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Alfred Czech: Kunstspiele. Spielend Kunst verstehen lernen

Rezensiert von Prof. Dr. Birgit Dorner, 15.11.2012

Cover Alfred Czech: Kunstspiele. Spielend Kunst verstehen lernen ISBN 978-3-89974-754-6

Alfred Czech: Kunstspiele. Spielend Kunst verstehen lernen. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2012. 176 Seiten. ISBN 978-3-89974-754-6. D: 15,80 EUR, A: 16,30 EUR.
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Autor und Entstehungshintergrund

Alfred Czech ist Museumspädagoge am Museums-Pädagogischen Zentrum (MPZ) in München sowie Lehrbeauftragter für Museumspädagogik am Institut für Kunstpädagogik der Ludwig-Maximilians-Universität München. Im Rahmen seiner Tätigkeit am Museumspädagogischen Zentrum ist er u.a. verantwortlich für Bildungsangebote mit unterschiedlichen Zielgruppen in der Neuen Pinakothek München. Alfred Czech hat sowohl in seiner beruflichen Praxis als auch in verschiedenen Seminaren zusammen mit Studierenden der Kunstpädagogik spielerische Methoden für die Kunstvermittlung und Museumspädagogik entwickelt und erprobt. Das Buch ‚Kunstspiele‘ ist quasi ein Kondensat seiner langjährigen Praxiserfahrung.

Aufbau und Inhalt

„Spiele gehören zur Welt der Kinder, sind ‚unernst? und ohne praktischen Zweck. Die Kunst gehört zur Welt der Erwachsenen, ist bedeutend, wertvoll und ernst.“ (Czech 2012:9) Trotz dieser wohl häufig so gemachten Zuordnung, haben Spiel und Kunst eine Reihe von Gemeinsamkeiten, der Autor spricht von einer Wesensverwandtheit (ebenda). In dem Buch Kunstspiele diskutiert er einleitend diese Zuordnung und arbeitet die Charakteristika von Spiel und Kunst anhand einiger prominenter Beispiele aus der Kunstgeschichte wie dem Bild von Pieter Bruegel d.Ä. „Kinderspiele“ von 1560 heraus.

Im Anschluss werden die theoretischen Grundlagen von spielerischen Herangehensweisen an Kunst im Rahmen von Kunstvermittlung und Museumspädagogik erläutert. So zeigt der Autor auf wie KünstlerInnen schon seit jeher die BetrachterInnen ihrer Kunst als „Mitspieler“ einladen, sich auf ganz verschiedene Weise an der „Entfaltung“ ihres Kunstwerks zu beteiligen. Sei es, dass sich die BetrachterInnen in die dargestellten Figuren eines Werkes einfühlen, deren Geschichte „er-denken“, sei es durch eine genuin interaktive Anlage eines Werkes, das seine Ausdruckskraft nur dann entbreitet, wenn der Betrachter es handgreiflich bespielt. Des Weiteren ist jedes Kunstwerk ist in gewissem Maße deutungsoffen, die BetrachterInnen schaffen durch ihre Interpretationen des Werkes Bedeutung. Diese „Spielräume“ in der Rezeption eines jeden Werkes können in der Kunstvermittlung spielerisch genutzt werden.

Spielerische Zugänge zur Kunst bieten eine Reihe von attraktiven Aspekten für die Kunstvermittlung und die Museumspädagogik wie Czech überzeugend darlegt, da jedem echten Spiel ein unterhaltender Charakter innewohnt, Lernen quasi beiläufig, nebenher passiert zum Beispiel durch Konzentration auf die Spielinhalte und den Spielprozess. Dadurch findet eine Förderung visueller Aufmerksamkeit statt. So fordern unterschiedliche Formen des Spiels unterschiedliche Aktivitäten und fördern spezifische Kompetenzen, personale und soziale. Lust koppelt sich mit Lernen, Bildung wird unterhaltsam, im Spiel ist mehr Spielraum für selbstgesteuerte Aktivitäten, es ist Platz für Kreatives, für ungewöhnliche, eigenständige Lösungen. Spielerische Angebote der Kunstvermittlung schaffen dadurch Zugänge zu fremden und zunächst vielleicht sogar als unzugänglich anmutenden Bildwelten, allerdings nur wenn es sich bei den Kunstspielen das Ludische voll entfalten kann, es sich also um echte Spiele handelt, nicht um „getarnte“ Lernarrangements.

An die theoretischen Grundlagen schließt sich ein breiter und reich bebilderter Praxisteil an mit Erkundungs- und Kartenspielen, Spielen zur visuellen Kombinatorik und zum Bildgedächtnis, Gestaltungs- und Informationsspielen. Alle vorgestellten Spielideen werden an einem konkreten Beispiel aus der Kunstgeschichte dargestellt, wobei ausführlich auf ihre Regeln, Charakteristika und Potenziale eingegangen wird. Zu jedem Kunstspiel finden sich genaue Angaben zur Spielform, zu Dauer, Material und Altersangaben für die Zielgruppe. Außerdem werden im Handel erhältliche „Kunstspiele“ und Gesellschaftsspiele zur Kunst vorgestellt und auf ihre Potentiale hin bewertet.

Die Kunstspiele weisen unterschiedliche Komplexität und Dauer auf, viele Spielideen wandeln klassische Kinder- und Gesellschaftsspiele ab wie das allbekannte „Ich sehe was, was du nicht siehst“. Durch die Erkundung eines Bildes mit dieser spielerischen Methode kann die Aufmerksamkeit auf Bilddetails gerichtet werden, die leicht übersehen werden, aber „Schlüsselzeichen“ für das Bildverstehen sind. Mit einem Bild-Domino dagegen können über das Zusammensetzen des Dominos komplexe Bildwerke mit vielfältigem Handlungsgeschehen in eine Abfolge von Szenen unterteilt werden, um das Bildgeschehen zu entschlüsseln. Im Buch wird diese Spielidee anhand von Hans Memlings Werk „Die Sieben Freuden Mariens“ aus dem Jahr 1480 gezeigt. Aber nicht nur die intensive Rezeption formaler Aspekte von Kunstwerken kann über den Einsatz von Kunstspiele gefördert werden, durch das Nachstellen und Weiterspielen von Kunstwerken in Gruppen lassen sich in der Interaktion mit dem eigenen Körper und der Gruppe ganz neue „Kunsterfahrungen“ gewinnen, Kunst wird dadurch erlebbar. Ebenfalls einen Kreativität fördernden Aspekt auf ganz andere Weise beinhaltet das Spiel "Original und Fälschung". Es lädt dazu ein, Kunstwerke über Reproduktionen eigenständig zu verändern, neue und spannende Details einzubauen oder entscheidende Dinge wegzulassen. Die Fälschungen müssen dann von anderen entdeckt werden, was wiederum den Blick auf die Details im Bilde schult.

Bei der Vorstellung der Spielideen werden oft Hinweise und Anregungen zur Ausarbeitung und/oder Herstellung ähnlicher Kunstspiele gegeben, die eine breite Basis bieten, um selbst weitere Kunstspiele zu entwickeln und zu konzipieren.

Die Spielideen eignen sich sowohl für die Freizeit, für Gruppen- oder Familien als auch für den Einsatz in pädagogischen Arbeitsfeldern mit vielen Alters- und Zielgruppen. Um die Spiele spielen zu können, ist ein Museumsbesuch nicht zwingend notwendig, viele Kunstwerke können auch über Reproduktionen bespielt werden.

Abschließend werden die Stärken des spielerischen Umgangs mit Kunst in sieben Argumenten schlaglichtartig zusammengefasst: Neugier und Erkunden, Aufmerksamkeit und Konzentration, Wissen um Regeln, Reservoir des Bildgedächtnisses, Interaktives Zusammenspiel, Impulse für Kreativität und produktiver Zeitvertreib. Jedes dieser Argumente wird kurz und prägnant erläutert.

Fazit

Kunstspiele wollen einen anderen Zugang zur bzw. überhaupt eine Möglichkeit der Teilhabe an Welt der Kunst schaffen. Alfred Czech zeigt überzeugende Wege auf, wie Kunstvermittlung im Museum sich ein breiteres Feld von Zielgruppen erschließen kann. Durch den spielerischen Zugang können sich auch heterogene Gruppen mit unterschiedlichem kunsthistorischen Vorwissen gemeinsam und auf gleicher Augenhöhe Kunstwerken nähern. Das Buch richtet sich aber auch an Nicht-Kunsthistoriker/-pädagogen, die gemeinsam mit einer Gruppe einen Ausflug in die Welt der Kunst unternehmen wollen und dafür Rüstzeug suchen.

So stellt „Kunstspiele“ auch für die sozialpädagogische Arbeit ein sehr anregendes Praxisbuch dar, das Lust macht, die vorgestellten Spiele sowohl am eigenen Leibe als auch in der sozialpädagogischen Praxis auszuprobieren sowie eigene auf die jeweilige Zielgruppe und auf das Museum vor Ort „zugeschnittene“ Kunstspiele zu entwickeln. Das Buch im praktischen, quadratischen Format bietet eine Fülle an Handwerkszeug vom Warm-Up bis zu längeren Workshop-Einheiten.

Rezension von
Prof. Dr. Birgit Dorner
Katholische Stiftungsfachhochschule München, Fachbereich Soziale Arbeit
Professorin für Kunstpädagogik in der Sozialen Arbeit
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Es gibt 12 Rezensionen von Birgit Dorner.

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Zitiervorschlag
Birgit Dorner. Rezension vom 15.11.2012 zu: Alfred Czech: Kunstspiele. Spielend Kunst verstehen lernen. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2012. ISBN 978-3-89974-754-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13170.php, Datum des Zugriffs 02.10.2022.


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