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Michael Gehler: Deutschland. Von der Teilung zur Einigung. 1945 bis heute

Cover Michael Gehler: Deutschland. Von der Teilung zur Einigung. 1945 bis heute. Böhlau Verlag (Wien Köln Weimar) 2010. ISBN 978-3-205-78584-2. 29,90 EUR.
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Teilung und Einigung: Prozesse der historischen und politischen Entwicklung

„Denk‘ ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht“, so klagt Heinrich Heine in seinem Gedicht „Nachtgedanken“ (1844). Andere gingen da schon etwas forscher ran: „Pflegen wir also die Liebe zu unserem Vaterlande, lehren wir unsere Jugend, Freude an unserem geeinten, großen Deutschen Reiche zu haben“, wie etwa Kaiser Wilhelm II. in seiner Rede am 24. Februar 1894 an den Brandenburgischen Provinzial-Landtag (Werner Wilm, Der Kaiser und die Jugend. Die Bedeutung der Reden Kaiser Wilhelm II. für Deutschlands Jugend, Berlin 1905). Heines Vers „Denk ich an Deutschland“ ist auch das Motto einer Serie von semi-dokumentarischen Spiel- und Fernsehfilmen des Bayerischen und des Westdeutschen Rundfunks, wie auch des Hörfunks. Es gibt also genug Anlässe, über Deutschland nachzudenken. Am angenehmsten sind freilich die Gedanken, die weder germano-zentriert, nationalistisch oder rassistisch daher kommen, sondern das Land einordnen in den globalen Zusammenhang und betonen, dass „die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet“ (Präambel der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte); wie auch mit dem Bewusstsein leben, dass der Kontinent Europa ein Träger der Zivilisation ist und dass seine Bewohner, die ihn seit den Anfängen der Menschheit in immer neuen Schüben besiedelt haben, im Laufe der Jahrhunderte die Werte entwickelt haben, die den Humanismus begründen: Gleichheit der Menschen, Freiheit, Geltung der Vernunft" (Präambel des Entwurfs eines Vertrages über eine Verfassung für Europa, 2003).

Soweit ist abgesteckt, worum es gehen sollte, wenn man über Deutschland nachdenkt und wie dieses staatliche und gesellschaftliche Gebilde in die Köpfe und Herzen der Menschen gebracht werden kann. Dabei sind rationale und emotionale Zugänge erforderlich, die uns die Historiker nahe bringen können.

Entstehungshintergrund und Autor

Die Darstellung einer Geschichte Deutschlands, wie sie sich in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gestaltet, erfordert unterschiedliche Blickrichtungen. Es sind die drei deutschen Republiken, die beachtet werden müssen: Die (alte) Bundesrepublik Deutschland (BRD) in der Zeit von 1949 bis 1990, die Deutsche Demokratische Republik (DDR) und die „neue Berliner Republik“ seit der Einigung Deutschlands; für Historiker eine Herausforderung insbesondere deshalb, weil dabei Daten und Situationen als Brüche, Zäsuren und Entwicklungen berücksichtigt werden müssen: Kriegsende (1945), Zweistaatenbildung (1949), Zeit des Kalten Krieges (1947 – 1953), Blockbindung der beiden Teilstaaten (1955), Mauerbau in Berlin (1961), Grundlagenvertrag (1972), KSZE-Schlussakte von Helsinki (1975), Fortsetzung des Kalten Krieges (1979), politischer Machtwechsel im Parteienspektrum (1982), Machtwechsel in der Sowjetunion (1985), Maueröffnung (1989), deutsche Einheit (1990), erneuter Regierungswechsel (1998), Große Koalition (2005) und schwarz-gelbe Regierungskoalition (2009).

Der Inhaber des Jean Monnet Chair für Vergleichende europäische Zeitgeschichte und Leiter des Instituts für Geschichte der Universität Hildesheim, Michael Gehler, lehrt und forscht zu Fragen der europäischen Entwicklung und Integration. Dabei formuliert er sowohl Forschungsansätze zu den Europa-Wissenschaften (Michael Gehler, Silvio Vietta, Hrsg., Europa – Europäisierung – Europäistik, 2009, in: socialnet Rezensionen unter www.socialnet.de/rezensionen/9268.php), setzt sich mit Herrschafts- und Machtpositionen auseinander (Michael Gehler, Hrsg., Die Macht der Städte, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/10743.php) und betrachtet die vielfältigen und wechselvollen politischen und gesellschaftlichen Beziehungen der europäischen Völker (Michael Gehler / Maddalena Guiotto, Hrsg., .), Italien, Österreich und die Bundesrepublik Deutschland in Europa. Ein Dreiecksverhältnis in seinen wechselseitigen Beziehungen und Wahrnehmungen von 1945/49 bis zur Gegenwart, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12803.php).

Die Darstellung der deutschen Geschichte in der Nachkriegszeit steht vor der Herausforderung, die Entwicklung weder als „Erfolgs“ –, „Dominanz“ –, noch als „Misserfolgs“ – Geschichte zu betrachten und aufzuweisen, sondern zu erkennen, dass eine Gesamtschau, vielleicht sogar mit der Chance der persönlichen Wahrnehmungen und Wirkungen durch die deutsche Teilung und dem Standpunkt eines Deutsch-Österreichers, Michael Gehler, die Entwicklung der Bundesrepublik und der DDR nicht nebeneinander- oder gegenüberzustellen, sondern „die BRD und DDR gleichzeitig zu behandeln und damit auch gleichermaßen zu bedenken“. Keine leichte Aufgabe!

Aufbau und Inhalt

Distanz und Nähe, Vermutungen und Zumutungen, die Anschauung von realen Wirklichkeiten und die Einschätzung von realistischen wie unrealistischen Wünschungen aus dem durchaus geschichtlich relevanten Abstand, lassen sich als historische Werkzeuge einsetzen. „Es gab positive und negative Erscheinungen in beiden deutschen Staaten und weit mehr Gemeinsamkeiten in Geschichte, Kultur, Mentalität und Struktur, die vom Ost-West-Konflikt übertüncht und verdeckt wurden“. Die Quellensituation stellt sich dabei als ambivalent dar; während überwiegend relevantes Akten- und öffentliches Material nach dem staatlichen Ende der DDR zur Verfügung steht, gibt es bei bestimmten zentralen, amtlichen Quellenmaterialien (VS-Sachen) nach wie vor für die historische Forschung keine Zugangsmöglichkeiten.

Immerhin: Michael Gehler gelingt es, die historische Entwicklung, politisch, gesellschaftlich, kulturell und alltagsgeschichtlich, nicht nur gut lesbar auch für weniger geschulte Historiker und an der deutschen Geschichte Interessierten dazustellen, sondern einen weitgehend umfassenden Überblick über das mehr als halbe Jahrhundert deutscher Geschichte zu vermitteln.

Der Autor gliedert seine Analyse in neun Kapitel und schließt es mit einem sehr hilfreichen Abkürzungs- und einem ausführlichen Literaturverzeichnis ab. Aus der Sammlung des Hildesheimers Otto May, der immer wieder auch seine umfangreichen und thematisch vielfältigen historischen Postsachen (Karten und Briefe) für Ausstellungen im Schulmuseum der Universität Hildesheim zur Verfügung stellt, werden im Anhang Farbabbildungen von zeitgenössischen Postkarten und Briefumschlägen gezeigt; eine schöne Ergänzung zur historischen Betrachtung der Periode.

Im ersten Kapitel wird „BRD und DDR als Provisorien, die Deutschland-Frage und ihre Lösung durch Teilung (1945/49 – 1961)“ thematisiert und die Planungen der alliierten Siegermächte, die bedingungslose Kapitulation, Vertreibung der Deutschen aus dem Osten, Formen der Reorganisation von Partei- und Länderpolitik, das Internationale Militärtribunal in Nürnberg, die Entnazifizierungsprozesse, bis hin zur Bildung von zwei deutschen Staaten und deren Innen-, Bündnis- und Außenpolitik und der „Zementierung“ der Teilung Deutschlands durch den Bau von Sperranlagen entlang der deutsch-deutschen Grenze, sowie dem Bau der Berliner Mauer diskutiert. Das Diktat der deutschen Zweistaatlichkeit zeigte sich in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens der Menschen in beiden deutschen Staaten, von der Einbindung in die jeweiligen ideologischen, wirtschaftlichen und militärischen Blöcke, bis hin zur Spaltung Berlins in den West- und Ostteil der Stadt.

Im zweiten Kapitel wird diese deutsche Zweistaatlichkeit als scheinbar endgültige Wirklichkeit in den Jahren 1961 – 1972 aufgezeigt: Maßnahmen der innerstaatlichen Stabilisierung der DDR und der forcierten Westintegration der BRD, dem „Wirtschaftswunder“ in Westdeutschland, der Anwerbung von so genannten „Gastarbeitern“ und den Auswirkungen, wie sie sich mit der 1968er-Studentenbewegung vollzogen. In der historischen Betrachtung dürfte der Machtwechsel in der Bonner Republik in den Jahren1969 – 1974, mit der Bildung der sozialliberalen Koalition, den Treffen von Willy Brandt und Willi Stoph am 19. März 1970 in Erfurt und am 21. Mai in Kassel, den Moskauer und Warschauer Verträgen (mit dem wirksamen Symbol des Kniefalls Willy Brandts vor dem Mahnmal des Warschauer Ghettoaufstandes am 7. Dezember 1970, wesentlich zu den Verträgen zwischen den beiden deutschen Staaten, etwa dem Transitabkommen von 1971, das den freien Zugang von und nach West-Berlin regelte, und dem Grundlagenvertrag vom Mai 1973, sowie dem Deutsch-Tschechoslowakischen Vertrag vom 11. Dezember 1973, beigetragen haben.

Das dritte Kapitel behandelt den politischen Slogan „Wandel durch Annäherung“ und reflektiert die Bemühungen um Entspannung und Normalisierung im Ost-West-Konflikt (1972 – 1979). Erste „Löcher im Zaun“, durch Grenzübergangsstellen entlang der deutsch-deutschen Grenze, die gemeinsame Aufnahme der beiden deutschen Staaten am 18. September 1973 in die UNO und die durch die KSZE ermöglichten politischen Kontakte, wie allerdings auch Konfrontationen, schufen mehr und mehr einen eher entkrampften und ideologie-gezähmten Umgang der offiziellen Vertreter der beiden deutschen Staaten miteinander; gleichzeitig aber trugen die ökonomischen Entwicklungen, die im Westen durch die Diskussion um Wachstumsgrenzen, der Öl- und Wirtschaftskrisen eskalierte, im Osten jedoch durch eine kurzsichtige, zentralistische Wirtschafts- und Sozialpolitik die internationale Konkurrenzfähigkeit immer mehr aushöhlte und zu enormen Versorgungsengpässen für die Bevölkerung führte, dazu bei, dass sich die politische Führung in der DDR immer mehr zur äußeren Abschottung ihrer Hoheitsgebiete durch Todesstreifen, Selbstschussanlagen, Tretminen und Schießbefehl entschloss.

Im vierten Kapitel wird die Zeit von 1979 bis 1989 behandelt, mit der Diskussion über die erneute Konfrontationspolitik, die der Ostblock durch die auf Westeuropa gerichteten Mittelstreckenraketen bereits Mitte der 1970er Jahre provozierte und die der Westen mit dem NATO-Doppelbeschluss beantwortete. Außenpolitisch war es der sowjetische Einmarsch nach Afghanistan ein Hinweis auf das Machtstreben im Ostblock; gleichzeitig aber waren es auch Widerstandsbewegungen, wie die Gründung der polnischen Solidarno??-Bewegung, die die scheinbare ideologische Gefestigtheit im Ostblock in Frage stellen ließ; freilich auch die der westlichen, etwa durch Wirtschaftskrisen, steigende Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung, Skandalen wie die der „Neuen Heimat“, der Flick-Parteispenden- und Barschel-Affaire.

Das fünfte Kapitel beschäftigt sich mit den Ereignissen, wie sie sich in den Jahren 1989/90 vollzogen. Es waren die revolutionären Umwälzungen, die vor allem durch den KPdSU-Generalsekretär Michail S. Gorbatschow als Reaktion auf die sich vor allem in Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei und Rumänien auftretenden Freiheitsbewegungen ermöglicht wurden. Zögerlich und mehr in die Situation gezwungen als aktiv beteiligt, wurde in der DDR die Perestroika hingenommen und durch die Massenflucht von DDR-Bürgern über Ungarn, der Stürmung der BRD-Botschaften in Prag und Warschau durch ausreisewillige DDR-Bewohner in die Bundesrepublik im Mai 1989, vor vollendete Tatsachen gestellt. Die propagierte Verteidigung des Sozialismus, wie sie von den DDR-Politikern noch Anfang 1989 lauthals beschworen wurde – Erich Honecker: „Den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf“ – war Makulatur angesichts der sich ausweitenden Protestaktivitäten in der DDR: „Wir bleiben hier“ und „Wir sind das Volk“. Als am 6. Oktober 1989 die SED-Führung auf dem Berliner Alexanderplatz die 40jährige Feier der DDR zelebrierte, wuchs die Zahl der Demonstranten an; und wenige Tage später versammelten sich mehrere Zehntausend Menschen in Leipzig, um mit brennenden Kerzen dem aufmarschierten bewaffneten Militär und Rufen „Keine Gewalt“ und „Wir sind das Volk“ Widerstand zu leisten. Zu den von evangelischen Pastoren, Christen und Atheisten organisierten Montagsdemonstrationen kamen von Woche zu Woche mehr Menschen: Am 16. Oktober 120.000, am 23. Oktober 200.000, am 30. Oktober 300.000 und am 5. November 1989 waren es 500.000 Menschen. In Ost-Berlin, aber auch in anderen Städten der DDR, wie etwa in der vogtländischen Stadt Plauen, erzwangen Menschen das Recht auf Freizügigkeit und Grenzöffnung. Die Maueröffnung in Berlin am 9. November 1989, wie auch das Niederreißen der Sperren entlang der deutsch-deutschen Grenze führte zum Niedergang der SED-Macht in der DDR und mit dem von Helmut Kohl formuliertem 10-Punkte-Plan, der, in Abstimmung mit den westlichen Alliierten und der sowjetischen Führung, die Wiedervereinigung vorbereitete. Mit der Karikatur „Wenn die D-Mark nicht zu uns kommt, kommen wir zur D-Mark“ wird deutlich, dass die Bestrebungen der DDR-Bevölkerung sich nicht alleine in den Slogan „Wir sind ein Volk“ subsumieren lassen, sondern auch ganz konkrete Erwartungen an die Erfüllung von bisher ausgebliebenen wirtschaftlichem Wohlstand stellte. Die Deutsch-deutsche Währungsunion, wie auch die zähen Verhandlungen bei den „Zwei-plus-vier-Gesprächen“ im Juli 1990 machen deutlich, dass die Wiedervereinigung Deutschlands bei den europäischen Nachbarvölkern nicht nur auf Zustimmung stießen, sondern auch Vorbehalte gegen ein „erstarkendes“ Deutschland laut wurden. Der legalisierte Vollzug der Einigung, wie es Artikel 23 des Bonner Grundgesetzes vorsieht, wurde am 3. Oktober 1990 mit dem Beitritt der fünf neuen Bundesländer zur Bundesrepublik Deutschland besiegelt.

Im sechsten Kapitel diskutiert Michael Gehler „Folgen und Lasten der Einheit“. Mit der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl vom 2. Dezember 1990 wurde die Partei des „Kanzlers der Einheit“ und die Regierungskoalition aus CDU/CSU und FDP bestätigt. Der äußeren Einheit standen freilich lange Probleme der inneren Einheit gegenüber. Die enormen finanziellen Kosten und die strukturellen Umbaumaßnahmen von einer sozialistisch gelenkten hin zu einer sozialen Marktwirtschaft in der DDR ließen sich nicht ohne Blessuren bewältigen. Der im Rahmen der europäischen Währungsunion eingeführte Euro und ein erneuter Regierungswechsel brachte 1998 eine Koalition zwischen SPD und Bündnis 90 / Die Grünen zustande, und das „Denkmal Kohl“ zum Wanken.

Das siebte Kapitel charakterisiert der Autor mit „‘Rot-Grün‘ als Experiment auf halbem Weg“. Es geht um die Jahre von 1998 bis 2005, mit Bundeskanzler Gerhard Schröder und Vizekanzler Joschka Fischer. Die Politik der „neuen Mitte“, mit markt-, angebots- und neoliberal orientierten Strategien führte zum Zerwürfnis mit dem damaligen Parteivorsitzenden der SPD und Finanzminister Oskar Lafontaine und zu seinem Rücktritt. Eine bemerkenswerte Änderung vollzog die Koalition vor allem in der Außenpolitik. Durch die Sezessionsbestrebungen auf dem Gebiet Jugoslawiens und den (historischen) Rivalitäten zwischen Serben, Slowenen, Kroaten und bosnischen Muslimen kam es ab 1991 zu Gräueltaten, Ermordungen und zum Kosovo-Krieg, auf den das NATO-Bündnis mit einem Eingreifen und damit auch mit Auslandseinsätzen der Bundeswehr reagierte. Die Bundestagswahl vom September 2002 brachte der rot-grünen Koalition zwar erneut eine knappe Mehrheit, doch der „Basta“-Schröder erhielt mit seiner Politik der „Agenda zwanzigzehn“ auch in der eigenen Partei mehr und mehr Widerstand, verlorene Landtagswahlen und der Vertrauensverlust, den die Regierung in der Öffentlichkeit hinnehmen musste, führten dazu, dass Schröder die Vertrauensfrage im Bundestag stellte und (wie bestellt) verlor. Vorgezogene Neuwahlen im Herbst 2005 brachte der CDU/CSU eine knappe Mehrheit vor der SPD, so dass beide Parteien eine „Große Koalition“ bildeten.

Die „Periode Merkel“ (2005 – 2009) wird im achten Kapitel behandelt. In der Geschichte Deutschlands wird erstmals eine Frau Regierungschefin, in der Koalition mit der SPD und dem Vizekanzler und Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Der Ausbruch der Finanzkrise und die sich daraus entwickelnde Wirtschaftskrise im Sommer 2008 ließ, so Michael Gehler, die Große Koalition gar nicht schlecht aussehen; „sie bewies in der Bewältigung der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 Aktionsfähigkeit beim Schnüren von Rettungs- und Konjunkturpaketen, der Entwicklung einer Umweltprämie und der vorläufigen Bewältigung der Opel-Krise“. Die Bundestagswahl vom September 2009 allerdings brachte eine Mehrheit für CDU/CSU und FDP und damit eine Regierungskoalition, die bis heute andauert.

Im neunten und letzten Kapitel zieht Michael Gehler gewissermaßen ein Resümee seiner Forschungen zur neueren Geschichte Deutschlands, indem er in zehn Dimensionen die zentralen Befunde und wichtigsten Erkenntnisse seiner Arbeit aufzeigt. Da ist zum einen die historische Dimension, die in der Entwicklung der beiden deutschen Staaten Parallelen zu Preußen aufweist; zum zweiten die historiografische Dimension, wie sie sich in der Positionierung und Zeitbedingtheit sowohl der West-Integration, als auch der Ost-Integration zeigt; zum dritten die demokratiepolitische Dimension als Wiederaufnahme und Fortführung von Strukturen, wie sie in der Weimarer Republik grundgelegt wurden und die sowohl Kontinuitäten, als auch Dissonanzen im demokratiepolitischen Gefüge aufweisen; zum vierten die identitätsspezifische Dimension, die sich insbesondere in der ökonomischen Produktion, als auch im Sportwesen zeigte; die fünfte, außenpolitische Dimension der Blockbildungen und der mehr oder weniger „folgsamen“ Zuordnung der beiden Staaten und schließlich die Hinwendung und aktive Beteiligung an der europäischen Integration; sechstens die Dimension der deutschen Einheit 1989/90, die mit dem Status eines Provisoriums begann, sich als „Normalität der Teilung“ entwickelte und schließlich zum überraschenden Zusammenschluss führte; die siebte, sicherheitspolitische Dimension, die mit der unterschiedlichen „Suche nach Sicherheit“ in den geopolitischen Bedrohungs- und Rüstungsszenarien zwischen Bestand und Vernichtung balancierte; achtens die wirtschafts- und zahlungspolitische Dimension, die auf der einen Seite den Exportweltmeister schuf, auf der anderen Seite Rohstoffabhängigkeit und Alimentationen bewirkte; die neunte, vergangenheitspolitische Dimension mit den je unterschiedlichen Erinnerungs- und Bewältigungsstrategien des Nationalsozialismus; und schließlich die zehnte, die neue Dimension der Berliner Republik, die sich aktuell als Momentaufnahme darstellt und insbesondere die europa-gerichtete Politik betont.

Fazit

Die Entwicklungsprozesse der drei verschiedenen deutschen Republiken wird – allein das ist ein kühner Versuch, historische und politische Entwicklungen zu deuten – gleichzeitig behandelt und gleichermaßen bedacht. Irritationen, Brüche, Zäsuren und Deformationen, aber auch bemerkens-, bedenkens- und aufhebenswerte Entwicklungen, wie sie sich in dem halben Jahrhundert zeigen, sind Anlässe für eine objektive Geschichtsbetrachtung. Ein österreichisch-deutscher Blick, der Abstand und Beistand ermöglicht, ist dabei durchaus hilfreich und erhellend.

Michael Gehlers Forschungsarbeit über die Geschichte der drei deutschen Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg beansprucht und verdient einen angemessenen Platz in der gesellschafts- (vgl. dazu auch: Joseph Nye, Macht im 21. Jahrhundert. Politische Strategien für ein neues Zeitalter, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13126.php), aufklärungs-, (Lukas Neuhaus, Wie der Beruf das Denken formt. Berufliches Handeln und soziales Urteil in professionssoziologischer Perspektive, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12024.php), erinnerungspolitischen (Christian Gudehus / Ariane Eichenberg / Harald Welzer, Hrsg., Gedächtnis und Erinnerung. Ein interdisziplinäres Handbuch, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/12904.php) und didaktischen (Philip Manow, Politische Ursprungsphantasien. Der Leviatan und sein Erbe, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11843.php) Rubrik „Nachdenken über Deutschland“.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 04.05.2012 zu: Michael Gehler: Deutschland. Von der Teilung zur Einigung. 1945 bis heute. Böhlau Verlag (Wien Köln Weimar) 2010. ISBN 978-3-205-78584-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13169.php, Datum des Zugriffs 26.06.2019.


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