Suche nach Titel, Autor:in, Rezensent:in, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Dieter Haselbach, Armin Klein et al.: Der Kulturinfarkt

Rezensiert von Prof. Peter Vermeulen, 02.05.2012

Cover Dieter Haselbach, Armin Klein et al.: Der Kulturinfarkt ISBN 978-3-8135-0485-9

Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Knüsel, Stephan Opitz: Der Kulturinfarkt. Von allem zu viel und überall das Gleiche. Eine Polemik über Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubvention. Albrecht Knaus Verlag (München) 2012. 288 Seiten. ISBN 978-3-8135-0485-9. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,50 sFr.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

Die Autoren prophezeien der öffentlich geförderten Kultur in Deutschland, Österreich und der Schweiz bei einem Weiter-so den Kulturinfarkt. Sie verstehen ihre Schrift als „Eine Polemik über Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubvention“, die sie aber ernst meinen.

Kurz vor der Veröffentlichung Mitte März 2012 platzierten die Autoren einen Artikel im SPIEGEL1 und plädierten wortstark für ein Ende der Art, wie unsere öffentlichen Hände Kultur subventionieren. Ein Beitrag, der vor Erscheinen des Buches wach rüttelte und Kulturpolitiker, Verbände, Feuilletonisten, Lobbyisten auf den Plan rief. Noch bevor sie das Buch gelesen haben konnten, wurde der SPIEGEL-Artikel die Grundlage, scharf gegen die Autoren, die formulierte Analyse und die daraus abgeleiteten Folgerungen zu schießen. Das Ziel war gleich: Möglichst wenige sollen dieses „gefährliche“, weil kultursubventionsgefährdende Buch lesen.

Autoren

Dieter Haselbach, geb. 1954, Studium der Soziologie, Dr. habil., war 1988 Mitbegründer der auf Kultur spezialisierten Unternehmensberatung culturplan, von 1992 bis 1999 Hochschullehrer in Victoria B.C., Canada und Birmingham, England, kehrte dann nach culturplan zurück und ist heute Gesellschaftergeschäftsführer der mittlerweile international operierenden Unternehmensberatungsgesellschaft ICG culturplan. Seit 2009 ist er außerdem Geschäftsführer des Zentrums für Kulturforschung; a.pl. Professor an der Universität Marburg.

Armin Klein, geb. 1951, Studium der Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft; Dr. phil., war 13 Jahre Kulturreferent in Marburg/Lahn, bevor er 1994 den Ruf als ordentlicher Professor an den neuen Studiengang „Kulturmanagement“ in der Hochschule Ludwigsburg annahm. Vermutlich war damals eine ganz gehörige Portion Frust über kommunale Kulturpolitik handlungsbestimmend und die Erkenntnis, Freiheitsgrade in der Kultur vor allem durch unternehmerisches Geschick erwerben zu können. Klein hat gerade wegen seiner Kulturprovinienz nie betriebswirtschaftliches Wissen in den Vordergrund seiner Betrachtungen gestellt, aber er hat alle Sorgfalt darauf verwandt, sich dieses Wissen anzueignen, um es für den Kulturbetrieb anzupassen. Seine Lehrbücher sind wissenschaftsprägend und gelten als Standardwerke im Kulturmanagement.

Pius Knüsel, geb. 1957, Studium der Germanistik, Philosophie und Literaturkritik; war Kulturredakteur beim Schweizer Fernsehen; von 1992 bis1997 Programmleiter des Jazz Clubs MOODS und Mitglied des Direktoriums des Europe Jazz Networks; 1996 Programmleiter des ersten Jazznojazz-Festivals in Zürich; von 1998 bis 2002 Leiter des Kultursponsorings der Credit Suisse; 2000 Mitbegründer des Forums Kultur und Ökonomie; ist seit 2002 Direktor der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia. Sporadische Lehrtätigkeit im Fach Kulturmanagement an verschiedenen Hochschulen.

Stephan Opitz, geb. 1951, Studium der Germanistik, Skandinavistik, Geschichte, Philosophie, Musikwissenschaft; Dr. phil., war 10 Jahre hauptamtlicher pädagogischer Mitarbeiter in verschiedenen Institutionen bevor er 1987 – 1999 Direktor und Geschäftsführer der Tagungs- und Bildungsstätte Nordkolleg Rendsburg GmbH wurde; wechselte dann ins Kultusministerium des Landes Schleswig-Holstein und ist dort mit kulturellen Grundsatzfragen betraut. Seit 2009 Honorarprofessor für Kulturmanagement an der Universität Kiel.

Entstehungshintergrund

Die Krise der Staatsfinanzen, der Mangel in den Stadtkassen reduziert die Zuwachsraten, die für die Fortfinanzierung der öffentlichen Kultur erforderlich sind. Kultur steht bei allen Sparanstrengungen als freiwillige Aufgabe immer an erster Stelle. Will man mit weniger Geld, mehr oder anderes machen, Kultur also entwickeln und gestalten, bedürfte es eines Umbaus in der Kulturförderlandschaft. Dieser aber ist bisher ausgeblieben. Öffentliche Kulturförderung beschränkt sich zunehmend auf die Finanzierung der je nach Größe einer Stadt vorhandenen Kulturinstitute, der Archive, Bibliotheken, Museen, Musikschulen, Orchester, Opern, Theater und Volkshochschulen. Von diesen Instituten gibt es in Deutschland, Österreich und der Schweiz viele und sie bieten fast überall das Gleiche.

Diese unglaubliche Dichte einer somit verlässlich entwickelten Kulturlandschaft erreicht allerdings nur wenige Kulturinteressierte. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung interessiert sich schlicht nicht für diese Kultur, die mit der Krise der öffentlichen Kassen unter zunehmenden Legitimationsdruck gerät.

Aufbau

Die Autoren sägen mit ihrem Werk an dem Argumentationsgerüst der öffentlichen Kulturförderung, in dem sie messerscharf ein Argument nach dem anderen analysieren, bewerten und als kaum tragfähig verwerfen. Dieser Angriff auf das bestehende System der Kulturförderung erfolgt nicht in destruktiver Absicht. Die Autoren postulieren Thesen für eine wirkliche Reform, entwickeln Eckpunkte für eine Neue Kulturpolitik.

Inhalt

Im ersten Kapitel „Die Symptome des nahenden Zusammenbruchs“ beschreiben die Autoren die Logik des Niedergangs der öffentlich geförderten Kultur. „Kultureinrichtungen sind nur Gefäße. Das Konzept des geschützten Raums hat die Kunst weitergebracht, jetzt stößt es an seine Grenzen.“ (S.27) Wenn quantitatives Wachstum in unserer Volkswirtschaft kein Treiber mehr ist, muss qualitatives Wachstum an seine Stelle treten. Wenn aber die Finanzierung öffentlicher Kultur ganz überwiegend auf öffentlicher Förderung basiert und eigene Einnahmen im Grunde keine Rolle spielen, können Kostensteigerungen ohne eine Subventionserhöhung nicht finanziert werden. Wenn es diese nicht mehr gibt, bleibt das „Gefäß“ und der Inhalt schrumpft: verringertes Personal, sinkende Sachkostenbudgets, geringere Öffnungszeiten, kleinere Veranstaltungen, abnehmende Qualität.

Im zweiten Kapitel wird knapp skizziert, wie sich die heutige Kulturpolitik entwickelt hat. Und wie sie argumentativ aufgeladen ist. Die Autoren halten dagegen: „Die Gleichung geht nicht auf.“ (S.130) Ob mit oder ohne Kulturpolitik, ob mit oder ohne Förderung „Kunst und die mit ihr verbundenen Phänomene wird es immer geben. Die Sphäre der Kunst ist eine Sphäre sozialer Verständigung. Keine Gesellschaft verzichtet darauf.“ (S. 132) Die Autoren sehen die größte Gefahr in einer Erstarrung unserer Kulturlandschaft. Kunst und Kultur sind dynamisch. „Optimisten, die wir sind, sehen wir in diesem Wandel Vorteile. Für die Künstler wie für die Konsumenten, allerdings nicht für die Verwalter des Jetzt.“ (S.132)

Im Kapitel „Die kulturelle Disposition: Geld ist gut, aber der Markt ist schlecht“ greifen die Autoren dieses weit verbreitete Vorurteil an. Jede Museumsdirektorin, jeder Theaterintendant prangert heute die „Ökonomisierung der Kultur“ in zentralen Reden an. Die Autoren weisen nach, dass hieran nichts Schlechtes ist bzw. dass unternehmerisches Handeln nicht per se kulturfeindlich ist. Im Gegenteil. Und sie räumen auf mit den Hilfsargumentationen wie der Umwegrentabilität, der Kulturpolitik als Gesellschaftspolitik und dem Heilsboten „Kulturwirtschaft“.

Nach dieser fundamentalen Abrechnung mit der bestehenden Kultur(förder)politik dient die zweite Hälfte des Buches der Suche nach Lösungsmöglichkeiten, nach „Perspektiven: Paradigmen einer künftigen Kulturpolitik“ (S.173). In den Kapiteln:

  • „Der Mensch als Kulturkonsument“
  • „Ordnungspolitische Sensibilität versus Förderwirrwarr“
  • „Handlungsbedarf an den Schnittstellen“
  • „Der subsidiäre Schluss“

entwerfen die Autoren ihren Gegenentwurf, ihre Neue Kulturpolitik. Dabei gehen sie von dem Konzept des „mündigen“ Bürgers aus, der frei wählt, was ihm gefällt, der sich nicht von Kultur erziehen lassen will, der freie Bildung akzeptiert, aber Erziehungsanstalten ablehnt. Kulturinstitute brauchen, so die These, als Korrektiv den Markt. Ohne einen vorgegebenen und deutlich höheren Selbstfinanzierungsgrad, also ohne nennenswertere eigene Einnahmen, soll ein Kulturinstitut nicht überleben dürfen. „Sagen wir: Der heutige Prozentsatz plus 20 Prozent.“ (S. 183)

Mit den Fragen „Wie wirkt öffentliche Förderung, wie kann ihre Wirkung verbessert werden?“ (S. 193) eröffnen die Autoren eine grundsätzliche Betrachtung, mit der sie das System der Kulturförderung unter ordnungspolitischen Gesichtspunkten durchforsten. Und danach folgt die Frage: „…was wäre gefährdet, wenn die Hälfte der Theater und Museen verschwände, einige Archive zusammengelegt und Konzertbühnen privatisiert würden?“ (S. 209) Die eingesparten Mittel sollen der Kulturentwicklung zugute kommen. Sie sollen genutzt werden, um Dynamik zu fördern, Bewegung, Veränderung. Die Autoren fordern je ein Fünftel auf die nachstehenden Bereiche zu verteilen:

  • für die überlebenden Kulturinstitute, um diese besser auszustatten
  • für die Förderung der Laienkultur
  • für die „noch nicht existente Kulturindustrie“ (S. 211)
  • für die Kunsthochschulen
  • für eine „gegenwartsbezogene kulturelle Bildung“

Die Autoren beschreiben Handlungsbedarfe in umfassenden Clustern

  • Bildende Kunst
  • Darstellende Kunst
  • Reproduzierte Kunst
  • Design und Games
  • Kulturwirtschaft
  • Rundfunk
  • Soziokultur
  • Denkmalschutz
  • Ästhetische Bildung
  • Digitalisierung

Diskussion

Thilo Sarrazin spottete Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhundert als Berliner Finanzsenator über eine zu geringe Kulturförderung sinngemäß, die Klage käme ihm vor wie die Diskussion von zwei Verdurstenden, die sich unter der sengenden Sonne der Wüste darüber unterhielten, ob Wein oder Bier zum Durstlöschen geeigneter sei. Die Knappheit öffentlicher Kulturförderung ist also schon lange ein Thema und bisher nicht gelöst. Kulturkritiker gibt es auch schon lange und eine „klammheimliche“ Kulturfeindlichkeit mag unterstellen, wer analysiert, dass nur ein kleiner Bruchteil der Bevölkerung zu den aktiven Nutzern öffentlicher Kulturangebote zählt.

Zu Thilo Sarrazin und seinem Werk „Deutschland schafft sich ab“ hat das Buch „Der Kulturinfarkt“ keine Nähe. Alle Vergleiche verbieten sich. Gleichwohl hat es ähnlich provoziert. Die Welle der Empörung riss seit der SPIEGEL-Veröffentlichung nicht ab. Künstler starteten Kampagnen. Kulturinstitutsleiter verwehrten sich. Dabei wird der Versuch unternommen, die Autoren zu diskreditieren. Doch genau das gelingt nicht. Der Vorwurf, die Autoren wüssten nicht, worüber sie sprechen, greift ins Leere. Profundere Kenner der Kulturlandschaft, der Kulturförderung und des Kulturmanagements gibt es wahrscheinlich nur ganz, ganz wenige.

Die Kulturpolitische Gesellschaft schaltete einen Pressespiegel2, der 14 Tage nach der Buchveröffentlichung schon 6 Seiten umfasste. Lesenswert, weil von einem der Wenigen, die das Buch auch gelesen zu haben scheinen, ist die Besprechung von Olaf Martin3. Übersichtlich filtert er einen Überblick der Maßnahmen, die in dem Buch wohlbegründet und doch so anderen kulturpolitischen Überlegungen entsprießen als die heute herrschenden.

Im „Kulturinfarkt“ belassen es die Autoren nicht bei einer Analyse, überziehen den Status-quo nicht mit einer Polemik, die zynisch ist, wollen die Autoren nicht nur provozieren, sondern sie hinterfragen Kulturpolitik, die rational daherkommt, aber offensichtlich nur irrational begründet ist. „Sie ist „historisch gewachsen“. Auf diese Formel einigt man sich in der Kulturpolitik immer dann, wenn es keine nachvollziehbare Begründung für den Fluss von Steuergeldern gibt.“ (S. 51).

Allerdings erscheint mir der von den Autoren gewählte Ansatz einer rationalen Kulturpolitik schwierig. Deutschland ist ein föderaler Staat. Kulturpolitik ist eine der wenigen kommunalen Gestaltungsräume. Kulturpolitik auf kommunaler Ebene ist aber eben nicht rational. „Von allem zuviel und überall das Gleiche“ ist Ergebnis der föderalen Kulturlandschaft.

Jedes Kulturinstitut hat seine Lobby. Und der Kulturbürger ist staatstragend. Er sitzt in Politik und Verwaltung, er sitzt ihr auf dem Schoß oder ist eng mit ihr verbandelt. Und weil der Kulturbürger nicht in der Mehrheit ist, fristet Kultur traditionell ein Schattendasein. Ihre Scheinwerfer beleuchten eine eng begrenzte Bühne. Die großen Politikentscheidungen werden von anderen getroffen, nicht von den Kulturpolitikern. Die sitzen bei den Veranstaltungen in den ersten Reihen, in den Ratssälen aber eher auf den Hinterbänken.

Fazit

Wer ernsthaft an Kultur und Kulturpolitik interessiert ist, sollte diese Polemik lesen. Weil das Buch von vier Autoren verfasst ist, die sich in den Kapiteln nicht als Urheber outen, gibt es Redundanzen. Gleiche Argumentationsketten werden unterschiedlich angegangen, wirken wie Wiederholungen.

Doch das Buch ist unterhaltsam geschrieben. Sprachlich anregend, inhaltlich fundiert.

Die Autoren entwerfen die Grundzüge für eine rationale Kulturpolitik. Und sie entlarven die bestehende Kulturpolitik und ihre Instrumente als im Grunde nicht politisch, nicht strategisch, nicht planvoll, nicht systematisch.

Wie seinerzeit Herrmann Glaser und Hillmar Hoffmann den Schlachtruf „Kultur für alle“ in die Welt setzten, werden Haselbach, Klein, Knüsel und Opitz den kulturpolitischen Diskurs verändern.

Empfehlung: unbedingt lesen!

1 Haselbach, D.; Klein, A.; Knüsel, P.; Opitz, S.: „Die Hälfte? Warum die Subventionskultur, wie wir sie kennen, ein Ende finden muss“; in: DER SPIEGEL; Ausg. 11/2012 v. 12.3.2012; S. 136-141

2 www.kupoge.de/newsletter/anlagen/130/Pressespiegel_Kulturinfarkt.pdf

3 http://kupoge.wordpress.com/2012/03/29/

Rezension von
Prof. Peter Vermeulen
Mailformular

Es gibt 17 Rezensionen von Peter Vermeulen.

Zitiervorschlag anzeigen Besprochenes Werk kaufen

Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Sponsoren

Wir danken unseren Sponsoren. Sie ermöglichen dieses umfassende Angebot.

Über die socialnet Rezensionen
Hinweise für Rezensent:innen | Verlage | Autor:innen | Leser:innen sowie zur Verlinkung

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245