reflektiert. Dabei geht die Autorin auch auf einzelne Ethik-Codizes ein. Die praktische Anwendung der Konzepte wird in einem eigenen Kapitel (75 – 88) anhand von Fallanalysen sowie der Diskussion von Ethikvisite, Ethikbesprechung und Ethikkommission aufgezeigt.
  3. Die Bedeutung der Ethik für einzelne Handlungsfelder und Themenkomplexe wird dargelegt: Pflegeforschung, Psychiatrie und Zwangsernährung werden erörtert. 4.) Grenzsituationen des menschlichen Lebens werden thematisiert: Suizid, Euthanasie, Organtransplantation, Abtreibung und Schwangerschaft.

Inhalte

Die Autorin unterscheidet bei der Darlegung des Zusammenhangs von Ethik und Pflege zwischen Ethik-Ansätzen, die Fairness und Gerechtigkeit in das Zentrum stellen und solchen, die der Fürsorge (Care) zentrale Bedeutung geben. Letztere wird einer weiblichen Perspektive auf die Thematik zugeordnet. Nach Auffassung der Autorin kann die Care-Perspektive der Pflege wichtige Impulse geben.

Das Herzstück des Buches – so die Autorin (S. 48) – behandelt insbesondere den Begriff der Autonomie. Daneben werden auch zentrale Ethiktheorien vorgestellt und diskutiert. Betrachtungen zu Fragen der ethischen Entscheidungsfindung runden den Komplex ab.

Bei der Anwendung der zentralen ethischen Konzepte fokussiert die Autorin die Themenkomplexe Forschung, Psychiatrie und Zwangsernährung. Dabei stehen Prinzipien wie Achtung vor dem Wert des Lebens, das Gute und Richtige, Gerechtigkeit und Fairness, Wahrheit und Ehrlichkeit sowie individuelle Freiheit und Selbstbestimmung im Vordergrund (S. 90). Diese Werte gilt es in den einzelnen Handlungsfeldern zur Anwendung zu bringen. Dabei kommt diesen Werten bezogen auf die einzelnen Handlungsfelder jeweils ein spezifischer Schwerpunkt zu (S. 90).

Bei der Diskussion von Grenzsituationen greift die Autorin wiederum auf die von ihr dargelegten Grundkonzepte der Ethik zurück. Das Kapitel bezieht sich primär auf die Medizin-Ethik, die die Autorin von einer Ethik des Pflegens und einer Ethik in Bezug auf soziale und politische Fragen zum Gesundheitswesen abgrenzt.

Diskussion

Insgesamt gibt das Buch einen guten Überblick zur Thematik. Allerdings stellt sich angesichts des Umstandes, dass es in der 1. Auflage 1996 erschienen ist und 2007 in einer unveränderten Auflage, die Frage nach der Aktualität.

Die Gender-Perspektive wird im ersten Kapitel eingeführt und ausdrücklich als innovativ für die Pflegethik bewertet. Im Gegensatz zu den Prinzipien der Gerechtigkeit usw. dominiert hier nicht ein Aufrechnungskalkül (wie viel schulden wir nach rationalen Maßstäben den Bedürftigen?), sondern eine bedingungslose Haltung, die durch Fürsorge oder Nächstenliebe ausgedrückt werden kann. Diese den anderen in den Mittelpunkt stellende Haltung ist jedoch – so auch die Autorin (S. 45) – nicht biologisch determiniert. Sie muss in Bildungsprozessen erworben werden. Sie ist damit kein Faktum, das vorliegt, sondern eine gewünschte Haltung, also eine Norm oder ein Wert. Obwohl Fürsorge eine Emotion zum Ausdruck bringt, kann die Emotion selbst die Fürsorge nicht als wertvoll begründen. Hierzu ist wiederum die kognitiv anspruchsvolle ethische Diskussion unerlässlich. Dieser, hier zuletzt genannte Aspekt, wird von der Autorin nicht systematisch aufgegriffen. Von daher bleiben die Aussagen zum Stellenwert einer Care-Ethik weitgehend eine Absichtserklärung, die im weiteren Verlauf der Publikation nicht durch Argumentation eingelöst werden.

Die einzelnen Begriffe, Theorien, Codizes usw. werden kurz und prägnant dargestellt. Philosophische Hintergründe werden jedoch meist nur angedeutet. Tiefergehende Analyse fehlen. Der Wertungsgesichtspunkt der Autorin wird selbst zu wenig einer Begründung zugeführt (pro Verantwortung/contra Utilitarismus).

Positiv hervorzuheben ist, dass die Autorin vor jeden Teil eine kurze Zusammenfassung stellt. Diese ermöglicht es, den Argumentationsgang im Auge zu behalten.

Fazit

Das Buch liefert einen Überblick zur Thematik. Die Darlegung von Fallbeispielen, Institutionalisierungsformen von Ethik sowie von Codizes (auch im Anhang) machen das Buch für den Praktiker besonders nützlich. Die Darlegung von Begriffen und Theorien stellt eine praxisbezogene Einführung dar. Der Anspruch an eine systematische Ethik der Pflege ist nur teilweise eingelöst.


Rezensent
Prof. Dr. Anton Schlittmaier
Direktor der Berufsakademie Sachsen – Staatliche Studienakademie Breitenbrunn; Schwerpunkte in der Lehre: Philosophische, anthropologische und ethische Aspekte Sozialer Arbeit; Sozialarbeitswissenschaft
Homepage www.ba-breitenbrunn.de
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Zitiervorschlag
Anton Schlittmaier. Rezension vom 29.06.2012 zu: Marianne Arndt: Ethik denken - Maßstäbe zum Handeln in der Pflege. Georg Thieme Verlag (Stuttgart) 2007. 2., unveränd. Auflage. ISBN 978-3-13-106662-6. Reihe: Edition PADUA. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13123.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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