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Gottfried Fischer: Psychotherapiewissenschaft

Cover Gottfried Fischer: Psychotherapiewissenschaft. Einführung in eine neue humanwissenschaftliche Disziplin. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2011. 250 Seiten. ISBN 978-3-8379-2150-2. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 37,90 sFr.

Reihe: Therapie & Beratung.
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Thema

„Bisher gilt die Psychotherapie als Teilgebiet der Medizin und Psychologie. Oft wird sie als Spezialdisziplin der experimentellen Psychologie oder der biologischen Psychiatrie angesehen. Dem stehen aktuelle Tendenzen gegenüber, die die Psychotherapie als originäre Wissenschaft etablieren möchten. Dazu muss nachgewiesen werden, dass sie über ein eigenständiges Profil verfügt, das sie kritisch von anderen Fachbereichen abgrenzt. Im vorliegenden Buch entfaltet der Autor die Begrifflichkeiten der neuen Disziplin. Gestützt auf Sigmund Freunds Idee der „Laienanalyse“ sollen psychotherapeutisches Wissen und psychotherapeutische Praxis mit Erkenntnissen aus Psychologie, Pädagogik, Philosophie, aus Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften verbunden werden. Psychoanalytische Konzepte übernehmen dabei eine wichtige Orientierungsfunktion, wobei zugleich der Raum für kreative Beiträge aller psychotherapeutischen Richtungen geöffnet wird. Mit zahlreichen Beispielen aus der Praxis eröffnet das Buch Wissenschaftlern anderer Disziplinen wie interessierten Laien einen Zugang zur Psychotherapiewissenschaft“. (U4-Klappentext des Verlags)

Autor

Gottfried Fischer, Prof. Dr. phil. Habil., Dipl.-Psych., ist Psychoanalytiker (DPV), psychologischer Psychotherapeut, Leitender Direktor des Instituts für Psychotherapeutische Forschung, Methodenentwicklung und Weiterbildung (IPFMW) in Kölnsowie Direktor des Instituts für Psychologie und Psychotherapiewissenschaft (IPPTW) der Steinbeis-Hochschule Berlin. Er zählt zu den Begründern der Psychotraumatologie in Deutschland. Von 1994-2009 war er Direktor des Instituts für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität zu Köln.

Entstehungshintergrund

Gottfried Fischer gründete konsequent bereits vor einigen Jahren die „Deutsche Gesellschaft für Psychotherapiewissenschaft“ (DGPTW), das vorliegende Buch stellt eine systematische Darstellung seiner Bemühungen dar, Psychotherapie als eigenständige Wissenschaftsdisziplin zu etablieren.

Aufbau

Das Buch ist in neun Hauptabschnitte gegliedert:

A Das Wunder heilender Gespräche

  • A1 Für ein besseres Verständnis vom Menschen

B Wie die Forschungsmethode den wissenschaftlichen Gegenstand bestimmt

C Gibt es einen Stil des Denkens oder der Erkenntnis, welcher der Therapiewissenschaft angemessen ist?

  • C1 Behandlungsbeispiel eines Patienten mit psychosomatischen Beschwerden

D Was heisst eigentlich ‚normal??

E Vom Symptom zur Ursache – Wege zur Überwindung psychotherapeutischer Uni­for­mi­täts­my­then

F Psychotherapeutische Forschung

  • F1 Geltungskriterien psychotherapiewissenschaftlicher Forschung
  • F2 Empfehlungen für den Aufbau wissenschaftlicher Arbeiten nach der Logik unterschiedlicher Forschungsstrategien

G Von der Evaluationsforschung zur Qualitätssicherung in der Praxis

H Tätigkeitsfelder und Institutionalisierung der Psychotherapiewissenschaft

  • H1 Bachelor
  • H2 Master
  • H3 Integrativer Doktoratsstudiengang PTW

I Die Identität der Psychotherapiewissenschaftlerin

Inhalt

Anliegen des Autors ist es, hier Abhilfe zu schaffen und Psychotherapie als eigenständige Wissenschaft zu etablieren und den interessierten Leser auf ein spannendes Denkabenteuer einzuladen, wo sich die Begrifflichkeiten einer neuen wissenschaftlichen Disziplin gleichsam vor seinen Augen entfalten. Er bezieht sich dabei auch auf den Umstand, dass viele Studierende, die später Psychotherapeuten werden wollen, lieber gleich Psychotherapie studieren würden statt erst einmal fünf Jahre lang Psychologie ein einseitig an der Experimentalpsychologie ausgerichtetes Wissen zu erwerben, das als Grundlage für die angestrebte psychotherapeutische Berufstätigkeit ungeeignet ist.

Den Nachweis, dass Psychotherapie als eine Behandlungswissenschaft über ein eigenständiges Profil verfügt, führt Gottfried Fischer, Direktor am Kölner Institut für Psychologie und Psychotherapiewissenschaft der Freiherr von Steinbeis-Hochschule, Psychoanalytiker und Mitbegründer der Psychotraumatologie in Deutschland. Er lädt die Leserinnen und Leser zur kritischen Abgrenzung der Psychotherapie von Psychologie und Psychiatrie ein – eine Abgrenzung, die befreiend wirkt und der neuen Disziplin einen Weg ihrer „Emanzipation“ weist, der mit dieser Konsequenz bisher noch nirgends gegangen wurde. Sigmund Freuds Idee der „Laienanalyse“ ist das historische Vorbild, psychotherapeutisches Wissen und psychotherapeutische Praxis mit Erkenntnissen aus Psychologie, Pädagogik, Philosophie, aus Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften zu verbinden und andererseits das implizit psychotherapeutische Wissen dieser Disziplinen in die PTW einzubeziehen.

Das erste Kapitel setzt sich mit dem „Wunder heilender Gespräche“ auseinander, definiert Psychotherapie als „Dialog und therapeutische Beziehungsgestaltung“ und grenzt sich von Plazebo-Effekten, therapeutischen Manipulationen und dem Narzissmus mancher Therapeuten ab: Nicht der Therapeut heilt den Patienten, sondern dieser heilt sich mithilfe des Therapeuten selbst – für manchen Therapeuten eine nicht zu unterschätzende Kränkung. Zu dieser „Selbstheilung“ ist in erster Linie Vertrauen notwendig, und zwar gegenseitiges Vertrauen. Dieses kann nicht immer vorausgesetzt werden kann. Dies trifft vor allem auf traumatisierte Menschen zu, die das Vertrauen in ihre Mitwelt, in andere Menschen und in die Sicherheit ihrer Umwelt verloren haben. Solch negative Vorerfahrungen werden in der Regel auf den Therapeuten übertragen – eine grundlegende frühe Entdeckung von Sigmund Freud. Nur wenn diese Dynamiken beachtet und verstanden werden, kann eine vertrauensvolle Zusammenarbeit im Sinne eines therapeutischen Arbeitsbündnisses entstehen – der Therapeut muss hierzu allerdings eine Vielzahl von „Vertrauenstests“ aushalten und das Arbeitsbündnis immer wieder mit sich selbst erneuern, wenn der Heilungsprozess als „mäeutischer Dialog“ gelingen soll. Es muss in der Psychotherapie also um das Wissen des Patienten gehen, nicht um das des Psychotherapeuten. Seine Aufgabe besteht im Sinne eines Geburtshelfers darin, das unbewusste Heilungswissen und damit auch die Selbstheilungskräfte des Patienten ans Tageslicht zu befördern, dem Patienten zur Verfügung zu stellen und in der Ätiopathogenese die verborgene salutogene Lösung zu finden.

Interessant lesen sich auch die Ausführungen zum biologisch determinierten Modell des Verhaltensbiologen Konrad Lorenz und der Frustrations-Aggressions-Hypothese von Dollard und Miller – zwei Theorien, die bereits jeder Psychologiestudent kennt, denen der Autor aber schlechte Abstraktheit unterstellt und wo er der Frage nachgeht, welchen wirklichen Erklärungswert solche Annahmen haben und ob sie nicht am Nachweis von Nicht-Trivialität scheitern müssen. Der Autor verdeutlicht diese Diskussion am Beispiel der Aufhebung der deutschen Spaltung 1989, wo er darauf hinweist, dass vermutlich „unbewusstes Wissen“ über das praktizierte Unrecht nicht nur bei der Bevölkerung, sondern auch bei den Machthabern schließlich zum Zusammenbruch und der Aufhebung der Spaltung führten. Und natürlich kommt hier auch Hegel mit seiner Definition von „Geist“ zu seinem Recht, wenn die Demonstranten „Wir sind das Volk“ skandierten und dabei Hegels Vorstellung von „Ich, das Wir ist“ sehr nahe kamen. Aber auch in dem Hegelschen „Wir, das Ich ist“ bewiesen sie, dass sie weder als Chaoten noch als ichlose „Masse“ unterwegs waren. Die freie Assoziation kommt hier ebenfalls zu ihrem Recht, wenn Fischer darauf hinweist, dass ein zentrales Merkmal psychischer Störungen die Unterdrückung der „freien Assoziation“ und dementsprechend in einer dialogisch-dialektischen Psychotherapie die Möglichkeiten bestehen, die „innere Diktatur“ in Demokratie (zurück-) zu verwandeln.

Als sehr spannend und erhellend empfand der Rezensent das Kapitel über Forschungsmethodik, Forschung im Kontext von Entdeckung und im Kontext der Beweissicherung, ganz besonders aber die Ausführungen, die erschreckend deutlich machen, wie sehr in vielen Bereichen die Forschungsmethode den wissenschaftlichen Gegenstand bestimmt – und nicht umgekehrt. Hier weist Fischer immer wieder auf den gemeinsamen „vorwissenschaftlichen“ Gegenstand von experimenteller Psychologie, biologischer Psychiatrie und Psychotherapie hin, macht aber anhand des Konzepte der „intentionalen Systeme“ und „unbewusster Intentionalität“ auch sehr deutlich, worin sich diese Disziplinen unterscheiden und weshalb sich auch ihre Forschungsmethodik grundlegend unterscheiden müsste. In der Auseinandersetzung damit wird sehr schnell klar, dass biologische Psychiatrie und experimentelle Psychologie einen anderen wissenschaftlichen Gegenstand haben als die Psychotherapie und dass gesicherte Wissensbestände in experimenteller Psychologie oder biologischer Psychiatrie das Wissen der Psychotherapie zwar begrenzen, aber deren eigene Bemühungen um Beweissicherung nicht ersetzen können. Umgekehrt können Ergebnisse von experimenteller Psychologie und biologischer Psychiatrie gesicherten Erkenntnissen der Psychotherapiewissenschaft nicht widersprechen, weshalb diese auf ihre eigenen Methoden vertrauen muss.

Auch im folgenden Kapitel lässt sich anhand eines Behandlungsbeispiels von einem Patienten mit psychosomatischen Beschwerden das bereits in anderen Publikationen dargestellte dialektisch-ökologische Denken Fischers als die angemessene Denkweise der Humanwissenschaften und insbesondere der Psychotherapiewissenschaft gut nachvollziehen – ein Denken, das verständlicherweise den Naturwissenschaften nicht angemessen ist. Der Autor führt dabei aus, dass Psychotherapie als Wissenschaft von der menschlichen Intentionalität und den Möglichkeiten autonomer Selbst-Veränderung sich nicht, wie z.B. der klassische Behaviorismus, auf äußerliche Verhaltensbeobachtung beschränken kann: „Von dieser objektivistischen Position unterscheidet sich eine wissenschaftliche Psychotherapie durch systematische Rücksicht auf die Subjektivität ihres Gegenstandes“ … Mit dialektischem Denken erfassen wir die innere Logik und die Entwicklungsgeschichte des subjektiven Systems“ (S. 46). Die dargestellte Therapie lässt eine mäeutische Form der Beziehungsgestaltung erkennen, wo sich der Therapeut darauf verlässt, dass der Patient eine Art „unbewusstes Wissen“ über seine Störung besitzt, das nicht durch Belehrung erzeugt, sondern durch Therapie lediglich gefördert werden muss.

Das Kapitel zum Normalitätsprinzip, zu geltenden Normen, dem Verhältnis von Leib und Seele bzw. „Körpersein“ und „Körperhaben“, sog. „Aufwärts“- und „Abwärtseffekten“ und der Machtwirkung bei der Vergabe von Diagnosen ist in seinen Grundzügen andernorts von Fischer bereits dargestellt worden, wird hier aber nochmals dezidierter auf die Psychotherapie als Behandlungswissenschaft bezogen und konzentriert sich in der Aussage: „In der Konsequenz von dialektisch-ökologischem Denken liegt vielmehr die Frage nach den Ursachen und der Entstehungsgeschichte psychischer Störungen, die Frage nach ihrem determinierenden und spezifizierenden Kontext“ (S. 83). Weshalb die rein klassifikatorische Diagnostik etwa der ICD weit von dialektisch-ökologischem Denken entfernt ist und sich auf einem eher vorwissenschaftlichen bzw. vor-paradigmatischen Niveau bewegt, denn der ökologische Kontext bleibt darin abgeschnitten.

Dementsprechend und logischerweise widmet sich Fischer dem Weg „Vom Symptom zur Ursache“ und stellt im Sinne ökologischen Denkens die Forderung auf, den determinativen Kontext eines jeden Krankheitsbildes anzugeben, die Störung als einen Prozess des Krank- bzw. Gesundwerdens und nicht als ein statisches Krankheitsbild zu verstehen. Auch die Systematik der verschiedenen Ätiologien (Über-, Untersozialisation, biologisch / erworben, traumatisch) zusammen mit der „Nosologischen Pyramide“ findet sich bereits in früheren Veröffentlichungen, wird hier aber ebenfalls nochmals unter dem Aspekt des für eine Psychotherapiewissenschaft wichtigen salutogenetischen Denkens vertieft.

Dementsprechend muss sich im Sinne kausaler Heilung eine Psychotherapie an der Ätiologie und Pathogenese orientieren und darf nicht beim Symptom stecken bleiben. Aus dieser ätiologie-orientierten Betrachtungsweise folgt logischerweise auch die Forderung, dementsprechend unterschiedliche Interventionslinien einzusetzen und nicht den in den meisten Therapieschulen seit ihrer Gründung unverändert bestehenden Universalitätsmythen verhaftet zu bleiben, wo eine Ätiologie, ein zentrales Krankheitsbild und einTherapiestil als ausreichend für alle Störungsbilder und alle Menschen betrachtet werden.

In diesem Zusammenhang weist Fischer auch daraufhin, dass die Patienten ein Recht darauf haben, die Philosophie ihres Therapeuten auch explizit zu erfahren, nicht nur indirekt über die therapeutischen „Techniken“, die er verwendet, zumal diese selten „theoriefrei“ sind. Als Endstation des Diskurses bezeichnet Fischer die vielfach angepriesenen Positionen zum „Menschenbild“ einer Schule und meint hierzu in erfrischender Klarheit: „In der Konkurrenz der therapeutischen Schulen ist das beanspruchte „Menschenbild“ oft kaum mehr als eine „Werbesendung“ – die Argumentation verbleibt deutlich beim vorwissenschaftlichen Gegenstand der Psychotherapie, ähnlich wie bei den angeblich „theoriefreien“ therapeutischen „Techniken“. Anders als die von Fischer ausführlich dargestellte Veränderungstheorie und Veränderungslogik, die sich als wesentliche Bestimmung im wissenschaftlichen Gegenstand der Psychotherapie erwiesen haben.

Im zweiten Teil des Buches widmet sich der Autor sehr ausführlich Fragen der psychotherapeutischen Forschung, bemüht Umberto Eco bei der Frage von Erkenntnisgewinnung und intersubjektiver Nachprüfbarkeit und beschreibt sehr amüsant das „Detektivmodell der Forschung“. Man lernt in Anlehnung an Charles Sanders Peirce den Unterschied zwischen Deduktion, Induktion und Abduktion und versteht, wie schwer es nicht nur sorgfältig arbeitende Psychotherapeuten, sondern auch Kriminalkommissare bei der Hypothesenfindung haben. Karl Poppers Falsifikationsmodell wird dem „hermeneutischen Exklusionsverfahren“ und einer Forschung im Kontext von Entdeckung und Beweissicherung gegenübergestellt, wobei Fischer ausführlich auch auf die Aspekte von qualitativer und quantitativer Forschung eingeht. Nicht immer sei klar, was in der experimentellen Psychologie eigentlich gemessen werde, auch wenn dort seit Langem die Vorstellung propagiert werde, dass alles Seiende messbar sei und umgekehrt nur das wissenschaftlich von Bedeutung, was messbar ist: „Das Was entspricht der Kategorie der Qualität. Sie ist jeder Quantifizierung vor- oder übergeordnet“ (S. 115), weshalb die qualitative Untersuchung am Anfang des Forschungsprozesses und an seinem Ende stehen muss: „Sie ist das A und O der Forschung (a.a.O.), weshalb die Quantifizierung als ein Hilfsmittel im qualitativen Prozess von Forschungsfrage und Antwort auftritt und nicht den Stellenwert einer eigenständigen „Methodik“ einnimmt.

Am Beispiel des Begriffes Stress diskutiert der Autor sehr anschaulich die Problematik der Variabilität von Variablen und zeigt, wie „transmarginaler Stress“ eine Grenze überschreitet und von Hoch-Stress in die Qualität „Trauma“, also eine seelische Verletzung, übergeht und folgert: „Würde man die Intensität von „Stress“ wie eine mathematische Variable behandeln, wäre der tatsächliche, inzwischen auch neurobiologisch nachgewiesene Unterschied zwischen Stress und Trauma unentdeckt geblieben“ (S. 116). Auch hier wiederholen sich die Unterschiede zwischen biologischer Psychiatrie, experimenteller Psychologie und einer wissenschaftlich fundierten Psychotherapie.

Sehr erhellend sind die Ausführungen zu den drei wichtigsten Methoden der Psychotherapieforschung: Erstens den Randomized Controled Trials (RCTs, salopp als „Pharma Type Studies“ bezeichnet), zweitens den naturalistischen Studien (auch als Feldstudien bekannt) und drittens systematischen Fallstudien, die sich auf den Einzelfall beschränken oder fallvergleichend verfahren. Die Vor- und Nachteile der Verfahren werden systematisch dargestellt und diskutiert. Deutlich wird, dass RCTs durch ihre künstliche Untersuchungssituation die deutlichste Distanz zur psychotherapeutischen Praxis aufweisen, womit die „ökologische Validität“, also die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf die Praxis, bei diesem Studientyp am stärksten infrage steht. Wieder stellt sich die Frage der Angemessenheit von Methode und Inhalt, von Forschungsdesign und Psychotherapie als Wissenschaft. Am Negativbeispiel „Contergan“ wird aufgezeigt, wohin die sog. „evidenzbasierte Medizin“ führt, wenn ihre „Ratingagenturen“ weiter allein auf die „Pharma Type Studies“ setzen, welche die RCTs als höchste „Evidenzstufe“ bewerten. Nach dieser Methodik war Contergan durchaus fachgerecht getestet worden, bevor es auf den Markt kam, ein in Wirklichkeit vielfach toxisches, schädliches Präparat. Da die sog. „evidenzbasierte Medizin“ bis heute aus unerfindlichen Gründen die Einzelfallstudien herabstuft, blieb die an Einzelfällen durchaus belegte toxische Wirkung bei der Entscheidung über die Zulassung von Contergan unberücksichtigt. Ähnlich wie die „evidenzbasierte Medizin“ funktionieren offenbar auch die „Rating-Agenturen“ der Finanzindustrie, die „toxische Wertpapiere“ immer noch mit den höchsten „Evidenzstufen“ versehen, was wir bis heute auszubaden haben.
Am Beispiel von Pawlows „gefesseltem Hund“ stellt der Autor in eindrucksvoller, aber auch erschreckender Weise dar, wie im Forschungsbereich aus falschen Prämissen falsche Schlüsse gezogen werden – eigentlich ein nahe liegendes Gesetz der Logik. Er weist darauf hin, dass Forschungslogik in der experimentellen Psychologie ein eher stiefmütterlich behandeltes Thema ist und die meisten Experimentalpsychologen ihre Forschung und Theoriebildung lieber als „rein empirisch“ verstehen. Empfohlen wird statt dessen, die Voraussetzungen zu explizieren und zu begründen, auf denen ein Schluss beruht: „Erst wenn theoretische Begründung und empirische Forschung konvergieren, kann im Sinne logisch-empirischer Konvergenz von einem gesicherten Forschungsergebnis ausgegangen werden“ (S. 126). Mit Pawlows „gefesseltem Hund“ wird ein besonders gravierendes Beispiel für Pseudoempirie aufgezeigt, das auf der Divergenz von Logik und Empirie beruht. Denn die Tatsache, dass der Hund gefesselt ist, bleibt in der Theoriebildung völlig unberücksichtigt. Dementsprechend dürften die Gesetze des klassischen Konditionierens nur für das Lernen von gefesselten Hunden, vielleicht auch gefesselter Tiere überhaupt, gelten. Der empirische Gegenbeweis ist unschwer zu führen: Man muss den Hund nur von seinen Fesseln befreien, um festzustellen, dass er die Glockentöne und Lichtsignalen ignorieren wird und sich vielmehr auf seine Nase verlässt, um festzustellen, ob Fütterung angesagt ist oder nicht. Entsprechend plädiert der Autor dafür, den von Immanuel Kant aufgezeigten apriorischen Bedingungen der Erkenntnis mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Diese apriorischen Voraussetzungen für Pawlows Experimente, nämlich die Fesselung des Hundes, ja die Reduzierung eines Tieres auf die eingeschränkten Möglichkeiten einer sich nicht wegbewegen könnenden Pflanze, sind in der Lerntheorie bislang unberücksichtigt geblieben. Ähnlich restriktive Bedingungen schuf Burrhus F. Skinner, wenn er Tauben in eine leere Box einschloss und ihnen ihre natürliche Lebensbedingungen und Kompetenzen entzog. Dennoch entwickelten sich erstaunlicherweise auf der Basis dieser restriktiven Experimente ganze Schulen der Psychologie, nicht zuletzt die sog. Lerntheorie und die Verhaltenstherapie.

Die weiteren Abschnitte beschäftigen sich mit den Geltungskriterien psycho-therapiewissenschaftlicher Forschung, demzufolge sich Psychotherapie nicht dem modernen Trend anschließen kann, ihren Gegenstand durch die Methode definieren zu lassen, sondern vielmehr umgekehrt ihre Methode nach dem Gegenstand richten und sich an ihrem Gegenstand entwickeln muss. Als allgemeines Kennzeichen wissenschaftlicher Forschung nennt der Autor „systematisches Vorgehen bei der Erkenntnisgewinnung“ und „intersubjektive Nachprüfbarkeit der Ergebnisse und Schlussfolgerungen“, wobei er auch darauf hinweist, dass die Geltung wissenschaftlicher Aussagen nicht durch Mehrheitsentscheidungen durch eine Expertenrunde innerhalb der Scientific Community festgelegt werden kann. Als Gütekriterien im Hinblick auf die Geltungslogik werden Interpretierbarkeit der Forschungsergebnisse genannt, Ausschluss von Nicht-Falsifizierbarkeit, der Nachweis von Nicht-Trivialität, das Primat der Qualitativen vor einer quantifizierenden Methodik sowie eine Reihe von anerkannten Gütekriterien aus der qualitativen Forschung (S. 146 und 147). Es folgt ein methodologischer Abschnitt über das Verstehen und Erklären im ökologisch-dialektischen Denken, z.B. mit „offener“ und „geschlossener Dialektik“ und schließlich ganz praktische Empfehlungen für den Aufbau wissenschaftlicher Arbeiten nach der Logik unterschiedlicher Forschungsstrategien. Hier wird handfestes Handwerkszeug vermittelt, um nicht schon deshalb in „Erkenntnispathologien“ zu landen, weil Methodenfragen über den Inhalt gestellt wurden. Die weiteren Ausführungen sind sehr nützlich für jeden empirisch arbeitenden Forscher, aber auch für einen Psychotherapeuten, wenn er widersprüchliche Forschungsergebnisse besser verstehen will. Diplomanden und Doktoranden finden hier eine Fundgrube von Anregungen vor, nicht zuletzt auch zum Umgang mit Datenbanken. Eine tiefenpsychologische Werkanalyse von Chamissos „Ballade vom rechten Barbier“ lässt die intensiven theoretischen Darstellungen anschaulich und praktisch werden.
Das äußerst anregende Buch wird abgerundet durch die spannenden Kapitel „Von der Evaluationsforschung zur Qualitätssicherung in der Praxis“, die „Tätigkeitsfelder und Institutionalisierung der Psychotherapiewissenschaft“ und die „Identität der Psychotherapiewissenschaftlerin“ mit der Frage nach persönlichen Voraussetzungen, Motivation, der Fähigkeit zu therapeutischer Beziehungsgestaltung und dialektischem Denken, aber auch zum Scheitern von Therapien und den Möglichkeiten, aus Misserfolgen zu lernen.

Diskussion

Dieses neue Wege der Psychotherapie aufzeigende Buch von Gottfried Fischer wird all denjenigen nicht gefallen, die den geringstmöglichen Aufwand für ihre Ausbildung betrieben haben und das für überflüssig halten, was schon Freudals wichtigste Voraussetzung für therapeutisches Arbeiten beschrieben hat: Die eigene Lehranalyse oder anders formuliert: Die Bereitschaft, sich gründlich mit den eigenen „Macken“ und „blinden Flecken“ auseinander zu setzen, ehe man auf die Menschheit losgelassen wird. Dass dies trotzdem mit relativ wenig Aufwand und Umgehung dieser wesentlichen Voraussetzung in unseren Ausbildungs-Landschaften möglich ist, zeigt einmal mehr, wie sorglos vielfach mit der psychischen Gesundheit von Menschen umgegangen wird – obgleich es doch eigentlich nichts Wertvolleres im Leben eines Menschen gibt – und wie sehr hier oft noch in einem vorwissenschaftlichen Bereich operiert wird. Ebenso erstaunlich ist bei genauerer Betrachtung auch, dass die berufliche Beschäftigung mit der psychischen Gesundheit bzw. im kritischen Fall mit deren Zusammenbruch, Beschädigung oder deren Fehlen immer noch als „Anhängsel“ der Psychologie oder Medizin betrachtet wird – und nicht als eine eigenständige humanwissenschaftliche Disziplin. Allen „Professionellen“, die bislang glaubten, dies nicht hinterfragen zu müssen, kann dieses neue Buch von Gottfried Fischer daher sehr empfohlen werden. Sie kommen dann entweder ziemlich ins Grübeln oder müssten eigentlich ihre therapeutische Tätigkeit an den Nagel hängen und sich völlig neu orientieren.

Fazit

Das Besondere an diesem Buch ist, dass es zum Thema einer eigenständigen Psychotherapiewissenschaft kaum Literatur gibt, weil offensichtlich bislang kaum jemand eine Notwendigkeit hierfür sah. Der Versuch von Klaus Grawe, mit seinem Programm einer „Allgemeinen Psychotherapie“ die empirische Psychologie zur „Leitwissenschaft“ für die Psychotherapie, zu erheben, führte in eine Sackgasse, weil Psychotherapie hier zu einer Spezialdisziplin der experimentellen Psychologie erklärt wird – ähnlich wie dies bei den Heilserwartungen an den durch die moderne Hirnforschung entstandenen Neuro-Behaviorismus zu beobachten ist. Auch werden bei Grawe neben der Psychotherapie im eigentlichen Sinne auch alle anderen humanwissenschaftlichen Fächer aus seiner „Allgemeinen Psychotherapie“ ausgeschlossen, wie Pädagogik, Soziologie, Philosophie sowie Kultur- und Geisteswissenschaften überhaupt. Bei Fischer dagegen sind diese Humanwissenschaften zur Mitarbeit an der entstehen „Psychotherapiewissenschaft“ herzlich eingeladen.

Der bei Fischer eröffnete Weg läuft methodisch genau entgegengesetzt zu Grawe: Damit die neue Disziplin, zusammen mit anderen Humanwissenschaften, ihren eigenen Weg finden und gehen kann, werden die Unterschiede zu experimenteller Psychologie und biologischer Psychiatrie konsequent herausgearbeitet und die sowohl therapeutischen als auch forscherischen Voraussetzungen für eine Psychotherapiewissenschaft sehr eindrucksvoll und umfangreich dargestellt. Bereits 1927 hatte Freud auf die Verbindung von „Heilen und Forschen“ hingewiesen, Gottfried Fischer hat diesen Ansatz sehr fundiert weiter ausgebaut, und letztendlich sollte – nach Ansicht des Rezensenten – jeder Psychotherapeut zu einem gewissen Grad auch Forscher sein, ob er nun Daten sammelt, auswertet und veröffentlicht oder nicht.


Rezensent
Dipl.-Psych. Gerhard Wolfrum
Psychologischer Psychotherapeut, Psychoanalytiker, Fach-Psychotherapeut für Traumatherapie, München
Homepage www.gerhard-wolfrum.de
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Zitiervorschlag
Gerhard Wolfrum. Rezension vom 01.06.2012 zu: Gottfried Fischer: Psychotherapiewissenschaft. Einführung in eine neue humanwissenschaftliche Disziplin. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2011. ISBN 978-3-8379-2150-2. Reihe: Therapie & Beratung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13214.php, Datum des Zugriffs 19.01.2019.


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ISSN 2190-9245

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