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Marjory Gordon: Pflegeassessment Notes

Cover Marjory Gordon: Pflegeassessment Notes. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2012. 224 Seiten. ISBN 978-3-456-84654-5. 24,95 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema

Dieses kompakte Praxishandbuch widmet sich dem pflegerischen Assessment und der klinischen Entscheidungsfindung

Autorin

Marjory Gordon – diesen Namen bringen Pflegekräfte wohl als erstes mit den NANDA-Pflegediagnosen in Verbindung. Gordon ist eine US-amerikanische Pflegetheoretikerin, die neben ihrer Pionierarbeit bei den Pflegediagnosen das Modell der funktionellen Gesundheitsverhaltensmuster entwickelt hat. Als emeritierte Professorin ist sie heute eine gefragte Referentin zu Pflegediagnosen, -assessments und Klassifikationssystemen.

Aufbau

Das handliche A6-Format ist ideal für den Arbeitsalltag. 13 Kapitel zu den Gesundheitsverhaltensmustern sowie zu Analyse, Interpretation und Richtlinien des pflegerischen Assessments verteilen sich auf 287 Seiten. Jeder Abschnitt skizziert kurz das Gesundheitsverhaltensmuster, beschreibt dann das individuelle Assessment, das Familienassessment und das Gemeindeassessment.

Überblick und ausgewählte Inhalte

Ein Assessment ist die Sammlung und Interpretation von Informationen. Gordon sieht diese strukturierte Einschätzung als einen Einblick in die Wahrnehmungen, Bedeutungszuschreibungen und Denkweisen von Patienten, der im Pflegeprozess zu diagnostischen, therapeutischen und ethischen Beurteilung eingesetzt wird.

Als Grundlage für dieses Buch zieht sie ihr Modell der funktionellen Gesundheitsverhaltensmuster heran. Diese sind:

  • Wahrnehmung und Umgang mit der eigenen Gesundheit
  • Ernährung und Stoffwechsel
  • Ausscheidung
  • Aktivität und Bewegung
  • Schlaf und Ruhe
  • Kognition und Perzeption
  • Selbstwahrnehmung und Selbstkonzept
  • Rollen und Beziehungen
  • Sexualität und Reproduktion
  • Bewältigungsverhalten (Coping) und Stresstoleranz
  • Werte und Überzeugungen

Für diese Rezension möchte ich exemplarisch einen Abschnitt – Ernährung und Stoffwechsel – herausgreifen, da Ernährung ein Thema in allen Settings der Pflege ist und die Struktur des Kapitels sich in allen Abschnitten zu den Gesundheitsmustern wiederfindet. „Warum ist dieses Gesundheitsverhaltensmuster wichtig?“ ist die erste Frage, die Gordon aufwirft. Der physiologische Stoffwechsel mit Ernährung, Flüssigkeit und Ausscheidung, aber auch Über- und Untergewicht sind hier verankert. Ebenso wird das Thema Haut hier eingeordnet (Druckgeschwüre, Hautinfektionen). Umgang mit Lebensmitteln zuhause, im Handel und Restaurants wird obendrein angesprochen.

Für das individuelle Assessment sind nach Gordon die typische Nahrungszufuhr, die Art und Zeitpunkte der Mahlzeiten, die Qualität von Nahrung und Getränken, besondere Vorlieben, der Konsum von Nahrungsergänzungsmitteln und der Hautzustand von Relevanz. Der Hinweis auf gefährdete Personengruppen wie Personen mit Schluckstörungen, Vitaminmangel oder Immobilität schärft den Blick der Pflegenden. Die Pflegekraft sollte Fragen stellen wie „Was essen Sie normalerweise an einem Tag? Haben Sie Abneigungen gegen bestimmte Lebensmittel oder Unbehagen beim Essen? Haben Sie Probleme beim Kauen oder Schlucken?“ Bei der Beobachtung/Untersuchung ist auf die Körpertemperatur, den Hautzustand, Farbe, Feuchtigkeit oder Läsionen der Mundschleimhaut etc. zu achten. Gordon benennt dann Pflegediagnosen der Taxonomie II aus NANDA-1 von 2010, die diesem Thema zugeordnet werden (Beispiele: Gefahr eines instabilen Blutzuckerspiegels, Flüssigkeitsüberschuss, Unwirksames Stillen). Das Familienassessment zielt auf die Verhaltensmuster innerhalb der Familie ab, die das Individuum entscheidend beeinflussen können. Der Fokus liegt hier z.B. auf den familiären Mustern der Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr, Mahlzeiten mit Haushaltsmitgliedern, Nutzung von Hilfsangeboten wie Essen auf Rädern. Assessmentfragen können hier sein: „Was isst/trinkt die Familie normalerweise täglich? Wie oft putzen sich die Erwachsenen und Kinder die Zähne? Hat ein Familienmitglied Hautprobleme, Wunden, Schrammen oder Heilungsprobleme?“ Für das Gemeindeassessment sagt Gordon, das der Einfluss auf Ernährung über die Organisation von Märkten, die Sicherstellung von Kühlung und sanitären Anlagen in Restaurants und Lebensmitteln. Typische Assessmentfragen können sein: „Gibt es Ernährungshilfen für die ärmere Bevölkerung? Sind die Läden für die meisten Menschen zugänglich? Werden in den Restaurants regelmäßig Lebensmittelkontrollen durchgeführt?“.

Ergänzt wird das Kapitel um drei Fokusassessment-Instrumente: das Verhältnis vom Taillenumfang zum Hüftumfang, die Gradeinteilung für Dekubitus nach EPUAP/NPUAP sowie die Formel und eine Tabelle für den Body-Mass-Index (BMI).

Etwa ein Drittel des Buches nehmen die Assessment-Richtlinien ein. Hier sind Vorlagen (Fragenkataloge) enthalten, die für das individuelle Assessment, die Beobachtung und Untersuchung, das Familien- und das Gemeindeassessment als Richtschnur gelten können bzw. individuell angepasst werden sollen. Ergänzt werde diese durch Pflegeassessment bzw. Pflegediagnosen-Beispiele für die Altenpflege, die Rehabilitationspflege, die Rehabilitation in der Neurologie, Intensivpflege oder Kurzaufenthalte.

Diskussion

Das Modell der funktionellen Gesundheitsverhaltensmuster und die dazugehörigen Pflegediagnosen sind in deutschen Pflegesettings nicht sehr weit verbreitet, eher kennen beruflich Pflegende Aktivitäten des täglichen Lebens (ATL) oder Aktivitäten, Beziehungen und existenziellen Erfahrungen des Lebens (ABEDL). Dennoch bietet das Buch viele Anregungen für ein adäquates Assessment, insbesondere auf der individuellen Ebene. Teile des Familienassessments sind sicher in der häuslichen Versorgungssituation hilfreich, das Gemeindeassessment kann ich mir unterstützend im Beratungsbereich vorstellen. Für Pflegestützpunkte oder ähnliche Einrichtungen sind Fragen nach öffentlich gefördertem Wohnraum, Seniorenzentren mit Sport- und Freizeitangeboten, Nachbarschaftszentren oder Strassenfesten sicher hilfreich, aber nicht alles, was Gordon anspricht, fällt in Deutschland in den Verantwortungsbereich der Pflegenden.

Das handliche Format ist praktisch, die kleine Schrift hingegen könnte Schwierigkeiten bereiten. Das farbige Layout lenkt das Auge und erhöht den strukturellen Wiedererkennungswert über die Kapitel hinweg.

Fazit

Mit den Pflegeassessment-Notes können präzise Fragen zu den Gesundheitsverhaltensmustern gestellt sowie systematisch Pflegediagnosen für Einzelpersonen, Familien und Gemeinden erkannt werden. Vorwissen zu Pflegediagnosen und zu Gordons Modell der funktionellen Gesundheitsverhaltensmuster erleichtert die Lektüre.


Rezensentin
Nina Fleischmann
M.A. Public Health und Pflegewissenschaft
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Zitiervorschlag
Nina Fleischmann. Rezension vom 07.02.2014 zu: Marjory Gordon: Pflegeassessment Notes. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2012. ISBN 978-3-456-84654-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13155.php, Datum des Zugriffs 26.06.2017.


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