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Klaus Hurrelmann, Gudrun Quenzel: Lebensphase Jugend

Cover Klaus Hurrelmann, Gudrun Quenzel: Lebensphase Jugend. Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. 11., vollständig überarbeitete Auflage. 296 Seiten. ISBN 978-3-7799-2600-9. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR.

Reihe: Grundlagentexte Soziologie.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7799-2619-1 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Autoren

Der bekannte Sozial-, Bildungs- und Gesundheitsforscher Klaus Hurrelmann legt zusammen mit der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Gudrun Quenzel das bewährte und wertgeschätzte Standardwerk „Lebensphase Jugend“ in 11. völlig überarbeiteter Auflage vor. 1985 erschien die Erstausgabe dieser sozialwissenschaftlichen Jugendforschung. Damals war der 1944 geborene Autor noch Professor an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld. Seit 2009 ist er Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin. 

Die Sozial- und Kulturwissenschaftlerin Gudrun Quenzel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld. Mit Klaus Hurrelmann war sie im Leitungsteam der Shell-Jugendstudien 2006 und 2010.

Aufbau und Inhalt

Das mehrmals überarbeitete und jeweils auf den neuesten Datenstand gebrachte Werk ist in 8 Kapitel aufgeteilt.

Im ersten grundlegenden Kapitel wird Jugend als Lebensphase dargestellt (S. 11-56). Wie schon im Vorwort hervorgehoben, wird die Lebensphase Jugend nicht mehr primär als eine Übergangsphase von der Kindheit ins Erwachsenenalter, sondern als ein Lebensabschnitt mit eigenen Rechten und Pflichten gesehen. Diese Lebensphase wird hineingestellt in die gesamtgesellschaftlichen Veränderungen, die sich seit Industrialisierung vollzogen haben. Sie hat sich immer mehr ausgedehnt und umfasst heute eine Spanne von im Durchschnitt etwa 15 Lebensjahren, kann bei verlängerter Ausbildung und späterem Berufseinstieg individuell auch länger dauern. Trotzdem schrumpft infolge der demographischen Veränderungen der Anteil der jungen Menschen in der Bevölkerung, was zu einer strukturellen Benachteiligung der jüngeren gegenüber der älteren Generation führt. 

Trotz der gesellschaftlichen Veränderungen und der Ausdehnung der Jugendzeit bleibt die sinnstiftende Funktion der Jugend für die Lebensführung erhalten, steigert sich nach Ansicht der Autoren sogar. Jugendzeit ist heute stark durch den Schulbesuch und den Ausbau des Bildungssystems geprägt. Das Bildungssystem kann auch als „biographischer Warteraum auf dem Weg ins Erwachsenenalter“ gesehen werden. Das „Moratorium“ des Wartestandes im Lebenslauf ist zu einer eigenständigen Phase im menschlichen Lebenslauf geworden. Die Verfasser bringen bereits in diesem Kapitel ihre grundlegenden Thesen über die Rolle der Sozialisationsinstanzen Familie und Schule ein und zeigen die wechselseitigen Verbindungen auf. Die Familie entscheidet weitgehend über das Grundmuster der Persönlichkeitsentwicklung eines Heranwachsenden, „das Elternhaus bestimmt auch maßgeblich darüber, wie gut sich ein Jugendlicher im schulischen Qualifizierungsprozess entfalten kann“ (S. 25).

Im diesem ersten Kapitel stellen die Autoren kenntnisreich und differenziert die psychobiologischen und sozialen Dimensionen der Entwicklungsaufgaben im Jugendalter dar. Sie berücksichtigen dabei auch die biologischen und psychischen Veränderungen im Jugendalter. Die Bewältigung der psychobiologischen und soziokulturellen Entwicklungsaufgaben sehen sie als Voraussetzung für die Sicherung der persönlichen Individuation als auch der sozialen Integration, an deren Ende die entwickelten Personen die teilweise oder volle gesellschaftliche Verantwortung übernehmen können. Der Statusübergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen gilt dann als vollzogen, wenn in den zentralen gesellschaftlichen Positionen wie Beruf, Partnerschaft und Elternrolle, Konsument und politischer Bürger die volle Selbstständigkeit erreicht ist (S. 39). 

Die Autoren sehen die Jugend als Moratorium im Unterschied zu klischeehaften Vorstellungen in der Gesellschaft recht positiv. Die Jugendlichen würden die Freiheits- und Spielräume voll ausschöpfen und für eine innovative und kreative Gestaltung nutzen. Die große Mehrheit der Jugendlichen würden sich an einem anspruchsvollen Konzept der Lebensführung orientieren, „in dessen Zentrum aktive Formen des Selbstmanagements stehen“ (S. 53). Jugendliche würden mitunter gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Veränderungen besser erspüren als Erwachsene und würden deshalb „Pioniere“ einer veränderten Lebensführung. 

Im zweiten Kapitel mit dem Titel „Persönlichkeitsentwicklung im Jugendalter“ zeigen die Verfasser die gesellschaftlichen und individuellen Determinanten der Persönlichkeitsentwicklung und verbinden die beiden theoretischen Zugänge miteinander (S. 57-109). Sie beleuchten kritisch verschiedene theoretische Ansätze wie z.B. die Jugend als gesellschaftliche Statuspassage, die strukturell-funktionale Theorie, die Jugend-Subkultur und die Jugend als Generationsgestalt. Im Unterschied zur Studenten- und Umweltbewegung sehen sie die Jugend der 2000er Jahre als „pragmatische Generation“, für die sie den Begriff „Egotaktiker“ wählen. Auch beziehen sie das Theorem der Individualisierung auf die Jugend. Der Abbau der Rollenvorschriften ermöglicht ihr den Übergang von der Normal- zur Wahlbiographie. Die Mehrzahl der Jugendlichen würden die Freiheitsräume der offenen Gesellschaft kompetent ausschöpfen, ein Minderheit würde aber hierdurch überfordert. Unterschiede beständen je nach dem sozialen Milieu, aus dem die Jugendlichen stammen. Fußend auf der Sinus-Studie von 2010 unterscheiden sie traditionelle, bürgerliche, konsummaterialistische, postmaterialistische, hedonistische, Performer- und Experimentalismus-Milieus in der Jugend.

Bei der Darstellung der individuellen Determinanten der Persönlichkeitsentwicklung liegt das Augenmerk auf den persönlichen Entwicklungs- und Reifekrisen, den Entwicklungsaufgaben, die die Jugendlichen auf dem Weg zum Erwachsenenstatus zu bewältigen haben, den Stadien der Identitätsbildung und dem Erwerb der Geschlechtsrollen. Identität wird als „Kontinuität des Selbsterlebens“ definiert (S. 80) und als Unverwechselbarkeit und Einzigartigkeit eines Menschen trotz wechselnder lebensgeschichtlicher Umstände interpretiert. Der Rollenerwerb wird überwiegend als dynamisches „role-making“ gesehen. Bei der Theorie der Sozialisation verfolgen die Autoren auch in diesem Buch das von Hurrelmann entwickelte „Modell der produktiven Realitätsverarbeitung“ (S. 87ff). Es ist ein integrierendes Rahmenkonzept. Danach kommt dem Menschen bei der Bewältigung seiner Entwicklungsaufgaben die Aufgabe zu, die Prozesse der sozialen Integration und der persönlichen Individuation in Einklang zu bringen.  Dabei sind personale wie soziale Ressourcen notwendig. Die Verantwortung der Sozialisationsinstanzen wie Familie, Schule und der beruflichen Bildungseinrichtungen bei diesem Prozess werden hervorgehoben. 

In den folgenden Kapiteln werden diese Ansätze vertieft. Kapitel 3 thematisiert Bildung und Ausbildung in der Lebensphase Jugend und die berufliche Qualifizierung, Kapitel 4 die Ablösung von den Eltern und den Aufbau der Beziehungen zu einem Partner oder einer Partnerin, Kapitel 5 die Pflege von Freundschaften zu Gleichaltrigen, Kapitel 6 den Wirkraum von Öffentlichkeit und Politik und den Aufbau eines eigenes Wertsystems.

Kapitel 3 hebt die Bedeutung der Bildungsfunktionen der Schule und die Entwicklungsaufgabe „Qualifizieren“ in der heutigen Leistungsgesellschaft hervor (S. 110-142). Mit Bildung und Qualifizierung sei auch die Platzierung in der Gesellschaft verbunden. Jugendliche heute würden dem Bildungserfolg eine große Bedeutung zusprechen, in der Mehrzahl hätten sie im Unterschied zu der Jugendgeneration der 68er eine positive Einstellung zur Leistung und eine hohe Leistungsmotivation. Sie würden die gesellschaftliche Auslese- und Platzierungsfunktion der Schule anerkennen und als legitim erachten. Wenn Hurrelmann und Quenzel auch zuzustimmen ist, dass die soziale Herkunft nicht mehr so einflussreich wie früher ist, so ist gegenüber ihrer positiven Beurteilung der Leistungsgesellschaft und ihrer Auffassung, dass der berufliche Status auf Leistung beruht, kritisch zu fragen, ob dieser Status oft nicht auf Leistung beruht, sondern auf dem Wert der Beziehungen, der sozialen und finanziellen Erbschaft, dem Ausmaß des Gehorsams und Wohlverhaltens im Betrieb, dem Parteibuch usw. Es dürfte empirisch schwer sein, die gesamte Realität des schulischen und beruflichen Alltags einzufangen. Hurrelmann und Quenzel sehen die ungleiche Verteilung der Bildungschancen und die sozialen Benachteiligungen der Jugendlichen aus den unteren Sozialschichten und mit Migrationshintergrund, und zwar auf Grund ihrer eigenen geringeren Leistungsmotivation und des geringeren Anregungspotentials ihrer Elternhäuser. 

Die Autoren widmen ein eigenes Unterkapitel der steigenden Bedeutung der Hochschulausbildung und der schwindenden Attraktivität der beruflichen Ausbildung. Sie sehen Reformbedarf im beruflichen Ausbildungssystem. Es sollten in der dualen Ausbildung die Möglichkeiten gestärkt werden, kreativ und eigenständig zu arbeiten. Sie übersehen nicht die Jugendarbeitslosigkeit, die in Deutschland zwischen 1995 und 2005 ihren historischen Höhepunkt erreichte. Ein kritischer Blick auf die erschreckende Situation von 40 % Arbeitslosigkeit bei der südeuropäischen Jugend wäre hier angebracht gewesen. Soziologisch bemerkenswert ist ihr Hinweis, dass Jugendliche mit ungesicherten Übergängen ins Berufsleben nur ökonomische Teilautonomie erreichen. Welche Auswirkungen hat das für die europäische Union?

Kapitel 4 behandelt „Familie und Partnerschaft“ (S. 143-171). Trotz der Wandlungen der Kernfamilie leben drei Viertel aller Jugendlichen in einer traditionellen Kernfamilie mit den verheirateten Eltern, ein Viertel lebt in anderen Familienformen. Erziehung und Sozialisation erfolgen weithin in den Familien. Der größte Teil der Jugendlichen steht positiv zur Erziehung ihrer Eltern. Im Unterschied zur Generation der 68er ist das Konfliktpotential gering geworden. Der Erziehungsstil der Eltern ist aber auch entschieden demokratischer geworden bei gleichzeitig viel Wärme und Anerkennung. Krisen und Konflikte im Jugendalter entstehen am ehesten in Familien mit ungünstigen materiellen Lebensbedingungen.  

Die Verfasser zeichnen die Risiken der Trennung der Eltern für die Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen auf. Ein Drittel von ihnen sind von Trennung oder Scheidung betroffen. Besonders tiefe seelische Wunden erfahren die Kinder und Jugendliche, die sexuelle Gewalt erleben.

Die für die Persönlichkeitsentwicklung notwendige Ablösung erfolgt auf der psychischen, emotionalen, kulturellen, räumlichen und materiellen Ebene. Jugendliche müssen auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden immer mehr Selbstverantwortung übernehmen, wobei ein Teil der Jugendlichen auch überfordert wird. 

Gesellschaftliche Umbrüche haben in der Begegnung der Geschlechter stattgefunden. Eine deutliche Vorverlagerung der sexuellen Kontakte hat nach den Autoren stattgefunden. Gleichzeitig erfolgt aber eine Zurückhaltung gegenüber festen Bindungen und ein Hinauszögern der Familiengründung. Zwischen den ersten sexuellen Erfahrungen und einer dauerhaft angelegten Ehebeziehung liegen heute im Durchschnitt 13-15 Jahre. Hurrelmann und Quenzel konstatieren: Nur noch ein Teil der Jugendlichen verlässt die Lebensphase Jugend auf dem klassischen Weg der Gründung einer Familie mit eigenen Kindern. Gegenüber einer allzu positiven Sicht dieses offenen geschlechtlichen Umgangs miteinander lässt sich aber fragen: Gelingt dieses als „normal“ gekennzeichnete Gesellschaftsmodell von frühen Geschlechtskontakten, später fester Bindung und Hinausschieben der Familiengründung mit wenigen Kindern oder ohne die soziale Verpflichtung zur „biologischen Reproduktion“ auf Dauer? Die Autoren übersehen den Mangel an intensiver Bindungsfähigkeit und die sozialen und wirtschaftlichen Folgen einer geringen Geburtenrate für die  Stabilität der Gesellschaft. 

Kapitel 5 erörtert das für die Jugend bedeutsame Thema „Freunde, Freizeit, Konsum“ (S. 172-201). Freunde und Gleichaltrigengruppen sind einflussreiche Sozialisationsinstanzen bei der Gestaltung der Freizeit- und Konsumaktivitäten. Für die gelingende Sozialisation sei ein gut abgestimmtes Zusammenspiel von Familie, Schule und Gleichaltrigengruppe wichtig. Der Freizeitsektor bietet nach Hurrelmann und Quenzel „ideale Voraussetzungen, um die dafür notwendigen Lebenserfahrungen zu sammeln, verschiedene Lebensstile auszuprobieren – und dabei auch Fehler zu machen“ (S. 189). Die Autoren fordern aber auch ein Freizeitangebot, das unabhängig vom kommerziellen Verwertungsinteresse funktioniert. Hier hätten sie die Chancen von kirchlichen Institutionen aufzeigen können. Die Autoren gehen näher auf die zunehmende Attraktivität der Medien, insbesondere des Internets ein. Die Gefahr der passiven Konsumentenrolle wird nicht übersehen. Die öffentlichen Bildungseinrichtungen hätten den Auftrag, die Jugendlichen im Rahmen der Entwicklungsaufgaben „Qualifizieren“ und „Binden“ zu „Produzenten ihrer eigenen Entwicklung“ werden zu lassen (S. 201).

Das kürzere Kapitel 6 wendet sich dem Thema „Öffentlichkeit und Politik“ zu (S. 202-221). Im Rahmen der Diskussion um die Wertorientierungen Jugendlicher vertreten sie die von Inglehart und Klages aufgeworfenen Thesen der Verschiebung von den „Pflichtwerten“ zu den „Selbstverwirklichungswerten“, im Unterschied zu den in den 1970er und 1980er Jahren hervorgehobenen postmaterialistischen Werten sehen Hurrelmann und Quenzel seit 2000 eine verstärkte Orientierung zu den materialistischen Werten, die zu einer neuen Mischung von materiellen und postmateriellen Werten führe, ferner eine Integration von Leistungs- und Genusswerten. Bei den Werten, die über sich selbst hinausweisen, werfen die Autoren ein allzu kurzes Augenmerk auf Religiösität, Gesundheit und Umwelt. 

Die politische Partizipation erfahren die Autoren als schwach ausgeprägt, wobei sie jedoch Unterschiede je nach dem politischen Interesse und dem Bildungsgrad ihrer Eltern registrieren. Politiker würden überwiegend als Funktionäre von abgehobenen, eigenständigen Partei- und Regierungsorganisationen wahrgenommen, die wenig mit der Erfahrungs- und Erlebniswelt der Jugendlichen gemeinsam haben. Dennoch hätten die Jugendlichen ein Gespür für existentielle Bedrohungen, die sich aus weltweiten Umwelt- und Finanzkrisen und internationalen Spannungen ergeben. Aber die Komplexität der politischen Strategien zu ihrer Bewältigung sei ihnen fremd. 

Kapitel 7 behandelt die Probleme bei der Bewältigung der Entwicklungsaufgaben (S. 222-250). Die Verfasser greifen hier auf die Ausführungen zur Bildung der Ich-Identität in Kapitel 1 zurück. Zwei Drittel der Jugendlichen gelingt ein positiver und ungestörter Verlauf ihrer Persönlichkeitsentwicklung, bei einem Drittel treten jedoch vorübergehende oder dauerhafte Probleme beim Individuations- und Integrationsprozess auf. Das Ausmaß der Schwierigkeiten hängt sowohl von den personalen wie von den sozialen Ressourcen ab. Die Verfasser unterscheiden drei Risikowege: 1. außengerichtete, 2. ausweichende, 3. innengerichtete Formen des Problemverhaltens. Zu den ersteren zählen kriminelle Handlungen, die defizitäre soziale Ressourcen signalisieren, die meist mit schwachen personalen Ressourcen einhergehen. Ausweichende Verhaltensweisen wie Drogen versetzen den Jugendlichen in „bessere“ Erlebniswelten auf Kosten ihres eigenen Körpers. Es bleibt unerklärlich, warum die konkreten Gesundheitsschäden bei der Einnahme bestimmter Drogen oder Arzneimittel nicht näher benannt werden. Das wäre eine Hilfe für Lehr- und Erziehungspersonen gewesen. Bei der Schilderung der nach innen gerichteten psychischen und psychosomatischen Beeinträchtigungen zeigen sie erneut auf, dass die Individualisierung den Jugendlichen hohe Kompetenz abverlangt, sich mit den Chancen und Risiken des Individuations- und Integrationsprozesses aktiv auseinanderzusetzen, für eine Minderheit dies aber eine Überforderung darstellt. Besonders gefährdet wären Jugendliche aus Familien mit niedrigem ökonomischen, kulturellen und bildungsmäßigen Status. Spätestens hier wäre es hilfreich gewesen darauf hinzuweisen, dass eine gute religiöse Führung durch Seelsorger und Religionspädagogen diese Defizite ausgleichen könnte. Gerade ein intensiver Glaube kann das Gefühl von Minderwertigkeit und mangelndem Selbstvertrauen aufheben oder zumindest kompensieren. 

Das achte und letzte Kapitel entwirft eine „Politik für Jugendliche“ (S. 251-275). Ziel der Politik wäre es, die personalen und sozialen Ressourcen von Jugendlichen zu stärken, die sie für die Entwicklungsaufgaben „Qualifizieren“, „Binden“, „Konsumieren“ und „Partizipieren“ benötigen. Mit der politischen und unvermeidbar wertenden Zielsetzung überschreiten die Autoren das soziologische Postulat der Wertfreiheit. Sie fordern eine „jugendsensible Gesellschaftspolitik“, die an den Bedürfnissen der Jugendlichen ausgerichtet wird. Als übergeordnetes Ziel der Jugendpolitik nennen sie, die Sozialisationsinstanzen Schulen, Familien, Freizeiteinrichtungen und öffentliche Institutionen miteinander zu vernetzen. Hinsichtlich der Bildungspolitik für Jugendliche erstreben sie, für das Lehrpersonal nicht allein auf die fachlichen, sondern auch auf die pädagogischen Kompetenzen zu achten.

Bei der Familienpolitik erwarten sie einen finanziellen Lastenausgleich für die Kosten, die Jugendliche verursachen. Angemessener wäre noch ein Leistungsausgleich für die Leistungen, die Eltern bei der Bewältigung der Erziehungs- und Sozialisationsaufgaben erbringen. An diesem Leistungsausgleich könnten die Jugendlichen altersgemäß und entsprechend ihrer Verantwortung durch „Jugendgeld“ beteiligt werden. Die Autoren scheinen aber zu übersehen, dass viele Eltern für ihre studierenden Kinder monatlich bis zu 1000 Euro aufbringen, also ein Vielfaches des staatlich gewährten Kindergeldes. Die Familienpolitik weist entschieden stärkere Defizite auf, als in diesem Buch zur Sprache kommen. 

Hilfreich ist, dass die Autoren darauf hinweisen, dass es auch Aufgabe einer sozialen Familienpolitik wäre, des Umsetzung des soziologisch ermittelten Familien- und Kinderwunsches zu unterstützen. Gerade dies wäre Aufgabe einer bevölkerungsbewussten Familienpolitik, wie sie etwa von Max Wingen seit mehr als einem Jahrzehnt gefordert wird. (u.a. Max Wingen: Die Geburtenkrise ist überwindbar. Wider die Anreize zum Verzicht auf Nachkommenschaft, 2004). Hurrelmann und Quenzel ist zuzustimmen, dass das Augenmerk der Gesellschaftspolitik bisher zu sehr auf der Sicherung der Altersbezüge lag.

Abschließend erfolgen Überlegungen zur Prävention und Intervention bei Problemverhalten. Die Autoren bringen einige wertvolle Gedanken zur Jugendhilfe, ohne ausdrücklich auf die Chancen der Jugendsozialarbeit und Jugendberufshilfe zu verweisen. Förderlich wäre tatsächlich eine Verbindung von schul- und sozialpädagogischen Aktivitäten (S.271), um Entwicklungsstörungen im Jugendalter besser auffangen zu können. Die öffentlichen Freizeitangebote sollten noch besser auf die verschiedenen Jugendmilieus abgestimmt sein. 

Diskussion und Wertung

„Lebensphase Jugend“ von Klaus Hurrelmann und Gudrun Quenzel kann als gründliches Hand- und Lehrbuch der Jugendforschung gewertet werden. Besonders die differenzierte und kenntnisreiche Darstellung der Persönlichkeitsentwicklung und der sie prägenden prägenden gesellschaftlichen und individuellen Determinanten zeugt von dem hohen Grad der wissenschaftlichen Vertiefung in diese komplexe Thematik der Sozialforschung. Kaum zu übertreffen ist die Darstellung der Sozialisationstheorien. Allein das ausführliche Literaturverzeichnis weist auf die fundierte Kenntnis der beiden Forscher hin, wobei Klaus Hurrelmann ein unverkennbarer Vorsprung zukommt. Dennoch kann sich der kritische Leser fragen, ob die Jugend in manchen Passagen nicht zu positiv und idealistisch gesehen wird. So wird die Politik- und Religionsferne heutiger Jugendlicher hinsichtlich der verhängnisvollen langfristigen Auswirkungen wohl nicht genügend wahrgenommen. Wenn die hedonistischen Jugendlichen mit 26 % das größte Segment unter den jugendlichen Milieuorientierungen bildet und weitere 11 % konsummaterialistisch eingestellt sind, dann ist zu fragen, ob wirklich ein hinreichender Prozentsatz der Jugendlichen aktiv und positiv ihre Entwicklungsaufgaben bewältigt. Und selbst die 25 % „Performer-Jugendliche“, die überwiegend die Gymnasien besuchen, verfolgen mehrheitlich ambitionierte private und keine gemeinwohlorientierten Ziele (vgl. S. 71). 

Auch lässt sich bemerken, dass der gelegentlich geäußerte Vorzug der Bildungspolitik gegenüber einer langfristig angelegten Familienpolitik und einer Politik der quantitativen Nachwuchssicherung nicht zu sehr dem medialen Zeittrend huldigt. Ein grundlegender gesellschaftspolitischer Paradigmenwechsel zugunsten der Familie und eine Neu- und Höherbewertung der Familie wären längst überfällig. Eine langfristig orientierte Gesellschafts- und auch Jugendpolitik hat das persönliche Interesse und das gesellschaftliche Gesamtinteresse zu verknüpfen, und sich nicht ausschließlich an den Bedürfnissen bestimmter Gesellschaftsgruppen, auch nicht der Jugendlichen auszurichten (S. 251). Hier wären noch einige Korrekturen und Ergänzungen bei der zu erwartenden 12. Auflage wünschenswert. Auch wäre ein umfangreiches Sachregister noch nachzuliefern, das das Nachschlagen und Zurückblättern in dem materialreichen Werk erleichtern würde.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Hermanns
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Zitiervorschlag
Manfred Hermanns. Rezension vom 17.08.2012 zu: Klaus Hurrelmann, Gudrun Quenzel: Lebensphase Jugend. Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. 11., vollständig überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-7799-2600-9. Reihe: Grundlagentexte Soziologie.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7799-2619-1 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13198.php, Datum des Zugriffs 16.06.2019.


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