vbw - Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V. (Hrsg.): Professionalisierung in der Frühpädagogik
Rezensiert von Dipl.Soz-Päd. Martin Walz, 31.07.2012
vbw - Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V. (Hrsg.): Professionalisierung in der Frühpädagogik. Qualifikationsniveau und -bedingungen des Personals in Kindertagesstätten. Gutachten. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2012. 100 Seiten. ISBN 978-3-8309-2685-6. D: 9,90 EUR, A: 10,20 EUR.
Thema
In der aktuellen Diskussion darüber, ob und in welcher Qualität der geplante Ausbau der Betreuungsplätze bis Juli 2013 zu schaffen ist, stellt sich auch die Frage nach dem notwendigen Personal und dessen Qualifikation.
Die Qualifikation des Personals ist ein Merkmal der Strukturqualität und hat deutliche Auswirkungen auf die Ergebnisqualität. Kindertagesstätten heute stehen einer Reihe von Herausforderungen gegenüber, die es zu bewältigen gilt. Der Aktionsrat Bildung analysiert im vorliegenden Gutachten die aktuelle Personal- und Ausbildungssituation und gibt Handlungsempfehlungen, wie der Professionalisierungsgrad im Bereich der Frühpädagogik angehoben werden kann.
Herausgeber
Herausgeber der Publikation ist die Vereinigung der bayerischen Wirtschaft e. V. (vbw). Die vbw unterstützt den Aktionsrat Bildung dabei, unabhängige Gutachten zu Bildungspolitik und -praxis zu erstellen.
Entstehungshintergrund
Bereits 2003 beschäftigte sich die Vereinigung der bayerischen Wirtschaft e. V. (vbw) mit der Reihe „Bildung neu denken!“ mit der Weiterentwicklung des deutschen Bildungssystems. Der 2005 von der vbw initiierte und gegründete Aktionsrat Bildung nahm diese Impulse auf. Seit 2007 erscheinen jährlich Gutachten zu bildungspolitischen Fragestellungen. (Vgl. S. 7)
Aufbau
Nach Inhaltsverzeichnis (1 Seite), Vorwort (1,5 Seiten) und Einleitung (2,5 Seiten) findet der Leser vor Abdruck des eigentlichen Gutachtens die zentralen Empfehlungen des Aktionsrats Bildung (2 Seiten).
Das Gutachten umfasst vier Kapitel:
- Problemaufriss und Ziel des Gutachtens (3 Seiten)
- Bedeutung der Qualifikation des Fachpersonals – Zielvorstellungen und Forschungsstand (13,5 Seiten)
- Problemlagen der Ausbildung – gegenwärtige Situation (34,5 Seiten)
- Handlungsempfehlungen (6,5 Seiten)
Nach dem Anhang (4 Seiten) folgen Literatur- (12 Seiten) und Tabellenverzeichnis (0,5 Seiten) sowie ein Verzeichnis der Mitglieder des Aktionsrats Bildung (3 Seiten) und der externen Experten (0,5 Seiten)
Inhalt
„Mit guter Bildung können wir den Herausforderungen der Zukunft begegnen“, schreibt Prof. Randolf Rodenstock im „Vorwort“. Die Basis künftiger Bildungskarrieren wird, im Sinne des lebenslangen Lernens, im Bereich der frühkindlichen Bildung gelegt. „Eine Schlüsselrolle spielt hierbei das pädagogische Personal.“ (S. 7)
Auch für den Aktionsrat Bildung spielt bei der Qualifikation von nachfolgenden Generationen „… die frühkindliche Bildung eine entscheidende, wenn nicht die entscheidende Rolle.“ (S. 9). Im „Vorwort“ erklären die Autoren u. a. auch, dass die notwendigen Reformen wohl von allen als notwendig angesehen werden und daher keine grundsätzliche Bedenken zu erwarten seien, wohl aber die „Kostenfrage“ eine Rolle spiele.
Gleich zu Beginn gibt der Aktionsrat Bildung neun „zentrale Empfehlungen“: beispielsweise die Anregung, ein koordiniertes Gesamtkonzept für Aus-, Weiter- und Fortbildung zu entwickeln. Studiengänge sollten vereinheitlicht und auf die Arbeit in Tageseinrichtungen ausgerichtet werden. Bis 2020 sollte in jeder Tageseinrichtung eine Fachkraft mit Hochschulausbildung arbeiten. Das bestehende Personal sollte systematisch und zertifiziert weiterqualifiziert werden. Auf die Neueinstellung von Kinderpflegerinnen hingegen sollte verzichtet werden.
Im ersten Kapitel gehen die Autoren auf die Problemstellung ein. Kinderbetreuungseinrichtungen haben sich einer Reihe von Herausforderungen zu stellen. Dazu gehören beispielsweise der Wandel zur Bildungseinrichtung, der Ausbau der Betreuungsplätze oder die geforderte Hochschulausbildung des Personals. Es existieren vielfältige Erwartungen, die „… teilweise nur eingeschränkt durch Forschung abgesichert sind …“ (S. 15) und Unsicherheit darüber, wie sie praktisch umgesetzt werden könnten. Ziel des Gutachtens ist es daher, die gegenwärtige Ausbildungssituation kritisch zu betrachten, um die Diskussion zu versachlichen und „… wissenschaftlich fundierte und auf die Bedürfnisse der Praxis abgestimmte …“ (S. 15) Impulse zur Professionalisierung des Personals zu geben.
Zu Beginn des zweiten Kapitels beschreibt der Aktionsrat Bildung Erwartungen, die an frühpädagogische Einrichtungen herangetragen werden. Mit einer Zusammenfassung des internationalen Forschungsstands wird in Kapitel 2.2 belegt, dass der Besuch einer Kinderbetreuungseinrichtung positive Effekte auf die Entwicklung von Kindern und ihren Familien hat. Im letzten Abschnitt des Kapitels wird die Rolle des Qualifikationsniveaus und der Kompetenzen der pädagogischen Fachkräfte betrachtet. Zusammenfassend wird u. a. darauf hingewiesen, dass eine akademische Hochschulausbildung zwar bedeutsam sei, aber nicht alle Mitarbeiterinnen über einen Hochschulabschluss verfügen müssen, sondern sich auch eine zielgerichtete Fort- und Weiterbildung der Angestellten positiv auswirken würde.
Im ersten Abschnitt des dritten
Kapitels, das sich mit der gegenwärtigen Ausbildungssituation
und dem sich daraus ergebenen Handlungsbedarf beschäftigt, findet
der Leser eine differenzierte Darstellung des Bestands an
frühpädagogischen Fachkräften. Der Folgeabschnitt greift die Frage
des Personalbedarfs auf. Trotz des Ausbaus der U3-Betreuungsplätze
und der Ausbildungsreform sehen die Autoren zwar regionale
Personalengpässe, aber keinen flächendeckenden „Personalnotstand“.
Im dritten Abschnitt des Kapitels stellen sie die
Ausbildungssituation in anderen Ländern dar und beschreiben eine
Vielfalt von Ausbildungsprofilen und ein „insgesamt uneinheitliches
Kompetenzprofil.“ (S. 46). Sie stellen dabei kurz das EYPS-Programm
aus England vor.
In den Folgeabschnitten zeigt das
Gutachten den Handlungsbedarf bei den Aus- und Weiterbildungswegen
in Deutschland auf. 2011 gab es 90 Studiengänge im Bereich
frühkindlicher Bildung, die sich inhaltlich und strukturell
erheblich unterscheiden. Vor dem Hinblick des Anspruchs der
Akademisierung bewerten die Autoren die Hochschulausbildung anhand
von sechs Problemkreisen und geben entsprechende Empfehlungen:
Ausrichtung, Arbeitsschwerpunkt der Absolventen, Praxisanteile in der
Ausbildung, Klientel der Hochschulausbildung, Anzahl und
Qualifikation von Lehrpersonal, Verhältnis von Fachschulen und
Hochschulen.
Neben den formalen Niveaus der
Berufsabschlüsse spielt in der Professionalisierungsdiskussion auch
das Thema Handlungskompetenzen eine Rolle. Dieser Aspekt, der in
Qualifikationsrahmen und Studienprogrammen in unterschiedlicher
Quantität und Qualität eine Rolle spielt, wird im sechsten
Abschnitt aufgegriffen. Vom Aktionsrat Bildung vorgeschlagene,
richtungsgebende Kernelemente für die Entwicklung von
Ausbildungscurricula schließen das Kapitel ab.
Kapitel vier beinhaltet die Handlungsempfehlungen, die auch in leicht gekürzter Fassung zu Beginn des Gutachtens abgedruckt sind. Anhand von zwei Szenarien beschreiben die Autoren, wie das Qualifikationsniveau der Fachkräfte angehoben werden könnte. Da dieses Ziel unmittelbar und konsequent angegangen werden müsste, schlägt der Aktionsrat Bildung entlang einer Zeitschiene konkrete Handlungsschritte vor.
Diskussion
Das vorliegende Buch gibt dem Leser einen fundierten und klar strukturierten Überblick über die aktuelle Personalsituation. Nach der beschriebenen Analyse werden konkrete Handlungsempfehlungen gegeben. Die Autoren verzichten auf provokante Forderungen, sondern formulieren begründete Einschätzungen und mögliche Schwierigkeiten. Der Aktionsrat Bildung positioniert sich deutlich. Kindertagesstätten werden von ihm „primär als Bildungseinrichtungen“ (S. 69) gesehen und der Ausbau begrüßt. Um die gesetzten Ziele zu erreichen, muss der „Ausbau gleichzeitig auf einem hohen qualitativem Niveau erfolgen.“ (S.69). Bei ihren Empfehlungen konzentrieren sich die Autoren über die Hochschulausbildung hinaus auch auf andere Möglichkeiten, beispielsweise die berufsbegleitende Weiterqualifizierung. Dabei erfolgt eine realistische Einschätzung des Zeitfaktors der Umstrukturierung. Auch die benötigten finanziellen Ressourcen werden ersichtlich.
Fazit
Das Gutachten ist allen Verantwortungsträgern im Bereich der frühkindlichen Bildung zu empfehlen. Es gibt einen guten Überblick über die aktuelle Personal- und Ausbildungssituation und beinhaltet wertvolle Empfehlungen, wie das Qualifikationsniveau der Fachkräfte sukzessive angehoben werden kann.
Rezension von
Dipl.Soz-Päd. Martin Walz
Master of Social Management, Diplom-Sozialpädagoge (FH)
Geschäftsführer Kindertageseinrichtungen mit mehrjähriger Berufserfahrung in der Kinder- und Jugendhilfe
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