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Anke Edelbrock (Hrsg.): Religiöse Vielfalt in der Kita

Cover Anke Edelbrock (Hrsg.): Religiöse Vielfalt in der Kita. So gelingt interreligiöse und interkulturelle Bildung in der Praxis. Cornelsen Verlag GmbH (Berlin) 2012. 181 Seiten. ISBN 978-3-589-24666-3. D: 16,95 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 25,70 sFr.
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Thema

Die Publikation dreht sich um interreligiöse Bildung in Kindertagesstätten mit Kindern und deren Eltern, welche unterschiedliche kulturelle Hintergründe und religiöse Prägungen mitbringen. Die vielen Praxisbeispiele ebenso wie die Empfehlungen und Arbeitshilfen sind hilfreich für die Leitung von Kindertagesstätten, die pädagogische Alltagsgestaltung und Elternarbeit. Die Publikation richtet sich an pädagogische Fachkräfte, die Träger und Trägerinnen von Kitas, Verbände, Fachberatende und Dozierende pädagogischer Hochschulen und Fachausbildungsgängen. Aber auch für Eltern und weitere Interessierte, bietet sie einen interessanten Überblick über unterschiedliche Herangehensweisen und Umsetzungsmöglichkeiten interreligiöser Bildung.

Herausgeberin und Herausgeber

Dr. Anke Edelbrock, Akademische Rätin für Evangelische Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch-Gmünd und wissenschaftliche Angestellte im Projekt „Interkulturelle und interreligiöse Bildung in Kindertagesstätte“ der Universität Tübingen.

Dr. Albert Biesinger, Professor für Religionspädagogik, Kerygmatik und Kirchliche Erwachsenenbildung an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen.

Dr. Friedrich Schweitzer, Professor für Praktische Theologie und Religionspädagogik an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen.

Aufbau

Auf der Grundlage des Forschungsprojekts „Interkulturelle und interreligiöse Erziehung in Kindertagesstätten“, welche eine mehrjährige repräsentative Bestandsaufnahme und qualitative Auswertung der Situation von Kindertagesstätten in Deutschland ermittelte werden in der Publikation in einem kurzen ersten Teil Empfehlungen zur interreligiösen Bildung in Kitas formuliert, um dann in einem zweiten Teil diejenigen 17 Einrichtungen mit ihrer Arbeitsweise zu portraitieren, welche von den Studienleitenden als „Best Practice“-Ansätze gewertet wurden. Die insgesamt 28 Autorinnen und Autoren geben Einblicke in ihre Einrichtungen und Arbeitsweise, ihre Leitbilder und konkrete Gestaltung interreligiösen Austauschs und Begegnung.

Eine Checkliste zur interreligiösen Arbeit in Kitas bezüglich alltäglicher Praxis Leitbildern, materieller und räumlicher Ausstattung, Elternarbeit, interreligiöse Kompetenzen und Fortbildung sowie Angaben zu weiterführender Literatur bilden den Abschluss der Publikation.

Inhalt

Kindertagesstätten – oder kurz Kitas - erfüllen einen wichtigen Bildungsbeitrag, denn die Erziehung im Vorschulalter schafft wichtige Voraussetzungen bezüglich sozialer Kompetenz, Gemeinschaftserleben und Offenheit für Neues für die spätere Entwicklung.

Angesichts der grossen Heterogenität kultureller und religiöser Hintergründe, die Kinder mitbringen, bietet diese Publikation grundlegende Ansätze, Reflexionen und Praxisbeispiele zur pädagogischen Arbeit in Kindertagesstätten, damit sie zu einem Ort der Begegnung, des Austausches und der Toleranz werden. Denn sowohl kommunale als auch konfessionelle Einrichtungen sind mit neuen Anforderungen und auch Herausforderungen konfrontiert, was die interkulturelle Bildung betrifft und müssen sich fragen, wie sie mit kulturellen Gemeinsamkeiten und Unterschieden umgehen wollen. Zumal Religion in den letzten Jahren ein Thema mit hoher medialer Relevanz geworden ist, stellen sich Fragen, wie das Zusammenleben in einer multireligiösen Gesellschaft aussehen und gestaltet werden soll. Diesen Fragen ist, nach Ansicht der Autorinnen und Autoren, in den Kindertagesstätten bislang wenig Beachtung geschenkt worden. Zwar würden sich insbesondere konfessionelle Einrichtungen und Trägerverbände sowie die wissenschaftliche Religionspädagogik schon länger um die Entwicklung entsprechender Konzepte und bemühen, doch hätten diese noch wenig Eingang in die Praxis gefunden. Der Fokus des Forschungsprojekts zur interkulturellen und interreligiösen Bildung in Kitas lag deshalb auf diesem Defizit, um dem interessierten Fachpublikum sowohl fehlendes Wissen über den Ist-Zustand als auch Empfehlungen von vorbildlichen Leitbildern und Praxisbeispielen für den Soll-Zustand zu liefern.

Ein wichtiges Ergebnis, welches aus der Repräsentativbefragung von Kitas ersichtlich wird, ist,, dass Multikulturalität sowohl für konfessionelle als auch für nichtkonfessionelle Einrichtungen zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist, denn im Durchschnitt betreuen 84% der befragten Kitas Kinder mit Migrationshintergrund und 77% solche mit unterschiedlicher Religionszugehörigkeit. Und selbst falls die betreuten Kinder eine grosse Homogenität aufweisen, gilt zu bedenken, dass sie für das Zusammenleben in einer vielfältigen Gesellschaft mit den dazu notwendigen Kompetenzen ausgerüstet werden sollten. Die Herausgebenden plädieren an dieser Stelle für das Ineinandergreifen einer Begleitung, die sich an der jeweiligen Religionszugehörigkeit und der entsprechenden Prägung des Elternhauses orientiert, mit einer Bildung, welche auf die Stärkung der interreligiösen Sensibilität aller Kinder zielt (vgl. Edelbrock et al., 2012, S.23). Ein solche interreligiöse Bildung soll zudem in der alltäglichen Praxis der Kita fest verankert werden, indem Offenheit, Sensibilität bezüglich der Wahrnehmung von religiösen Orientierungsbedürfnissen, dem Bereitstellen von Raum und Zeit, um Religion erfahrbar zu machen, Einbezug der Familien, Vernetzung mit dem Gemeinwesen sowie Besuche und Erkundigungen in unterschiedlichen Glaubensstätten. Diese Anliegen sollen im Leitbild deutlich gemacht werden, damit die Vielfalt religionspädagogische Begleitung unterschiedlicher Kinder sichtbar wird. Sie fordern die Erziehenden auf, dass sie ihr professionelles und persönliches Verhältnis zu dieser Aufgabe kritisch reflektieren und sich um die entsprechenden interkulturellen Kompetenzen bemühen, auch etwa indem sie gezielt solche Fortbildungen besuchen und diese Themen regelmässig auf der Tagesordnung in Teambesprechungen stehen. Daraus resultieren ebenso Aufgaben für die Träger von Kindertagesstätten, welche die Bedeutung der interreligiösen Bildung in ihren Einrichtungen unterstreichen und gleichzeitig Offenheit signalisieren sollten. Insbesondere kirchliche Träger werden an dieser Stelle zur Auseinandersetzung mit ihrem Auftrag und dem Verhältnis zum Anspruch an eine kirchliche Sozialisation innerhalb der Einrichtung aufgerufen. Auch fordern die Herausgebenden sie für eine interkulturelle Öffnung der Institutionen, indem etwa muslimische Erzieherinnen und Erzieher ins Team integriert werden, welche immer noch untervertreten sind.

Was die Aus- und Fortbildung betrifft, so soll interreligiöse Bildung stärker als bisher im Lehrplan verankert werden, wo auch Konfliktthemen zwischen den verschiedenen Religionen nicht ausgeklammert werden dürften. Als Motto für die Aus- und Fortbildung sollte gelten „Gemeinsamkeiten stärken – Unterschieden gerecht werden“ (ebd., S.31). Fortbildungen sollten am neuralgischen Punkt der Nähe und Distanz zu einzelnen Religionen ansetzen, damit wechselseitiger Respekt und Anerkennung möglich werde. Sie regen an, das Erlernte und Erworbene anschliessend gleich in Praxismodule umzusetzen, damit es erprobt werden könne und weitere Professionelle anrege, in diese Richtung weiter zu arbeiten.

Abgerundet wird dieser erste Teil durch Überlegungen zur Bildungspolitik und dem Stellenwert interreligiöser Bildung in Orientierungs- und Bildungsplänen sowie den Aufgaben der Wissenschaft, um diesbezügliche Defizite aufzuarbeiten.

Im zweiten Teil folgen 17 Best-Practice-Beispiele zur interreligiösen und interkulturellen Bildung in unterschiedlichen Kindertageseinrichtungen, wobei einschränkend erwähnt wird, dass die vorgestellten Beispiele keine Rangliste darstellen würden sondern vielmehr Facetten interreligiöser Bildung und ihre vielfältigen Ausgestaltungsmöglichkeiten aufzeigen sollen. So werden neben katholischen und evangelischen Einrichtungen auch muslimische und jüdische Einrichtungen vorgestellt, Gemeinsam ist allen Kitas, dass sie offen sind für alle Glaubensangehörigen und diese Offenheit auch sichtbar machen. Wie unterschiedliche Religionszugehörigkeiten im Kita-Alltag thematisiert und gelebt wird mit thematischen Ecken oder gemeinsamen Ritualen, dem Einbezug unterschiedlicher Geistlicher etc., gibt einen vielfältigen Überblick und sicherlich viel Anregungen für Interessierte.

Diskussion

Diese Publikation leistet einen wichtigen Beitrag zu einem aktuellen Thema und ist dem Grundsatz verpflichtet, dass interreligiöse Bildung auch Friedenserziehung bedeutet. Offenheit und Respekt gegenüber der Vielfalt von Religionen und deren Einbezug in den Kita-Alltag prägen die Beiträge und zeigen die vielfältigen Bemühungen zur gemeinsamen Verständigung über Religion auf Ebene der Kinder und ihrer Eltern aber auch auf Ebene der Institution auf. Man kann es nicht der zugrunde liegenden Studie oder der Publikation anlasten, dass viele Vorschuleinrichtungen in Deutschland derart stark konfessionell geprägt sind, was mir als Schweizer Erziehungswissenschaftlerin weitgehend fremd ist. Unterschiedliche historische Ausgangsbedingungen haben zu anderen Trägerstrukturen von Kindertagesstätten und damit auch zu einer anderen Gewichtung religiöser Sozialisation im Vorschulalter geführt. Wenn Kirche und öffentliche Bildung (einschliesslich Vorschulalter) klar getrennt sind, .stellen sich die Fragen zum Umgang mit religiöse Heterogenität anders. Zumal wird in dieser Publikation Religion einen zentralen Stellenwert in der Vorschulerziehung zugewiesen ohne dies grundsätzlich in Frage zu stellen – wie dies mit den vielen konfessionslosen Kindern und deren Eltern zu vereinbaren ist, blieb für mich als Leserin offen. Es wird postuliert, dass Religion ein Grundbedürfnis von Kindern sei, ohne zu berücksichtigen, dass atheistische Eltern dem entschieden widersprechen würden mit der Begründung, dass für Sinnfragen auch andere Erklärungen herangezogen werden können. Wenn Religion in Bildungseinrichtungen eine geringere Relevanz hat, werden auch die Unterschiede der Mehrheitsreligion zu anderen Religionen weniger wichtig, zumal sich der pädagogische Alltag auch weitgehend areligiös gestalten lässt. Damit soll der interreligiösen Pädagogik kein Abbruch getan werden, doch es zeigt einmal mehr, dass Mehrheits- und Minderheitenperspektiven auch hier zu heiklen Begegnungen führen können. So darf nicht vorausgesetzt werden, dass muslimische oder jüdische Kinder oder Eltern sich mit ihrem Glauben so verbunden fühlen, dass sie ihn „exemplarisch vorführen“ möchten. Oft kann gerade bei Kindern beobachtet werden, dass sie sich nicht als „andersartig“ von den anderen wahrgenommen sehen möchten. So können auch gut gemeinte Initiativen – wie in einem der dargestellten Beispiele erwähnt –, der Moscheebesuch sogar bei muslimischen Eltern auf Widerstand stossen, weil deren innerreligiösen Differenzen zu wenig beachtet wurden und sie die ausgewählte Moschee nie betreten würden.

Religionen sind eine komplexe Sache, deshalb ist das diesbezügliche Wissen der Professionellen sicher eine wichtige Voraussetzung, ebenso wie ihre interkulturelle Kompetenz. In diesem Sinne halte ich die vorliegende Veröffentlichung für einen wichtigen Beitrag zur interkulturellen Öffnung im Speziellen für konfessionelle Kindertagesstätten, deren pädagogischer Alltag religiös geprägt ist, sei dies mit dem Mittagsgebet, wo nun alle Kinder ihre Hände so halten oder falten dürfen, wie es ihre Religion gebietet, oder um das Gestalten religiöser Feste und Gottesdienste, deren Teilnahme freiwillig wird. Das sind Schritte in die richtige Richtung, doch bleibt die Tatsache, dass religiöse Sozialisation betrieben wird und die Möglichkeit, gemeinsame Mittagessenrituale ohne religiösen Bezug zu kreieren, ausser Acht gelassen wird.

Fazit

Eine informative, wissenschaftlich abgestützte Publikation mit vielen Anregungen für die Praxis interreligiöser Bildung in Kitas und anwendungsfreundlichen Checklisten und Empfehlungen, welche auch die institutionelle Ebene miteinbeziehen und Wege aufzeigen, wie eine breite Elternbeteiligung und -mitwirkung erreicht werden kann.


Rezension von
Dr. Miryam Eser Davolio
Dozentin am Departement Soziale Arbeit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), forscht und lehrt in den Themenbereichen Extremismus und Jugendgewalt, Migration und Integration sowie zu Fragen der Sozialen Arbeit.
Homepage www.sozialearbeit.zhaw.ch
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Zitiervorschlag
Miryam Eser Davolio. Rezension vom 21.11.2013 zu: Anke Edelbrock (Hrsg.): Religiöse Vielfalt in der Kita. So gelingt interreligiöse und interkulturelle Bildung in der Praxis. Cornelsen Verlag GmbH (Berlin) 2012. ISBN 978-3-589-24666-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13133.php, Datum des Zugriffs 16.01.2021.


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