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Egon Fabian: Anatomie der Angst

Rezensiert von Dr. Jeanne Rademacher, 05.09.2012

Cover Egon Fabian: Anatomie der Angst ISBN 978-3-608-94796-0

Egon Fabian: Anatomie der Angst. Ängste annehmen und an ihnen wachsen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2012. 2. Auflage. 349 Seiten. ISBN 978-3-608-94796-0. D: 22,95 EUR, A: 23,60 EUR, CH: 32,90 sFr.

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Thema

Dem Gefühl der Angst einen guten Platz im eigenen Leben zu geben, ihm in seiner Bedeutung für das Leben an sich zu verstehen, ist Hauptanliegen des Buches von Egon Fabian. Der Neurologe und Psychoanalytiker legt ein umfängliches Werk zum Thema vor und wird dem Titel des Buches vollkommen gerecht: in enormer Komplexität beschreibt er das Phänomen Angst, seine unterschiedlichen Ausprägungs- und Manifestationsformen, körperliche und soziale Aspekte dieser Emotion, Bewältigungs- bzw. Abwehrformen von Angst und letztlich die Angst vor der Begegnung mit der eigenen (Ur)Angst, von Fabian als Angst vor der Angst bezeichnet. Der Untertitel des Buches ist eine Einladung zur bewussten Begegnung mit der eigenen Angst, um sie als Ausdruck von Bedürfnissen und in ihrer Bedeutsamkeit für die Gestaltung des eigenen Lebens zu verstehen.

Aufbau

Gemäß der Grundidee des Buches, dass alle Erscheinungsformen bzw. Varianten von Angst Manifestationsformen der menschlichen Urangst sind, die man annehmen muss, um deren eigentliches Entwicklungspotential auch für sich nutzen zu können, unterteilt Fabian sein Buch in die zwei großen Hauptteile

  1. „Die Angst“ und
  2. „Die Angst vor der Angst“.

Im ersten Teil des Buches widmet Fabian sich dem Begriff der Angst sowie den sog. Angststörungen, beleuchtet philosophische, religiöse und psychologische Perspektiven auf das Phänomen und beschreibt in einem umfänglichen Kapitel die „vielen Gesichter der Angst“. Als eine von vielen Angstarten charakterisiert der u.a. die defizitäre Angst, womit er die Angst meint, die jemand nicht (mehr) spürt. Den Abschluss des ersten Teils bilden körperliche sprich psychosomatische sowie gruppendynamische und transgenerationale Aspekte von Angst.

Im zweiten Teil geht der Autor genauer auf die vielfältigen Bewältigungsformen bzw. Abwehrstrategien von Angst ein und befasst sich mit der Beziehung zwischen Angst und Erziehung, Angst und Identität sowie der Verbindung zwischen Angst und Aggression. Abschließend legt er die therapeutischen Möglichkeiten des Utilisierens von Angst dar, um letztlich eine Prognose zur zukünftigen Entwicklung des Menschen und seiner Angst zu geben.

Inhalt

Einleitend stellt Fabian Angst als ein Urgefühl des Menschen vor und macht deutlich, dass spezifische menschliche Ängste auch vom Zeitgeist geprägt erscheinen. Heutzutage werde diese Urangst, die existentielle Angst, mehr denn je durch vom Menschen selbst erschaffene Bedrohungen geschürt. In gleichem Maße weicht der Mensch von heute dieser Urangst immer mehr aus und betrachtet Angst eher als Übel, welches es zu beseitigen gilt. Die aus der Angst vor der Begegnung mit der eigenen (Ur)Angst resultierenden Phänomene wie klinische Erkrankungen charakterisiert Fabian als unweigerliche Sackgasse, aus der es nur den Ausweg der Begegnung mit der eigenen Angst und damit letztlich sich selbst gibt.

Nach einer einführenden Begriffsbestimmung und Schilderung ausgewählter Angsterkrankungen begründet Fabian Angst als erstes und ursprünglichstes Gefühl sowie normalen Begleiter des Menschen. Anschließend versucht er über Bezüge zu historischen, philosophischen sowie kulturell-religiösen Aspekten von Angst das Verständnis der Angst des heutigen Menschen herzuleiten. Angst bzw. Urangst als Ursprung jeglicher Formen von Religion oder Philosophie, psychiatrische Systematisierungen von Angstformen als Ausdrucksvariante von Angst, Angsterkrankungen als Manifestationsform ein und derselben (Ur)Angst und viele Denkanstöße mehr leiten über zur Darlegung eines tieferen Verständnisses von Angst aus Sicht der Psychoanalyse mit besonderem Fokus auf Psychosen und Borderline-Störungen.

Besondere Bedeutung hat für Fabian die sog. defizitäre Angst, die ein Ausweichen vor einer Auseinandersetzung mit der eigenen Angst und somit mit sich selbst bedeutet. Da die Bedeutung bzw. Gefahr dieser Art von Angst aus seiner Sicht noch immer nicht ausreichend erkannt wird, widmet er dieser Angst ein ganzes Kapitel. Wie auch schon in Kapiteln zuvor taucht hier der interpersonelle Aspekt von Angst auf sprich Fabian betont früheste Beziehungserfahrungen ihrer Bedeutung für die eigene Angstbiografie. Diese Perspektive behält er auch in den folgenden Kapiteln bei, in denen er die Verankerung vorsprachlicher, emotionaler Erfahrungen im Neurobiologischen, im „Gedächtnis des Körpers“ beschreibt. So sind körperliche bzw. psychosomatische Krankheiten denn auch unbewusste Umgangsweisen mit Angst bzw. eine Abwehrform der nicht gespürten Angst.

Die erste Hälfte des Buches endet mit einer Darstellung der gruppendynamischen Geschichte jeder Angst und der Frage nach der Bedeutung von Angst im Kontext der Familie und das auch auf transgenerationaler Ebene. Den zweiten Hauptteil des Buches beginnt Fabian mit einer umfangreichen Aufzählung vielfältiger kulturell geprägter Bewältigungs- und Abwehrstrategien von Angst. Neben den mittlerweile abgeschwächten traditionellen kulturellen Möglichkeiten der Angstbewältigung wie Religion und soziale Strukturen kennzeichnet er die Flucht in die Wissenschaft als eine dritte Möglichkeit. Die Verkennung der Angst in der Pädagogik sowie die Chancen, die Erziehungs- und Sozialisationsinstanzen eigentlich bieten könnten, werden ebenso diskutiert wie die Bedeutung von Angst für die Identitätsbildung des Menschen und die Verquickung von Angst und Aggression.

Dass Psychotherapie im weiteren Sinne Angsttherapie darstellt, weil Angst einen wesentlichen Teil jeder psychischen Krankheit bildet, ist Grundaussage des vorletzten Kapitels, in dem Fabian einige (psycho)therapeutische Modelle skizziert. Die verbreitete Manualisierung von Therapien wird hierbei kritisch betrachtet sowie die Persönlichkeit des Therapeuten/der Therapeutin als wichtigster Wirkfaktor von Therapie diskutiert. Die Ausführungen enden mit der Feststellung, dass nicht die Angst, sondern nur die Angst vor der Angst überwunden werden kann. Ziel von Therapie ist daher die Begegnung mit der eigenen Angst und die Bereitschaft, sich über seine Ängste mit anderen Menschen zu verbünden. So wird dann auch in dem abschließenden Kapitel zur Zukunft des Menschen und seiner Angst der Rahmen wieder geschlossen und resümiert, dass Entwicklung nur möglich ist, wenn man der eigenen Urangst immer wieder „ins Gesicht schaut“. Dies wiederum gelingt, indem der Mensch die Angst als Anlass zur Verbündung mit Anderen nimmt, sich solidarisiert und seine Beziehungsfähigkeit übt.

Diskussion

Entgegen der in populärwissenschaftlichen Werken zum Thema Angst üblicherweise vorherrschenden Bedeutungsgebung von Angst als Last, von der man sich befreien oder die man besiegen kann, interpretiert Fabian Angst als Ausdrucksform menschlicher Bedürfnisse. Seine Herangehensweise liefert einen anderen, mitunter systemisch anmutenden Blick auf symptomatisches Verhalten und begründet die Notwendigkeit des Gefühls Angst für das menschliche Überleben sowie seine Funktion als Entwicklungsmotor. Diese Perspektive ist nicht nur plausibel, sie erscheint zudem gut geeignet, den Menschen zu einer bewussten Begegnung mit dieser Emotion einzuladen. Fabian stellt klar heraus, dass die momentane Angstkultur noch weit entfernt ist von einer konstruktiven und zukunftsträchtigen Auseinandersetzung des Menschen mit seinem Urgefühl. In vielen Beispielen verdeutlicht er den Einbahnstraßen-Charakter der Tendenz, der Angst Herr werden zu wollen durch Verdrängung oder Abwehr derselben. Fabians Anatomie der Angst zeugt von einem Verständnis des Wesens von Angst in seiner emotionalen und unbewussten Komplexität. Wenn er etwa den Beitrag der Neurobiologie für begrüßens-, jedoch nicht überschätzenswert in Bezug auf das Verständnis von Angst hält oder die Einseitigkeit wie Persistenz der biologistischen Perspektive bedauert, bekommt man den Eindruck einer sehr starken Motivation, eine Integration theoretischer Modellvorstellungen wie praktischer Therapieansätze anzuschieben. Fabians eigene jahrzehntelange praktische Arbeit erweist sich hierbei als reichhaltiger Erfahrungsschatz, dessen inhaltliches Gewicht enorm ist. Er teilt diese Erfahrungen nicht einfach nur mit der Leserschaft, sondern hat den Anspruch, ein noch nicht so etabliertes Angstverständnis zu fördern. Mag die ein oder andere Formulierung auch ein wenig nach pädagogischer Intervention klingen, hinter solchen Mahnungen vermutet man echte Bestürzung und den Wunsch nach verantwortungsbewussteren Handlungsweisen. Auch wenn viele der Erkenntnisse Fabians bereits bekannt sind, kann als besonderes Verdienst gewertet werden, dass er mit seinen Ausführungen bzw. seiner Sichtweise FachkollegInnen bereichern wird. Durch die weitreichende und gleichzeitig anschauliche Analyse und Begründung der Angstausdrucksformen gewinnen nicht nur LeserInnen vom Fach, sondern auch Laien einen guten Einblick in die Funktionsweisen des Phänomens Angst. Das Buch ist gut lesbar geschrieben und beleuchtet das Thema sehr facettenreich. Wünschenswert bliebe eine der Komplexität der Thematik angemessene didaktische Aufbereitung im Sinne einer leseerleichternden Strukturierung. Mitunter gewinnt man den Eindruck einer wahllosen Aneinanderreihung thematischer Einheiten, die wenig miteinander integriert werden. Positiv zu erwähnen sind die vielen Fallbeispiele, anhand derer theoretische Erklärungen praktisch veranschaulicht werden. Insgesamt gelingt Fabian eine sehr gute Balance zwischen Wissensvermittlung und Anregung zum selbständigen Denken. Sein kritischer Blick, ob auf linear-kausale Erklärungsmodelle, Wissenschaftsgläubigkeit oder gesamtgesellschaftliche Entwicklungen usw., wechselt immer wieder zu neuen Ideen, kraftvollen Impulsen, inspirierenden Denkanstößen, so dass man am Ende einen guten Ausblick wagt.

Fazit

Neben einer umfassenden Analyse des Phänomens Angst und der Erörterung von Möglichkeiten des konstruktiven Umgangs mit diesem Gefühl diskutiert der Autor gesellschaftliche sowie wissenschaftliche Entwicklungstendenzen kritisch. Mit seinen Ausführungen zeichnet er nicht nur eine Anatomie des menschlichsten aller Affekte, sondern appelliert zugleich eindringlich an die Bewusstwerdung des Nutzens dieser menschlichen Emotion. Die hierbei mitunter als pädagogische Impulse zu wertenden Beiträge kann man insofern nachsehen, als sie von einer sichtlichen Betroffenheit des Autors zeugen. In seinem lesenswerten Plädoyer für die Angst wünscht man sich vielleicht des Öfteren eine der Vielfalt und Komplexität der Themen adäquate didaktische Strukturierung, jedoch erkennt der eine oder andere darin ja eine implizite Botschaft des Autors, die dieses Bedürfnis als eine Ausdrucksform der eigenen Angst deklariert. Fabian gelingt in jedem Fall eine Einladung zur Begegnung mit den eigenen Ängsten und er liefert, so könnte man es auch sagen, die Eintrittskarte gleich dazu.

Rezension von
Dr. Jeanne Rademacher
Institut für Psychologie der Universität Magdeburg
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Es gibt 5 Rezensionen von Jeanne Rademacher.

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ISSN 2190-9245