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Norbert Kellermann: Metamorphose – sexuelle Sozialisation in der weiblichen Pubertät

Cover Norbert Kellermann: Metamorphose – sexuelle Sozialisation in der weiblichen Pubertät. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2012. 250 Seiten. ISBN 978-3-86388-003-3. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 35,90 sFr.

Reihe: Erziehungswissenschaften.
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Thema

Sexuelle Entwicklungsprozesse von Mädchen am Beispiel der Bedeutung sexueller Aufklärung, der ersten Menstruation und des ersten (heterosexuellen) Geschlechtsverkehrs anhand einer qualitativen Untersuchung

Autor

Der Autor ist Leiter der anonymen AIDS Beratungsstelle am Gesundheitsamt Nürnberg und führt häufig sexualpädagogische Veranstaltungen mit Schulklassen und mit Gruppen aus beruflichen Bildungseinrichtungen durch.

Entstehungshintergrund

Eine Qualifikationsarbeit (Promotion), deren empirisches Material im Kontext der sexualpädagogischen Schulveranstaltungen des Gesundheitsamtes Nürnberg gewonnen wurde, indem 5 Mädchengruppen von verschiedenen Haupt- und Realschulen mit insgesamt 19 Mädchen im Alter von 14-17 Jahren für – von einer Mitarbeiterin der Einrichtung – zusätzlich durchgeführte Gruppendiskussionen gewonnen werden konnten.

Aufbau und Inhalt

1. Einführende Thematisierungen (Kap. 1 – 2). Der Text beginnt mit Einführungen auf verschiedenen Ebenen, von denen Aspekte in späteren Kapiteln teils wiederholt, teils weitergeführt werden:

  • Ganz am Anfang stehen eine Reihe empirischer Daten zur sexuellen Entwicklung und zu sexuellen Erfahrungen von Mädchen, aber auch einige von Jungen, wobei der vom Autor kritisierte Ausgangspunkt die erhöhte Zahl von Schwangerschaften bei Teenagern ist, ein Aspekt der in der Zusammenfassung am Schluss des Buches wiederholt wird. Der Autor will diesen Ausgangspunkt als Kritik verstanden wissen, da er selbst nicht diese Tatsache wichtig findet, sondern sein Anliegen ist „zu klären, wie Teenager ihre Sexualität (er)leben, die dann trotz schulischer Aufklärung und einem umfangreichen Wissen über Kontrazeptionsmethoden zu den oben genannten Zahlen über Schwangerschaften führen“ (S. 227).
  • Als nächstes ordnet sich der Autor der „neoemanzipatorischen Sexualpädagogik“ zu, die er eingehend vorstellt als Ansatz, der den defizitorientierten Focus auf Verhinderung früher Schwangerschaften überwindet und die „Vielfalt gelebter Sexualitäten, Beziehungen und Lebensformen in den Mittelpunkt“ (S. 18) stellt. Diese Vielfalt sieht er als Ausdruck selbst bestimmten Handelns, den es sexualpädagogisch zu fördern gilt.
  • Es folgen einige knappe theoretische Überlegungen zu Geschlecht und Sexualität bei Mädchen, in die methodische Einsprengsel ebenso eingeflochten sind wie Verweise auf die Untersuchungsgruppe, wobei sowohl Methode als auch Untersuchungsgruppe erst später systematisch vorgestellt werden.

2. Methodischer Teil (Kap. 3). Im ausführlichen methodischen Teil stellt der Autor die verschiedenen Stufen des von ihm verwandten Gruppendiskussionsverfahrens, nämlich die dokumentarische Methode nach Bohnsack vor, wobei er zwischenzeitlich auf die Vorstellung anderer Untersuchungen zum Thema zurück kommt. Offen bleibt, wer mit „uns“ (S.33) gemeint ist, wenn von der eigenen Studie die Rede ist, gab es eine Forschungsgruppe, was bei rekonstruktiven Verfahren ja sinnvoll ist? Bei der Vorstellung des eigenen Ansatzes werden drei Analyseschritte „der sinngenetischen Typenbildung“ (S. 35) unterschieden: die „Rekonstruktion der Ebene des kommunikativen-generalisierten Wissens“, die „reflektierende Interpretation“ im Kontext einer Sequenzanalyse, der „Fallvergleich in der komparativen Analyse“ (S.36), welche die Herausarbeitung unterschiedlicher sexueller Stile ermöglichen. Diese werden hier vorweg schon genannt, nämlich jeweils zwei Varianten eines hedonistischen und eines traditionalen Sexualstils.

3. Vorstellung des Untersuchungsverfahrens (Kap. 4). In einem kurzen Kapitel werden die Untersuchungsgruppe, die methodische Durchführung der Untersuchung und der Prozess der Herausarbeitung der Fragestellung vorgestellt, gleichzeitig werden aber auch noch einmal Untersuchungsergebnisse anderer Studien zum Thema benannt.

4. Zentrale Untersuchungsergebnisse: Analyse des Textmaterials (Kap. 5 – 7). Interessant ist die Analyse der vier Gruppendiskussionen zu den Themen sexuelle Aufklärung, erste Menstruation und erster (heterosexueller) Geschlechtsverkehr (keines der Mädchen berichtete von gleichgeschlechtlichen sexuellen Erfahrungen). Zum Thema Aufklärung besonders hervorstechend ist, wie groß die Klippen einer gelingenden Aufklärung sind, die die Mädchen zumindest als zufrieden stellend erleben könnten, sei es bezogen auf die Schule, die Mütter bzw. mütterliche Bezugspersonen oder – das eher noch – ältere Schwestern oder Peer-Gruppen, wobei auch der jeweilige ethnische Hintergrund von Bedeutung ist. Auffallend ist, dass der Autor in diese Analyse zeitweise die eigene sexualpädagogische Praxis oder auch seine eigenen didaktischen Überlegungen einflicht (S. 65, S. 67, S.110). Wie bedeutsam für die Mädchen die Menarche ist und wie noch immer einige von ihnen, insbesondere die sehr jungen, sich alleingelassen fühlen – auch wenn sich „cool“ zeigen die oberste Maxime ist, wird im entsprechenden Kapitel deutlich. Bezogen auf die Menarche zeigt sich zudem eine Konkurrenz unter den Mädchen, hinsichtlich des Zeitpunktes ihres Einsetzens. Für die Mädchen leichter thematisierbar ist das konkrete Umgehen mit der ersten Blutung als die psycho-emotionale Seite, die kaum zu besprechen scheint. Auch hier spielen vorhandene respektive ethnisch nicht vorhandene Möglichkeiten der positiven Einbindung der Menarche in eine positiv besetzte Frauenkultur eine Rolle. Der erste Geschlechtsverkehr erweist sich für viele der Mädchen, die schon diese Erfahrung gemacht haben, als häufig zumindest ambivalente Erfahrung, auch wenn sie diese im Nachhinein nicht bedauern, da sie sie selbst gewollt haben oder zumindest einverstanden waren und daher als etwas in ihrer eigenen Verantwortung erleben. Ob hier immer von selbst bestimmtem Handeln gesprochen werden kann oder das Durchschlagen von Individualisierungsnormen und auf keinen Fall Opfer sein zu wollen eine Rolle spielen, bedarf der ausführlichen Diskussion. Sehr kontrastreich stellen die Mädchen ihre Wünsche für das erste Mal, die sie oft gleichzeitig lächerlich machen und die vermutete oder erlebte Realität gegenüber. Ein Weg mit dieser Differenz umzugehen ist für sie, diese erste Erfahrung nicht so wichtig zu nehmen und für sich zu relativieren.

5. Metaanalyse der Untersuchungsergebnisse (Kap. 8-13) Nach der ausführlichen Analyse des Materials folgt eine Metaanalyse im Sinne einer theoretisch angereicherten Ergebniszusammenfassung und der Herausarbeitung verschiedener Sexualstile, wobei dem – von den Mädchen genutzte – Begriff der „Schlampe“ eine große Bedeutung zugemessen wird aufgrund der daraus ablesbaren, unterschwelligen normativen Orientierung.

Diskussion

An einigen Stellen wird deutlich, dass es sich um eine Qualifikationsarbeit handelt, d.h. für eine Buchfassung hätten einige methodische Aspekte LeserInnen freundlicher aufbereitet werden können, so die langen Transkriptionen. Zudem wäre eine klarere Gliederung in Theorieteil, Methodenteil, Empirieteil und sexualpädagogische Überlegungen hilfreich gewesen. Interessant sind die empirischen Ergebnisse, die sich je nach eigener theoretischer Verortung, Einschätzung der Geschlechterverhältnisse und sexualpolitischer und sexualpädagogischer Überzeugungen unterschiedlich lesen lassen.

Fazit

Die Arbeit ist insgesamt eine interessante Studie mit bedenkenswerten Ergebnissen.


Rezension von
Prof. Dr. Margrit Brückner
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Zitiervorschlag
Margrit Brückner. Rezension vom 21.01.2013 zu: Norbert Kellermann: Metamorphose – sexuelle Sozialisation in der weiblichen Pubertät. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2012. ISBN 978-3-86388-003-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13243.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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