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Christine Preißmann: Asperger - Leben in zwei Welten

Cover Christine Preißmann: Asperger - Leben in zwei Welten. Betroffene berichten: Das hilft mir in Schule, Beruf, Partnerschaft und Alltag. Trias (Stuttgart) 2012. 160 Seiten. ISBN 978-3-8304-3777-2. D: 17,99 EUR, A: 18,50 EUR.
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Thema

Das Thema Autismus hat nach wie vor „Konjunktur“, weil trotz Rain man und anderen Filmen sowie Büchern immer noch viele Mythen kursieren, Vorurteile manches Denken und Handeln bestimmen und Autisten in vielen Bereichen des Lebens nicht nur große Probleme haben, sondern auch vielfach auffallen und häufig auch immer noch ausgegrenzt werden. Davon handelt dieses Buch: betroffene Autisten berichten über ihren Lebensweg in unterschiedlichen Lebensbereichen, was ihnen geholfen hat und was für sie störend, hinderlich und ausgrenzend war.

Die Herausgeberin ist Ärztin, selber Betroffene und hat schon 2 Bücher zu diesem Themenkomplex veröffentlicht, die beide stark biographisch geprägt sind.

Aufbau und Inhalt

Ein Vorwort der Herausgeberin führt in das Buch fundiert ein, eine Beschreibung von Autismus und Asperger-Syndrom macht noch einmal die Symptomatik deutlich.

Im ersten Teil geht es um den Bereich Schule. Ein kurzer Vorspann der Herausgeberin führt in das Thema ein, dann beschreiben zwei Betroffene ihre (unterschiedliche) Schulzeit. Beim Lesen des Beitrages von Sascha D. verliert jede(r) LeserIn die Fassung und wird von Wut gepackt: wie kann eine Umwelt nur so auf Menschen reagieren, die irgendwie nicht in Schemata passen. Es ist sehr mutig, dass Herr D. hier so schonungslos seine Schulzeit beschreibt, und dieser Beitrag ist zugleich ein verstecktes Plädoyer für längst überfällige Toleranz mit anscheinend ungewöhnlichen Menschen. In beiden Beiträgen wird deutlich, wie sehr die Betroffenen von anderen Personen (Mitschüler, Lehrer, Schulbegleiter) abhängig und zugleich auch ausgeliefert sind. Dieses Kapitel schließt mit allgemeinen Informationen zu Problemen von Autisten in der Schule ab und enthält Hinweise, wie diese durch die Gestaltung der Umwelt minimiert werden können. Schließlich gibt es noch allgemeine Ausführungen zu Mobbing, denn dieses spielt in dem genannten Beitrag eine besondere Rolle.

Der zweite Teil befasst sich mit dem Arbeitsleben. Nach einer Einführung durch die Herausgeberin beschreiben wieder zwei Personen, wie ihr Weg in das Arbeitsleben war, welche Steine ihnen in den Weg gelegt wurden und auf welche Probleme sie stießen und auch heute noch immer mehr oder weniger haben. Der Schwerpunkt liegt hier auf der Problematik der sozialen Erwartungen, die für viele Autisten undurchsichtig bleiben. Auch diesem Kapitel schließen sich allgemeine Ausführungen zum Arbeitsplatz an. Schließlich werden noch Hinweise zu Stressbewältigung gegeben, denn gerade Autisten benötigen dieses besonders aufgrund der hohen Anspannung, unter der sie im Arbeitsprozess dauernd stehen.

Im dritten Teil geht es um das soziale Miteinander, konkret um Familie, Freundschaft und Partnerschaft. Nach einigen einführenden Worten beschreiben wieder zwei Autistinnen ihren eigenen Weg und ihre Erlebnisse und Erfahrungen. Neben den Erzählungen über das Leben in der Herkunftsfamilie werden auch die ersten Freundschaften geschildert. Auch der Bereich Sexualität wird dargestellt. Auch hieran schließen sich wieder allgemeine Ausführungen der Herausgeberin zu Kontakten und Partnerschaften in Jugend und Erwachsenenalter an. Dieses ergänzt sie durch Erläuterungen zu Netzwerken der Autisten untereinander.

Der vierte Teil ist der Beitrag einer Autistin über ihre großen Schwierigkeiten, sich in einer Wohnung wohlzufühlen und ihre freie Zeit zu gestalten. Sehr ausführlich geht sie auf ihren Werdegang ein und beschreibt die Problematik, aufgrund von Studium und Beruf mehrfache regionale und geografische Veränderungen zu bewältigen. Auch hier gibt es wieder allgemeine Ausführungen der Herausgeberin zu diesem Thema, Empfehlungen zum Bereich Wohnen sowie ein (notwendiges) Plädoyer für die gesellschaftliche Integration von Autisten.

Der fünfte und letzte Teil widmet sich anhand von zwei (dramatischen) Beispielen dem Thema Schmerzerkennung und medizinische Behandlung. Auch hier zeigt sich leider neben der Störung der Wahrnehmung auch eine Ignoranz und Ausgrenzung aus dem System Medizin. Das sind nur Beispiele und Einzelfälle, für die es sicher auch Gegenbeispiele gibt, aber an ihnen wird doch manches deutlich. Wie bei den vorangegangenen Kapiteln auch schließen sich hier allgemeine Ausführungen zu diesem Thema sowie eine Checkliste zum Arztbesuch an.

Das Nachwort ist überschrieben mit „Ressourcen entdecken“ und folgt damit der Tendenz des Buches, ein Plädoyer für Menschen mit Störungen aus dem Autismus-Spektrum zu sein.

Diskussion

Die Beispiele dieses Buches sind alles individuelle Begebenheiten – und doch sind sie in vielen Bereichen und Belangen symptomatisch für Autisten. Es ist ein gut lesbares, übersichtliches Buch mit einer guten Aufteilung. Es reiht sich ein in die Reihe der zahlreichen Selbstzeugnisse von Autisten, aber vor allen Dingen in die(wenigen) Bücher von Betroffenen, die typisierend zu bestimmtem Lebensbereichen individuelle Erfahrungen zusammenfassen. Die Berichte sind teilweise dramatisch und erschütternd, aber so stellt sich in vielen Fällen die Realität dar.

Für die vielen Professionellen, die mit Autisten arbeiten, ist es trotz aller persönlicher Berufserfahrung ein wichtiges Buch, damit die eigene Rolle immer mal wieder neu überdacht wird. Dieses zeigt sich besonders in dem Bereich der Schulbegleitung, wo es auf einmal auch um Konkurrenzen zum Lehrer geht etc. Für MitarbeiterInnen, die neu in der Lebensbewältigung bei Asperger-Autisten beginnen, sind viele wertvolle Hinweise enthalten, welche „Fehler“ zu vermeiden sind. Für Autisten ist es neben den bestehenden Internetforen und Selbsthilfegruppen auch eine gute Möglichkeit, Erfahrungen anderer Betroffener zu lesen, zu merken, dass man nicht „Exot“ ist und dass es Möglichkeiten der Hilfen und der Bewältigung gibt.

Ein Literaturverzeichnis, das viele andere Bücher von Autisten aufführt, beendet das Buch sowie ein gutes Register, um bestimmte Passagen über die gute Übersichtlichkeit des Buches hinaus noch schneller zu finden.

Fazit

Ein gutes und notwendiges Buch, empfehlenswert und lesbar – auch wer sich schon lange mit dem Thema befasst. Es ist ein leidenschaftliches Plädoyer für Toleranz und gegenseitiges Verständnis und das tut dringend Not. Für den Bereich Schule gilt: „Was ich mir und anderen autistischen Schülern wünsche, sind fachkundige, autismusspezifische Schulbegleiter, die in der Lage sind, unser manchmal sehr eigenwilliges handeln zu verstehen und nachzuvollziehen… Wichtig wären ein autismusspezifischer Nachteilsausgleich und die problemlose Anerkennung ärztlicher Gutachten durch die Lehrer. Mein größter Wunsch aber sind verständnisvolle und hilfsbereite Mitschüler, die sich nicht schämen, mit einem Autisten befreundet zu sein und die eine Integration zulassen“ (Sascha D., S. 23). Und für den Bereich Arbeit ist zu sagen: „Ansonsten befürchte ich, dass die Ausgrenzung im Prinzip arbeitsfähiger Menschen immer weiter voranschreiten wird. Umgekehrt aber denke ich, dass bei Änderung einiger Rahmenbedingungen, was selbst in komplexen Arbeitsbereichen zumindest teilweise möglich wäre, auch auf offizieller Basis ein Autist sehr leistungsfähig sein kann“ (Nicole H., S. 63f.). Dem ist nichts hinzuzufügen außer: es bleibt viel zu tun. Dieses Buch leistet einen wichtigen Beitrag dazu.


Rezension von
Prof. Stefan Müller-Teusler
Homepage www.uelzen.paritaetischer.de
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Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 25.05.2012 zu: Christine Preißmann: Asperger - Leben in zwei Welten. Betroffene berichten: Das hilft mir in Schule, Beruf, Partnerschaft und Alltag. Trias (Stuttgart) 2012. ISBN 978-3-8304-3777-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13208.php, Datum des Zugriffs 02.12.2020.


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