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Ludwig Trepl: Die Idee der Landschaft

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 21.05.2012

Cover Ludwig Trepl: Die Idee der Landschaft ISBN 978-3-8376-1943-0

Ludwig Trepl: Die Idee der Landschaft. Eine Kulturgeschichte von der Aufklärung bis zur Ökologiebewegung. transcript (Bielefeld) 2012. 255 Seiten. ISBN 978-3-8376-1943-0. D: 24,80 EUR, A: 25,50 EUR.
Reihe: Edition Kulturwissenschaft - Band 16.

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Landschaft ist eine ästhetische Kategorie

Landschaft prägt den Menschen, wie auch der Mensch die Landschaft formt, be- und entziffert, diese Erfahrung bestimmt das Verhältnis des Menschen zur Landschaft und zu den Menschen: „Die Landschaft um uns herum ist wie eine Sprache, durch die wir miteinander reden können“ (Yves Bergeret, Die Landschaft entziffern, in: UNESCO-Kurier 5/1997, S. 5ff). Vom biblischen Auftrag – „Macht euch die Erde untertan“ – bis hin zu der Erkenntnis, dass „die kulturelle Vielfalt verschiedener Völker ( ) aus der natürlichen Umwelt, in der sie leben, erwachsen (ist) und deshalb als Weltkulturerbe bewahrt und beschützt werden muss (Internationale Konvention zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt, 1972), reichen die menschlichen, philosophischen und kulturellen Bemühungen, in der Landschaft, die den Menschen umgibt, nicht nur ein Stück Natur und eine von der Natur oder vom Menschen geformte Umgebung ist, sondern auch eine Atmosphäre ausdrückt. Die Frage, was das Denken und Tun eines Menschen bestimmt, wird im wissenschaftlichen und alltäglichen Diskurs in vielfältiger Weise artikuliert; etwa wenn der Pflanzenökologe Hansjörg Küster zum Ausdruck bringt: „Meine Vorstellung vom Paradies ist ein Eichenhain“ (DIE WELT, 11. 4. 2009). Weil eben Landschaft auch eine Stimmung hat, Gefühle zu vermitteln vermag und das Auftreten des Menschen in unterschiedlicher Weise bestimmen kann, ist eine naturwissenschaftlich geprägte Beschreibung der natürlichen oder künstlichen Umgebung des Menschen immer auch bedingt durch die Definition von Landschaft. Es kommt also darauf an, in welcher Weise sich die „Idee der Landschaft“ fachspezifisch und interdisziplinär darstellt (vgl. dazu auch: Stephan Conermann, Hg., Was ist Kulturwissenschaft? Zehn Antworten aus den „Kleinen Fächern“, 2012, 313 S., vgl. www.socialnet.de/rezensionen/12965.php ).

Entstehungshintergrund und Autor

Eine Kulturgeschichte über den Landschaftsbegriff, wie er sich seit der (europäischen) Aufklärung, bis hin zur Ökologiebewegung, im Bewusstsein der Menschen eingeschrieben hat, ist sowohl eine akademische, als auch eine alltägliche Herausforderung. Der Lehrstuhlinhaber für Landschaftsökologie an der Technischen Universität München, Ludwig Trepl, hat im Wintersemester 2009/2010 und im Sommersemester 2010 an der Studienfakultät Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung eine Vorlesungsreihe zu den verschiedenen historischen Landschaftsvorstellungen und Ausprägungen gehalten – von der Aufklärung bis zur Remantik, dem klassischen Konservativismus bis zur „Blut- und Boden-Ideologie und zu aktuellen Vorstellungen, wie sie sich in der lokalen und globalen Ökologiebewegung zeigen. Die revidierte Form der Vorlesungen legt er nun als Buch vor.

Aufbau und Inhalt

Das Buch folgt der historischen Entwicklung. Der Autor gliedert das Buch in acht Kapitel.

Im ersten Teil, als Einführung, fragt er: „Wie gebrauchen wir das Wort Landschaft?“, indem er die verschiedenen Landschafts- und Naturbegriffe und Auffassungen thematisiert, Landschaft als Situation und Gegenstand differenziert und mit dem „Stimmungs“ – Begriff die methodischen und definitorischen Zugänge aufzeigt, die in natur-, geistes- und sozialwissenschaftlichen Diskursen relevant sind.

Im zweiten Kapitel reflektiert der Autor, indem er sich auf den Philosophen und Soziologen Georg Simmel bezieht, die Frage, wie Landschaft als Symbol und Gegenstand sich jeweils situativ als Bild oder in der Sprache darstellt, und er formuliert im dritten Kapitel die jeweiligen Prozesse, wie der „landschaftliche Blick“ entsteht, in der Kunstgestaltung und -betrachtung, wie auch als Klassifizierung und (Ideal-)Typenbildung. Die dabei diskutierten Aspekte der Veränderung vom Natur- zum modernen naturwissenschaftlichen Denken, mit dem „landschaftlichen Blick“, zeigen, unter Bezugnahme auf Joachim Ritter „die Landschaft als Ganzes der Natur (darstellt), aber so, wie dieses unserem Blick erscheint… als das Ganze dessen, was uns umgibt“.

Im vierten Kapitel stellt Trepl die „Landschaftsidee der Aufklärung“ vor. Dabei filtert er aus den Vorstellungen von Landschaft drei wesentliche Gründe heraus und begründet damit die Bedeutung der kulturell-politischen Ideen der Aufklärung für die Entwicklung des Landschaftsbegriffs: Es ist zum einen die geistige Bewegung, die sich mit den Vernunftgedanken und den Vorstellungen von „idealer Landschaft“ darstellt; zum zweiten hat die Aufklärung die Ideen der Freiheit, der Gleichheit und des Fortschritts mit dem Landschaftsgedanken verbunden und damit gegen konservative Tendenzen gewirkt; und schließlich drittens, welche veränderten Weltsichten und Weltbilder wirkten: „Natur wird … mit Vernunft identifiziert“. Die (nie vollendete) „ideale Landschaft wird mit Vernunft geschaffen, so die Landschaftsidee der Romantik, die sich in der „heiligen Wildnis“ darstellt und die der Autor, im Gegensatz zu der üblichen Zurechnung dieser Kultur- und Geschichtsphase, nicht dem Konservatismus zuordnet, sondern dieser im sechsten Kapitel gewissermaßen als Gegenbewegung zur Aufklärung eine eigene Statuierung zuweist, die sich insbesondere in einem von der Aufklärung unterscheidenden Freiheits- und Vernunftbegriff zeigt. Das Individuum ist nur dann frei, wenn es die Bindung an eine höhere Instanz anerkennt. „Heimat“, als kontinuierliche und gewachsene, von Generation zu Generation vererbte und weitergegebene Landschafts- und Lebensvorstellung.

Die Untergliederung in der historischen Betrachtung des Landschaftsgedankens in aufklärerische und konservative Entwicklungen hat den Sinn, das Werden der Landschaftsidee in der Moderne zu verdeutlichen. Dabei sticht zweifelsohne die NS-Landschaftsidee von „Blut und Boden“ besonders hervor, die der Autor im siebten Kapitel gesondert behandelt. „An der Landschaft erkennen wir des Volkes ganzes Wesen bis in die letzten Ausstrahlungen seiner Seele“, die nationalsozialistische Rassenideologie war ohne die unabdingbare Bindung an den Raum nicht denkbar, wobei Sesshaftigkeit und Siedlung, bis hin zur Raumeroberung, keinen Gegensatz darstellten, sondern vielmehr durch den vom Konservatismus abweichenden Zugriff zur Technik noch verstärkt wurde.

Der paradoxerweise in der NS-Ideologie grundgelegte Gedanke der Landschaftspflege etabliert sich in der „Ökologisierung der Landschaftsidee in der Nachkriegszeit“, die der Autor im achten und letzten Kapitel des Buches thematisiert. Landschaftsplanung als naturwissenschaftliche, demokratische Herausforderung. Die „gesunde Landschaft“, als sowohl konservative Gleichstellung von Landschaft und Ökologie, als auch als unabdingbar zusammengehörende Überlebensstrategie, mündet in die Gesellschafts-, Kultur- und Zivilisationskritik, die sich insbesondere in der Umweltbewegung darstellt und sich in den weltweiten Forderungen nach sustainable development, nach nachhaltiger Entwicklung allen Lebens auf der Erde artikuliert.

Fazit

Bewahrung der Landschaft, als konservatives Element humaner Existenz, wird – das ist wiederum ein Paradoxon – zu einer existentiellen Herausforderung der Öko-Bewegung. Die Forderungen nach einem Perspektivenwechsel, wie ihn dramatisch u. a. die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ (1995) fordert – „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ – stecken ja in einem Dilemma: Während bis heute und insbesondere die Zurechtweisung des Häuptlings Sealth von den Suquamish-Indianern 1854 an die weißen Siedler gilt, die auf dem Territorium seines Volkes Land kaufen wollten – „Die Erde gehört nicht den Menschen, der Mensch gehört zur Erde“ ( MAB-Programm: Der Mensch und die Biosphäre, Bonn 1990) – bedeuten gleichzeitig die Herausforderungen zur „Energiewende“, dass Landschaft (mit Windkraftanlagen) „verspargelt“ wird (vgl. dazu: Marius Dannenberg / Admir Duracak / Matthias Hafner / Steffen Kitzing, Energien der Zukunft. Sonne – Wind – Wasser – Biomasse – Geothermie, Darmstadt 2012, 184 S., vgl. www.socialnet.de/rezensionen/13281.php).

Die Auseinandersetzungen, wie Landschaft, als Existenzraum der Lebewesen und Ressourcen auf der Erde, in der Geschichte der Menschheit entstanden ist, sich gestaltete, veränderte und sich weiterhin wandelt, gehören zweifelsohne zu den Herausforderungen in der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden (Einen?) Welt. Damit der Lebensraum Erde human(er), friedlich(er) und gerecht(er) gestaltet, sind die Fragen bedeutsam, wie sie Ludwig Trepl in seiner Kulturgeschichte von der „Idee der Landschaft“ darstellt, und zwar für Landschaftsplaner genau so wie für ökologisch Orientierte, also auch für dich und mich!

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1653 Rezensionen von Jos Schnurer.

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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 21.05.2012 zu: Ludwig Trepl: Die Idee der Landschaft. Eine Kulturgeschichte von der Aufklärung bis zur Ökologiebewegung. transcript (Bielefeld) 2012. ISBN 978-3-8376-1943-0. Reihe: Edition Kulturwissenschaft - Band 16. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13258.php, Datum des Zugriffs 30.05.2024.


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