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Gabriele Doblhammer, Anne Schulz u.a.: Demografie der Demenz

Cover Gabriele Doblhammer, Anne Schulz, Juliane Steinberg, Uta Ziegler: Demografie der Demenz. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2012. 120 Seiten. ISBN 978-3-456-85050-4. 24,95 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Entstehungshintergrund und Thema

Die vorliegend Arbeit ist entstanden im Kontext des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), Bonn. Ziel des Zentrums ist es, ein nationales Demenzmonitoring und ein Demenzregister für Deutschland aufzubauen.

Das vorliegende Buch leistet eine Analyse zum derzeitigen Forschungsstand, um „bevölkerungsbezogene Informationen zum Auftreten des Demenzen“ (S. 9) zusammenzufassen. Das Buch erörtert somit, das ist vorab klarzustellen, nicht ein weiteres Mal den State-of-the-Art in ärztlicher Diagnostik und Behandlung von Demenzen. Vielmehr rücken die Verfasserinnen zum einen das Wissen über Messung und Risikofaktoren sowie zum anderen epidemiologische Befunde zum Vorkommen der Demenzen, zur pflegerischen Versorgung und deren volkswirtschaftlicher Bedeutung in den Fokus. Sie leisten hierbei nicht allein eine akribische Ausbreitung entsprechender Erkenntnisse, sondern setzen sich gleichfalls kritisch auseinander mit der Qualität demografischer und epidemiologischer Prognoseszenarien. Datengrundlage für diese bevölkerungsbezogene Analyse liefern in erster Linie Routinedaten aus der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), was aus Sicht der Verfasserinnen zwei Vorteile beinhaltet: hohe Fallzahlen von mehreren Millionen Versicherten und der Einbezug gerade auch von Heimbewohnern, die ein besonderes Demenzrisiko tragen und die in anderen Untersuchungen häufig ausgeschlossen sind.

Aufbau

Das Buch ist in neun Abschnitte untergliedert, die das oben allgemein skizzierte Arbeitsvorhaben im Detail sachlogisch dimensionieren.

Ausgebreitet wird eingangs der demographische Hintergrund mit Schwerpunktsetzung auf der hiesigen Sterblichkeitsentwicklung inkl. regionaler Unterschiede, Trends in der Gesundheit und einer kritischen Betrachtung von Prognosen in der Gesundheits- und Morbiditätsforschung (S. 11 bis 44).

Es folgt ein sehr konzentrierter Abschnitt über Demenzen, der neben unabdingbarem Basiswissen zu Demenzformen knapp über Abgrenzungsprobleme zwischen normalem und krankhaftem kognitiven hohen Alter sowie über Ko-Morbiditäten und Todesursache informiert (S. 45 bis 52).

Auf dieser Folie werden anschließend zentrale epidemiologische Maßzahlen über Inzidenz, Prävalenz und Sterblichkeit referiert (S. 53 bis 64).

Der vierte Abschnitt wendet sich Datenlage und Messung zu. Dies ist unabdingbar, da tief ansetzende klinische Messmethoden kostspielig sind und somit häufig nur auf kleinen Fallzahlen mit entsprechend großen Standardabweichungen basieren und für Prognosen somit ausscheiden. Erörtert werden in ihrem Für und Wider daher andere Messmethoden wie populationsbezogene Studien, Surveys und Routiniedaten, die alternativ zur Verfügung stehen und das Vorkommen der Demenzen sicherer einschätzen helfen. Gleichwohl ist bei Verwendung dieser Methoden eine Differenzierung des Krankheitsbildes hinsichtlich verschiedener Formen der Demenz nicht leistbar (S. 65 bis 72).

Mit Blick auf Risikofaktoren wird einführend auf Demenz als ein Syndrom mit einer großen Bandbreite an Symptomen und mit daher auch je unterschiedlichen Risikofaktoren hingewiesen. Neben soziodemografischen Risiken (u.a. Alter, Geschlecht, Bildung) und Lebensstilfaktoren werden die Häufigkeiten des Auftretens von Demenz bei Vorliegen bestimmter Krankheiten (u.a. Diabetes Mellitus, Depression) und frühere Lebensumstände (z.B. Ernährung) in die Betrachtung einbezogen und mit Blick auf den Forschungsstand befragt (S. 73 bis 82).

Mit diesen Vorarbeiten haben die Verfasserinnen den fachlichen Boden bereitet, um sich in Abschnitt 6 Prognosen der Demenz zuzuwenden (S. 83 bis 89). Den Prognosen für Deutschland liegt die Hypothese eines Dynamischen Gleichgewichts der Lebenserwartung zugrunde. Diese besagt, dass bei steigender Lebenserwartung der Anteil der Lebensjahre mit Demenz an der gesamten Lebensdauer gleich bleibt. Bei zudem unterstellter gleich bleibender Lebenserwartung und konstanter Prävalenz würde die Zahl der Erkrankten um rund 500.000 Personen von 0,96 Mio. (2002) auf 1,52 Mio. (2047) steigen. Allerdings scheidet die Unterstellung einer konstanten Lebensdauer aus. Bei steigender Lebenserwartung, die vielmehr zugrunde zu legen ist, ist entscheidend, ob sie zukünftig eher als moderat oder – wie zuletzt – stark ansteigend unterstellt wird. Je nachdem welche der in der Demografie strittigen Annahmen zur Lebenserwartung getroffen werden, liegt die Anzahl der demenzkranken Personen im Jahr 2047 zwischen 1,88 und 2,01 Mio. (S. 85). Die Verfasserinnen merken an, dass „eine beachtliche Reduzierung der zukünftigen Anzahl der von Demenz betroffenen Personen erlangt werden (kann), wenn es gelingt, die Demenzprävalenzen so zu senken, dass der relative Anteil der demenzfreien Lebenserwartung bei gleichzeitigem Anstieg der Lebenserwartung konstant bleibt“ (S. 84). Neben Prognosen für Deutschland existieren Studien zur Entwicklung der Demenz weltweit, die in Annahmen und Erstellungsjahr stark differieren.

Die weiteren Abschnitte verlassen den vornehmlich demografischen und epidemiologischen Kontext und wenden sich volkswirtschaftlichen Implikationen und Erkenntnissen der Versorgungsforschung zu. Im Abschnitt zu den Kosten der Demenz werden unterschiedlich Kostenarten (direkte, indirekte und versteckte Kosten) ausdifferenziert, wobei die beiden letztgenannten schwer bzw. kaum zu schätzen sind. Zusammenfassend stellen die Verfasserinnen heraus, dass der größte Teil der Kosten durch Familien getragen wird, an zweiter Stelle ist die Pflegeversicherung gefordert, während der geringste Teil der Kosten auf die Krankenversicherung entfällt (S. 91 bis 100). Dieser bekannte Umstand führte im Frühjahr 2012 zur Ausklammerung der Demenz aus dem Kreis der 80 Erkrankungen, die der Berechnung des morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs in der GKV zurunde gelegt werden. Demenz ist zwar weit verbreitet (Aufnahmebedingung 1), sie ist aber nicht an hohe Gesundheitskosten (Aufnahmebedingung 2) gebunden. Das heißt, Versicherte, die an einer Demenz erkrankt sind, lösen keine höheren Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds (mehr) aus. Dies wird das Engagement der Krankenkassen im Hinblick auf Prävention und Behandlung der Demenz mutmaßlich nicht fördern.

Abschnitt 8 wendet sich der Pflege zu. Dabei referieren die Autorinnen u.a. die Ausgangslage mit Blick auf den gültigen Pflegebedürftigkeitsbegriff und skizzieren die weiterhin offene Diskussion um seine Neufassung. Dargestellt sind zudem Befunde zu Pflegearrangements demenzkranker Personen, ihren Pflegestufen und Betreuungsleistungen bei eingeschränkter Alltagskompetenz nach § 45 a, b SGB XI (S. 101 bis 115).

Der das Buch beschließende, letzte Abschnitt wendet sich den Prognosen des Pflegebedarfs und der Pflegeressourcen zu (S. 117 bis 138). Resümierend stellen die Verfasserinnen fest (S. 121), dass eine Verbesserung der Gesundheit im Alter Pflegebedürftigkeit zwar abbremsen, nicht aber aufheben kann. Grund hierfür sind der weitere Anstieg der Lebenserwartung und die geburtenstarke Jahrgänge (Babyboomer) bis 2050. Differenzen zwischen aktuellen Prognosen aus 2010 (Unsicherheitsmargen in der Größenordnung von 1. Mio. pflegebedürftigen Personen mehr oder weniger) hängen ist erster Linie wiederum von den Annahmen zur Entwicklung der Lebenserwartung ab. Unterschiede in den Prognosen zur Gesundheitsentwicklungen sind dagegen weniger ausschlagkräftig (Unsicherheitsmargen in der Größenordnung von 0,3 Mio. Personen). Ergänzt werden diese Ausführungen durch Prognosen zur Pflegestufenverteilung und zu regionale Disparitäten in der Entwicklung. Diese Prognosen zu Pflegebedürftigen werden kontrastiert durch solche zu familiären Pflegeressourcen und professioneller Pflege. Die Verfasserinnen gehen von einem Rückgang „potentiell informeller Pflegegeber“ in den jüngeren und mittleren Altersgruppen aus, dem aber ein Anstieg in den älteren gegenübersteht. Trotzdem wird die Nachfrage nach professionellen Pflegekräften selbst im Falle positiver Entwicklungen nicht verhindert, sondern nur abgemildert werden können. Demnach deutet alles darauf hin, dass ohne grundlegende Änderungen das Pflegesystem in seiner heutigen Struktur die prognostizierte Nachfrage nicht wird abdecken können.

Fazit

Die Verfasserinnen verdeutlichen in ihrem Text und am jeweiligen Gegenstand durchgängig, das Prognosen von zugrunde gelegten Annahmen abhängen, die sich retrospektiv als mehr oder weniger plausibel erweisen. Sie zeigen, welche Entwicklungen bzw. Entwicklungskorridore nach heutigem Wissensstand wahrscheinlich sind, gleichwohl bei anderen Verläufen so auch nicht eintreffen müssen. Diese Sorgfalt in der Abwägung der Aussagen im Detail prägt das Buch, das sowohl für Leser, die sich mit Strukturen und Settings in der Versorgung von Menschen mit Demenz befassen, als auch für Akteure in Pflegepolitik und Pflegewirtschaft daher instruktiv und ertragreich ist.


Rezensent
Prof. Dr. Roland Schmidt
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Zitiervorschlag
Roland Schmidt. Rezension vom 25.05.2012 zu: Gabriele Doblhammer, Anne Schulz, Juliane Steinberg, Uta Ziegler: Demografie der Demenz. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2012. ISBN 978-3-456-85050-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13148.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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