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Katharina Walgenbach, Gabriele Dietze u.a.: Gender als interdependente Kategorie

Cover Katharina Walgenbach, Gabriele Dietze, Lann Hornscheidt, Kerstin Palm: Gender als interdependente Kategorie. Neue Perspektiven auf Intersektionalität, Diversität und Heterogenität. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2012. 2., durchges. Auflage. 192 Seiten. ISBN 978-3-86649-496-1. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 28,90 sFr.
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Thema

Im Zentrum dieses Buches steht die Frage, wie sich verschiedene Kategorien sozialer Ungleichheit oder sozialer Marginalisierung wie Gender, soziale Schicht, Ethnizität, ‚Rasse‘, Nation, Alter, Sexualität, Religion zusammen denken lassen. Dazu werden die aktuelle Debatte und die theoretischen Konzepte zu Intersektionalität oder Diversität kritisch reflektiert; mit dem Vorschlag, Gender als interdependente Kategorie zu begreifen, liefern die Autorinnen einen eigenen theoretischen Beitrag zu dieser Debatte.

Es handelt sich um die zweite, durchgesehene Auflage des 2007 erschienenen Buches.

Autorinnen und Entstehungshintergrund

Das Buch ist das Produkt mehrjähriger Diskussionen im Umfeld des Gender Studies Studienganges an der Humboldt-Universität zu Berlin. Konkret entstand es aus der gemeinsamen Vorbereitung eines Kolloquiums am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien im Jahre 2005. Es handelt sich also nicht um einen klassischen Sammelband, sondern um ein kollektives Projekt, wobei sich die einzelnen Beiträge aus unterschiedlichen Disziplinen speisen (Kultur-, Sprach-, Sozial- und Naturwissenschaften), im theoretischen Ansatz aber aufeinander bezogen sind.

Aufbau und Inhalt

In der Einleitung stellen die vier Herausgeberinnen Entstehungshintergrund und Fragestellung des Buches vor. Mit dem gemeinsamen Projekt verbinden sie den gesellschaftskritischen Anspruch, Machtverhältnisse nicht auszublenden und die Situiertheit der eigenen Position kritisch zu reflektieren.

Es folgen vier Beiträge, die «anhand exemplarischer Gegenstandsbereiche die Möglichkeiten erkunden, ‚Gender als interdependente Kategorie‘ zu konzeptualisieren» (S. 12).

Im ersten Beitrag werden gleichsam die Grundlagen gelegt. Er stammt von Katharina Walgenbach, Professorin für Gender und Diversity in Erziehungs- und Sozialwissenschaften. Sie erinnert zunächst an eine Reihe politischer Interventionen im Kontext der deutschen Frauenbewegung, die den Anspruch weisser westlicher Mittelschichtfrauen in Frage stellten, für alle Frauen zu sprechen. Es waren dies Frauen mit Behinderungen, Migrantinnen, jüdische oder Schwarze Frauen, die eigene Positionen artikulierten und gleichsam den Beginn der Suche nach Möglichkeiten der Konzeptionalisierung von Interdependenzen markierten.

Wie wurden nun diese Impulse im akademischen Feld aufgegriffen? Walgenbach diskutiert Begriffe und theoretische Konzepte, die in den letzten 20 Jahren in den Gender Studies entwickelt wurden, um das Zusammenspiel von Kategorien zu fassen:

  1. der Begriff der Doppel- oder Mehrfachdiskriminierung, der – so Walgenbach – ein eher additives Verständnis der Problematik verrät;
  2. das Konzept von Intersectionality, von der Rechtswissenschaftlerin Kimberlé Crenshaw am Beispiel juristischer Fälle entwickelt, die Schwarze Frauen in den USA betrafen, und in den deutschsprachigen Gender Studies in den letzten Jahren neu aufgegriffen.
  3. das Konzept von Doing Difference, mit dem Candace West und Sarah Fenstermaker das simultane Hervorbringen von gender, race und class in Interaktionen zu fassen suchten, wobei allerdings die strukturelle Ebene ausgeblendet blieb;
  4. das Konzept der Achsen der Differenz, das von Cornelia Klinger vorgeschlagen wurde mit dem Anspruch, damit die Grundmuster gesellschaftlicher Ungleichheit zu erfassen, das aber – so Walgenbach – die jeweils privilegierte Seite der Dichotomie dethematisiert.

Auf der Basis der kritischen Sichtung der bisherigen Debatte begründet Walgenbach sodann ihren eigenen Vorschlag, «statt von Interdependenzen zwischen Kategorien», denen letztlich ein genuiner Kern unterstellt wird, «von interdependenten Kategorien auszugehen» (S. 61, Hevorh. im Orig.). Wie sich eine solche Interdependenzperspektive konkret gestalten könnte, wird in diesem Beitrag allerdings offen gelassen.

Den zweiten Beitrag zeichnet Lann Hornscheidt, Prof. für Geschlechterstudien und Sprachanalysen. Während im Beitrag von Walgenbach, und generell in Beiträgen zu Intersektionalität, Kategorien unhinterfragte Grundlage der Argumentation bilden, werden in diesem Aufsatz der Status von Kategorien und der Prozess der Kategorisierung selber aus sprachwissenschaftlicher Sicht hinterfragt.

So erläutert die Autorin zunächst ihr perspektivisch-pragmatisches Verständnis von Sprache, wonach Benennungspraktiken und Kategorisierungen sprachliche Handlungen sind, mit denen die Wirklichkeit konstruiert wird. Sie zeigt, dass mit der Benennung von Kategorien wie Gender, ,Rasse‘, Klasse oder Sexualität deren Existenz und Relevanz als Kategorie von neuem behauptet wird und gleichzeitig die Vorstellung von deren Eindeutigkeit und Vorgängigkeit erzeugt wird. Obwohl Sprache als Grundlage für das Sprechen über und das Denken von Interdependenzen unhintergehbar ist, steckt darin – so ihre These – gleichzeitig ein Problem, wenn eine integrale Sicht auf Gender als interdependente Kategorie entwickelt werden soll.

Im weiteren Verlauf des Beitrages arbeitet Hornscheidt die Implikationen vorgenommener Setzungen an konkreten Beispielen aus der deutschsprachigen Genderforschung heraus, deren Analysen mehrere Kategorien verbinden. So fragt sie nach der Art der vorgenommenen Setzungen (welche Kategorien werden privilegiert, welche übergangen?), aber auch danach, ob Teilgruppen (z. B. schwarze Frauen) als Abweichungen von der impliziten Norm gesetzt werden oder ob auch die jeweils privilegierte Position (weisse Frauen) explizit zum Thema gemacht wird. Sie zeigt, dass mit der Wahl der Kategorien auch bestimmte Erklärungsansätze suggeriert, andere wiederum ausgeblendet werden. Was als relevante Kategorie gilt und was nicht, ist – auch politisch – keineswegs harmlos.

Die Autorin geht davon aus, dass das Reden über Gender, ohne eine Ausdifferenzierung vorzunehmen, die ‚eigene‘ Position privilegiert und implizit als Norm setzt. In ihrem Beitrag benennt sie jeweils privilegierte Sprecher_innenpositionen, z. B. die weisse_westeuropäische_ Soziologin X (in den hier wiedergegebenen Schreibweisen), allerdings auch um den Preis der einseitigen Hervorhebung dieser Positionen und der Reifizierung von Kategorisierungen. Der Beitrag ist ein Plädoyer für die kritische Reflexion der eigenen Positionierung und für die Explikation der eigenen Setzungen. Dabei räumt Hornscheidt durchaus ein, dass die Ausdifferenzierung von Gender jeweils kontextabhängig ist und partiell bleiben muss, auch wenn vom Modell komplexer Interdependenz ausgegangen wird.

Den dritten Beitrag bestreiten die Kulturwissenschaftlerinnen Gabriele Dietze, Elahe Haschemi Yekani und Beatrice Michaelis. Thema des Beitrages ist das Verhältnis von Queer Theory und Intersektionalität. Im Verhältnis dieser beiden Ansätze stellen die Autorinnen eine doppelte Leerstelle fest, auf der einen Seite die Auslassung der Kategorie der Sexualität in intersektionalen Ansätzen, auf der anderen Seite die Vernachlässigung anderer Kategorien sozialer Ungleichheit in der Queer Theory. Entsprechend sollen beide Perspektiven als gegenseitiges Korrektiv füreinander produktiv gemacht werden.

Im weiteren Verlauf des Aufsatzes werden die Möglichkeiten einer queeren Intersektionalität anhand ausgewählter Themenfelder diskutiert. Dabei stützen sich die Autorinnen hautptsächlich auf anglo-amerikanische Texte und Debatten, die in den letzten zehn Jahren an der Schnittstelle von Queer Theory und Intersektionalität neue Positionen erschlossen haben, in der deutschsprachigen Forschung jedoch wenig rezipiert wurden. Beispielsweise artikuliert die Queer of Colour Critique aus der Perspektive der Black Studies eine Kritik an der rigiden Dichotomie von Hetero- und Homosexualität und verweist darauf, dass mit normativen Entwürfen von Heterosexualität oft Rassisierungen einhergehen. Ebenso hat sich an der Schnittstelle von Queer Studies und postkolonialer Theorie das Feld der Queer Diaspora Critique entwickelt, das die Kategorien von Gender und Sexualität mir jenen von ‚Rasse‘, Nation oder Migration verbindet. Es bleibt anzumerken, dass die neuen Forschungsfelder (insgesamt sechs) stark im politischen Feld verankert sind und deren Emergenz auch ein Effekt der Dynamik der Institutionalisierung von Themenfeldern im US-amerikanischen Kontext darstellt.

Der vierte und letzte Beitrag des Buches ist von Kerstin Palm, Biologin und Kulturwissenschaftlerin. Sie wirft die Frage nach der Bedeutung des Interdependenz-Ansatzes für die Naturwissenschaften auf und fokussiert dabei insbesondere die Position der Forschungssubjekte.

Im ersten Teil ihres Beitrages rekonstruiert Palm die Debatten der Gender and Science Studies im Spannungsfeld von Objektivität und Perspektivität naturwissenschaftlichen Wissens. Sie führt uns von den frühen Ansätzen feministischer Objektivitätskritik (insbesondere Evelyn Fox Keller) über das standpunkttheoretische Konzept des Multiple Subject bei Sandra Harding bis zu Donna Haraway's zwischen Empirismus und Konstruktivismus vermittelndem Konzept des Situierten Wissens. Diese setzt dem naturwissenschaftlichen Selbstverständnis von aperspektivischer Objektivität eine «verkörperte und gesellschaftlich situierte Vision» entgegen (S. 145). Zudem setzt Haraway das Forschungsobjekt als semiotisch-materiellen Akteur und nimmt damit auch die Beziehung zwischen Forschungssubjekt und -objekt in den Blick.

Sowohl der Multiple-Subject-Begriff von Harding als auch das Konzept des situierten Wissens bei Haraway sind interdependenztheoretisch fundiert und verweisen «auf die wechselseitige soziale und kulturelle Strukturierung von Wissenspositionen entlang verschiedener Kategorien» (S. 152). Wie dies in der naturwissenschaftlichen Praxis konkret zum Tragen kommen könnte, wird im zweiten Teil des Beitrages angedeutet. Palm beschreibt hier, wie eine Zellbiologin und eine Evolutionsgenetikerin auf standorttheoretische und dekonstruktivistische Perspektiven zurückgreifen, um die soziale Situierung des Diskurses im eigenen Forschungsumfeld, bzw. der eigenen Forschungspraxis kritisch zu reflektieren.

Diskussion

Die disziplinäre Vielfalt der im Buch behandelten Themen ist groß. Diese Vielfalt geht aber durchaus mit einer fachlichen Spezialisierung in den einzelnen Beiträgen einher, was die Lektüre nicht immer einfach macht. Der Band eignet sich also weniger als Einstiegslektüre zum Thema Diversität oder Intersektionalität. Hingegen werden Leserinnen und Leser, die sich grundsätzlich mit Fragen der Konzeptionalisierung von Gender als interdependenter Kategorie auseinandersetzen möchten oder Anregungen zu einem der behandelten thematischen Felder suchen, ausgewählte Beiträge mit Gewinn lesen.

Der Anspruch, die eigene gesellschaftliche Positionierung sowie die durch eigene Setzungen provozierten Ausschlüsse zu reflektieren, ist im Prinzip zu begrüssen, wirkt aber mitunter etwas bemüht. Dies nicht zuletzt auch deshalb, weil die Frage der Umsetzung dieses Anspruchs in die Forschungspraxis in den Beiträgen zu kurz kommt und letztlich wohl nur am konkreten Fall entschieden werden kann. Trotz dieses Einwandes sei die Lektüre empfohlen, denn sie schärft das Bewusstsein für die aufgeworfenen Fragen und regt zur Selbstreflexion an.

Fazit

Das Buch beleuchtet die Problematik, die mit der Konzeptionalisierung der Interdependenz verschiedener Dimensionen sozialer Ungleichheit in den Gender Studies verbunden ist. Der Vorschlag, Gender als interdependente Kategorie zu denken, ist ein eigener und vielversprechender Beitrag zur Debatte. Die Frage, wie dieses Versprechen eingelöst werden kann, bleibt allerdings weitgehend offen und kann wohl nur forschungspraktisch und kontextspezifisch beantwortet werden.


Rezensentin
Dr. Anne-Françoise Gilbert
Homepage www.izfg.unibe.ch
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Zitiervorschlag
Anne-Françoise Gilbert. Rezension vom 24.08.2012 zu: Katharina Walgenbach, Gabriele Dietze, Lann Hornscheidt, Kerstin Palm: Gender als interdependente Kategorie. Neue Perspektiven auf Intersektionalität, Diversität und Heterogenität. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2012. 2., durchges. Auflage. ISBN 978-3-86649-496-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13236.php, Datum des Zugriffs 13.12.2018.


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