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Wolfgang Hellmann (Hrsg.): Praxis klinischer Pfade

Rezensiert von Claudia Schwill, 23.03.2004

Cover Wolfgang Hellmann (Hrsg.): Praxis klinischer Pfade ISBN 978-3-609-16225-6

Wolfgang Hellmann (Hrsg.): Praxis klinischer Pfade. Viele Wege führen zum Ziel. ecomed verlagsgesellschaft (Landsberg) 2003. 352 Seiten. ISBN 978-3-609-16225-6.
Reihe: Krankenhaus-Management professionell
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"Praxis der Entwicklung Klinischer Pfade" statt "Praxis Klinischer Pfade"

Um es gleich vorweg zu sagen, dieses Buch hält nicht, was der Titel verspricht: Praxis Klinischer Pfade. Es berichten zwar Autoren aus der Praxis über die (geplante) Einführung und Umsetzung Klinischer Pfade in unterschiedlichster Weise in den unterschiedlichsten Kliniken Deutschlands. Da jedoch der Stand der Umsetzung noch nicht besonders hoch ausgeprägt ist, kann der Leser im Wesentlichen nur von den Ansätzen, die beschrieben werden, profitieren. Es bleibt die Hoffnung, dass ein folgendes Buch mehr Aufschluss über den praktischen Umgang im Alltag geben kann. Somit wäre der Titel "Praxis der Entwicklung Klinischer Pfade" weitaus aufschlussreicher.

Wert des Buchs

Für die Entwicklung und Umsetzung von Klinischen Pfaden im Krankenhaus gibt dieses Buch jedoch einige Hilfestellungen. Die Schwierigkeiten und Probleme werden genauso erwähnt wie die - meist - hilfreichen Tipps für alle diejenigen, die ebenfalls Klinische Pfade entwickeln und nutzen wollen.

350 Seiten berichten über die Entwicklung von Pfaden auf unterschiedlichster Weise und von unterschiedlichsten Standpunkten aus. Es wird ebenfalls deutlich, wie der Stand in Deutschland (einzige Ausnahme: Klagenfurt in Österreich) ist, wer begonnen hat und wie weiter verfahren wird. Positiv ist, dass Klinische Pfade mittlerweile quer durch die Republik umgesetzt werden, wenn auch in unterschiedlicher Verbreitung.

Aufbau und Inhalte

Zunächst aber ein Überblick über die einzelnen Kapitel samt kurzer Bewertung. Denn so unterschiedlich die Voraussetzungen und Umgebungen der Autoren sind, so unterschiedlich ist auch der Nutzen der Kapitel für den Leser.

Ziele und Nutzen Klinischer Pfade. In seinem für ihn typischen Stil beschreibt der Autor in einer knappen Übersicht, warum Klinische Pfade ein gutes Mittel sind, ergebnisorientiert Prozesse zu steuern.

Klinische Pfade - Unverzichtbar und auch mit preiswerten Lösungen umsetzbar. Ein Plädoyer des Herausgebers, mit der Einführung Klinischer Pfade zu beginnen und gleichzeitig das Statement, dass dies auch ohne horrende Kosten möglich ist. Man nimmt es ihm ab.

Veränderungsmanagement im Kontext von DRG und Klinischen Pfaden unter besonderer Berücksichtigung der Rolle Leitender Krankenhausärzte. Der Autor betont hier die Rolle der Führung für eine gelungene Umsetzung aller Maßnahmen, die zu einem erfolgreichen Management hinsichtlich DRG gehören. Hierbei werden auch die Klinischen Pfaden als Hilfe genannt. Ein überaus allgemein gehaltenes Kapitel, welches vielleicht eher zur Überzeugung der Leitenden Kliniker dienen kann als tatsächlich Hilfestellung für die Entwicklung von Klinischen Pfaden zu bieten.

Vom optimierten Aufnahmeprozess zum Indikationspfad - Ein innovativer berufsgruppenübergreifender Ansatz zur Verbesserung der Behandlungsqualität im Klinikum Hannover. Bericht über den Beginn der Pfadentwicklung in der HNO (Start mit dem Aufnahmeprozess). Als hilfreiche Beispiele dienen Formulare und Patientenlaufbögen sowie einige Tipps zum Vorgehen. Als Ergebnis wird das beschriebene Vorgehen für erfolgreich gehalten. Weitere Pfadergänzungen sollen folgen, man darf gespannt sein.

Klinische Pfade im DRG-Kontext - Einführung im Kinderkrankenhaus auf der Bult in Hannover. Ebenfalls begonnen wurde in diesem Haus - welches als Kinderkrankenhaus für genau dieses Fachgebiet Tipps zur Vorgehensweise gibt. Die Autorin beschreibt jedoch auch die zeitaufwändige Vorgehensweise und begründet das Vorgehen ohne EDV Anbindung. Dies beantwortet eine häufig gestellte Frage, die aber auch in einem späteren Kapitel noch einmal Thema wird.

Interprofessionelles Qualitätsmanagement als unverzichtbare Grundlage für eine erfolgreiche Pfadarbeit - Anregungen aus dem Universitätsklinikum Frankfurt/Main. Im Wesentlichen wird hier darauf eingegangen, dass QM und Klinische Pfade zusammen gehören, wobei allerdings nicht klar wird, dass die Pfaderstellung auch ohne ein QM-System funktionieren kann (wie schon der Herausgeber in seiner Einleitung ausführt.) Warum die vorherrschenden QM-Strukturen ausführlich dargelegt werden, wird im Zusammenhang mit Klinischen Pfaden nicht ganz klar.

Vom Klinischen Pfad zum Qualitätsmanagement - ein innovatives Strategiekonzept des Universitätsklinikums Mainz. Die Interdisziplinarität der Pfade wird hier sehr deutlich, vor allem im Verhalten zur vertikalen Struktur eines Krankenhauses. Diese verlassen sie nach Aussage des Autors und durchdringen die Klinik im horizontalen Bereich. Ein wenig störend ist die Beschreibung des Softwareprogrammes von PROfit, mit dem in Mainz gearbeitet wird. Allgemein gesprochen ist es sicherlich ein Hinweis auf die Möglichkeit, mit einer gelungen Software einfacher voranzukommen, jedoch erhält der Leser den Eindruck, dass die einzige mögliche Software die von PROfit sein kann.

Konfigurationsmanagement von Behandlungsmustern im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Ein sehr praxisnahes Kapitel mit theoretischen Erläuterungen zu den Themen SOP und Projektmanagement. Auch die Prozessgestaltung von Pfaden wird stark betont. Hier findet der Leser gewinnbringende Anregungen zur erfolgreichen Gestaltung und Umsetzung von Klinischen Pfaden aus der langjährigen Erfahrung der Eppendorfer Klinik.

Das Sana-Projekt, Geplante Behandlungsabläufe. Die Sana Kliniken Gesellschaft mbH hat in einem großangelegten Projekt begonnen, Geplante Behandlungsabläufe (GP) in zugehörigen Kliniken zu implementieren. Der in diesem Buch längste Artikel beschreibt ausführlich das Vorgehen. Hierbei wird besonders deutlich, dass die Begrifflichkeiten in Deutschland alles andere als gleichlautend sind. Der Hauptteil dieses Kapitels kann jedoch sehr gut als hilfreiche Checkliste aufgefasst werden, da dort das Projektmanagement und die Ziele ausführlich dargestellt werden. Es folgen Ausführungen zur Projektstruktur, zu Akzeptanzfragen und zu den Projektpartnern, mit deren Hilfe Evidenz, Risikomanagement, Rechtsfragen und EDV-Umsetzung durchgeführt werden. Der für den Leser besonders hilfreiche Ansatz einer beispielhaften Pfadentwicklung geht leider in Präsentations- und Recherchemethoden und Vorgehensweisen unter.

Einführung von Behandlungspfaden im Kontext eines zukunftsorientierten Krankenhauskonzeptes. Was man im vorherigen Kapitel vermisste, wird jetzt nachgereicht: ein Beispielpfad (Auszug) für tastbare Mamma Tumoren. Die Prozessdarstellung ist jedoch etwas dürftig und muss um wesentliche Dokumente ergänzt werden, um praktikabel zu sein. Des weiteren als Unterschied zu anderen Autoren das Vorgehen anhand von Mind-map und etwas Grundsätzliches zu EDV-Lösungen.

Modulare Clinical Pathways - Konzept und Internetforum ClinPath.de. Bei diesem Projekt handelt es sich vor allem um die EDV-technische Umsetzung verschiedener Module, die den Arzt (und die Pflegekraft) dazu bringen soll, eine gleichartige, standardisierte Behandlung durchzuführen und sich immer weiter Best Practice anzunähern. Dies sind jedoch im Sinne der Definition keine Klinischen Pfade, da die Module austauschbar sind und somit keinen Regelcharakter besitzen. Positiv ist der Versuch zu bewerten, die Modularen Pfade auch sektorenübergreifend anzuwenden, was im Hinblick auf Integrierte Versorgung ein Fortschritt bedeutet.

Verzahnung von Pfad- und Budgetkalkulation als Basis für das prozessgesteuerte Krankenhaus. Wie im Titel des Kapitels erwähnt, wird hier der Kostenfaktor bzw. die Budgetierung in den Vordergrund gerückt. Dabei fällt allerdings auch auf, dass die hier dargestellten Pfade keineswegs solche sind sondern nur als Hilfen für Fallartenkalkulationen dienen. Dies kann als Ergänzung sehr gut sein, aber verfehlt doch eher das Thema des Buches.

Klinische Pfade und Kostendämpfung in der Herzchirurgie des LKH Klagenfurt - Stand und Perspektiven. Auch in diesem Kapitel wird deutlich - diesmal, und als einziges Beispiel außerhalb Deutschlands, in Österreich, dass Pfade sehr wohl für Kostenkalkulationen hilfreich sein können. Nur ist auch hier der eigentliche Klinische Pfad nicht verstanden und daher ebenfalls in eine Fallkostenkalkulation abgerutscht.

Modellierung von klinischen Prozessen mittels einer leicht anwendbaren Softwarelösung. Die Ansätze sind lobenswert, jedoch wird zu sehr auf eine bestimmte Software (ViFlow) eingegangen, so dass sich das Kapitel eher wie die Beschreibung des Programms liest und wenig zur Modellierung von Klinischen Pfaden beiträgt. Einzig der am Ende dargestellte Pfad Zentrale Aufnahme gibt Hinweise auf die Umsetzung.

Die Umsetzung Klinischer Pfade wandelt Krankenhausinformationssysteme zum handelnden Prozesssteuersystem. Die Darstellung des KIS vernachlässigt die Erstellung der Klinischen Pfade in höchstem Maße. Was hier beschrieben wird, kann nur ein zweiter Schritt nach der Implementierung sein, daher leider nicht besonders nützlich.

Was Krankenhäuser im DRG-System aus den Erfahrungen der Fertigungsindustrie und von Dienstleistungsunternehmen für die Umsetzung Klinischer Pfade und die Organisationsentwicklung lernen können. Ein sehr interessanter Blick über den Tellerrand Gesundheitswesen hinaus mit einigen lehrreichen Tipps, wie auch im Krankenhaus verschiedene Methoden der Industrie umgesetzt werden können. (kommen doch auch die Management-, QM- und Organisationsmethoden vornehmlich aus der Industrie). Ein wenig fehlt jedoch der Bezug zur Praxis Klinischer Pfade und im Grunde ist dieses Kapitel als Appell zu sehen, das Blickfeld zu erweitern und aus anderen Bereichen zu lernen. Dabei ist es gut, dass es am Ende des Buches steht - sozusagen als Gegenspieler und Verdoppler der beiden kurzen ersten Kapitel, die ebenfalls mehr den Nutzen der KP in den Vordergrund stellen.

Die angekündigte CD zum Buch lag der Rezensentin leider nicht vor. Eine Beschreibung findet sich jedoch im hinteren Teil des Buches und verspricht große Hilfestellung. Sie enthält demnach einen Leitfaden zur Erstellung von Klinischen Pfaden und einen Musterpfad in Form einer Exceltabelle (was für alle Krankenhäuser ohne ausgereifte Softwarelösung wohl das einfachste ist). Glossar, ergänzende Literatur, Angaben zu den Autoren und ein Stichwortverzeichnis ergänzen die Texte.

Diskussion

Wie eingangs erwähnt, ist auch dieses dritte Buch des Herausgebers Wolfgang Hellmann sehr nützlich, wenn man sich auf den Weg macht, Klinische Pfade zu entwickeln und mit ihnen zu arbeiten. Die einzelnen Kapitel bieten (meistens) Hilfestellungen und Antworten auf oft gestellte Fragen. Jedoch wird wie auch in den vorangegangenen Büchern deutlich, dass es große Begriffsunterschiede gibt und ein einheitliches Umgehen mit dem Begriff Klinische Pfade nicht gegeben ist. Dies macht die Entwicklung an manchen Stellen schwierig. Leider fehlen auch Beispielpfade (fast) immer. Man fragt sich, warum Pfade nicht einer größeren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden - haben alle Entwickler Angst um das Abschreiben? Dies kann nach Erfahrung der Rezensentin nicht möglich sein, da die Voraussetzungen in jedem Haus anders sind. Allerdings ist für Neueinsteiger ein Beispielpfad oft hilfreicher als die Beschreibung von Projektmanagement. Umgang mit und Tipps zum Projektmanagement gibt es in mehreren Kapiteln für alle diejenigen, die darin noch nicht fit sind. Die Rezensentin fragt sich, ob das in dem Maße nötig ist.

Fazit

Im Ganzen gesehen wird deutlich, dass Stand und Verständnis der Anwender sehr unterschiedlich sind. Positiv ist allerdings in den Augen der Rezensentin, dass immerhin begonnen wird. Das Buch kann dabei nützlich sein und - wie im letzten Kapitel - den Blick über den Tellerrand hinaus öffnen. Leider, da die Entwicklung von Klinischen Pfaden hierzulande noch so neu ist, gibt es keine Erfahrungsbeschreibungen aus der Arbeit mit Klinischen Pfaden. Das wäre dann also ein Thema für ein nächstes Buch von Hellmann.

Rezension von
Claudia Schwill
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Es gibt 20 Rezensionen von Claudia Schwill.

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Zitiervorschlag
Claudia Schwill. Rezension vom 23.03.2004 zu: Wolfgang Hellmann (Hrsg.): Praxis klinischer Pfade. Viele Wege führen zum Ziel. ecomed verlagsgesellschaft (Landsberg) 2003. ISBN 978-3-609-16225-6. Reihe: Krankenhaus-Management professionell. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1317.php, Datum des Zugriffs 26.11.2022.


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