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Christina Hofmann: Wir sind in Kontakt miteinander!

Rezensiert von Alexandra Günther, 08.06.2012

Cover Christina Hofmann: Wir sind in Kontakt miteinander! ISBN 978-3-89993-294-2

Christina Hofmann: Wir sind in Kontakt miteinander! Aktivierung von Menschen mit schwerer Demenz. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2012. 149 Seiten. ISBN 978-3-89993-294-2. D: 26,95 EUR, A: 27,80 EUR, CH: 39,90 sFr.
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Thema

Menschen mit schwerer Demenz verfügen krankheitsbedingt nur noch über sehr eingeschränkte verbale und kognitive Fähigkeiten. Nicht selten verlieren sie in dieser Krankheitsphase auch ihre mobile Selbständigkeit, werden bettlägerig. Verhaltensauffälligkeiten im Alltag treten häufig auf. Fachkräfte in der Betreuung sind vor die schwierige Aufgabe gestellt, die letzte Lebensphase angemessen zu gestalten und Ängsten und Einsamkeit entgegenzuwirken. Aber welche Bedürfnisse hat der schwer demente Mensch? Warum verhält er sich schwierig oder ablehnend? Was tut ihm gut? Bei der Entwicklung von Betreuungsangeboten gilt es die besonderen körperlichen, psychischen und sozialen Bedürfnisse von Menschen mit schwerer Demenz zu berücksichtigen.

Autorin

Die Autorin Christina Hofmann ist ausgebildete Ergotherapeutin. Beruflich lag und liegt ihr Arbeitsschwerpunkt auf der Förderung von Menschen mit Demenz. Gegenwärtig arbeitet sie als Ergotherapeutin im gerontopsychiatrischen Bereich einer psychiatrischen Schweizer Klinik.

Aufbau

Das Buch ist in acht Kapitel gegliedert. Die ersten vier Kapitel des Buches vermitteln Grundlageninformationen zur Alterserkrankung Demenz, zu Anforderungen an eine Aktivierung und über den Umgang mit schwer dementen Menschen. Der Schwerpunkt des Buches liegt auf den Aktivierungsansätzen, die in vier Bereiche unterteilt sind:

  1. Kommunikation
  2. Wahrnehmungs- und Informationsförderung
  3. Biografie
  4. Musik

Zu jedem Ansatz gibt es eine Einführung und die Voraussetzungen für eine Anwendung werden erläutert. Es folgen vorbereitende Übungen zur Selbsterfahrung, die sowohl in der Gruppe als auch einzeln bearbeitet werden können. Danach werden die Aktivierungsangebote genau beschrieben und durch Fallbeispiele als Veranschaulichung ergänzt.

Inhalt

Nach der Einleitung wird in Kapitel 2 das Krankheitsbild der Demenz dargestellt und auf den Übergang von der mittleren zur schweren Demenz eingegangen. Kapitel 3 befasst sich mit der Planung, Umsetzung und Reflexion einer Aktivierung. Daran anschließend stellt die Autorin in Kapitel 4 den personenzentrierten Ansatz von Tom Kitwood vor, an dem sie sich orientiert. Außerdem erläutert sie das, ebenfalls von Kitwood erarbeitete, Dementia Care Mapping-Verfahren zur Team- und Organisationsentwicklung, mit dem herausgefunden werden soll, wie wohl sich die dementen Menschen in der stationären Einrichtung fühlen. Das Drei-Welten-Konzept von Christoph Held, das nach dem Schweregrad der Demenzerkrankung arbeitet, diskutiert die Autorin an.

Kapitel 5 setzt sich mit der Aktivierung durch Kommunikation auseinander. Die Autorin zeigt die Methode der Integrativen Validation nach Nicole Richards. Mit Hilfe der Integrativen Validation soll eine Überforderung vermieden und das Gefühl, verstanden zu werden, bei dem schwer dementen Menschen gefördert werden. Sprachliche Auffälligkeiten wie Schreien können auf unerkannte Schmerzen hinweisen. Der Einsatz von Schmerzbeobachtungsprotokollen wird auch thematisiert.

Das Kapitel 6 ist das seitenmäßig umfangreichste Kapitel im Buch und behandelt die Aktivierung zur Wahrnehmungs- und Informationsförderung. Vorgestellt wird die Basale Stimulation, entwickelt von Andreas Fröhlich und Christel Bienstein. Über die Körperwahrnehmung sieht die Autorin eine besonders geeignete Möglichkeit mit schwer dementen Menschen in Kontakt zu kommen, gerade wenn diese bettlägerig sind. Es werden sowohl beruhigende als auch anregende Angebote gezeigt. Außerdem erläutert die Autorin das Affolter-Konzept von der gleichnamigen Autorin Felicitas Affolter. Dieses kann eingesetzt werden, um beispielsweise alltägliche Bewegungsabläufe beim Essen zu erhalten. Zu allen Angeboten aus der Basalen Stimulation und des Affolter-Konzepts gibt es genaue Anleitungen und Bilder zur leichteren Umsetzung.

Im 7. Kapitel wird die Aktivierung durch Biografiearbeit präsentiert. Bei Menschen im letzten Demenzstadium kann sie eingesetzt werden, um Angebote individuell auszuwählen und passend zu gestalten.

Das letzte Kapitel befasst sich mit Musik und Rhythmus als Aktivierung, wodurch ebenfalls das Verhalten und das emotionale Erleben von Menschen mit schwerer Demenz positiv beeinflusst werden soll. Die Autorin stellt Angebote vor, wie das Spüren von Rhythmus oder Mitschaukeln zur Musik. Musik ist ebenso wie die Biografiearbeit grundsätzlich mit allen anderen vorgestellten Aktivierungsansätzen kombinierbar.

Diskussion

Christina Hofmann verfolgt das Ziel, ein Betreuungskonzept speziell für Menschen mit schwerer Demenz zu entwickeln. Die Zielgruppe des Buches wird sehr breit gefasst, von der Fachkraft bis zum pflegenden Angehörigen. Der Grundlagenteil zu Demenz ist sehr allgemein und knapp gehalten. Auf den Übergang vom mittleren zum schweren Demenzstadium wird nur kurz eingegangen. Auch die Auswahl an aktueller Literatur und Quellen, um sich eigenständig weiter zum Thema schwerer Demenz zu informieren, ist sehr begrenzt.

Die Stärke des Buches ist die Praxisnähe, die sich in den Angeboten, Übungen und Fallbeispielen zeigt. Dabei ist es der Autorin durchgehend ein besonderes Anliegen, einen wertschätzenden Umgang zu vermitteln. Es liegt an den Betreuenden, die Mitteilungen des demenziell Erkrankten zu verstehen und die Folgen ihrer Handlungen auf dessen Lebensqualität und die Leidenslinderung zu beurteilen.

Die Auswahl der Aktivierungsansätze orientiert sich an den beruflichen Erfahrungen der Autorin. Der inhaltliche Schwerpunkt liegt auf der Aktivierung zur Wahrnehmungs- und Informationsförderung mit der Basalen Stimulation und dem Affolter-Konzept. Thematisch ist das folgerichtig, denn Berührungen sind häufig die einzig verbleibende Möglichkeit, mit schwer demenziell Erkrankten in Kontakt zu treten. Die Kapitel zur Biografiearbeit und zur Musik sind vergleichsweise kurz und wirken mehr als Ergänzung zu den vorangegangenen Kapiteln. Eine Reihe weiterer Aktivierungsansätze für Menschen mit schwerer Demenz, beispielsweise die tiergestützte Betreuung, Snoezlen oder künstlerisch orientierte Angebote, werden nur erwähnt oder gar nicht berücksichtigt.

Christina Hofmann arbeitet die Beeinträchtigungen einer schweren Demenzerkrankung umfassend heraus. Allerdings spart die Autorin aus, dass das letzte Demenzstadium auch zugleich das letzte Lebensstadium ist, oft sogar der Eintritt des Sterbeprozesses. Die Gefahr, dass gutgemeinte Aktivierungsangebote in Stress umschlagen, ist hoch. Hier fehlen Hinweise. Der Fokus der Autorin liegt auf dem ergotherapeutischen und personenzentrierten Ansatz.

Fazit

Insgesamt ist Christina Hofmanns Buch ein hilfreiches, praxisnahes Arbeitsbuch mit vielen Angeboten, Übungen und Tipps. Aufgrund des einführenden Charakters eignet es sich besonders für neue Fachkräfte in der stationären oder ambulanten Betreuung von schwer dementen Menschen. Erfahrene Fachkräfte können es gut zur Auffrischung ihrer Kenntnisse verwenden.

Rezension von
Alexandra Günther
M.A., Pädagogin/Ethikerin
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Es gibt 38 Rezensionen von Alexandra Günther.

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Zitiervorschlag
Alexandra Günther. Rezension vom 08.06.2012 zu: Christina Hofmann: Wir sind in Kontakt miteinander! Aktivierung von Menschen mit schwerer Demenz. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2012. ISBN 978-3-89993-294-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13166.php, Datum des Zugriffs 16.05.2022.


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