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Anita Moser: Die Kunst der Grenzüberschreitung

Rezensiert von Prof. Dr. Claus Melter, 21.03.2012

Cover Anita Moser: Die Kunst der Grenzüberschreitung ISBN 978-3-8376-1663-7

Anita Moser: Die Kunst der Grenzüberschreitung. Postkoloniale Kritik im Spannungsfeld von Ästhetik und Politik. transcript (Bielefeld) 2011. 327 Seiten. ISBN 978-3-8376-1663-7. 32,80 EUR.
Reihe: Image - Band 17.

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Thema

Welche Rolle spielt politische Kunst im öffentlichen Raum? Mit welchem Kunstverständnis können politische Kunstaktionen beschrieben und analysiert werden? Im vorliegenden Buch analysiert Anita Moser künstlerische politische Interventionen in der Migrationsgesellschaft Österreich in postkolonialer und rassismuskritischer Perspektive anhand konkreter Projekte, unter anderem ein Kunstprojekt gegen Abschiebungen und Schubhaft/Abschiebehaft. Eingebettet ist dies in eine Darstellung der europäischen und österreichischen Migrationspolitik sowie in die Darstellung unterschiedlicher Kunstverständnisse.

Autorin

Anita Moser (Dr. phil.), Komparatistin und Kulturmanagerin, ist Mitgeschäftsführerin der Interessenvertretung der freien Tiroler Kulturinitiativen TKI (www.tki.at). Sie lehrt in der Erwachsenenbildung sowie an der Universität Innsbruck. Ihre Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich Kulturvermittlung, Kunst als Gesellschaftskritik, Soziokultur, Postkolonialismus und zeitgenössische Kunst.

Aufbau und Inhalt

Die ersten 60 Seiten der 300-seitigen Publikation umreißen den theoretischen Rahmen der Auseinandersetzung mit (politischer) Kunst im öffentlichen Raum: Postkoloniale und performative Theorieansätze werden auf nachvollziehbare Weise vorgestellt, in Hinblick auf einen „erweiterten Kunstbegriff“ diskutiert und mit dem kulturwissenschaftlichen Konzept der Liminalität (als Erfahrungs- und Handlungsform des „Dazwischen“) in Verbindung gesetzt. Dem Themenfeld Postkolonialismus und Komparatistik bzw. Vergleichende Literaturwissenschaft, der Theoretiker_innen wie Said und Spivak entstammen, wird ein eigenes Kapitel gewidmet.

Der zweite Teil setzt sich mit der Repolitisierung von Kunst als eine der Folgen der „Wende“ 1989 auseinander, wobei eingangs die Lage der Migrationspolitik in Europa (und v.a. in Österreich) skizziert und damit der Boden für ein Verstehen „postkolonialer“ Kunstprojekte geschaffen wird. Auch auf den Hype im Kunst-Mainstream, Ausstellungen postkolonial auszurichten, wird ein kritischer Blick geworfen. Anschließend werden – vor dem realpolitischen Hintergrund Österreichs, der seit den frühen 1990er Jahren von einem zunehmendem Rechtsruck und einer steigenden (auch politischen) Akzeptanz rassistischer Diskriminierungen gekennzeichnet ist – anhand zahlreicher praktischer Beispiele Möglichkeiten künstlerischen Engagements gegen diese Tendenzen aufgezeigt und in Bezug auf deren unterschiedlichen ästhetischen Herangehensweisen anschaulich analysiert. Das Spektrum reicht dabei von aktivistischen und performativen Kunstpraktiken an der Staatsgrenze (z.B. von Tanja Ostojić) über künstlerische Medienprojekte (von Martin Krenn/Oliver Ressler, Social Impact, Klub Zwei etc.) hin zu partizipativen Arbeiten von und mit Migrant_innen (z.B. MAIZ).

Im dritten Teil des Buchs stehen Arbeiten des in Innsbruck/Tirol lebenden Künstlers Franz Wassermann im Zentrum, insbesondere die exemplarische Untersuchung seines Kunstprojekts gegen Schubhaft, das im Jahr 2000 – beeinflusst von der Ästhetik politischer Kunst der 1990er Jahre und unter dem Eindruck zunehmender Rassismen – entwickelt wurde. Die Umsetzung des in Zusammenarbeit mit der NGO „arge schubhaft“ entstandenen Projekts bestand aus einem fast zweijährigen Prozess. In einzelnen Kapiteln werden die verschiedenen künstlerischen Mittel und Aktionen (unangemeldete Pressekonferenz, Kleidertausch mit Inhaftierten, Plakatkampagne, Besetzung einer Galerie vor Ort, „illegale“ Fahrten über Staatsgrenzen etc.) ausführlich dargestellt. Dies erfolgt stets unter theoretischen Bezugnahmen (z.B. auf Bhabhas Dritten Raum, Kristevas Theorie der Abjektion, Barthes' Semiologie der Kleidung etc.) oder im Vergleich zu anderen künstlerischen Arbeiten. Das Potenzial eines Kunstprojekts wie Schubhaft als kritischer Kommentar zu diskriminierenden post- und neokolonialen Verhältnissen (aber auch als Kritik an einer romantisierenden Rezeption postkolonialer Theorien) sowie die grundsätzliche Wichtigkeit eines derartigen lokalen Engagements werden kurzweilig vermittelt.

Diskussion

In der Arbeit von Anita Moser wird sowohl die bedeutsame Rolle von auch aktivistischen Künstler_innen in politischen Auseinandersetzungen in der Migrationsgesellschaft Österreich dargestellt als auch ein Kunstverständnis, welches situativ historische Performanzen im öffentlichen Raum als bedeutsam und in seiner Wirksamkeit schwer bestimmbar beschreibt. Diese unbestreitbare Schwierigkeit der Wirkungsforschung bei (selten in ihrer Wirkung auf die Zuschauenden, diskriminierte Gruppen oder politische Amtsträger_innen untersuchten) Kunstprojekten im öffentlichen Raum wird vom im dritten Teil im Zentrum stehenden Künstler Wassermann im Sinne eines Lobes der Flüchtigkeit von Kunst gedeutet. Diese Interpretation ist zwar mit postmodernen performativen Theorien wie der Judith Butlers kompatibel, es stellen sich jedoch zumindest zwei Fragen: Ist nicht auch ein Verständnis politischer Kunstprojekte wie act up im Kontext von HIV und AIDS, das konkrete Ziele erstreiten will und dafür ihre Kunst über längere Zeiträume einbringt, überzeugend und das Betonen der Flüchtigkeit durch Wassermann wenig ambitioniert? Gibt es – und welche – im Sinne der Frage „wem nützt die Kunst?“ Unterschiede, ob Künstler_innen selber von den thematisierten Unterdrückungsverhältnissen negativ betroffen sind oder in dem besagten Kontext privilegiert sind? Das Gelungene am vorliegenden Buch ist nicht eine vergleichende Antwort auf diese Fragen, sondern das deutliche Herausarbeiten einer bestimmten Position, die dadurch besprech- und kritisierbar gemacht wird.

Fazit

Anita Moser beschreibt postkoloniale Theorien und Perspektiven auf rassismuskritische Kunst im öffentlichen Raum sowie das Verständnis und die Praxis künstlerischer Aktivitäten als Kritik an rechtspopulistischen und rassistischen sowie nationalstaatlich ausgrenzenden Entwicklungen in Österreich auf überzeugende und unterhaltsame Weise. Die kenntnis- und detailreiche Darstellung beinhaltet sowohl postkoloniale und künstlerische Theorien und Konzepte als auch Überblicke und Einsichten zur europäischen und österreichischen Asyl- und Migrationspolitik und vor allem zur Widerstandsgeschichte von Künstler_innen und Aktivist_innen in Österreich seit Mitte der 1990er bis heute. Die Beschreibung der wichtigen Rolle der Künstler_innen und anderer Intellektueller gegenüber dem kontinuierlichen Nach-rechts Rücken der österreichischen Gesellschaft und insbesondere angesichts der Regierungspolitik vor und nach dem Regierungswechsel 2000 mit der Beteiligung der rechtsextremen FPÖ ist lesenswert und nachvollziehbar beschrieben.

Für alle, die an künstlerischen rassismuskritischen Aktivitäten sowie an kritischer Migrationsgeschichtsschreibung auf wissenschaftlichem Niveau interessiert sind, ist Anita Mosers Buch eine sehr lesens- und empfehlenswerte Lektüre.

Rezension von
Prof. Dr. Claus Melter
Fachhochschule Bielefeld, Arbeitsschwerpunkte diskriminierungs- und rassismuskritische Soziale Arbeit und Bildung, Dekolonisierung sowie Diskriminierung und Verfolgung von Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus als „behindert“ und „krank“ angesehen wurden. Mitarbeiter bei Entschieden gegen Rassismus und Diskriminierung – Bielefeld
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Es gibt 14 Rezensionen von Claus Melter.

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Zitiervorschlag
Claus Melter. Rezension vom 21.03.2012 zu: Anita Moser: Die Kunst der Grenzüberschreitung. Postkoloniale Kritik im Spannungsfeld von Ästhetik und Politik. transcript (Bielefeld) 2011. ISBN 978-3-8376-1663-7. Reihe: Image - Band 17. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13246.php, Datum des Zugriffs 27.01.2023.


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