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Ulrich Salaschek: Der Mensch als neuronale Maschine?

Cover Ulrich Salaschek: Der Mensch als neuronale Maschine? Hirnbilder, Menschenbilder, Bildungsperspektiven. transcript (Bielefeld) 2012. 221 Seiten. ISBN 978-3-8376-2033-7. D: 26,80 EUR, A: 29,70 EUR.

Reihe: Science studies.
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Erziehungswissenschaft und Hirnforschung: Bildung und Bilder

Der Mensch macht sich ein Bild durch Nachahmung, so die aristotelische Interpretation einer Abbildung von etwas, was ist, geschieht und entweder vorbild- oder beispielhaft zur paideia, zur Bildung wird. Die philosophischen Betrachtungen darüber, was Bildung ist, wie sie zustande kommt, welchen Nutzen sie hat und für wen – und überhaupt – bestimmen den Diskurs um das Menschsein, seit Menschen über ihre Existenz nachdenken, und auch darüber, wie Bildung und Erziehung hin zu einem vom Verstand des Menschen geleiteten guten Leben vonstatten gehen soll (vgl. dazu: Karen Joisten, Hrsg., Räume des Wissens. Grundpositionen in der Geschichte der Philosophie, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10650.php). Es sind die durchaus kontroversen Auffassungen darüber, welche An- und Herausforderungen an einen “gebildeten“ Menschen gestellt werden sollen und können (vgl. dazu auch: Michael Maaser / Gerrit Walther, Hrsg., Bildung. Ziele und formen, Traditionen und Systeme, Medien und Akteure, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12295.php), wie auch die Auseinandersetzungen darüber, welche Theorien und Methoden angebracht sind, die individuellen und gesellschaftlichen Entwicklungen hin zu einem humanen Selbst- und Weltbild zu befördern (Florian von Rosenberg, Bildung und Habitustransformation. Empirische Rekonstruktion und bildungstheoretische Reflexion, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12015.php). In diese Spannbreite ist die Feststellung: „Selbst ist der Mensch“ – und zwar sowohl mit einem Ausrufe- als auch einem Fragezeichen zu versehen (Antonio Damasio, Selbst ist der Mensch. Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Selbstbewusstseins, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13124.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Spätestens seit die neuronalen Forschungsergebnisse in die Diskussion darüber eingreifen, wie Wissen (Bildung) entsteht und „gehirngerechtes“ Lernen zustande kommt, ziehen sich Gräben durch die Phalanx der Bildungs- und Neurowissenschaften. Während die Gehirnforscher davon überzeugt sind, dass die Bedeutung unseres wichtigsten Organs bei der Frage nach dem Entstehen und Realisierung von kognitiven Leistungen in der Pädagogik bisher viel zu wenig beachtet wird, gehen die Kognitionspsychologen und Lernforscher davon aus, dass die Neurowissenschaften das Entstehen und Zustandekommen von kognitiven Leistungen gar nicht beantworten könnten. Diese Reviererstürmung auf der einen und -verteidigung auf der anderen Seite bestimmen (bisher) den Diskurs über die Bedeutung der neurowissenschaftlichen Erkenntnisse bei institutionalisierten und organisierten Lernprozessen in der vorschulischen, schulischen und außerschulischen Bildung (vgl. dazu: Ulrich Herrmann, Hrsg., Neurodidaktik, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/8376.php). Besonders die Auffassung, dass „kaum etwas von dem, was sich in unserem Gehirn abspielt, ( ) wir bewusst kontrollieren (können)“ (vgl.: David Eagleman, Die geheimen Eigenleben unseres Gehirns, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13120.php), findet Zu- wie heftigen Widerspruch.

In der Argumentation der Gehirnforscher werden insbesondere die bildgebenden Verfahren angeführt, die Behauptungen und Theorien sichtbar zu machen versprechen. Die Auffassung – „Wenn unser Gehirn sich verändert, verändern wir uns mit ihm“ – ist ja nicht nur eine biologische Erkenntnis; vielmehr artikuliert sich darin der Anspruch, Formen der Anpassung und sogar der Leitung (und Manipulation) menschlichen Denkens, Bewusstseins und Verhaltens zu deuten und zu erzeugen. Der am Institut für Erziehungswissenschaft der Ruhr-Universität Bochum tätige Anthropologe und Kommunikationswissenschaftler Ulrich Salaschek erforscht Wechselwirkungen zwischen bildgebender Hirnforschung und Menschenbildern. Sein Frageinteresse beruht dabei nicht auf einer Konstruktion des Konträren, auch nicht auf einer Verteidigung des Hergebrachten; vielmehr nimmt Salaschek die vorfindbaren Forschungsergebnisse und Theoriebildungen auf, wie sie von den Neurowissenschaften in den bildungswissenschaftlichen Diskurs eingebracht werden. Sein Plädoyer, Metaphern, wie sie sich in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung bilden, wie z. B. die „Metapher der neuronalen Maschine“ als Herausforderung für die Geisteswissenschaften anzunehmen und zu verdeutlichen, dass „das Bild der neuronalen Maschine… als alleinige Deutung des Menschen ( ) nicht sinnvoll (erscheint); vielmehr plädiert er „für plurale Forschung und die Besinnung auf eine Sichtweise auf den Menschen, welche, vor dem Hintergrund individueller Sinn- und Bedeutungshorizonte, soziale Beziehungen einschließt und Biographien sowie Lebensumstände berücksichtigt“.

Aufbau und Inhalt

Seine Analyse gliedert der Autor in sechs Kapitel und schließt sie mit einem Resümee ab. Im ersten Kapitel diskutiert Ulrich Salaschek den Zusammenhang und die Differenzen, wie sie sich zwischen Hirnforschung und Erziehungswissenschaft darstellen. Bei den Neurowissenschaften haben insbesondere bildgebende Technologien, wie die funktionelle (farbige) Magnetresonanztomographie (fMRT), Argumentations- und Beweiskraft. Dabei handelt es sich bei den Hirnbildern um Modelle, die der Autor als „Metapher“ bezeichnet, die sich als unterschiedliche (sprachliche) Interpretationsmuster, entweder einer „Entschlüsselung des Bewusstseins“, oder als „Realitätsbeweis“ zeigen können. Dabei liegt der Analyse die Leitfrage zugrunde, „ob sich das Verfahren der funktionellen BOLD-MRT dazu eignet, Aussagen über die Deutung des Menschen als neuronale Maschine zu begründen“.

Dazu wird im zweiten Kapitel thematisiert, wie sich das Verhältnis von „Mensch und Maschine“ in der geistes- und naturwissenschaftlich geprägten historischen Entwicklung darstellt und lebensweltlich bzw. naturwissenschaftlich interpretieren lässt. Hier deutet sich schon eine der wesentlichen Kritikpunkte an der naturwissenschaftlich-neurowissenschaftlichen Theoriebildung an: Beruht das Modell (die Metapher) auf Strategien von Beobachtungen und Experimenten, die Wirklichkeit annehmen, gerät man dabei in Gefahr anzunehmen, man hätte es dabei mit Wirklichkeit zu tun.

Im dritten Kapitel geht es um „Weltbilder und Wissenschaftstraditionen“. Die naturwissenschaftlichen Vorstellungen von der Objektivierung wissenschaftlichen Wissens münden in ein faktische „Tatsachen“ und lassen dabei, so die weitere Kritik des Autors, außer Acht, dass „auch die Naturwissenschaften … nicht am Ende in ihrer Geschichte, sondern in ihrer Geschichte stehen“ und somit „Teil einer Kulturgeschichte“ sind.

Welche Bilder und Abbildungen bringen wissenschaftliche Instrumente zur Anschauung und Erklärung? Diese wichtige Fragestellung diskutiert der Autor im vierten Kapitel: „Zwischen Gegenständen, Instrumenten und Bildern“. Er zeigt auf, wie verschiedene technische Anwendungen und unterschiedliche Methoden, etwa bei der Biomikroskopie, zu unterschiedlichen Interpretationen und Analysen führen und damit Objektivität relativieren.

Die Magnetresonanztomographie (MRT) gilt in der bildgebenden Gehirnforschung als die bisher aussagekräftigste Methode . Anhand von verschiedenen Analyse-, Vervielfältigungs- und Vergrößerungsverfahren zeigt der Autor die sich im Bild darstellenden Aktivitäten und Veränderungsabläufen ergeben, und er kommt zu dem Ergebnis, dass „bei der Untersuchung höherer kognitiver Funktionen im menschlichen Gehirn ( ) nicht die potentielle Auflösung der aktuellen Tomographentechnik (bedeutsam ist), sondern die Begleitumstände des Versuchsdesigns sowie die Individualität menschlicher Gehirne und ihrer Funktionen“.

Im sechsten Kapitel schließlich kommt Salaschek zum eigentlichen Kritikpunkt seiner Forschungsarbeit. Es geht im nicht darum, grundsätzlich „Bildgenese und Interpretation der fMRT“ einer grundsätzlichen Kritik zu unterziehen; vielmehr will er verdeutlichen, dass verschiedene „Aspekte der Publikumswirksamkeit bestimmter Experimente und der Schlüsse… ( die) aus ihnen gezogen werden“, in Frage zu stellen. Dazu gibt er am Fallbeispiel „Gedankenlesen“ zu bedenken, welche Fallstricke und kurzschlüssigen Denk- und Analyseverfahren bei der funktionellen Magnetresonanztomographie auftreten können. Die Sichtweise des Menschen als „neuronale Maschine“ zeigt, dass „Schlüsse auf die conditio humana Kurzschlüsse sind“.

Fazit

Die Denkmuster, die der Autor bei der Kritik am Bild des Menschen als neuronale Maschine benutzt und in wissenschaftlichen Experimenten darstellt, sind geeignet, um gewisse publikumswirksame Schlagwörter, die sich in der Diskussion um neurowissenschaftliche Forschungen und Annahmen etabliert haben, zu hinterfragen und zu relativieren. Weil naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Forschung auf jeweils unterschiedlichen Designs und Fragestellungen beruhen, plädiert der Autor für eine plurale Betrachtung der „Sichtweise auf den Menschen, welche, vor dem Hintergrund individueller Sinn- und Bedeutungshorizonte, soziale Beziehungen einschließt und Biografien sowie Lebensumstände berücksichtigt“.

Die als Dissertation an der Ruhr-Universität in Bochum vorgelegte Analyse mit der berechtigten Frage: „Der Mensch als neuronale Maschine?“ ist Studierenden und Lehrenden der Erziehungs- und Neurowissenschaften empfohlen, nicht zuletzt, um bei der Diskussion und Handhabung von Forschungsmethoden die Frage nicht außer Acht zu lassen: Wozu dienen Modelle?


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 21.05.2012 zu: Ulrich Salaschek: Der Mensch als neuronale Maschine? Hirnbilder, Menschenbilder, Bildungsperspektiven. transcript (Bielefeld) 2012. ISBN 978-3-8376-2033-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13257.php, Datum des Zugriffs 31.03.2020.


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