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Laurie A. Greco, Steven C. Hayes (Hrsg.): Akzeptanz und Achtsamkeit in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie

Rezensiert von Dr. Alexander Tewes, 31.08.2012

Cover Laurie A. Greco, Steven C. Hayes (Hrsg.): Akzeptanz und Achtsamkeit in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie ISBN 978-3-621-27816-4

Laurie A. Greco, Steven C. Hayes (Hrsg.): Akzeptanz und Achtsamkeit in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2011. 304 Seiten. ISBN 978-3-621-27816-4. D: 44,95 EUR, A: 46,50 EUR, CH: 59,90 sFr.
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Thema

Unter dem Sammelbegriff „Akzeptanz- und achtsamkeitsbasierte Verfahren“ finden sich vor allem folgende neue Therapieschulen:

  • die Acceptance und Commitment Therapie (ACT) nach Steven C. Hayes,
  • die Dialektisch-behaviorale Therapie (DBT) nach Marsha Linehan,
  • die Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR) nach Jon Kabat-Zinn und
  • die Achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie (MBCT) nach Zindal V. Segal.

Bis auf die sehr mediationsfokussierte MBSR sind sämtliche Therapieformen der sogenannten „dritten Welle“ kognitiv-verhaltenstherapeutischer Schulen zuzurechnen.

Herausgeber

Laurie Greco, Ph. D., ist Psychologische Psychotherapeutin mit über 10 Jahren Erfahrung im Bereich der ACT. In den vergangenen Jahren hat sie ihren Fokus auf die Anwendung der ACT im Bereich der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie gelegt und diese maßgeblich mit beeinflusst. Aktuell arbeitet sie als klinische Psychologin an der Chalmers P. Wylie Ambulanz in Ohio. Hier entwickelt und begleitet sie Therapieprogramme für Schmerzpatienten.

Steven C. Hayes, Ph. D., ist Professor an der University of Nevada. Er hat mehr als 30 Bücher verfasst, war Präsident der Association for Behavioral an Cognitive Therapies. Er hat weltweit Hunderte von ACT-Trainings geleitet.

Entstehungshintergrund

Im Bereich der Erwachsenenpsychotherapie haben sich die oben beschrieben Therapieschulen bereits sowohl in der Praxis als auch als evidenzbasierte Therapieform bewährt. Sie sind vor allem im Bereich der therapeutischen Behandlung von Stress, Ängsten und Depressionen äußerst wirksam. In Amerika wurden diese Therapieformen in den letzten Jahren bereits für den Bereich der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie angepasst und erfolgreich genutzt. Die meisten befinden sich derzeit in Evaluation. Dieses Buch ist das Erste, in dem diese Ansätze in einer ersten Übersicht vorgestellt werden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in insgesamt 12 Kapitel aufgeteilt, die wiederum inhaltlich in folgende drei Teile unterteilt werden:

Teil 1: Allgemeines. Hier werden zunächst die Grundlagen der oben genannten Therapieformen noch mal im Überblick dargestellt (Steven C. Hayes & Laurie Greco). Für jede Therapieformen finden sich zwar in der Literaturliste umfangreichere Publikationen, die jedoch in der Regel auf die Therapie von Erwachsenen hin konzipiert wurden. Des Weiteren werden Fortschritte, Herausforderungen und Perspektiven dieser „dritten Welle“ kognitiver Verhaltenstherapien diskutiert (Karen M. O´Brien, Christina M. Larson & Amy R. Murrell) und auf die diagnostische Erfassung von Akzeptanz- und Achtsamkeitsprozessen eingegangen (Lisa W. Coyne, Daniel Cheron & Jill T Ehrenreich).

Teil 2: Akzeptanz und Achtsamkeit für spezifische Zielgruppen. In diesem Kernkapitel werden die bereits erfolgreich praktizierten Ansätze dargestellt:

  • Behandlung von Angststörungen durch Achtsamkeit: Achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie für Kinder (MBCT-C, Randye J. Semple & Jennifer Lee)
  • Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT) bei Kindern und Jugendlichen mit chronischen Schmerzen (Rikard K. Wicksell & Laurie Greco)
  • Dialektisch-behaviorale Therapie für Jugendliche (DBT-A) mit Merkmalen einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (Kristen A. Woodberry, Rosemary Roy & Jay Indik)
  • Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion für Kinder im Schulalter (MBSR-C, Amy Saltzmann & Philippe Goldin)
  • Akzeptanz- und Commitmenttherapie bei externalisierenden Störungen im Kindesalter (Michael P. Twohig, Steven C. Hayes & Kristoffer S. Berlin)
  • Akzeptanz, Körperschema und Gesundheit in der Adoleszenz (Laurie Greco, Erin R. Barnett, Kerstin K. Blomquist & Anik Gevers)

Teil 3: Integration von Akzeptanz und Achtsamkeit in weitere Kontexte. Als weitere Einsatzfelder werden Elterntrainings in „achtsamer Elternkompetenz“ (Robert Wahler, Katherine Rowinski & Keith Williams), die Integration der ACT in die pädiatrische Grundversorgung im Sinne einer staatlich implementierten verhaltensmedizinischen Case-Management-Funktion von Psychologen (Patricia J. Robinson) und der Rolle von Schulpsychologen und psychologischen Beratern an Schulen (Leslie J. Rogers, Amy R. Murrell, Catherine Adams & Kelly G. Wilson) dargestellt.

Diskussion

Das Buch ist das erste, das zu diesem speziellen Thema sowohl im deutschen als auch im englischen Sprachraum veröffentlicht wurde. Daher lassen sich keine Vergleiche ziehen. Inhaltlich bietet es einen hervorragenden Überblick über diverse Therapieformen, die im Bereich der kognitiven Verhaltenstherapie derzeit „en vogue“ sind. Hierbei entsteht zum einen die Lust auf mehr, denn die vorgestellten Implikationen sind größtenteils komplett neu. Beispielsweise würde man sich ein ähnliches Buch wie z.B. das Handbuch der ACT (Luoma & Hayes 2009, vgl. die Rezension www.socialnet.de/rezensionen/9301.php) auch für den Bereich der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie wünschen. In die in Amerika bereits angekündigten Therapiemanuale, z.B. MBSR für Kinder (Salzmann, im Druck), würde man bereits auch gerne schon vertiefen. Lediglich im Bereich der DBT-A gibt es bereits einiges an hilfreichen deutschsprachigen Quellen (z.B. Fleischhaker et al. 2011, Merod 2011). Inhaltlich bleibt festzustellen, dass es sich bei den genannten Therapieansätzen um spannende Alternativen und / oder Ergänzungen für bewährte kognitiv-verhaltenstherapeutische Therapien handeln kann. Es gibt sicher einige Punkte, die durchaus auch kritisch gesehen werden könnten. So wird in diesem Buch beispielsweise davon ausgegangen, dass der intellektuell recht anspruchsvolle ACT-Ansatz auf die Behandlung von Kindern gut übertragbar sei. Die Autoren verweisen in diesem Zusammenhang auf die Studienlage und geben an, dass „Kinder ihrem Entwicklungsstand entsprechende Erklärungen und interaktive Übungen brauchen, um bestimmte Konzepte zu begreifen“ (S. 30). Dieses Vorgehen wird auch anschaulich und plausibel dargestellt, eine genaue Altersspanne, in der ACT Sinn machen könnte, wird jedoch nicht angegeben. Die Autoren deuten lediglich an, dass Kinder ab einem Alter von „neun bis 15 Jahren“ über abstrakteres Denkvermögen verfügen, das für eine dementsprechende Therapie erforderlich sei (ebd.). Wenn man hierzu weitere Literaturangaben zur Hilfe nimmt, so wird deutlich, dass ACT vor allem im Bereich der Jugendlichentherapie erfolgreich sein könnte. In der Regel gilt: Je jünger ein Kind ist, desto eher orientiert es sich auch an unmittelbar verstärkenden Bedingungen. Dies macht meines Erachtens vor allem die Wertearbeit – ein fundamental wichtiger Bestandteil der ACT – bei jüngeren Kindern schwer. Hier dürften immer noch klassisch kognitiv-verhaltenstherapeutische Interventionen hilfreicher sein. Angelika Schlarb und Harlich H. Stavemann zeigen in ihrem 2011 erschienenen Buch differenzierter auf, ab welchen Entwicklungsschritten welche kognitiven Interventionen sinnvoll erscheinen (vgl. die Rezension www.socialnet.de/rezensionen/12410.php). Hieran kann man sich bis zur nachhaltigen Evaluation gut orienteren.

Fazit

Wer bereits Bücher dieser Therapieschulen gelesen hat, sich in diesem Bereich fortgebildet hat und in der Behandlung oder Betreuung von Kinder und Jugendlichen tätig ist, sollte dieses Buch unbedingt in seine Sammlung aufnehmen. Zudem liefert es für „Neulinge“ in den Therapieverfahren der „dritten Welle“ einen guten, wenn auch vor allem zu Beginn anspruchsvollen, Überblick. Für komplette Laien im Bereich der Psychotherapie ist es nicht zu empfehlen. Ich persönlich wünsche mir so schnell wie möglich vertiefende Literatur zu den einzelnen Therapieverfahren – wenn man bereits mit diesen Ansätzen arbeitet, greift das Buch noch etwas zu kurz. Angesichts des mächtigen Einflusses dieser Schulen dürfte es allerdings nicht allzu lange dauern, bis dementsprechende Literatur auf dem Markt erscheint. Achtsamkeit ist derzeit auch in der Populärliteratur in aller Munde und wird bereits in Volkshochschulkursen gelehrt. Daher muss nun auch die psychotherapeutische Fachliteratur im Bereich der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie nachziehen. Ein Anfang ist gemacht.

Rezension von
Dr. Alexander Tewes
Institutsleitung LAKIJU-VT (Lüneburger Ausbildungsinstitut für Kinder- und Jugendlichenverhaltenstherapie), Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP), Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 31.08.2012 zu: Laurie A. Greco, Steven C. Hayes (Hrsg.): Akzeptanz und Achtsamkeit in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2011. ISBN 978-3-621-27816-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13261.php, Datum des Zugriffs 19.05.2022.


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