socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Cathrin Schauer, UNICEF Deutschland (Hrsg.): Kinder auf dem Strich

Cover Cathrin Schauer, UNICEF Deutschland (Hrsg.): Kinder auf dem Strich - Bericht von der deutsch-tschechischen Grenze. Horlemann Verlag (Unkel) 2003. 135 Seiten. ISBN 978-3-89502-174-9. 9,90 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Die Autorin

Cathrin Schauer ist Diplomsozialpädagogin und seit 1995 Projektleiterin von KARO. Sie ist gemeinsam mit ihrer Kollegin Ludmilla Irmscher mit dem Preis "Frauen Europas - Deutschland 2002", verliehen durch die Frauenkommission der Europäischen Bewegung Deutschland, ausgezeichnet worden.

Hintergrund

"Eine sichtbare Straßenprostitution mit bordellähnlichen Einrichtungen entwickelte sich erst 1990, nach dem Fall des eisernen Vorhangs. Ganze Industriezweige in der Region wurden geschlossen, die Löhne blieben auf niedrigem Niveau. Zahlreiche Menschen verloren ihre Arbeit. Durch den wirtschaftlichen Verfall in Mittel- und Osteuropa entstand ein großes Wohlstandsgefälle, das an der Grenze zwischen Deutschland und der Tschechischen Republik besonders sichtbar wird. Vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen und sozialen Umbruchs und der daraus resultierenden Armut breiteten sich Prostitution, kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern und der Handel mit Frauen und Kindern aus." (S. 28)

Zur Prävention von HIV/AIDS und sexuell übertragbaren Krankheiten (STD) bei Prostituierten und Drogenkonsumentinnen wurde 1994 das Sozialprojekt KARO in der Euroregion Egrensis (Sachsen, Thüringen, Bayern und Böhmen) gegründet. Es begann seine Arbeit unter der Trägerschaft des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Aktuell ist KARO dem Obervogtländischen Verein für Innere Mission Marienstift e. V. , angegliedert.

Seit 1994 arbeitet KARO als einziges grenzüberschreitendes Sozialprojekt im Freistaat Sachsen, auf beiden Seiten der deutsch-tschechischen Grenze. "Zum Arbeitsbereich von KARO zählen unter anderem die Gebiete um Aš, Cheb, Kynsperk, Sokolov, Karlovy-Vary, Ostrov und Jachimov in der Tschechischen Republik sowie die Regionen um Plauen, Oelsnitz, Markneukirchen, Klingenthal, Adorf und Bad Brambach in Sachsen auf deutscher Seite." (S. 21)

Um eine bedürfnisgerechte, effektive Arbeit voranzubringen, entstand auf Initiative der KARO - MitarbeiterInnen 1996 die Beratungsstelle Marita P. im tschechischen Cheb.

Aufbau und Inhalt

In den ersten Kapiteln beschreibt Cathrin Schauer ihre Motivation zu dem vorliegenden Buch, führt die inhaltlichen Schwerpunkte ein und stellt "Das Sozialprojekt KARO" vor.

Sie benennt im Folgenden "Die kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern und Kinderhandel", skizziert die Lebensbedingungen der Opfer, umreißt die komplexen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen, die ursächlich, für den vorherrschenden Zustand, mitverantwortlich sind.

Sie weist auf den Mangel an empirischer Forschung zu diesem Thema hin, konstatiert, dass es keinerlei "Studien zu den Auswirkungen der kommerziellen sexuellen Ausbeutung von Kindern an der deutsch-tschechischen Grenze gibt" (S. 25) und beschreibt die Formen der psychischen und physischen Folgen von sexualisierter Gewalt beeinträchtigter Kinder und Jugendlicher.

Daran anschließend werden die Entwicklung und die Ausmaße der "Kinderprostitution in der tschechischen Grenzregion" beschrieben. Cathrin Schauer benennt die zunehmende Vermischung der Drogen- und Prostitutionsszene in der Region, die Organisation von Zuhältersystemen und Menschenhandel, die offensichtliche sexualisierte Vermarktung von Kindern und die brutale Gewalt, der sie ausgesetzt sind. Diese Informationen basieren auf systematischen Untersuchungen, die seit 1996 anhand von differenzierten teilnehmenden Beobachtungen und Befragungen erhoben wurden.

Im Zeitraum von 7 Jahren sind 500 Mädchen und Jungen zwischen dem Säuglingsalter und 18 Jahren beobachtet worden, die der kommerziellen sexualisierten Gewalt, vorwiegend deutscher Männer, ausgesetzt waren (vgl. S. 30 f.).

Die ZuhälterInnen setzen sich aus einer sehr heterogenen Vielzahl von Erwachsenen zusammen. Sie umschließt organisierte Zuhälter, Eltern und Großeltern, ältere Geschwister und Nachbarn (vgl. S. 38 f.).

Über mehrere Jahre wurden Pädokriminelle beobachtet und auf Grund ihrer Autokennzeichen überwiegend den angrenzenden Regionen der Freistaaten Bayern und Sachsen zugeordnet.

"In Gesprächen mit den deutschen Sextouristen erfuhren meine Kollegin und ich zum Beispiel von zwei Männern, die mit einem elf- und einem zwölfjährigen Mädchen in einem Bordell verschwanden, mehr über ihre Motive. Zunächst verteidigten sie sich, die Mädchen hätten sich als 18-Jährige ausgegeben. Dann stellte sich jedoch heraus, dass der Ältere seinem Neffen den Bordellbesuch zu seinem 18. Geburtstag geschenkt hatte. Und bei jüngeren Prostituierten müssten sie noch nicht mit Geschlechtskrankheiten oder AIDS rechnen." (S. 40)

Beobachtungen und Befragungen von Polizeibeamten zufolge ist das Verhalten der Beamten in vielen Fällen hilflos, feige bis korrupt. "Wenn ein zwölfjähriges Mädchen bei einem deutschen Touristen ins Auto einsteigt, ist das keine Straftat... ." (S. 45)

In den folgenden drei Kapiteln kommen die Kinder zu Wort. Im Zeitraum von Oktober 1998 bis Juni 2003 sind 40 Kinder im Alter zwischen 6 und 18 Jahren, die auf dem Straßenstrich arbeiten, interviewt worden. Hier werden Interviewsequenzen vorgestellt, Gesprächsinhalte wiedergegeben und einige biographische Entwicklungen beschrieben.

Soziale Armut, sexualisierte Gewalterfahrungen und Zwang durch Familienangehörige, sind die wesentlichen Gründe, mit denen die Kinder beschreiben, warum sie sich prostituieren müssen (vgl. S. 48). Eine reale, positive Perspektive konnten die Kinder und Jugendlichen nicht benennen (vgl. S. 60).

Die Daten aus den teilnehmenden Beobachtungen und den Interviews mit den Kindern werden im Folgenden durch die Auswertungen von 100 Interviews mit erwachsenen, sich in der Grenzregion prostituierenden Frauen, 50 Befragungen von PassantInnen in der Region, 11 Interviews mit MitarbeiterInnen sozialer Einrichtungen und 10 Interviews mit Polizeibeamten ergänzt.

In dem Kapitel "Manchmal fahre ich mit den Deutschen über die Grenze" -"Kinderhandel", belegt Cathrin Schauer anhand von Beispielen die kommerziell sexualisierte Ausbeutung von Kindern durch deutsche Pädokriminelle in Zusammenarbeit mit organisierten Zuhältern. Hier wird eine politische Handlungsfähigkeit zur Bekämpfung der Prostituierung von Kindern, finanzielle Mittel für Forschung, Aufklärung und Prävention, für grenzüberschreitende Hilfs-, Schutz- und Beratungsmaßnahmen, eine länderübergreifende Koordination bei der Strafverfolgung von TäterInnen und zum Schutz der Kinder, eingefordert.

Im "Anhang" finden sich eine kurze "Systematische Dokumentation und wissenschaftliches Vorgehen", Diagramme, Gesprächsleitfäden zu den Interviews, weiterführende Literatur und Projektadressen.

Diskussion

Politik und Medien haben seit Veröffentlichung dieses Buches wa(h)re "Schlammschlachten" ob der Wissenschaftlichkeit des Berichtes "Kinder auf dem Strich" ausgetragen.

Der Bericht sei "keine wissenschaftliche Studie". Ich habe an keiner Stelle gefunden, dass dies je die Intention von Cathrin Schauer war, noch, dass sie dies je geäußert hätte. Ich weiß auch nicht, wem damit gedient wäre, den Kindern und Jugendlichen meines Erachtens nicht. Wäre es tatsächlich ein sinnvolles Unternehmen, die Daten transparent und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen? Ist ein Bericht falsch, wenn er nicht wissenschaftlich geäußert ist?

Zwangsprostitution, Kinder- und Menschenhandel, sexualisierte Gewalt an Kindern, Jugendlichen und Frauen ist weltweit, wenn es von der Öffentlichkeit denn wahrgenommen wird, "eine schlimme Sache". Die Prostituierung von Kindern an deutschen Grenzen, sexualisierte Gewalt durch deutsche Männer, und das in den in diesem Buch beschriebenen Ausmaßen, gilt im Zweifel als "überzogen" oder "einfach gelogen". (vgl. Prager Zeitung vom 12.11.2003 Stand: 18.1.2004); vgl. Süddeutsche Zeitung vom 20.11.2003 Stand: 18.1.2004; vgl. Kölner Stadt-Anzeiger vom 05.12.2003, Nr. 283, S. 4)

Dass die Tschechische Republik kein wirtschafts- und gesellschaftspolitisches Interesse an einer solchen Veröffentlichung hat, und Deutschland eine so rege pädokriminelle Szene und kinderverachtende, von sexualisierter Gewalt geprägte "Männlichkeit" gerne leugnen würde, habe ich u. a. den folgenden Zitatauszügen entnommen:

Andreas Schumann, Sprecher des sächsischen Innenministers: "Vermutungen, Andeutungen, angebliche Dokumentationen. Aber bis heute fehlt jeglicher Hinweis." (KStA 05.12.2003, Nr. 283, S. 4)

Aus dem Dresdner Innenministerium heißt es: "Aber offene Kinderprostitution an der Grenze, das sind Einzelfälle." (KStA 05.12.2003, Nr. 283, S. 4)

"Der Bericht ist eine schlechte Visitenkarte für Tschechien kurz vor dem EU-Beitritt. So dementierte Innenminister Stanislav Gross sofort, drohte gar mit einer Anzeige, sollte es keine Beweise geben. Deutschlands Bundesinnenminister Otto Schily versuchte, die Wogen zu glätten: "Man muss sich davor hüten", so Schily, "Behauptungen aufzustellen, für die man keine Belege hat." (http://www.3sat.de/kulturzeit/themen/53843/ Stand: 19.12.2003)

Fazit

Der Bericht ist schonungslos, die dargestellten Lebensumstände und Erfahrungen der Kinder grausam. Die Prostituierung von Kindern, die offenkundige sexualisierte Gewalt, der sie schutzlos ausgesetzt sind erfordert, auf allen Handlungsebenen aktiv zu werden.

Das Buch kann dazu beitragen, dass PädagogInnen, Sozial- und PolitikwissenschaftlerInnen sensibilisiert werden, sich mit der Thematik auseinander zu setzen, nach Handlungs- und Präventionsansätzen zu suchen und adäquate Maßnahmen in den Grenzgebieten zu implementieren.

Studierenden an Fachhochschulen und Universitäten bietet der Bericht vielseitige Möglichkeiten der Auseinandersetzung in allen Fachbereichen.


Rezensentin
Dipl. Soz.-Arb. Monica Wunsch
Pädagogische Leitung für die sozialen und begleitenden Dienste und des Berufsbildungsbereichs - WfaA Düsseldorf. Langjährige Erfahrung in der Gefährdetenhilfe. Zusatzqualifikationen: Sozialmanagement, Projektmanagement, TQM
E-Mail Mailformular


Alle 9 Rezensionen von Monica Wunsch anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Monica Wunsch. Rezension vom 20.01.2004 zu: Cathrin Schauer, UNICEF Deutschland (Hrsg.): Kinder auf dem Strich - Bericht von der deutsch-tschechischen Grenze. Horlemann Verlag (Unkel) 2003. ISBN 978-3-89502-174-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1313.php, Datum des Zugriffs 19.06.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Mehr zum Thema

Leider liegen aktuell keine passenden Rezensionen vor.

Literaturliste anzeigen

Stellenangebote

Kinderpfleger/in für Kindertagesstätte, München

Pädagogischer Mitarbeiter (w/m/d) für Wohngruppen, Hamburg, Tostedt und Buxtehude

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung