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Abhaya Gupta: Assessmentinstrumente für alte Menschen

Cover Abhaya Gupta: Assessmentinstrumente für alte Menschen. Pflege- und Versorgungsbedarf systematisch einschätzen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2012. 192 Seiten. ISBN 978-3-456-84805-1. 29,95 EUR, CH: 39,90 sFr.
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Autor

Der Autor ist Mediziner und Leitender Arzt am West Wales Hospital in Camarthen (England) mit umfangreichen Publikationen im medizinischen Bereich. Mit diesem Buch legt der Autor eine Zusammenstellung von in der britischen Geriatrie genutzten Assessmentinstrumenten vor. Diese Auswahl an Assessmentinstrumenten soll Medizinern und weiteren Mitgliedern des multidisziplinären geriatrischen Teams als Überblick über praktikable und in wissenschaftlicher Hinsicht abgesicherte Instrumente dienen. Es reiht sich ein in die Publikationsreihe des Huber Verlags zum Pflegeprozess.

Entstehungshintergrund

Diese Publikation wurde von einem in der britischen Geriatrie aktiven Mediziner bzw. Geriater verfasst und beinhaltet grundlegende theoretische Hintergründe und Einschätzungskriterien über ausgewählte Assessmentinstrumente, spezifisch für die Zielgruppe älterer Menschen. Damit werden verschiedene Settings wie Geriatrie, Innere Medizin und Altenpflege angesprochen. Nach dem theoretischen Teil werden in der klinischen Praxis häufig eingesetzte Assessmentinstrumente besprochen. Das Buch wendet sich mit der Auswahl in der britischen Geriatrie praxisbewährter Assessmentinstrumente an Praktiker (Mediziner, Pflegende in der Geriatrie und der Altenpflege) und Pflegegutachter. Diese Übersicht spiegelt den Stand der Diskussion über ausgewählte Assessmentinstrumente in der Geriatrie bis zum Jahr 2008 wider und ist mit dieser Publikation nunmehr vier Jahre später ins Deutsche übersetzt worden. Die Übersetzung des Buchs ist von Prof. Dr. Reuschenbach und Dr. Mahler wissenschaftlich begleitet worden und unterscheidet sich auf deren Initiative hin vom englischen Originalwerk durch die Ergänzung kritischer Stellungnahmen und ergänzenden Validierungsdaten.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist in zwei größere Teile untergliedert.

Teil 1 ist der grundlegenden Einführung in den Gegenstandsbereich von Skalen gewidmet. Definiert wird eine Skala als „eine Reihe von Fragen, Bewertungen oder Elementen, die zur Messung eines Konzepts dienen“ (S. 27), die als Ergebnis numerische Werte liefert, an die die Anforderung besteht, zu "expliziten und eindeutigen Messungen zu gelangen und damit zur Standardisierung von Konzepten beizutragen".

Im Anschluss daran wird die Notwendigkeit von Assessment-Skalen begründet, die dem Autor zufolge eine wesentliche Voraussetzung liefern, „akkurate Diagnosen stellen zu können“, den Verlauf des Behandlungs- und Pflegeprozesses abzubilden und deren Ergebnisse zu validieren (S. 28). Somit können sie als Basis für die medizinische und pflegerische Informationssammlung dienen, mittels der Diagnose, Therapie und Prognose abgesichert werden (S. 29). Außerdem unterstützen sie nach Ansicht des Autors auch die Kommunikation zwischen verschiedenen Gesundheitsfachpersonen und die Überprüfung der Effektivität von Gesundheitsdiensten. Weitere Funktionen werden im Screening von Krankheit und Behinderung als Voraussetzung zu einer Gesundheitsplanung und -management und im Bereich der Forschung gesehen.

Dann werden Anforderungen an Skalen für die Versorgung älterer Menschen definiert. Diese basieren auf einem mehrdimensionalen Ansatz, der die körperliche und geistige Gesundheit, den funktionellen Status bzw. die Funktionsfähigkeit und weitergehende Aspekte, wie den Sozialstatus des älteren Patienten, umfasst.

Auf dieser Basis werden Kriterien zur Verwendung von Skalen definiert. Zuerst finden die wissenschaftlichen Kriterien Validität und Reliabilität Erwähnung. Weitere Kriterien sind die Akzeptanz durch den Patienten, die zur Bearbeitung erforderliche Zeit in der Anwendung der Skala, das dafür benötigte Personal und die Relevanz und Nutzen der zu erhebenden Daten (S. 33). Das Ergebnis bildet eine Checkliste zum Einsatz einer Skala, die die Eignung der Skala für den Zweck ihres Einsatzes, das Ausmaß deren Validität, Reliabilität, Sensitivität und Spezivität, der Anwenderkreis sowie die Zielgruppe der Skala, deren Praktikabilität (Dauer der Anwendung, Akzeptanz für Nutzer für die Anwender wie für die Zielgruppe), die Berechnungsgrundlage für die zu ermittelnden numerischen Werte, deren Gewichtung und etwaige schiefe Verteilungen (Decken- und Bodeneffekte) und die Vermittelbarkeit deren Ergebnisse (S. 34) umfasst.

In Anschluss daran verdeutlicht der Autor wesentliche Eigenschaften von Skalen und definiert die Begriffe Reliabilität, Validität, Sensitivität und Spezifität, den Aspekt der Gewichtung der Skalenwertung und Hinweise zur Präzision der Beantwortung eines Items.

Der nächste Abschnitt des ersten Teils widmet sich dem Kreis der Anwendung und deren Kompetenzen zur Nutzung der Skalen sowie auch verschiedenen Arten von Skalen in Form von Selbst- und Fremdbeurteilungsinstrumenten sowie instrumentengestützten Messungen mittels spezifischer Gerätschaften.

Dann werden fünf Hauptbereiche des Assessments der Gesundheit älterer Menschen im Überblick dargestellt. Diese beziehen sich auf

  1. die körperliche Gesundheit oder Krankheit, die Problemlisten definierter Diagnosen wie Dyspnoe und krankheitsspezifische Skalen in Bezug auf Krankheitsbilder wie Parkinson oder Schlaganfall enthalten.
  2. die Funktionsfähigkeit, die sich auf ADL-Skalen (Aktivitäten des täglichen Lebens bzw. geriatrische ADL) und die instrumentellen Aktivitäten des täglichen Lebens (IADL) beziehen.
  3. die geistige Gesundheit, deren Skalen im Schwerpunkt Messungen zur Diagnose Demenz umfassen, auch wenn sie nicht auf diese Diagnose begrenzt sind. Sie dienen außerdem der Messung „des Denkvermögens älterer Menschen und ihrer Verhaltenskompetenz“ (S. 46) und beziehen sich auf die Konzepte Kognition, Affekt (Angst und Depression) und Verhalten.
  4. die Lebensqualität, die sich auf das Assessment des Wohlbefindens des Patienten als Teil des „breiter gefassten Konzepts namens Lebensqualität“ beziehen und die Dimensionen materiell, physisch, sozial, emotional und spirituelles Wohlbefinden umfassen (S. 47) und schließlich
  5. die Belastung von Betreuungspersonen, deren Grad an mit der informellen Pflege verbundenen Belastungen und Stress mittels spezifischer Skalen erfasst werden sollen.

Schließlich werden als Settings für den Einsatz der Skalen Reha-Einrichtungen, Geriatrische Einrichtungen, die Gemeinde, in der ältere Menschen leben, und psychogeriatrische Einrichtungen benannt.

Teil 2 der vorliegenden Publikation enthält die Darstellungen ausgewählter Instrumente, die im klinischen Kontext eingesetzt werden. Der Einstieg bildet der die geistige Gesundheit des älteren Menschen betreffende Bereich mit u. a. den folgenden Instrumenten: Glasgow-Koma-Skala, Mini-Mental-Status-Test und Uhrentest. Dann folgen sich auf Funktionsbereiche beziehende Skalen, wie der Barthel-Index (inklusive der deutschen Version) oder die Funktionale Selbständigkeitsmessung (FIM), Assessmentinstrumente bei Sturzgefahr und sich auf die Mobilität und auf die Gleichgewichts- und Gehfähigkeit des älteren Menschen beziehende Skalen. Dem folgen krankheitsspezifische Skalen in Form von Assessmentinstrumenten bei Schlaganfall, die Geriatrische Depressionsskala, die Hospital Anxiety and Depression Scale – deutsche Version, Short-Form 36, Mini-Nutritional Assessment, Skalen bei Parkinson-Krankheit und schließlich Skalen zum Dekubitus-Assessment.

Die Besprechung der einzelnen Instrumente erfolgt nach dem folgenden Muster. Die Einführung in das Instrument benennt das zu messende Konzept, die zu beurteilenden Aspekte und gibt mitunter Hintergrundinformationen über die Entwicklungsgeschichte desselben. Dann wird das Vorgehen bei der Auswertung des Instruments bzw. die Interpretation des Scorings angegeben. Dazu werden klinisch wichtige Hinweise vermittelt, die die Messung beeinflussen können, wie die Ptose bei der Beurteilung der Fähigkeit zum Öffnen der Augen. Weiter werden die Durchführungsdauer des Instruments und die durch Studien ermittelten Befunde zur Validität und Reliabilität angeführt. Außerdem werden die klinischen Anwendungsbereiche des betrachteten Instruments beleuchtet und eine Einschätzung über dessen Anwendbarkeit gegeben. Schließlich werden Einschränkungen in der Nutzung des Instruments dargelegt. Mittels Tabellen, Abbildungen oder Kästen wird mit wenigen Ausnahmen das jeweilige Instrument (im Auszug) selbst visualisiert. Ein Literaturverzeichnis beschließt die jeweilige Darstellung des Instruments. Die einzelnen Darstellungen variieren im Umfang und im Detailliertheitsgrad der Besprechung und ergänzen teilweise modifizierte Versionen oder konkrete Anwendungsrichtlinien. Über die Hinweise des Autors hinaus werden die Darstellungen mitunter durch Kommentare, Literaturhinweise und Anmerkungen der die Übersetzung begleitenden Wissenschaftler/innen ergänzt, die spezifische Hinweise über das Instrument im deutschsprachigen Raum enthalten.

Im Anhang des Buchs findet sich eine Umfrage unter Mitgliedern der British Geriatrics Society über die Bekanntheit von Skalen und deren Nutzung durch die befragten Mediziner, die die Notwendigkeit weiterer Schulung, Trainings und Forschung zum Thema Assessmentinstrumente verdeutlicht (S. 211). Außerdem findet eine Liste von Fachärzten mit weitergehenden Skalen Erwähnung. Ein Literaturverzeichnis sowie ein von Jürgen Georg zusammengestelltes deutschsprachiges Literaturverzeichnis beschließen das Buch.

Diskussion

Die Publikation bietet einen schnellen und fundierten Überblick über ausgewählte und bewährte Assessmentinstrumente in der Geriatrie. Neben dem Einblick in den jeweiligen Assessmentbereich repräsentierende Instrumente finden sich wertvolle Einschätzungen zu deren Geltungsbereich wie auch zu deren Einschränkungen. Dies ermöglicht Lesern einen ersten Eindruck über die mögliche Nutzung für verschiedene Verwertungszusammenhänge.

Im Vergleich zu anderen Handbüchern über Assessmentinstrumente in der Pflege oder Geriatrie ist diese Publikation weniger umfänglich und tiefgehend. Gleichzeitig ist sie daher gut geeignet, um einen ersten Überblick über den Gegenstandsbereich zu erhalten. Eine intensivere Einschätzung erfordert aber eine weitergehende Recherche in einschlägigen Handbüchern, in den jeweiligen Manuals selbst oder Studien. Einschränkend ist zu erwähnen, dass es den Diskussionsstand über Assessmentinstrumente im englischsprachigen Raum bis 2008 abbildet und neuere Entwicklungen und Einschätzungen somit ausgespart sind. Dazu kommt, dass die Publikation das Thema aus einer multidisziplinären Sichtweise beleuchtet. Diese Einschränkungen werden auch von der wissenschaftlichen Begleitung der Übersetzung angeführt, die darauf hinweisen, dass nicht für jedes der im Buch besprochenen Instrumente eine validierte deutsche Fassung vorliegt, über wissenschaftliche Gütekriterien hinausgehend etwa ökonomische Kennwerte fehlen (das Manko der Darstellung des klinischen Nutzens ist durch die Intervention der wissenschaftlichen Übersetzungsbegleitung durch entsprechende Ergänzungen behoben worden) und sich die unterschiedlichen beruflichen Zuschnitte der englischen gegenüber der deutschen Leserschaft als Zielgruppe des Buchs darin unterscheiden, dass die Entscheidung über den Einsatz von Instrumenten in Deutschland weniger von Pflegenden verantwortet wird, denen häufig geforderte diagnostische und methodische Kompetenzen fehlen (S. 19-20).

Etwas unübersichtlich mutet die fehlende Nummerierung der Überschriften an, die zu einer besseren Orientierung über die Schwerpunkte und Messbereiche der einzelnen besprochenen Instrumente beigetragen hätte.

Fazit

Mit dieser Publikation liegt ein fundierter Einstieg über Grundlagen zur Einschätzung und Verwendbarkeit von Assessmentinstrumente in der Geriatrie vor. Das Buch richtet sich in erster Stelle an Praktiker/innen in der Medizin und im geriatrischen Team mit entsprechenden Nutzungskompetenzen. Der Vorteil liegt in einem schnellen Überblick, der bei weiterer Überprüfung über die Möglichkeit der Anwendung von Assessmentinstrumenten eine tiefergehende Analyse erfordert. Als Einstieg in die Thematik kann diese Übersicht eine gute Hilfestellung bieten. Von daher wünsche ich der Publikation eine weite Verbreitung.


Rezensent
Prof. Dr. Michael Schilder
Professor für klinische Pflegewissenschaft an der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt
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Zitiervorschlag
Michael Schilder. Rezension vom 16.04.2013 zu: Abhaya Gupta: Assessmentinstrumente für alte Menschen. Pflege- und Versorgungsbedarf systematisch einschätzen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2012. ISBN 978-3-456-84805-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13152.php, Datum des Zugriffs 18.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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