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Christofer Jost: Musik, Medien und Verkörperung

Cover Christofer Jost: Musik, Medien und Verkörperung. Transdisziplinäre Analyse populärer Musik. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2012. 330 Seiten. ISBN 978-3-8329-7226-4. D: 49,00 EUR, A: 50,40 EUR, CH: 69,90 sFr.

Schriftenreihe "Short Cuts - Cross Media" - Band 5.
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Thema

Die Analyse populärer Musik ist traditionell Gegenstand verschiedener Disziplinen, was in der Vergangenheit zu einer zunehmenden Ausdifferenzierung gegenläufiger Analyseparadigmen geführt hat. Sinnbildlich hierfür steht die Aufspaltung in einen musikwissenschaftlichen und einen kulturwissenschaftlichen Forschungszweig, der sich eine Fülle gegensätzlicher Begriffe und Konzepte verdankt, von denen Sound, Performance und Gender die populärsten bilden. Ziel der Studie ist die Neuordnung dieser unterschiedlichen Analysezugänge auf der Basis einer genauen Betrachtung des Ist-Zustands zwecks Bereitstellung eines umfassenden Analysemodells, das unter Bezugnahme auf medienwissenschaftliche Perspektiven zwischen Musik- und Kulturwissenschaft vermittelt. Im Rahmen einer umfassenden Fallanalyse zur Rockband U2 wird dieses Modell anschließend auf seine Tauglichkeit hin überprüft.

Autor

Christofer Jost ist Leiter der Forschungsgruppe Populäre Musik und Medien am Seminar für Medienwissenschaft der Universität Basel. 2005 bis 2009 arbeitete er als Musiker mit dem ehemaligen Kraftwerk-Mitglied Wolfgang Flür zusammen. Seit 2007 gibt er weltweit Konzerte für das Goethe-Institut.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Untersuchung entstand während der Jahre 2008 bis 2011 im Rahmen von Josts Lehr- und Forschungstätigkeit an der Universität Basel und wurde dort 2011 als Habilitationsschrift angenommen. Nach Bekunden des Autores verdankt sich die Fragestellung darüber hinaus in erheblichem Maße seinen „langjährigen Erfahrungen als praktizierender Musiker“, die ihn „für die theoretischen und methodologischen Anforderungen der populären Musik“ sensibilisierten (S. 5).

Aufbau und Inhalt

An den Beginn seiner Ausführungen stellt Jost eine kurze Einführung, die mit Bezug auf die grundlegenden Untersuchungen und Handbücher die Bestimmungen des Begriffs „populäre Musik“ zusammenfasst. Ein besonderes Augenmerk legt er dabei auf die Möglichkeit, die Begrifflichkeit durch den Blick auf die musikalische Praxis und deren mediale Rahmenbedingungen zu erweitern.

Im Kapitel Populäre Musik und ihre Analyse in disziplinärer Reflexion rekonstruiert der Autor den aktuellen Stand akademischer Auseinandersetzungen mit populärer Musik, wie er sich aus der musik- und kulturwissenschaftliche Forschungs- und Analysepraxis ergibt, wobei er schwerpunktmäßig Beiträge diskutiert, „die sich analytisch mit einem bestimmten Material oder Phänomen auseinandersetzen und die darüber hinaus theoretisch-methodologischen Fragestellungen nachgehen“ (S. 23). Aus musikanalytischer Perspektive beleuchtet Jost so zunächst Ansätze, die sich mit dem Songtext, der Stimme und den musikalischen Parametern sowie mit Phänomenen wie der Performance, dem Klang/Sound, dem musikalischen Genre und der audiovisuellen Erscheinungsweise von populärer Musik befassen. Anschließend befasst er sich aus der Perspektive kulturanalytischer Forschung mir den Begriffsfeldern Liveness (als Verschränkung von Performance und Medientechnologie), Tanz, Körper, Gender/Sexualität, Ethnizität und Szene. Die Gegenüberstellung der disziplinenabhängigen Zugangsweisen und die davon abgeleitete Formulierung von Anforderungen an die Analyse populärer Musik führt den Autor schließlich zu der Feststekkung, „dass sich Musik- und Kulturanalyse […] in theoretischer und methodologischer Hinsicht aufeinander zubewegen“ (S. 24) und mittlerweile gar in „ein weitestgehend kontroversefreies Nebeneinander der Ansätze gemündet sind“ (S. 107), was ihm jedoch in Bezug auf die Erarbeitung eines perspektivenintegrierenden Anayseinstrumentariums nicht ausreichend erscheint.

Im Kapitel Theorie und Methodologie einer transdiziplinären Musikanalyse strebt Jost daher den „Entwurf eines Strukturmodells musikalisch-medialer Verkörperungspraxis“ (S. 107) an, indem er die zuvor festgestellte Konvergenz von musik- und kulturwissenschaftlicher Theorie und Methodologie populärer Musik systematisch weiterdenkt und zu einem fundierten Analysemodell ausbaut. Am Leitfaden der Trias „Identität, (Inter-)Aktivität und Materialität“ (S. 108) strebt er eine Neuordnung theoretischer Implikationen der populären Musik an, in der alle Bereiche berücksichtigt sind, die überhaupt zur Herstellung von Sinnbezügen beitragen. Dazu gehören ästhetische Konzeptionen und Einsatz von Medientechnologie auf den Ebenen von Produktion und Distribution ebenso wie die klanglichen Charkteristika der Musik sowie die Schaffung „medialer Persönlichkeiten“ als Identifikationsobjekte für die Rezeption und deren Inszenierung auf der Konzertbühne im Rahmen bestimmter Konzepte von „Gestus und Verkörperung“ (S. 140). Diesen Schritten folgt eine Erläuterung analytischer Dimensionen und Kategorien sowie deren Übertragung in einen „allgemeinen Aufgabenkatalog transdisziplinärer Musikanalyse“ (S. 24), die – ganz der Prämisse verpflichtet, „dass in Gesellschaften in mannigfacher Weise durch und über populäre Musik kommuniziert wird“ (S. 151) – der Erforschung der Rezeptions- und Kommunkationskontexte von populärer Musik dienen soll. Unter vielfacher Bezugnahme auf medienwissenschaftliche Fragestellungen stellt Jost damit ein dynamisches, d.h. auf den jeweiligen Gegenstand abstimmbares, Analyseinstrumentarium zusammen, „das dem Analysierenden eine Kernsystematik bereitstellt, die ihn befähigt, die Spezifität seines Analysematerials innerhalb eines globalen Deutungszusammenhangs herauszuarbeiten“ (S. 24).

In seiner Fallstudie: U2 wendet Jost dieses Analyseinstrumentarium auf das Schaffen der Rockband U2 an, um die Tragfähigkeit und die Differenzierungsmöglichkeiten seines theoretischen Entwurfs zu demonstrieren. Die Auswahl des Analysegegenstands begründet er damit, dass die irische Band „seit nunmehr drei Jahrzehnten medial aktiv ist“ und daher „eine Vielzahl von Songs, Alben, Clips und Live-Shows hervogebracht hat, die in der Gesellschaft mit einer Flut an Sinnzuschreibungen belegt worden sind“ (S. 24). Ausgehend von dieser Vielfalt richtet er anhand gezielt ausgewählter Beispiele sein analytisches Interesse einerseits auf die unterschiedlichen medialen Ausprägungen wie den einzelnen Song, den Videoclip oder das mit der Abfolge mehrerer Songs verknüpfte Albumkonzept (samt dessen visueller Gestaltung); andererseits diskutiert er aber auch Präsentationsformen wie das (allerdings lediglich über das Medium DVD erschlossene) Livekonzert samt den in Bühnenaufbauten und performativem Handeln der Bandmitglieder zu findenden Strategien, die letzten Endes entscheidend zu der sich über die Jahre hinweg gewandelten öffentlichen Erscheinungsweise von U2 beitgetragen haben.

Im abschließenden Fazit fasst der Autor in aller Kürze die Ergebnisse seiner Fallstudie zusammen und bezieht sie auf das eigentliche Ansinnen, nämlich „die Integration von analytischen Perspektiven“ innerhalb eines umfassenden Ansatzes (S. 24), zurück. Indem er sein Vorgehen hier noch einmal reflektiert, gibt er einen knappen „Überblick über die Aufgaben von Popularmusikforschung im Allgemeinen und von transdiziplinärer Musikanalyse im Speziellen“ (S. 24) und öffnet damit die Perspektive hin auf weitere Untersuchungsgegenstände.

Diskussion

Auf hohem Niveau schafft es Jost, sein ambitioniertes Vorhaben der Fundierung eines transdisziplinär ausgerichteten Verfahrens zur Analyse populärer Musik darzustellen und im Anschluss daran auch dessen Nutzen in der praktischen Anwendbarkeit zu demonstrieren. Die Untersuchung überzeugt durch ihren logischen Aufbau und wird ganz vom beachtlichen Fachwissen des Autors getragen, das sich nicht nur in der ausführlichen Diskussion und kritischen Würdigung zahlreicher Forschungsbeiträge, sondern auch in einem ausführlichen und informativen Fußnotenapparat niederschlägt. Unabhängig von der vielgestaltigen theoretischen Fundierung seiner transdisizplinären Analysemethode bieten die von Jost im Rahmen der U2-Fallstudie vorgenommenen exemplarischen Analysen von einzelnen Songs und Videoclips, aber auch von Albumkonzeptionen und Konzertsituationen mitsamt ihrer jeweiligen medialen und/oder performativen Rahmenbedingungen wichtige Einblicke in die Mechanismen und kommunikativen Diskurse populärer Musik.

Fazit

Der Band bietet eine anspruchsvolle und anregende Lektüre, die sich vor allem an einen wissenschaftlich interessierten Leserkreis aus den Bereichen Musik- und Kulturwissenschaft wendet. Zwar geht es dem Autor primär darum, über die Beschränkungen der einzelnen Disziplinen hinauszugehen, doch ist das Buch auch dann lohnenswert, wenn man sich lediglich einen Überblick über den aktuellen Stand der Forschungen zur populären Musik aus musik- oder kulturwissenschaftlicher Perspektive verschaffen möchte.


Rezension von
Prof. Dr. Stefan Drees
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Zitiervorschlag
Stefan Drees. Rezension vom 22.06.2012 zu: Christofer Jost: Musik, Medien und Verkörperung. Transdisziplinäre Analyse populärer Musik. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2012. ISBN 978-3-8329-7226-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13178.php, Datum des Zugriffs 21.01.2020.


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ISSN 2190-9245

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